Home Kultur Mein Abschied von Frankreich

Mein Abschied von Frankreich

Mein Abschied von Frankreich

von Ignatius

 

In den warmen Tagen des Mai endete meine Reise durch Frankreich, die ich mit zwei Freunden der Gemeinde in Lourdes beendete. Dort am Fuße der französischen Pyrenäen knieten wir erschöpft nieder zum Gebet. Der Ort ist Austragungsplatz der internationalen Soldatenwallfahrt, veranstaltet unter anderen von der katholischen Kirche und den Armeen der europäischen Nationen. Dass unsere Reise hier mit den Worten Pacem in terris enden würde, war ein gelungener Abschluss einer mehrwöchigen Wanderschaft durch Frankreich, wie es ist und wie es sich gerade verändert. Nun wo ich wieder in Deutschland bin, habe ich endgültig beschlossen, dass ich nicht mehr freiwillig nach Frankreich zurückkehren werde, obwohl mir dieses Land durch Sprache und Kultur so nahe steht. Lourdes war mein Abschied von der großen Nation der Gallier.

Alles ist still

Die Sonne lacht über den grünen Hügeln um Lourdes herum. Männer in Uniform knien und stehen im Gebet vertieft an dieser uralten Pilgerstätte des Christentums, die ich zuletzt vor zwei Jahren besuchte und die sich kaum verändert hat. Kühle Brisen erfrischen uns immer wieder, wenn wir die Nasen hinter den weißen Felsen rausschauen lassen und hier kann man schnell einen ganz persönlichen Moment des Innehaltens erleben, der es erlaubt den Geist frei schweben zu lassen. Ich genieße diese ruhigen Stunden und widme meine Gedanken Gott und dem Erlebten. Auf unserer langen Wanderschaft, die wir hin und wieder mit Bus oder dem Zug abkürzten, besuchten wir Avignon, Montpellier und Toulouse im Süden der Nation. Wer sich in die zarten Gewächse, die sich ganz lieblich an den Veranden nach oben ranken nicht verliebt und bei den alabasterweißen Straßen und Türmen nicht an die Märchen aus dem Altertum denkt, sollte wirklich einen Arzt aufsuchen. Frankreich zeigte sich nicht nur bei Reims von seiner schönsten Seite! Die Faszination für das hohe künstlerische Verständnis der Franzosen ist ungebrochen. Die französische Küche, die Frauen und die Kultur sind Schätze der Erde für sich, die ich ungern missen will, aber missen werde.

Friede auf Erden

Auf unserer Reise zu Fuß durch Stadt und Land erlebten und sahen wir Allerlei. Viel Gutes, aber auch viel, was uns Sorgen bereitet. Ausgebrannte Autowracks in Avignon, heruntergekommene und zugenagelte Gasthäuser, die seit dem Mittelalter betrieben werden, heute aber verlassen und einsam im Stadtzentrum stehen. Man kann mehrere Stunden in einer Straße von Lyon Kaffee trinken und dann links eine Abzweigung nehmen und glauben, dass man soeben den Basar in Marokko betreten hat. Junge Afrikaner prägen das Stadtbild in allen französischen Städten zu bestimmten Uhrzeiten. Nämlich abends und nachts, wenn die urigen Franzmänner höchstens noch einen Schnaps oder Wein trinken. Arabische Schriftzeichen, französische Kolonialmenschen aus dem Senegal und Mali treiben bis spät in die Nacht Handel, feilschen laut und lassen sich von den vielen Soldaten und Polizisten, die grimmig in jede dunkle Straße blicken, nicht beirren. Verschleierte Frauen in Schwarz und Weiß – wo sind die vielen Mädchen mit den leichten Herzen und knappen Röcken hin? Es gibt sie noch. Aber es sind weniger, als noch vor einigen Jahren zur selben Jahreszeit. Und wer die selbe Strecke oder die selbe Stadt mehrfach in zehn Jahren besucht, sieht  den Unterschied und die Veränderungen.

Ein paar von den ehemaligen Kämpfern der Légion étrangère verwickeln wir sogar in ein Gespräch, reden mit ihnen in einem Café bei Lyon über Gott und die Welt. Ein malischer und ein bretonischer Franzose, die uns mit kratzigen Stimmen alter Männer von ihren Kämpfen in Schwarzafrika erzählen und wie sie für Frankreich Blut gelassen haben. „Cette chaleur“, muss ich immer wieder sagen und mir den Schweiß von der Stirn klopfen. Auch am Abend brät die Sonne noch ordentlich auf der nackten Stirn.

Die Legionäre sind sicherlich zwanzig Jahre älter als wir, nähern sich also der Sechzig. Was sie uns erzählen, erheitert jedoch nicht das Herz eines Wanderers, sondern kündet von stürmischen Tagen, die auf uns zukommen. „C’est la Guerre“, betonen sie beide immer wieder und nicken uns zu, reiben die Bärtchen über der Lippe, bevor sie auf die Stadt Lyon zeigen. Wann es losgehen soll? Wissen sie auch nicht. Nur, dass es insgeheim schon begonnen hat und es nur keiner wirklich zu spüren bekommt. Meine Wandergefährten und ich, die wir schon viel vom Verfall der Städte gesehen haben, sind nicht ganz überzeugt, trennen uns aber im Guten von den beiden Herren.

Und als wir kurz vor Marseille sind und eigentlich mit dem Bus einen Bogen um die Stadt fahren wollen, rollen uns mehrere große Ford Transit der Polizei entgegen und ein Polizist steckt den Kopf aus dem Fenster heraus und brüllt uns auf der Landstraße an. Wir sollen aus dem Weg gehen und ob wir denn nicht sehen, dass es ernst sei, meint er zu uns. Die Wagen schmettern an uns vorbei und rasen in den Wald hinein. Die Sirenen heulen und kurze Zeit später, als wir schon glaubten, dass wir das Gröbste gesehen haben , folgen zwei Renault in noch größerer Eile und hätten uns beinahe über den Haufen gefahren. Auch hier ruft einer der Polizisten wieder, dass wir weggehen und aus dem Weg gehen sollen. Was da wohl hinter uns passierte, haben wir nie erfahren.

Bei der Bushaltestelle in Marseille (wir betraten die Stadt am Ende doch) erfrischen wir uns kurz, bevor die Reise Richtung Südwesten weitergeht. Noch bevor wir einsteigen können, schmettern weitere Polizeiautos durch die bunte, multikulturelle Stadt, die viel Ähnlichkeit mit Beirut im Nahen Osten hat. Einige schwarze Frauen mit Kinderwagen scheinen mehr von der Situation zu verstehen und schieben ihre Kinderwägelchen rennend die Straße hinunter und in die entgegengesetzte Richtung. Bloß weg von dort, wo die Polizei hinfährt.

In der Ferne erklingt Geschrei und Männer brüllten auf Französisch Worte, die wir nicht mehr verstehen können.

Alle einsteigen, die Fahrt geht los, der Motor springt an.

Zurück in Aachen:

Ich bete für Pacem in Terris, für den Frieden auf Erden und sage mir, dass ich Frankreich nicht wiedererkenne und kein Verlangen mehr verspüre dieses Land in der Zukunft zu besuchen. Es ist mir entfremdet worden.


Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.