Home Gesellschaft Lyon am Abend – oder wenn Afghanistan wieder zu dir zurückkehrt

Lyon am Abend – oder wenn Afghanistan wieder zu dir zurückkehrt

Lyon am Abend – oder wenn Afghanistan wieder zu dir zurückkehrt

von Ignatius

 

«Salaam Alaikum» sagt mir der junge Mann. Es sind ein paar persische Schriftzeichen auf der schmutzigen Glasfassade des Kiosk zu sehen. Leuchtende Reklame preist seltsamerweise Bollywood-Filme und andere orientalische, vermutlich iranische Persönlichkeiten an. Abgesehen davon, dass die Zigaretten billig sind und es zumindest eine Reihe Flaschenbier gibt, ähnelt das Geschäft den Straßenläden in Kabul. Trotz der leichten Brise fühle ich mich nach Afghanistan zurückversetzt und spüre beinahe, wie sich meine Ausrüstung schwer auf meine Schultern legt. Schweißperlen, der Geruch von Staub und Menschenleibern, die in der Sonne braten.

Ahmad Shah Massoud, der große Partisanenkämpfer und Löwe aus dem Pandschschir-Tal, blickt mit strengen, von islamischen Eifer erfüllten Augen auf uns herab. Sein Portrait hängt in einem goldfarbenem Kunststoffrahmen über dem Tresen, wo ich meine Zigaretten kaufen will. Es riecht nach Kümmel und Kardamom. Vor der Tür spielen andere Afghanen reine, islamische Gesangsmusik auf ihrem Handy ab. Als ich bezahlen will und das Geld nicht passend habe, versuche ich dem Besitzer zu erklären, dass er mir wechseln muss.

Er blickt mich an und zuckt mit den Schultern. «ne francais, ne francais. English please.»

Als ich endlich hinaus kann, muss ich mir sofort eine Gauloises anzünden.  Ein Fahrradfahrer rollt über die Straße. Das Bild hätte auch als Kabul stammen können, denn er hatte mehrere Etagen mit Waren auf seinen Gepäckständer gezwungen, der für solche Lasten und mannshohen Konstruktionen nicht ausgerichtet ist. Zwischen seinen Armen klebt ein Kind am Lenkrad, beide sind ohne Helm und fahren, als wären sie betrunken. Beide sehen aus, als wären sie gestern erst aus Faizabad nach Frankreich gekommen. Kopftuchfrauen gehen mit großen Einkaufstüten über die Kreuzung, ein Mann mit tunesischer Flagge auf dem Autodach fährt gemütlich an mir vorbei. Ich bin in diesem Moment der einzige Weiße in Sichtweite unter mindestens zehn Personen, die gerade mit mir auf dieser Straße stehen.

Als ich zu meinen Gefährten zurückkehre, die am Hotel auf mich warten, sagen sie mir, dass ich bleich aussehe. Später betrachte ich mich im Zimmerspiegel ausführlich – die Pupillen sind geweitet, meine Haut schweißnass und ich zittere am ganzen Körper, als hätte ich vier Stunden im Feuergefecht verbracht. Ich reiße das Fenster auf, schnappe nach Luft und danke Gott, dass unter mir zwei hübsche Französinnen im Sommerkleid spazieren gehen und lachen. Noch gibt es sie ja noch, noch ist nicht jede Straße so wie die am afghanischen Kiosk. Noch besteht kein Grund zur Sorge, würde der Leser des Feuilleton in der Zeit mir jetzt sagen. Na also – geht Europa ja doch nicht unter.

 

Erzählungen von der Wanderschaft auf dem Jakobsweg – von Deutschland bis nach Südfrankreich. Den ersten Teil der Geschichte kann man hier lesen: (klick!)

Foto: Pixabay


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