“Und du Efrayim? Gehst du nicht nach Israel?”

von Ignatius

Sinngemäß wiedergegebene Gespräche und Erlebnisse:



Am Monatsanfang (September) besuchte ich einen guten Freund von mir in Brüssel und machte dann noch einen Abstecher zu einem Bekannten in Antwerpen, der wie ich ebenfalls Katholik ist und Geburtstag feierte. Den Geburtstag verpasste ich leider. Doch wir machten einen Abstecher in seine Lieblingskneipe nahe dem jüdischen Viertel, wo gerade eine Klezmer-Band spielte. Das war das Kuriose an der Geschichte. Hier in Antwerpen auf Menschen zu treffen, die nicht nur Deutsch, sondern schlesisches Deutsch sprachen, hätte an und für sich bereits eine gute Geschichte abgegeben. Aber nach dem Auftritt gesellten sich die Bandmitglieder zu den trinkenden Gästen hinzu und wir hatten Gelegenheit mit ihnen zu sprechen. Auf Deutsch, Englisch und Französisch, weil die Musiker aus allen Regionen Europas kamen und jedes Alter hatten.

«Klezmer stirbt aus», sagte mir die Sängerin, eine ältere Frau Ende 50, die in Antwerpen geboren ist. Ihr Deutsch ist gut genug, um sich unterhalten zu können und wir sprechen eine gute Stunde, ehe sich auch andere Künstler hinzugesellten. Am Ende waren mein Bekannter und ich vier Stunden nur am trinken und reden, genossen die lockere Atmosphäre, bis wir erfuhren, dass dies wohl das letzte Konzert war, das die kleine Band gegeben hat.

«Die Jungen haben kein Interesse, sie möchten wegziehen aus Belgien», erfuhr ich von einem Mitglied der Band. Der Mann hieß Efrayim, wirkte unglaublich hager in dem zu großen, leicht angestaubten Anzug, den noch mein Vater getragen haben könnte. Dass seine Familie ursprünglich aus Kattowitz kommt, betonte er sofort, als er merkte, dass mein Bekannter und ich Deutsche sind. Ich fragte nach, bohrte ein wenig und versuchte die Stimmungslage im Gruppengespräch zu ertasten. Die war gedrückt, beinahe niedergeschlagen, als wäre jemand gestorben.

«Ja, alle ziehen weg, die es sich leisten können und nichts zu verlieren haben. Und auch die, die etwas zu verlieren haben. Die ziehen auch weg!» – Das kam von der Sängerin.

«Warum ziehen alle weg? Wegen Vlaams Belang?» fragte ich und gab mich bewusst dämlich, spielte den Unwissenden. Damit erntete ich Gelächter und verdrehte Augen.

«Schau auf die Straße; wo siehst du noch Belgier? Und wie viele Juden? Hier ist kein europäisches Leben mehr möglich, nein. Deshalb ziehen sie alle weg, alle gehen sie nach Israel. Jetzt habt ihr Deutschen es ja doch noch geschafft, oder? Angela Merkel hat geschafft, was Hitler nicht konnte – sie macht Europa frei von den Juden», sagte mir Efrayim mit einem halben Grinsen.

«Und frei von den Christen und den Heiden, den Europäern», antwortete ich und Efrayim prostete mir zu und wir tranken noch einen guten Brand, bevor wir uns verabschiedeten.

An der Tür hielt ich den Alten nochmal an: «Und du Efrayim? Gehst du nicht nach Israel?»

«Nur Feiglinge verlassen ihre Heimat!»