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Moderne Architektur? Totalitäre Architektur!

Moderne Architektur? Totalitäre Architektur!

»Klarheit« und »Sauberkeit« sind wohl die gewünschten Assoziationen mit »moderner« Architektur. Trotzdem fühlen sich ihre Ergebnisse an wie neonröhrenbehangene, sterile Krankenhausgänge mit Plastikböden und löchrig abgehängter Decke. Wer so baut und solche Planung umsetzt, vermittelt damit immer eine Idee. Denn Architektur ist  nicht nur künstlerischer Ausdruck, sondern auch die verbaute Wertschätzung gegen das Gemeinwesen und alle, die darin Leben.

Der Totalitarismus ist zurück

Doch in der Architektur ist der Biedermeier zurück, ohne dass es den Protagonisten aufgefallen zu sein scheint. Bereits in Speers Nürnberg verschwand das Individuum unter den monumental klassizistischen Gebäuden.  Den selben Effekt beobachten wir heute wieder, obwohl unsere Gesellschaft aufgehört hat, gigantische Reichsparteitage abzuhalten. Die Aufmarschplätze sind heute die Fassaden der schießschartenbewährten Block- und Fertighäuser mit ihrem vermeintlich modern weißen Teint. Ihr Totalitarismus geht von den Bürogebäuden aus, ihren Biedermeier finden wir in den Wohngebäuden. Sie vermitteln nach außen  vorrangig Gleichheit und zwingen so die Bewohner unter dieses Konzept: Jeder ist vor dem Gebäude und voreinander gleich, Unterschiede zwischen den Menschen in Intelligenz, Vermögen oder Können sind nach außen (!) nicht erwünscht. Nach innen herrscht jedoch weiterhin die Freiheit, sich einzurichten wie es dem Bewohner lieb ist. Die Architektur empfielt jedoch unterschwellig, diese Freiheit nicht zu weit zu treiben.

Zunächst schien das Problem jedoch nur auf die innerstädtische Wohn- und Arbeitsarchitektur zuzutreffen. Nachdem jedoch in den letzten Zügen der Behördenwanderung die Neubauten des Innenministeriums und des BND von der gleichen intelektuellen Blechtrommel entworfen zu sein scheinen ist nun auch die historische architektonische Unterscheidung zwischen Wohn- und Repräsentationsbau gefallen.

Architektur der Teilung

Damit zeigt sich der moderne Segregationismus nun auch im Erscheinungsbild unserer Innenstädte.  Damit wird nun Stück für Stück die identitätslose und vor allem weit vom Bürger distanzierte Politik unserer »Eliten« auch architektonisch umgesetzt. Der Neubau des Innenministeriums beispielweise erscheint wie eine moderne Festung.  Hier zeigt sich exemplarisch die zunehmende Spaltung zwischen »denen da oben« und »uns hier unten« – vor allem wenn man diese Architektur mit der Neugestaltung des Reichstages vergleicht. Der Neugestaltung gelang es, Transparenz zu vermitteln und die Hoffnung des Bürgers an die Überwindung der Teilung (Übergang Paul-Löbe Haus/Marie-Elisabeth-Lüders-Haus = Verbindung von Ost und West) sowie den Anspruch an ein offenes Repräsentantenhaus durch die Gestaltung von Sitzungssaal und Kuppel zu verwirklichen. Das neue Innenministerium hingegen sieht aus, wie man sich das Wahrheitsministerium aus 1984 vorstellen kann: es ist verschlossen und zeigt der Außenwelt seine schießschartenähnlichen Fenster, hinter welchen allwissende Beamte über uns wachen. Eine architektonische Umsetzung der Idee öffentlicher oder parlamentarischer Kontrolle findet sich nicht.#

Der Bürokrat ist der Parasit der Gesellschaft

In Fachzeitschriften wird stattdessen gelobt: »Tritt man an die Fassaden heran, zeigen alle Ecken und Kanten eine stimmige, wohldurchdachte Detaillierung.« Weiter geht man auf das augenscheinlich momentan moderne Konzept ein, Innenhöfe als Atrien zu bezeichnen: »Im Inneren treten vor allem die drei offenen Atrien mit ihrer architektonischen Eleganz hervor: geschlossene weiße Brüstungen, „angehängte“ Treppen, schmale Lichtbänder, Handläufe aus rötlichem Kirschholz und dazu etwas Farbe.« [1]Mit diesen Eigenschaften zeigt sich der »moderne« Bürokratenstaat von seiner klarsten Seite. Man nennt es zurückgenommen, sachlich oder präzise, dabei handelt es sich vor allem um eines: einen neuen, technokratischen, Totalitarismus, keinen von Schergen in Hugo-Boss Uniform, sondern um einen bürokratisierten,  welcher versucht sich wie ein Parasit unbemerkt immer weiter im Wirt zu verbreiten. Der Wirt der Bürokraten ist die zugehörige Volkswirtschaft, sie ernähren sich von den dem Staatsvolk abgepressten Steuern und wollen dafür die gesamte Gesellschaft, möglichst ohne kritische Nachfragen, steuern und dirigieren. Die »moderne« Architektur ihrer Büros ist Ausdruck dieses (Macht-) Anspruches: geschlossen nach außen, verbindend nach innen und  einflusserweckend, »präzise«,  gegen die Gesellschaft, für deren wahre und legitime Herrscher sich die Insassen halten.

Letztlich ist das Resultat eines Parasitenbefalls jedoch fast immer der Tod des Wirtes.

Foto: C. Müller / CC BY SA 3.0


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