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Die Normalisierung der Spaltung 

Die Normalisierung der Spaltung 

 

Vorbei sind die Jahre in denen die deutschen Politiker auf Amerika zeigen und die «tief gespaltene Gesellschaft» anklagen konnten. Die Harmonisierung der Bundesrepublik begann nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und basierte auf dem Minimalkonsens des Antikommunismus,  auf den sich CDU und SPD einigen konnten. Die FDP als Königsmacher war in dieser Konstellation die einzige radikale Ungewöhnlichkeit. Diese alte Ruhe der Republik ist dahin, weggefegt von den Umwälzungen des 21. und späten 20. Jahrhunderts, die keinen Stein auf dem anderen lassen werden.

 

Deutschland steht den USA was die Polarisierung der Gesellschaftsschichten angeht in nichts nach. Wer hier noch nicht begriffen hat, dass diese Entwicklung vorprogrammiert war, sollte auf diesen kurzen Exkurs in die Geschichte der Deindustrialisierung Deutschlands mitkommen. Das Sterben der Altparteien und die Wellen des Populismus stehen in direkter Verbindung zur technischen Veränderung des Lebens und dem Verlust der Industrie, der echten Industrie, die den Westen erst groß und stark gemacht hat. Hierbei handelt es sich um einen umfassenden Transformationsprozess ähnlich der früheren industriellen Revolution. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Schon vor gut 200 Jahren gab es eine Zunahme der Wanderungsbewegungen von Land zur Stadt, wie wir sie heute wieder sehen. Dabei streben alle aus dem als nicht zukunftsfähig angesehenen ländlichen Raum in die urbanen Gebiete, die genau die infrastrukturellen Anforderungen erfüllen, um ein modernes Leben führen und eine digitale Dienstleistungsindustrie aufbauen zu können.

Dabei kommt es zu Reibungsverlusten bei denen, die nicht mit der Entwicklung mithalten können oder wollen. Menschen und Gemeinden, die nicht die benötigen Fähigkeiten mitbringen, um in der technischen Digitalindustrie als wichtige Facharbeiter betrachtet zu werden. Die deutsche Gesellschaft ist davon in gleicher Weise betroffen wie die USA, Großbritannien oder Frankreich. Die modernen Wirtschaften haben schlicht keinen Bedarf mehr an den bäuerlichen und ländlichen Kulturen, was automatisch dazu führt, dass diese sich verkleinern und teilweise sterben. Und damit vergehen auch kulturelle Eigenarten und das Volkswesen, die als Konserven in den kleineren Gemeinden durch die engere Persönlichkeit und Nähe erhalten blieben, während die Großstädte schon aufgrund ihrer kosmopolitischen und globalen Ausrichtung ein anderes Selbstbewusstsein heranbilden. Die Städter sind grüner und globaler, weil sie außerhalb des herkömmlichen Produktionskreislaufes existieren können. Sie sind Konsumenten von Fleisch und Obst, mit deren Aufzucht und Anbau sie jedoch nichts zu tun haben. Sie konsumieren Musik und Kultur aus aller Welt, obwohl sie keinerlei Verbindung zu den Kulturen haben, die diese Dinge hervorbringen. Städte sind Räume größtmöglicher Anonymität und Verantwortungslosigkeit, weil die Bewohner im Konflikt mit der nicht zu überschaubaren Anzahl von Menschen und ihrem sozialen Wesen stehen. Der logische Griff nach Halt geht dementsprechend über das Nationale oder das rein Lokale hinaus. Weltbürgertum ist eine neue soziale Klasse, die dem alten Stadt- oder Staatsbürger diametral gegenüber steht.

 

Die antimodernistische Kritik aus dem linken und rechten Spektrum hat zwar erkannt, dass hier eine Entwurzelung stattfindet, gibt aber sehr unterschiedliche Antworten. Während die meisten Rechten diese Entwicklung aufhalten wollen, weil sie sich um die Identität und Kultur sorgen, stehen die meisten Linken für eine Anpassung der Gesamtgesellschaft, um den  Schmerz der Akklimatisierung zu mindern. Sie glauben häufig an die globale Familie, die keine Grenzen kennen wird und sich überall niederlassen kann. Dabei wird es sich jedoch nur um eine soziale Klasse handeln, die den meisten Nutzen aus dieser globalisierten Welt ziehen wird. Für die anderen bleibt nur der Protest gegen eine Welt, in der für sie kein Platz mehr zu sein scheint, die sie aber mit aufgebaut haben.

Die Zuwanderung in die Sozialsysteme und in das untere Ende der Arbeit, nämlich bei den Geringqualifizierten, führt in Deutschland zu einer Potenzierung der sozialen Problematik am unteren Drittel der Gesellschaft. Folgerichtig wird die Spaltung Deutschlands nicht abnehmen und in den nächsten Jahrzehnten nur noch schlimmer werden.

Bild: Pixabay


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