Home Politik Berlin 24/7 im August – “Nur Mut, denn ihr seid nicht allein”

Berlin 24/7 im August – “Nur Mut, denn ihr seid nicht allein”

Berlin 24/7 im August – “Nur Mut, denn ihr seid nicht allein”

Ein kleines Tagebuch für Berlin, wo ich erzählerisch und rückblickend zusammenfasse, was mir so im Alltag hier passiert, wenn es  subjektive Relevanz für das Politische und Gesellschaftliche hat. Da diese leicht autobiographischen Texte von den Klickzahlen immer recht gut angekommen sind, habe ich mich entschlossen das zur Regelmäßigkeit zu machen und extra dafür Notizen zu führen. Mehr Unterhaltung, als fundierter Sachartikel. –> Berlin 24/7 auf dem Blog

 

Es war noch sehr früh am Morgen, als mich mein Funker-Freund von Zuhause abholte und wir langsam in Richtung Müggelsee liefen. Er sagte, dass wir auf dem Weg noch einen Kameraden aus seiner AGA abholen würden, der auch in Köpenick wohnt. Als wir durch die Altstadt durch waren, gesellte sich dieser ca. Ende 20 Kerl dann auch zu uns und wir joggten gemeinsam noch kurz vor dem richtigen Sonnenaufgang in der Herrgottsfrühe Richtung See.

Auf halber Strecke und nach etwa einer Stunde hielten wir um zu trinken und etwas zu rasten. Gelegenheit, um sich näher kennenzulernen. Und hätte ich den Mann, der sich als Bastian* vorstellte, in einem anderen Kontext kennengelernt oder gesehen, hätte ich ihn wohl für einen linken Spinner gehalten. Aber beim Ein- und Ausatmen und ruhen in der Entkräftigung nach einem guten Lauf kam man sich näher und wir sprachen über Politik, wie Männer das so häufig zu pflegen tun. Von meinem jungen Freund, dem Funker, wusste ich ja, wie dieser tickt. Als wir uns dem Thema Wahlen in Bayern näherten, spürte ich, wie sich die Stimmung bei Bastian* veränderte und er ein wenig herumdruckste. Offensichtlich war, dass er sich nicht auf das Thema freute und ihm wohl gerne ausgewichen wäre. Nachdem er seine Hobbys aufgezählt hatte, zu denen Tischtennis und K-Pop (ja, wirklich) gehörten, hatte ich ihn innerlich bereits viel zu früh abgeschrieben. Vor allem, weil er auch optisch nicht sonderlich beeindruckend war und als vorherigen Beruf den Weg des Sozialarbeiters ausgeübt hatte. Ich nahm an, dass er mich gleich mit großen Augen anschauen und schnell nach Hause eilen würde, wenn ich ihm sagen würde, dass ich nicht nur die AfD gewählt habe, sondern auch langjähriges Mitglied bin. Ich hätte ihm dann vielleicht noch fieser-weise unter die Nase gerieben, dass er sich gerade im blauesten Bezirk von Berlin befindet, wo die AfD mit am besten abgeschnitten hat und immer noch tut.

Meinen Fehler sollte die Realität sogleich für mich korrigieren. «Und, was hast du letztes Jahr gewählt bei der Bundestagswahl?» fragte ich ihn und erhielt zunächst nur Schweigen als Antwort. Dann rollte der Gefragte mit den Schultern und schaute zum Wasser  hinaus, bevor er sich erklärte (sinngemäß) : «Ich habe nur einmal in meinem Leben gewählt und das war letztes Jahr. Also hab ich die AfD gewählt.»

Es kommt nur selten vor, dass ich mich in der ursprünglichen Einschätzung eines Menschen so irre und mich dann doch darüber so freuen kann. Fünf Minuten später hatten wir nicht nur Nummern ausgetauscht, sondern versprachen einander demnächst zusammen mehr zu unternehmen und in Kontakt zu bleiben, weil wir drei Männer, wie wir da am Müggelsee standen, ähnliche Schlüsse über die Zukunft und Gegenwart unserer Heimat gezogen hatten und sehr erleichtert darüber waren, dass wir einer Meinung sind. Am Ende kam sogar heraus, dass der Herr Bastian nicht nur ein positives und zukunftsfähiges Deutschlandbild, ja eine Vision von besseren Zeiten vertrat, sondern auch durch seine Arbeit im sozialen Sektor mehr als genug Erfahrungen sammeln konnte, die ihm die Augen für vieles öffneten, was in unserem Staate faul ist und was sich ändern muss.

Gegen 9 Uhr in der Früh erreichten wir wieder unseren Ausgangspunkt in der Altstadt und bevor wir uns richtig verabschiedeten, sagte er noch: «Was bin ich froh, dass ich das endlich jemandem erzählen konnte. In meinem Freundeskreis bin ich mit meiner Meinung allein!»

Meine Antwort darauf fiel nicht so gut aus, wie das was Ernst Jünger zu dieser Situation vielleicht zu sagen gehabt hätte. Denn ich antwortete nur mit: «Jo, bist nicht allein.  Wir sehen uns!»  und einem Schulterklopfer, den ich aber sehr ernst meinte. In ein paar Wochen wollen wir uns wiedersehen und schauen, ob man nicht die Ortskenntnisse und das Orientieren im Walde verbessern bzw. letzteres auffrischen kann.

Abschließend möchte ich allen Lesern, die bis hierhin durchgehalten haben, dieses Zitat von Jünger mit auf den Weg geben und hinzufügen: «Ja, es sind eine ganze Menge Leute da irgendwo im Dickicht und versuchen zu euch durchzudringen. Ihr seid nicht allein!»

Nur Mut und alles wird gut. Irgendwie.

Man kann sich heute nicht in Gesellschaft um Deutschland bemühen; man muß es einsam tun wie ein Mensch, der mit seinem Buschmesser im Urwald Bresche schlägt und den nur die Hoffnung erhält, daß irgendwo im Dickicht andere an der gleichen Arbeit sind.” – Ernst Jünger

Ernst Jünger am Müggelsee – noch im letzten Monat

 


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