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Was uns der Spanische Bürgerkrieg noch sagen wollte

Was uns der Spanische Bürgerkrieg noch sagen wollte

Kürzlich traf ich mich mit einem Bekannten, der gerade eine wissenschaftliche Arbeit über den Spanischen Bürgerkrieg verfasst. Wir sprachen beim Kaffee über meinen letzten Urlaub in Barcelona und die Veränderungen innerhalb der deutschen Gesellschaft. Als Spanier, der hier nur studiert und bald wieder abreisen wird, hat er eine nüchterne und wenig hysterische Perspektive auf Deutschland. Er betrachtet die Bundesrepublik als Zuschauer von außerhalb und erfreut sich der Tatsache, dass viele Entwicklungen in unserem Land denen ähneln, die er anhand der Geschichte Spaniens in den 20er und 30ern rekonstruieren konnte.

Nun soll dies keine wissenschaftliche Abhandlung über den Bürgerkrieg auf der iberischen Halbinsel sein, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg das Tor zu den schlimmsten Abgründen der menschlichen Seele nochmals öffnen sollte. Aber uns beiden entging nicht, dass in den Schilderungen in El terror rojo en España von José Javier Esparza doch deutliche Ähnlichkeiten zum Zustand in Frankreich, England, Deutschland und womöglich sogar den USA herrschen könnten. Der «rote Terror in Spanien» befasst sich mit den Gräultaten der republikanischen(linken) und internationalsozialistischen Kämpfer im Bürgerkrieg. Über die Untaten der Frankisten und Faschisten ist genügend erzählt worden. Dass auch die angeblich demokratisch-freiheitlichen Republikaner der zweiten Republik sich nicht mit Ruhm bekleckert haben, ist ein kaum gelesenes Blatt der Geschichte. Aber darum soll es auch nicht gehen. Interessant ist eher, dass sich die spanische Gesellschaft in den Jahren vor dem Krieg molekular zersetzt hat. Anders als die vereinfachende Geschichtsschreibung uns glauben machen will, sind es nicht unbedingt bestimmte Daten und Ereignisse, die Konflikte auslösen. Die Ursachen liegen selbstverständlich viel tiefer.

Schon in den frühen und mittleren 20ern, also knapp zehn Jahre vor dem Ausbruch des eigentlichen Bürgerkrieges, war die spanische Gesellschaft enorm polarisiert. In den Anektdoten und Orginalquellen, teilweise Tagebüchern und den Fachbüchern, die mein Kollege mir zeigte, wird in etlichen Facetten gezeigt, dass die Spanier als Volk 1929 spätestens in zwei verschiedenen Realitäten gelebt haben. Es gab in dieser Periode des Umbruchs, die viele alte Ideen hat sterben sehen, zwei politische Pole, die mit Gravitionskraft  alles an sich zogen, was den Schiffbruch der alten Ordnung überlebt hatte.  Da gibt es Geschichten von Söhnen und Vätern, die sich aufgrund unterschiedlicher politischer Ansichten trennten, nur damit der Sohn Jahre später heimgekehrt und den eigenen Vater erschießt. Auch Morde zwischen Brüdern, richtigen Verwandten, waren keine Anomalie im Bürgerkrieg. Selbst Familien hatten sich entlang politischer Ideologien entzweit.

Dabei ist auffällig, dass viele Trends sich zu wiederholen scheinen. Die Anhänger des Sozialismus und des demokratischen Sozialismus, die Republikaner und ihre Unterstützer, hatten viele Fürsprecher in den wohlhabenderen Gebieten von Barcelona und anderen Örtlichkeiten. Die Frankisten, Monarchisten und Faschisten hingegen rekrutierten einen Großteil ihrer Anhänger aus der bäuerlichen Unterschicht, der Mittelschicht und aus dem Adel sowie dem katholisch-konservativ geprägtem Lager. Was nicht heißt, dass die Republikaner mit ihrer Klassenkampf-Ideologie aus der UDSSR nicht auch viele einfache Leute für sich gewinnen konnten. Aber Barcelona und die Katalanen sehen sich nicht grundlos in ihrer progressiven Tradition von Sozialismus, Feminismus und Republikanismus. Weibliche Kämpfer waren bei den Republikanern keine Seltenheit, entstammten aber sicherlich nicht selten aus bürgerlichen Verhältnissen. Auch hier gibt es wohl Geschichten von familliären Brüchen, wenn die eigene Tochter zu den Roten geht, die Familie aber bei den Monarchisten oder anderen auf der rechten Seite verbleibt.

Der Bürgerkrieg hat die Gesellschaft Spaniens nachhaltig dysfunktional gemacht. Bis heute wird in akademischen Kreisen gestritten, wie viele Spanier denn eigentlich getötet wurden. Wie viele kamen um durch Kampf und wie viele durch Hunger und Durst? Wie viele wurden Opfer von politischen Massakern? Sowohl die Rechten als auch die Linken begingen dergleichen Massenmorde. Die Enthemmung in den Lagern war so groß, dass Leichenschändungen, Erschießungen von Zivilisten, ungeachtet von Alter und Geschlecht, für viele Täter scheinbar kein Problem mehr darstellte.

Bedeutsam für uns mag nur sein, dass im Vorfeld des Krieges eine tief gehende Spaltung des spanischen Volkes für Jedermann ersichtlich war. Und das sagt mein Kollege auch über Deutschland im Jahr 2018. Republikaner tranken nicht zusammen mit Monarchisten oder Katholiken, jeder hatte seine eigene Gesellschaft, seine Bars und Gegenden. Umgang mit dem jeweils anderen galt als zumindest verdächtig, wenn nicht sogar verräterisch. Hinzu kommt, dass die Lager relativ gleichstark waren oder zumindest sich in einem ähnlichen Kräfteverhältnis bewegten. Hier muss erwähnt werden, dass wir hier nicht an diese immer wiederholte Mär von der «schweigenden Mehrheit glauben» (auf Deutschland und die Migrationsfrage bezogen).

Anfang 1930 war dann auch endgültig klar, dass kulturell und politisch zwischen diese streitenden Fraktionen kein Haar mehr passt. Eine Eskalation in Gewalt fand da bereits im Kleinen statt, wenngleich größere Kampfhandlungen noch eine Weile auf sich warten ließen. Beunruhigend ist für mich vor allem die menschliche und persönliche Dimension der Geschichte, wenn die tiefe Spaltung durch Freundeskreise, Familien und Städte geht. Für uns heute mag es absurd klingen und keiner will gerne eine Verstärkung dieser politischen Fliehkräfte in Deutschland herbeireden. Aber ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass die Polarisierung auch in Deutschland aufgrund der Unvereinbarkeit der Ideen, nämlich wohin die Reise Deutschlands gehen soll (national oder global), nur zunehmen und sich letztendlich irgendwie entladen wird.

Die Reibungsenergie nimmt zu und die Fahrt beschleunigt sich. Wo ist der nächste Halt? Hoffentlich nicht die Betonmauer am Ende der Straße.

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