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Verschwörungstheorien in der bürgerlich-linken Echokammer

Verschwörungstheorien in der bürgerlich-linken Echokammer

 

Halt Stopp! Hier spricht der Bürgerliche von der Ruhr! Bei den patriotisch-konservativen Kräften im Land, zu denen man von AfD über WerteUnion, Teile der FDP und auch Pegida und Co. zählen könnte, blickt man mit Argwohn und Unverständnis auf die politischen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte. Vor allem die Person von Angela Merkel ist als ein Objekt der Untersuchung hevorzuheben. Wer ist sie? Warum handelt sie so, wie sie handelt und was haben all die Medienkonglomerate im Hintergrund mit ihr zu tun? Dabei reichen die Theorien über die Tiefe des Parteienstaates, simple Politikwissenschaft, bis hin zur groß angelegten jüdisch-echsenmenschlichen Verschwörung außerirdischer Mutantenzombies, die mit Chemtrails die Luft verpesten. Muss man wissen!

Über den letzten Part macht sich das bürgerliche Lager, vor allem hier im Westen in NRW, gerne und mit Recht lustig. Die bürgerliche Rechte hat sich schließlich ziemlich zersplittert seit Kohl und die Altrechten und Altkonservativen haben viel zu lange in ihrem eigenem Sud gekocht. An der Oberfläche schwimmen da nur die Fettklumpen, die keiner mehr essen will.

Aber als Wessi kann ich sagen, dass auch im linken Lager, genauer im Spektrum von JUSOS, SPD, Grünen und der Aufstehen-Bewegung von Sahra Wagenknecht, die Verschwörungstheorien wieder Konjunktur haben. Beliebt ist momentan die Theorie, dass Angela Merkel die Flüchtlingskrise nutzte, um das rechte Lager im Land zu stärken und dass Hans Georg Maaßen in Wahrheit der Kopf einer kapitalistisch-faschistischen Verschwörung in der Regierung ist, die mit Galleonsfiguren wie Merz aufgestockt wird.

Wichtig bei diesen Theorien ist immer, dass sie irgendwie mit dem Erzübel des Kapitalismus oder Faschismus zu tun haben müssen. Die beiden Systeme werden auch häufig deckungsgleich verwendet. So halten echte Linke (Mitglieder bei den Grünen, SPD und Linke, aber auch kommunistischen Kleinstparteien), aus denen mein eigener Freundes- und Bekanntenkreis besteht, die CSU für protofaschistisch, die AfD für offen nationalsozialistisch und Angela Merkel für ebenfalls zumindest bedrohlich, weil sie der CDU angehört. Die Flüchtlingspolitik und die Abschaffung von Kernenergie, Wehrpflicht und Co. werden in diesen Kreisen entweder ignoriert oder aber als bloßer Opportunismus abgetan. Letzteres stimmt vielleicht sogar!« Merkel muss weg» rufen diese Kollegen und Genossen also auch, nur wollen sie Merkel weghaben und dafür einen grünroten Kanzler installieren.

Wenn das Bier ordentlich fließt, beschweren sich viele bürgerliche Linke gerne über die Zustände im Land, reden sogar über die Kriminalität relativ offen. Aber kommt dann der gute Whiskey, fantasieren sie über geheime NATO-Faschistische Armeen im Untergrund, über viele Tausend Neonazis, die bereits den Umsturz vorbereiten und die AfD, die Schlägertrupps organisiert, um Juden und Muslime, aber vor allem gute Bürgerliche wie sie zu erledigen. So wie damals eben! 1933 und so fühlen sich diese Menschen. Sie fühlen sich als Widerstandskämpfer gegen einen aufkeimenden Nationalsozialismus, verkennen dabei aber völlig die historische Andersartigkeit des NS und die Probleme der Gegenwart.

Und ich rede hier von Personen, die in Aufsichtsräten sitzen, Gewerkschaftsvorsitzende oder Medienräte sind. Menschen, die ihre Schäfchen alle im Trockenen haben und mittelständisch versorgt sind. Da kann ein Pegidademonstrant noch so wütend in die Kamera rufen und noch so viele zornige Bürger können sich in Kandel zusammenfinden, um zu demonstrieren. Denn an der Blase des linken Bürgertums kratzt man damit nicht. Diese Leute sehen nur Neonaziaufmärsche überall, auch wenn mal ehemalige Schulfreunde und Arbeitskollegen der Gewerkschaft plötzlich bei der AfD mitmachen und demonstrieren. Die werden dann ganz schnell auch zu Neonazis erklärt. Dafür, dass die Linken gerne von sich sagen, dass sie differenziert denken, haben sie bei der Feinderkennung keinerlei Gewissensbisse und erklären jeden zum Faschisten, der sich außerhalb der linksbürgerlichen Echokammer bewegt.

2017 durfte ich mir noch bei einem alten Klassentreffen von Ehemaligen erzählen lassen, dass noch bis Jahresende ein großer Putsch des Militärs bevorstehen würde, die dann von der AfD gestützt die Macht im Land übernehmen würden. Deshalb hatte der ehemalige Klassenkamerad, von dem diese These stammte, sein Geld bereits im Ausland abgelegt. Im warmen, tropischen Ausland.

Der Putsch blieb aus, das mit den Hetzjagden in Chemnitz war irgendwie auch enttäuschend und ich werde das Gefühl nicht los, als wünschten sich die bürgerlichen Linken so einen echten Feind, den wahren Nazi zurück. Denn das Schießen auf Schatten erweist sich zunehmend als enttäuschend.

 

Bild: Pixabay


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