Home Geschichte Hippies gibt es nicht erst seit 1968: die Lebensreform-Bewegung

Hippies gibt es nicht erst seit 1968: die Lebensreform-Bewegung

Hippies gibt es nicht erst seit 1968: die Lebensreform-Bewegung

Wer in Deutschland heutzutage mit FKK-Stränden, Yoga praktizierende Damen in fortgeschrittenem Alter und vegetarischen oder veganen Bratwürsten konfrontiert wird, der denkt meist an die Freikörperkultur der Badestrände der DDR und an die von US-amerikanischer Lebensart gespeiste 68er-Bewegung und in deren Gefolge an die esoterische New-Age-Bewegung. Meist denkt man aber nicht daran, dass wesentliche Ursprünge dieser Elemente unserer heutigen Kultur weiter zurückreichen, und zwar ins Deutschland und die Schweiz des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Einen Hinweis auf diese Wurzeln liefern heute noch die Reformhäuser. Früher fragte ich mich: Was wird denn da reformiert? Heute weiß ich, dass deren Bezeichnung auf die Lebensreform-Bewegung zurückgeht, insbesondere auf neue Wege der bewussten Ernährung.
Wesentliche Elemente der Reformbewegung, die bis heute fortwirken, sind:

  • Ernährung: Bewusste Ernährung ist schon lange ein wichtiges Thema. Der Mensch sollte sich gesund und verantwortungsbewusst gegenüber Tier und Natur ernähren. Diese Argumente sind zeitlos gültig. Viele Anhänger der Reformbewegung ernährten sich vegetarisch oder gar vegan. Ein wichtiger Vertreter der Lebensreform, Karl Wilhelm Diefenbach, wurde nicht umsonst von seinen Kritikern als „Kohlrabi-Apostel“ bezeichnet. Es gab zahlreiche Ernährungsmodelle, wie es ja heute auch der Fall ist, nur wird heute mehr Geld mit dem Verkauf von Ernährungsratgebern verdient.
  • Bildung: Die Reformpädagogik sollte die Bedürfnisse, Interessen und die Würde des Menschen in den Vordergrund stellen, im Gegensatz zur strengen Pädagogik des Kaiserreichs. Rudolf Steiner und seine Lehre der Anthroposophie, die in den Waldorfschulen fortlebt, ist ein Kind der Reformbewegung.
  • Naturheilkunde: In Deutschland spielen Heilpraktiker eine so große Rolle wie in keinem anderen Land. Natürlich ist die Nutzung der heilenden Wirkungen von Pflanzen und anderen natürlichen Mitteln Jahrtausende alt, doch die heutige Bedeutung alternativer Heilverfahren wie auch der Homöopathie geht auf die Reformbewegung zurück.

Die verschiedenen Aspekte der Lebensreform bündelten sich in vielen verschiedenen, individuellen alternativen Lebensentwürfen. Ein recht prominenter Vertreter der Lebensreform war Silvio Gesell, der an der ersten ökologischen Landkommune beteiligt war, die 1893 gegründet wurde und sich heute „Gemeinnützige Obstbausiedlung Eden“ nennt. Gesell war ein Kritiker des Geldsystems und publizierte seine Ideen eines fließenden Geldes und einer Bodenreform in der „natürlichen Wirtschaftsordnung“.

Eine wesentliche Wurzel der Lebensreform-Bewegung liegt in der Romantik und deren Wunsch nach Naturverbundenheit und Sinnsuche des Menschen. Auch die Befreiung einerseits aus den starren Konventionen der kaiserlich-bürgerlichen Gesellschaft und andererseits aus der kapitalistischen Ausbeutung des Industrieproletariats spielten eine große Rolle. Hier zeigt sich, dass die politische Motivation der Lebensreformer sowohl von links als auch von rechts kamen. Linke Kritik machte sich an der Durchrationalisierung und Durchkapitalisierung des Lebens und der Gesellschaft und der Entfremdung des Menschen von seinen Produkten fest. Von rechts wurde der technologische Fortschritt als Selbstzweck und der Verlust der Bindungen des Menschen an die Natur, die gewachsene Kultur, die Heimat und die Familie kritisiert. Übergeordnet sollte die Lebensreform dem Menschen auch Sinn und Würde zurückgeben. Die heutige Globalisierung, Konsumorientierung und Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche ruft eine ganz ähnliche Kritik hervor und verlangt zum Teil nach denselben Mitteln und Alternativen.

Wie konnte die Lebensreform aber aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein so stark verschwinden, dass die Wurzeln heutiger alternativer Strömungen und Szenen nicht mehr in der eigenen Geschichte gesehen werden? Einerseits waren die Lebensreformer gesellschaftliche Randerscheinungen und wurden stets als Sonderlinge wahrgenommen. Andererseits litt die Vielfalt der Reformbewegung unter der Gleichschaltung im Nationalsozialismus und in den 50er Jahren kam es sowohl in der BRD als auch der DDR zu einer Biedermeierisierung der Gesellschaft, die für kreative, eigenwillige Alternativen sehr wenig Raum ließ. Vermutlich liegt darin die Ursache für den Bruch in der kollektiven Erinnerung, so dass alternative Lebensentwürfe ab dem Ende der 60er Jahre als Neuheit empfunden wurden und ihre Vorgeschichte in Vergessenheit geraten ist. Dennoch: Die Lebensreform ist und bleibt Teil der deutschen Geschichte.


 

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