Home Gesellschaft Die angebliche Mitte und „demokratiefeindliche Proteste“

Die angebliche Mitte und „demokratiefeindliche Proteste“

Die angebliche Mitte und „demokratiefeindliche Proteste“

Die angebliche Mitte und «demokratiefeindliche Proteste»

Kürzlich saß ich wieder in Berlin an einer Bar, holte da meine Freundin ab und las die Zeitung. Diesmal die Jüdische Allgemeine, die mal gute und mal weniger gute Beiträge in die Debatte einbringen kann. Gleich auf der Titelseite der Ausgabe vom 30. August blickte mich das Gesicht von Nora Goldenbogen an, die wahrscheinlich nicht alt genug ist, um den Zweiten Weltkrieg erlebt zu haben, aber so gediegen ist, dass sie mit den Geschichten über die Shoa aufwachsen musste. In diesem Zusammenhang musste ich an einen Bundeswehrkameraden von früher denken, der zwar aussah wie eine antisemitische Karikatur eines Juden, gleichzeitig aber wenig bis keine Berührungspunkte mit dem Judentum hatte und sich eher genervt von seinen Eltern fühlte und deutschnational  oder zumindest sehr nationalliberal dachte.

Zurück zu Frau Goldenbogen. Sie spricht in ihrem Beitrag auf der Titelseite vom «Schweigen der Mitte», welches sie beunruhigt. Rechtsradikale Aufmärsche mit vielen Tausenden über Nacht loszutreten, sei eine neue Dimension rechtsextremistischer Organisationsfähigkeit. Dies müsse vom Rechtsstaat überwacht werden und von der demokratischen Mitte der bürgerlichen Gesellschaft endlich ernster genommen werden. Nun wollen wir nicht leugnen, dass sich NPD, Dritter Weg und andere Organisationen AUCH auf den Demonstrationen in Chemnitz aufgehalten haben. Dass es Übergriffe mit Flaschenwürfen und Beleidigungen gegen vermutete Migranten gab, also Menschen mit nichtdeutschem Aussehen, kann auch nicht geleugnet werden. Die Polizei hat diesbezüglich Anzeigen entgegengenommen und in unserem Staate muss man damit rechnen, dass Taten mit dieser Motivation hart geahndet werden. Und das sollten sie. Denn Mobjustiz und Mobmentalität haben noch nie in der Geschichte zu etwas Gutem geführt.

Aber Frau Goldenbogen irrt sich in einem Punkt, wenn sie behauptet oder annimmt, dass es sich bei der gesamten Demonstration um «rechtsextremistische» ( welche Definition sie hier anwendet, ist mir schleierhaft) Männer und Frauen handelt. Auch wurde die Proteste in Chemnitz wohl kaum von diesen Gruppen organisiert, sondern entwickelten sich aus der Ereigniskette rund um die Tötung von Daniel H. Die Hitlergrüße von einigen Dumpfbacken, die im echten Nationalsozialismus wegen asozialem Verhalten im Arbeitslager gelandet wären, können wohl kaum der ganzen Demonstration zugeschoben werden, die ziemlich spontan über die letzten Tage entstand und viele Chemnitzer und Menschen aus dem Umland zusammenführte. Ein anderes Thema, als die Gewalt von Asylbewerbern, scheint es auch nicht gegeben zu haben. Das war der kleinste gemeinsame Nenner, unter dem rechter Rand und normale Einwohner gemeinsam protestieren wollten. Frau Goldenbogen macht hier den Fehler, den sie vermutlich den Rechten selbst immer vorwirft – sie differenziert einfach nicht. Die 5000 – xxxx ? Menschen, die durch das abendliche Chemnitz marschierten, waren mit ziemlicher Sicherheit nicht alle Mitglieder von NPD, Unterstützer von Neonazis oder bekennende Nationalsozialisten. Und letztendlich steht auch diesen das Gruppen das Demonstrationsrecht zu. Das Gesetz diskriminiert nicht (eigentlich) zwischen links und rechts.  Aber Schwamm drüber.

Weiter sagt Frau Goldenbogen, dass sie sich an der «schweigenden Mitte» stört, die zusieht, Bescheid weiß und nicht handelt. Kurz musste ich schmunzeln, weil das ja genau der Punkt ist, der mich auch stört. Er stört mich, weil diese schweigende Mitte ja auch bei Migrantengewalt, die Frau Goldenbogen als gesellschaftliches Problem abstreitet, ebenfalls zusieht, obwohl sie es besser wissen müsste. Auch was Antisemitismus angeht, sind die Rechtsradikalen und Rechtsextremisten (da gibt es eine Unterscheidung) sicherlich kein unbeflecktes Blatt. Aber nach meinen Informationen ist es schon eine Weile her, seid deutsche SS und SA jüdische Frauen aus Fenstern geworfen oder zusammengeschossen haben. In Frankreich könnte sich Frau Goldenbogen anschauen, wie das Leben für sie als Jüdin in Europa sein könnte. 24 Stunden am Tag hinter Schutzzäunen und Polizisten ein Leben im bunten Frankreich zu verbringen, kann kein Spaß sein. Schließlich fliehen die Juden in Massen aus der französischen Republik und kehren nach Israel ein.

Ich glaube Frau Goldenbogen sollte wissen, dass man einerseits gegen massive Zuwanderung von Messertätern sein kann und trotzdem der jüdischen Gemeinde keinen Schaden wünscht. Dass Einwanderungskritik und die Aussprache für den Nationalstaat nicht gleichbedeutend mit Holocaust sind. Vielleicht unterliegt sie ja auch dem großen Irrtum, dem auch ein Herr Mounk unterliegt. Nämlich, dass eine unendlich vielfältige Gesellschaft, in der Juden nur eine von vielen Minderheiten sind, den Hass einer angeblich rassistischen Mehrheitsethnie, in diesem Fall die der Deutschen, besser verteilen und auffangen kann. Dass es besser wäre, wenn man Deutschland in eine hässliche Kopie der amerikanischen Ostküste verwandelt. Der Irrtum besteht darin, dass im Falle Europas im Gegensatz zu den USA der Islam eine nicht unerhebliche Rolle einnimmt, die sich ähnlich fatal wie der Nationalsozialismus auswirken könnte. Und die Überheblichkeit von Frau Goldenbogen äußert sich dadurch, dass sie so viele Tausend unter einen Teppich kehrt und gleichzeitig Advokatin für ein Deutschland ist, das nicht im Interesse der Deutschen selbst sein kann. Wenn sie selbst nämlich zur schweigenden Mitte gehört, die vielleicht bei Judenhass sehr hellhörig wird, wenn er von Rechts kommt, bei Migrantengewalt, Mädchenmorden und Antisemitismus von der Seite muslimischer Zuwanderer plötzlich still wird, dann ist jeder Atem bei ihr sowieso verschwendet.

 

Wer ist den nun eigentlich diese «demokratische Mitte?» Sind alle Antidemokraten, die nicht zur Mitte gehören oder sind einige nicht mittig, weil sie demokratisch sind? Dieses Schlagwörter-Inferno verwirrt mich einfach nur. Zur Mitte zu gehören ist eine gute Selbsteinordnung, wenn man von sich sagen will, dass man für rein gar nichts steht und ambivalent zwischen angesagten Positionen wechseln kann.

Foto: Pixabay


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