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Wir waren Sozialdemokraten

Wir waren Sozialdemokraten

 

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
und seine Frau, den Sohn am Arm;
sein Tritt ist sachte wie auf Eier,

sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm. – Ludwig Pfau, Patriot, Dichter und Märzrevolutionär

 

Die Schaumweinschlürfer und Salonkommunisten, die sich nicht als die neu auferstandenen Biedermeier erkennen, sind mir zuwider.  In einer Hierarchie der Nähe fühle ich mich dem Hausmeister und Säufer aus dem Weddinger Hinterhof näher, als den Patriziern des Niedergangs. Was weiß eine Dunja Hayali oder Anja Reschke, geschweige denn ein Claus Kleber vom Blutgeruch im Bodensatz der Nation, dem kupfernen Aroma und dem Angstschweiß junger Männer, dem Kohlenrauch und dem Betonstaub zerfallender Wohnviertel. Nichts – nichts wissen sie von den Leiden der malochenden Arbeiter, die sich in stickigen Fabriken die Hände schmutzig und rau machen. Nichts von den alleinerziehenden Müttern, die alles geben, nur um ihre Tochter in eine bessere Zukunft zu entlassen und alles opfern, damit sie es mal besser hat. Nur um diese dann an den Wahnsinn dieser Stadt zu verlieren.

Schon am Händedrück soll entschieden werden, welchen Mann man vor sich hat. Zarte Hände, weich und ohne Cornea, sind die Kainsmale des bundesdeutschen Biedermeiers, der so weit vom Populus entfernt ist, wie es nur irgendwie geht, aber immer wieder behauptet, dass er für es sprechen würde. Der Sozialdemokrat im Jahre 2010+ ist ein solcher Patrizier, der rein gar nichts mit dem Arbeitervolk zu tun hat, das er vorgibt zu vertreten, sich  jedoch auf opulenten Firmenfeiern und Gewerkschaftsfeten mit den Anzugmenschen des ihm eigentlich näher stehenden CDU-Bürgertums immer wieder gegenseitig die Klinke in die Hand drückt.

Die in den Wohlstand des letzten Jahrhunderts hineingeborenen Kinder, die jetzt ihrem Lebensende entgegen gehen und sich wahlweise als Sozialdemokraten oder Christdemokraten bezeichnen, haben keine Fühlung mehr mit der Lebenswelt außerhalb des Weingartens und der Spendengala nach dem Theaterabend. Sozial fühle ich mich Mohammed und Ali näher, als einer Frau Hayali oder einem anderen Vertreter des polit-medialen Etablissements, der unterschiedlichste Formen annehmen kann. Ich ekel mich vor dem Stand-Up-Comedian aus Düsseldorf oder Celle, vor den Poetry-Slammern in Schlabberhose und Pullover, die sich nie mit der Frage auseinandersetzen mussten, wo sie noch sparen können, um eines Tages dieses oder jenes Stadtviertel, wo die Mieten niedrig und die Lebenserwartung gering ist, bald verlassen zu können. Und im gleichen Maße ekelt sich der grüne, sich aber rot gebende Biedermeier dieser Bundesrepublik vor den Menschen, die zum Teil dieser wachsenden sozialen Unterschicht (Sarrazin) zugerechnet werden können.

Die eigene Familie (mit mir als Ausnahme) wählte ein ganzes Jahrhundert immer SPD, immer die Sozialdemokraten und macht heute ihr Kreuz bei der Partei, die am ehesten noch eine Fühlung mit dem Volk hat und die nicht ganz oben in den Elfenbeintürmchen der Macht sitzt. Solange sie das bleibt, wird sie auch weiterhin die Stimmen dieser Familie bekommen.  Uns als Rechtspopulisten zu beschimpfen, schert uns nicht. Es ist Beschreibung dafür, dass wir noch das Wort Populus ehren und nicht vergessen, dass die einzige und wahre Kraft, die Natürlichkeit der Nation, nur aus dem Volk und dem Gedanken einer gemeinsamen Zukunft auf Basis dieser Gruppe geschmiedet werden kann.

 

Bundesarchiv, B 145 Bild-F009346-0008 / Steiner, Egon / CC-BY-SA 3.0

Republikanisch, freiheitlich, sozial und patriotisch – Inklusion in eine Nation, ohne rigide zu exkludieren und in die Falltiefen vergangener Fehler zu stürzen. Heimat und Vaterland sind die Ideen von Morgen und nicht die vom Gestern. Uns ist der grüne Hipster aus dem Kollwitzkiez nichts und wir wollen ihn nicht. Wir wollen nicht  seinen verwesenden Körper sehen, nicht seine schlabbrige Kleidung und nicht sein entmännlichte Visage. Und wir wollen ihn nicht hören, wenn er seine hohlen Phrasen drischt und von Tumblr-Blogposts erzählt, vom Singen-Gegen-Rechts und von der Bösartigkeit der deutschen Farben, schwarz, rot, gold, für die wir so bereitwillig sterben würden.

Lieber  eingewickelt in dieses Banner frei und einmalig die Friedrichstraße runtergetragen werden, leichenblass und glücklich, als ein Leben im stinkenden Sud Zehlendorfer Biedermeier-Welten zu verschwenden. Lieber ein kleines Haus, erschaffen mit eigener Kraft und eigener Arbeit, eine kleine Familie und den Schild im Schrank, um Heim und Herd und Republik mit jenen zu verteidigen, die für kein Gold der Welt tauschen wollen gegen das Gefühl den Wind in Brandenburger Wäldern zu spüren und an der Spree ein kühles Bier zu trinken, lachend am Wasser und im Sommerlicht ein einfaches Dasein zu pflegen.

Tausendmal das, als nur eine Stunde mit den Menschenattrappen zu verbringen, die 220-Euro teure Flaschen Champagner schlürfen und beim Soja-Latte darüber sinieren, warum Grenzen und Heimat keinen Wert für sie haben.

 

«Unsere Hoffnung ruht in den jungen Leuten, die an Temperaturerhöhung leiden, weil in ihnen der grüne Eiter des Ekels frißt, in den Seelen von Grandezza, deren Träger wir gleich Kranken zwischen der Ordnung der Futtertröge einherschleichen sehen. Sie ruht im Aufstand, der sich der Herrschaft der Gemütlichkeit entgegenstellt und der der Waffen einer gegen die Welt der Formen gerichteten Zerstörung, des Sprengstoffes, bedarf, damit der Lebensraum leergefegt werde für eine neue Hierarchie.»

Foto: Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP) / KAS/ACDP 10-043 : 9 CC-BY-SA 3.0 DE


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