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Berlin 24/7 im Oktober: Tote Oma und Miniröcke

Berlin 24/7 im Oktober: Tote Oma und Miniröcke

 

Ein kleines Tagebuch für Berlin, wo ich erzählerisch und rückblickend zusammenfasse, was mir so im Alltag hier passiert, wenn es  subjektive Relevanz für das Politische und Gesellschaftliche hat. Da diese leicht autobiographischen Texte von den Klickzahlen immer recht gut angekommen sind, habe ich mich entschlossen das zur Regelmäßigkeit zu machen und extra dafür Notizen zu führen. Mehr Unterhaltung, als fundierter Sachartikel.

 

 

Anfang Oktober in Berlin. Der Herbst ist für mich eine besondere Jahreszeit, weil ich ihn mit Herbstmärkten, Erntefest und bunten Farben in den Bäumen verbinde. Ich mag die kalte Luft, die einem entgegenschlägt, wenn man auf hoher Stelle in der Natur steht und über braunes Gras blickt. Im Wald bei nassem Laub und kühlen Temperaturen pirscht es sich am besten. Da vermisse ich die Zeit in Flecktarn. Innendienst war der Horror, jede Gelegenheit in der Natur zu verbringen dagegen ein Segen.

Es ist Anfang Oktober noch warm genug, dass am Tage Mädchen mit Minirock durch die Straßen laufen. Ein Freund und ich sitzen in einem Altberliner Lokal, speisen tote Oma und trinken Bier zum Mittag, während wir so das Weibsvolk begutachten. Alles in Berliner Schnauze, vermengt mit angeregten Worten über Politik und Zeitgeschehen.

Das Ulkige passiert, als an der Ampel vor uns zwei Gruppenvertretungen der Generationen unseres Land plötzlich nebeneinander stehen. Links zwei deutsche Rentnerinnen in stoischer Schweigsamkeit, rechts zwei Mädchen mit schwarzem Schleier, der bis knapp über den Hintern geht. Abgesehen davon sehen sie aus wie die anderen Durchschnittsmädchen. Enge Jeans, Sneakers, Handtasche. Nur unterhalten sie sich lautstark in einer afrikanischen Landessprache und bewegen sich grazil in Richtung der Einkaufsmeile, lassen die deutschen Omas hinter sich zurück, die vom Tempo her nicht mithalten können.

Mein Kumpel äußert sich mit folgenden Worten: «Hätte der Ossi gewusst, dass er mit den Bananen auch die Bewohner vom Equator einkauft, hätte er  selber die Mauer zehn Meter höher gebaut.»

Nun muss ich selber nachträglich anmerken , mehrere Wochen später, dass diese Äußerung vielleicht geradeaus kam und wenig politisch korrekt war, doch aber den Nerv trifft. Die Staaten hinter dem Eisernen Vorhang haben ein anderes Verhältnis zur Nation und seltsamerweise eine stärker konservierte Identität. Das fällt mir überall auf, egal ob es Ungarn, Polen, Baltikum oder die östlichen Bundesländer sind.

Man schätzt den Wohlstand, nicht aber den Mangel an Gemeinschaft und Identität. Pro europäisch zu sein ist dort normal. Aber in Polen und Ungarn versteht man unter Europa etwas anderes als eine eigenartige und ziemlich seelenlose EU, die nur ein bürokratisches Monstrum ist. Amüsant, dass mein ostberliner Kumpel in seinem angestaubten Regal Daheim gefühlt mehr Werke der antiken Autoren und deutschen Literaten gesammelt hat, als manche Bibliothek hier. Dass er trotz angeblich minderer Bildung in der alten DDR mehr allgemeine Bildung und historisches Wissen über Deutschland und Europa gelehrt bekommen hat, als meine kleine Cousine, die jetzt ihr Abitur gemacht hat und selbst unter Folter keine Persönlichkeit der deutschen Geschichte außer Hitler bennenen könnte.

Ostalgie verspüre ich trotzdem nicht. Nur das Gefühl, dass uns hier etwas verloren gegangen ist, was man in Ländern östlich der Elbe noch kennt – eben die Tragik der Geschichte, die alle Fantasien und Utopien Lügen straft.


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