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Warten auf den Tag X

Warten auf den Tag X

 

Vor einer Weile unterhielt ich mich wieder mit einem alten Bekannten und Leser des Blogs. Er ist Gendarm im Raum Marseille, gebürtiger Franzose mit deutschen und französischen Sprachkenntnissen und Eltern aus beiden Ländern. Er berichtete mir wieder von dem «Üblichen». Von den Raubüberfällen auf offener Straße, den Drogendealern, die bereits bei einer Personenkontrolle angriffslustig werden und von den Schießereien in den Vierteln, die von den Urlaubsressorts weit genug weg sind. Ich sprach meine Bewunderung für seinen Dienst aus und sagte ihm, dass Frankreich sehr stolz auf seinen Sohn sein könnte. Einen, der sehr sein Vaterland so sehr  liebt, die französische Nation so sehr ehrt, dass er jeden Tag unter erbärmlichen Bedingungen seine Uniform anzieht und da raus geht. Dass er Prügel kassiert, blaue Flecken am ganzen Körper hat und mit einem niedrigen Lohn seine kleine Familie durchs Leben bringt. Dass er das alles tun kann und Tag für Tag der Gefahr ausgesetzt ist, dass ein irrer Islamist ihn tötet, ein Verbrecher ihn mit dem Auto umfährt oder ein Linksextremer ihn mit einem Brandsatz in eine menschliche Fackel verwandelt, verdient allergrößten Respekt.

 

 

 

Aber dann beichtete er mir, dass er beginnt sein eigenes Land zu verachten und es zu verfluchen, wenn er jeden morgen in die abgewetzten Stiefel steigt.  «Je ne suis pas un patriote (Ich bin kein Patriot)».  Er erzählt mir, dass er seit Monaten jeden Glauben an einen Ausweg aus dieser verzwickten Lage, in der sich Frankreich befindet, längst verloren hat und der Elan der ersten Tage wohl für immer fort sei. Und er stellt sich die Frage, ob es nicht besser wäre einfach die Waffen zu strecken, den Gürtel abzulegen, die Weste wegzuwerfen und der Côte d’Azur für immer den Rücken zu kehren. Vielleicht würde es sich ja lohnen mit der Familie nach Dänemark oder Polen auszuwandern. Vielleicht nach Australien, wo man annehmbaren Wein kultiviert.

Und darauf wusste ich in jenem Moment nur wenig zu erwidern. Um sich in diesen Bekannten hinein zu versetzen, bedarf nicht viel Fantasie. Entweder man versteht ihn, weiß ungefähr wie es ist, wenn man der Boxsack der Nation ist, oder man steht eben auf der anderen Seite. Auf der Seite der Chaoten, der Globalisten und Zerstörer der Ordnung. Das ist eine Menge Defätismus, der in solchen Aussagen mitschwingt und der Idealist in einem sagt eigentlich, dass man aus Prinzip standhalten muss.

Andererseits hat man, sofern man nicht an hinduistische Wiedergeburten glaubt, nur dieses eine Leben und muss schauen, dass man es nicht verschwendet. Wer jeden Tag durch den Morast einer sterbenden Nation waten muss und im knöcheltief im Blutschlamm eines «Zivilisationskrieges» (Zitat: Manuel Valls, Sozialist) marschiert, um eine brüchige und scheinbar widersinnige Ordnung aufrecht zu erhalten, darf Zweifel haben. Er darf Zweifel haben, ob sein Dienst für diesen Staat überhaupt noch Sinn macht und ob sein Opfer, wenn es verlangt wird, mit Respekt behandelt wird. Ob es noch Würde hat, wenn man nach 35 Jahren Dienst mit einem Schlauch im Mund künstlich ernährt werden muss und im Rollstuhl verwest, während die Straße in der man lebt und die man sein Leben lang verteidigt hat, dem Verfall preisgegeben wird. Da darf man zweifeln und sollte es auch.

Und jetzt spreche ich nur für mich und sage, dass ich nicht denke, dass der Dienende den Tod so sehr fürchtet. Nicht den Tod für eine gute Sache, für die man gerne kämpft und mit weniger Widerwillen auch sein Leben hingeben würde. Ein Leben der Hingabe so enden zu lassen, ist kein schlechter Tod. Wer sich selbst opfert, um Familie, Volk und Heimat zu schützen, bleibt auch im Tode unvergessen. Der Einfluss des Verstorbenen strahlt über das Nachleben hinaus ins Leben der Nachkommen und der Freunde. Wer den Heldentod stirbt, bleibt ewig jung.

Aber einen sinnlosen Tod im Nichts zu sterben und für eine Sache, an die man selbst nicht mehr glaubt und an die auch das persönliche Umfeld nicht mehr glaubt. In einer Uniform zu sterben, die von zu vielen im eigenen Volk verachtet wird, ist weder ruhmreich noch schön. Der alternde Gendarm und ich verstehen uns gut und wissen um die Gleichartigkeit unserer Wesenszüge, wie sie nur von sehr wenigen Menschen in unseren Kreisen geteilt wird. Am ehesten noch von denen, die uns als Feinde gegenüberstehen und eines Abends am Tag X, auf den man in manchen Momenten fast sehnsüchtig wartet, der letzte Eindruck aus dieser Welt sein könnten.

Ich ende in positiveren Tönen und rede ihm Mut zu. Ich sage klar, dass noch nichts entschieden sei und die Pfade noch offen sind.  Es mag in alle Richtungen gehen, der Tag X möge nie kommen und wenn es doch alles nicht mehr heilbar sein sollte, dann sollte es lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende sein. Aber vielleicht, nur vielleicht, zeichnet sich da am Horizont eine Wende ab und ein neuer Tag bricht an, der neuen Mut macht und Hoffnung auf bessere Zeiten schenkt.  «Bei Sonnenaufgang, schaut nach Osten.» (Gandalf der Weiße)

Foto: Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons – cc-by-sa-3.0


 

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