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Wahl in Bayern – “Sag beim Abschied leise Servus”?

Wahl in Bayern – “Sag beim Abschied leise Servus”?

[Dieser Artikel enthält keine Wahlempfehlung] Aktuelle Umfragen deuten auf eine nie dagewesene Änderung in der bayerischen Herrschaftsstruktur hin. Die CSU bei 33 Prozent? Freie Wähler, FDP, starke Grüne und die AfD im Parlament. Von linken Parteien und Bündnissen organisierte Großdemonstrationen mit zehntausenden Teilnehmern und eine bisher sehr konsequente Medienkampangne zu Ungunsten der CSU erledigen das Nötige. Die Verantwortlichen innerhalb dieser bayerischen Partei liefern dafür entweder noch mehr Brennstoff (Polizeiaufgabengesetz, das Berliner Geschachere,…) oder versuchten es mit freundlichem Anbiedern an den Mainstream zu löschen. In rechten Kreisen war die Angleichung an ein paar Positionen der AfD nur mit einem wissenden Grunzen angenommen worden: «Rechts blinken. Links abbiegen.» Für einige Kommentatoren und Akteure des öffentlichen Lebens war die CSU trotzdem schon so etwas wie eine neue Von Papen-Partei, die ganz sicher den «Nazis» von der AfD wieder zur Macht verhelfen wird. Das ist Quatsch. Am rechten Profil der Partei liegt der Absturz nicht allein.

Opportunismus, Filz, Inkompetenz, Arroganz und Abwendung von dem Christlich und Sozial in der «Christlich Sozialen Union» haben maßgeblich zum Absturz beigetragen. Die  «Wohlfühl-Partei» von einst, hatte längst bei einigen Wählern genau deswegen zu einigem Unwohlsein geführt.

Trotzdem: Es war unglaublich faszinierend zu sehen, wie ein demokratischer Staat gesellschaftlich und parteilich einheitlich über Jahrzehnte regiert wurde und dabei unterschiedlichste Milieus bediente. Bis in den letzten Ortsverein durchdrang die CSU das alltägliche Leben vieler Bayern. Durch Tradition, Tatkraft, Bodenständigkeit, Volksnähe, Augenmaß… Der CSU  und seiner mauschelnden Elite hat es Bayern zu verdanken vom Agrar- zum Industrieland zu werden; vom Länderfinanzausgleichsempfänger zum größten Zahler. Zu dem wirtschaftlich erfolgreichsten und gesellschaftlich in weiten Teilen produktivsten Bundesland.  Auch hier wurde aber Anfang der 2000er die Grundlagen des Erfolgs abgebaut. Die Schachtelhuberei dieser Partei und der ihr folgenden Strukturen hatte lange dafür gesorgt, dass auch die ärmste Kirchenmaus irgendwie mal ein Brotkrumen vom Tisch bekam. Doch wie bei der ganzen Union im Bund, wurde man ein Anhänger eines eher neokonservativen Technokratismus, der eben gerade im sozialen Bereich wütete und mit großer Begeisterung Wurzeln ausriss. Das Erbe wurde für einen höchst zweifelhaften, materialistischen Fortschrittsglauben geopfert. Aus Persönlichkeiten eines Franz Josef Strauß wurden eher servile Drohnen-Typen, die in Lederhosen und Mokassins beim Weißbier auf ihre Posten warten. Derweilen riss sich die zweifache Mutter und Unternehmerin von der Basis in irgendeinem provinziellem Hinterland den Allerwertsten auf, um das Parteileben noch im täglichen Leben sicht- und spürbar zu machen. Gutes Beispiel ist daher das achstufige Gymnasium, dass mittlerweile wieder zurück genommen wurde. Zudem hat die CSU komplett die Meinungs- und Deutungshoheit verloren und zum Teil noch gefördert, diese zu verlieren. Da die CSU stark war, haben z.B. Stipendiaten der Hans Seidel Stiftung dort die Kohle und Vorbereitung für irgendwelche Posten mitgenommen. Linke, Radikalliberale, Feinde Bayerns, der CSU im Allgemeinen usw. Aber als die CSU schwächer wurde, liefen die ersten von der Stange und das wird vermutlich weiter so gehen. Die ganzen Opportunisten werden sich nach neuen Meistern umsehen und/oder ihre Agenda durchdrücken.

 

Mir tut das weh. Der von SZ und ZEIT schon fast herbeigeschriebene schwarz-grüne Regierungswechsel – mit Blick auf Baden-Württemberg ja keine Besonderheit mehr – wird vermutlich Wunschdenken bleiben.  Jedoch sind Grüne in der Regierung  ein Ausdruck der Mentalität vieler Bayern, da sie dort das Wohlfühlen (wieder-)entdeckt haben. Langfristig bedeutet aber dies das Ende  des klassischen Bayerns: Die Grünen werden bei aller Bodenständigkeit, Bürgernähe und dem Naturschutzgedanken, die Grundlagen eines stabilen Bayerns vernichten.  Gerade weil ihre großspurigen Menschheitsrettungspläne das gesunde Augenmaß mit einer regenbogenfarbenen Brille zustellt, traditionelle Strukturen mit fragilen Kunstwerken zersetzt und damit einem weltoffenen Sozialdarwinismus  Vorschub leistet. Tragisch und eben nicht christlich-sozial. Was ist eigentlich mit der AfD? Zurecht wird sie trotz guter Umfragewerte in manchen Regionen als «unbayrisch» bezeichnet. In der Breite konnte sie noch nicht  beweisen, dass der Geist der Partei zum Wohle der bayerischen Völker wirkte oder schon gewirkt hat. Einige Vertreter glänzten bisher mit menschlicher und gesellschaftlicher Inkompetenz.  Die Forderung nach Zerschlagung der alten Strukturen alleine oder Verweis auf die durch Arroganz enstandene Entfremdung zur CSU, mobilisiert Protestwähler, aber erzeugt langfristig noch keine gedeihlichen Trägerstrukturen, mit der ein Staat zu machen ist. Es wird spannend wie sich diese Konstellation im neuen Landtag auswirken wird.

Ich bin halt ein überzeugter CSVPler: Anhänger einer christlich-sozialen Volkspartei. Aber die gibt es nicht und die Ansätze in der CSU dazu sind lange schon nur noch marginal vorhanden. Als ich einem Freund (und Ex-JUler) eröffnete, mit meinen Ansätzen in die CSU zu starten, wies er nur darauf hin, dass ich bereits in der Ortsgruppe scheitern würde. Denn schon dort gehe es nur um Posten und nicht um Inhalte. Ein mir bekannter HSS-Stipendiant, der eher zu den Oppurtunisten zählt,  hat mir das durch sein Tun schon wunderbar bewiesen, auch wenn er parteipolitisch nicht tätig ist: Er schmiess seine politische Überzeugungen einfach mit Erhalt des Stipendiums über Bord. Hier sind wir vielleicht bei einem sehr deutschen Problem: Wenn eine Partei so sehr den Volkscharakter einer Region oder eines Milieus abbildet, dass man dieses ausschließlich damit identifiziert, sieht man nur im absoluten Gegenteil die heilbringende Lösung. Dabei können in demokratischen Gesellschaftsstrukturen einzelne Änderungen dazu führen, dass Missstände beseitigt und Lebensqualität gewonnen werden können OHNE dass man seinen Lebensraum und  Lebensart dafür komplett umschmeißen müsste.

Anschaulich beschrieben: Ein Fußballverein muss mit der Änderung seiner Geschäftsführung und/oder Trainers nicht gleich den Namen des Vereins annehmen, von dem das neue Personal kommt. Das fänden die Zuschauer und Anhänger zu recht furchtbar.

Wir brauchen dringend ein paar Änderungen im System von Deutschland. Basisdemokratische Möglichkeiten, Konkordanz- und Kollegialprinzip wie in der Schweiz locken.  Aber Mentalität und Volkscharakter sind in den ganzen deutschen Landen dafür gerade (noch) nicht kompatibel.

Foto: Pixabay


 

 

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