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Das Mythendefizit Europas

Das Mythendefizit Europas

Europa – ist es eine Erfindung des 19. Jahrhunderts?

Wer annimmt, dass die deutsche Nation eine Erfindung sei, wie es der Spiegel im Februar 2007 mit seinem provokanten Titel «Die Erfindung der Deutschen» verkündete – bis heute symptomatisch für die konstruktivistische Prämisse des herrschenden Nationalunbewußteins, dass es eigentlich gar keine deutschen Werte oder gar keine deutsche Kultur gebe und dass diejenigen, die sich als Deutsche fühlen, einer permanenten kollektiven Illusion aufsäßen – müsste genauso zugeben, dass es mit Europa nicht anders stehen kann: Die europäische Idee wird entweder mit zeitgeistigen Leerformeln garniert («westliche Werte», «Einheit in Vielfalt»), die kaum konkret ausgefüllt werden, oder gleich unmittelbar mit kosmopolitischen Programmen einer «One World» kurzgeschlossen, welche die spezifische Differenz einer europäischen Identität wieder einebnen. Wenn Europa lediglich seine «kulturelle Vielfalt» bedeuten soll, auf der anderen Seite aber alle Nationalkulturen, vor allem die eigene, Konstruktionen ohne Wirklichkeitsgehalt sein sollen, wäre Europa eine Konstruktion aus Konstruktionen, bei der es dann nicht verwunderlich ist, warum sie keine Identifikations- und Bindekräfte entfaltet. Eine solche Chimäre ist nicht in der Lage, eine tragfähige politische Idee für die Europäische Union zu stiften. Eine solche allerdings wird jede Form europäischer Organisation nötig haben, ob sie nun EU heißt oder nicht.

Richtig ist: Europa ist ein Bewusstsein, das seine Wirklichkeit in seiner Geschichte zumeist in Gestalt bildkräftiger Mythen gewonnen hat. Wenn seine Mythen verblassen, ist Europa zwar nicht tot, aber in einem politischen Dämmerzustand. Im Vergleich zu seinen Nationalstaaten war seine Mythenodyssee ungleich schwieriger, und sie ist es bis heute. Das genuin moderne Europabewusstsein entstand im 19. Jahrhundert aus der gemeinsamen Bedrohungserfahrung. Am Anfang war Napoleon, der auf dem Rücken der alten Monarchien sein Kontinentalsystem errichtete, das den Anspruch einer Universalmonarchie beinhaltete. Als die anderen europäischen Großmächte nach der durchschlagenden Einsicht in die Notwendigkeit einer gemeinsamen Zusammenarbeit den französischen Imperator besiegt hatten, entwarfen sie auf dem Wiener Kongress (September 1814 – Juni 1815) eine dezidiert europäische Neuordnung, die zunächst ein Friedensprojekt war. Die zugrundeliegende Europavorstellung war indessen mehr als dürftig. Europa stand als eine machtpragmatische Formel für ein ausgeklügeltes Gleichgewichtssystem, in dem die fünf Großmächte Österreich, Preußen, Russland, Frankreich und Großbritannien sich die Waage halten und das Aufkommen eines neuen Hegemons verhindern sollten. Die Völker konnte dieses «System Metternich», wie es Heinrich von Treitschke später verächtlich nannte, nicht mitreißen. Es wurde immer mehr als Unterdrückungsinstrument empfunden. In demselben Zeitraum machten einige wenige Idealisten auf eine grundlegende Alternative aufmerksam: eine völkerbündische Ordnung Europas. Der deutsche Theologe und Jurist Konrad von Schmidt-Phiseldeck, der es in dänischen Diensten bis zum Direktor der Reichsbank brachte, skizzierte in seinen Schriften «Europa und Amerika oder die künftigen Verhältnisse der civilisirten Welt» von 1820 und «Der europäische Bund» von 1821 eine anspruchsvolle Europavision. Er betonte die kulturellen Grundlagen des Kontinents, auf denen eine Konföderation gegründet werden müsse, und zwar so, «daß für Europa gestiftet werde ein festbestehender Rechtszustand, und eine allgemeine innere Ruhe, und einträchtige Berathung über das Gemeinwohl und den gemeinsamen Schutz gegen äußere Feinde, durch Zusammenwirken selbstständiger und in ihren Rechten gleicher Staten, welche in ihrem Inneren Niemand, in ihren allgemeinen Beziehungen auf die Außenwelt und sich selbst aber nur ihren Gesammtwillen über sich, als Gesetz, erkennen.» (Conrad Friedrich von Schmidt-Phiseldek, Der Europäische Bund, Kopenhagen 1821, S.285f.)
Das Herzstück seines europäischen Bundes sollte ein Kongress der Nationen in Frankfurt sein. Darüber hinaus dachte er an ein europäisches Bundesheer, eine Bundesmarine, eine europäische Flagge und an ein gemeinsames Währungssystem. Wie integrativ und wegweisend seine Europakonzeption nach innen war, so realistisch fiel sie in außenpolitischer Perspektive aus. Schmidt-Phiseldeck erkannte frühzeitig den weltpolitischen Aufstieg der Flügelmacht USA und hielt aus diesem Grund eine Konzentration der europäischen Kräfte und Ressourcen für unausweichlich. Nichtsdestoweniger verlor er sich in seinen europäischen Planspielen oft im organisatorischen Kleinklein und scheiterte daran, sie in das Licht eines glanzvollen Mythos zu tauchen, der dem Volk vermittelt werden konnte. Darin waren die nationalen Mythologien weit überlegen. Demgegenüber waren die Bilder und Mythisierungen Europas zumeist negativ besetzt oder zu saft- und kraftlos.
Wie zuvor Napoleon symbolisierte nun die Hassgestalt Metternich die drückende Ordnung der europäischen Staaten. Bis in jede kleinste Nische schien das Netz seiner Polizisten und Spitzel zu reichen. Aber auch seine politischen Gegenspieler wie der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini oder die Ableger des «Jungen Europa» diskreditierten ihre republikanische Europavorstellung durch politische Gewalt und konspirative Tätigkeiten. Quer durch alle politischen Lager ermangelte es an prägnanten Bildern für den Kontinent. Wohingegen die martialische «Germania» mit Schild und Schwert zur Selbstbehauptung gerüstet erschien, kam Europa immer noch als die von Zeus entführte Jungfrau daher, wie sie einst Ovid gezeichnet hatte, und illustrierte so ihre politische Objektstellung: Wer wird sich als stark genug erweisen, um die Jungfrau endlich unter seine Haube zu bringen? Den tanzenden Kongress konnte schon lange niemand mehr ernst nehmen. Auch das bis heute beliebte «Haus Europa» ist macht einen zu biedermeierlichen Eindruck, um eine politische Leitidee zu konturieren.

Mit der betonten Funktion der Haushaltung steht leidglich der ökonomische Aspekt im Vordergrund. Die von dem Vorbild der USA entlehnte Idee der vereinigten Staaten von Europa verkennt die spezifischen Eigenheiten der europäischen Identität und würde vollends zur Identitätsauflösung im Schatten des großen Bruders führen.
Man muss feststellen, dass das 19. Jahrhundert – so europäisch es auch in seinem Anfang war – keinen überzeugenden Europamythos hervorgebracht hat und wir uns bis heute trotz der desaströsen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – an seinem Mythenschrott vergeblich abarbeiten. Europa wird nur leben, wenn sich seine Idee in wirkungsvollen Bildern verdichtet und wir ihr Mythendefizit überwinden werden. Dabei wird ein Mythos nicht einfach nur er-funden, er muss in gewisser Weise auch immer aus einer historischen Substanz heraus ge-funden werden. Wir dürfen nicht darauf warten, bis der große Freier auftaucht und Europa ehelicht, sondern die Jungfrau muss sich angesichts der sich andeutenden tektonischen Machtverschiebungen in der Weltpolitik endlich aus ihrer häuslichen Biedermeierei emanzipieren – sowohl mythologisch als auch politisch.

Literatur:
Wolfgang Schmale: Scheitert Europa an seinem Mythendefizit?, 1996.

Foto: Pixabay


 

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