Home Gesellschaft Das Neusprechwörterbuch – „Die Kollektive Erfahrung“

Das Neusprechwörterbuch – „Die Kollektive Erfahrung“

Das Neusprechwörterbuch – „Die Kollektive Erfahrung“

von M. Bruhns

«Die Kollektive Erfahrung»

Vor kurzem durfte ich in einer Festrede eines Bundesrichters wieder einmal Bekanntschaft mit dem geflügelten Wort der „kollektiven Erfahrung“ machen. Das Thema war «Deutschland – Einig Vaterland?», der Inhalt beschäftigte sich mit Wiedervereinigung mit unseren mitteldeutschen Bundesbürgern und dem Stand jener Einheit unseres Vaterlandes. Auf ihn soll jedoch nur begrenzt eingegangen werden. Ich halte den Begriff der «kollektiven Erfahrung»nämlich für ähnlich irreführend wie der Begriff von «Fake-News» oder «irrationale Ängste».

Der Tenor der Rede war, wie unschwer zu erwarten war, dass die Menschen in den neuen Bundesländern doch ein zumindest anderes, wenn nicht gar bedenkliches, Verständnis unserer Demokratie hätten. Dies zeige sich vor allem an der heute stärksten Partei im Bundesland Sachsen-Anhalt. Die «kollektive Erfahrung» in seiner Ausführung war jene der Wiedervereinigung nach vorausgegangener friedlichen Revolution. Statt dem politischen Versagen der Parteiendemokratie echte Teilhabe zu erzeugen, und ohne unabsehbare übers-Knie-gebrochene Zusatzlasten ein friedliches Zusammenleben der europäischen Völker in wirtschaftlicher Prosperität zu ermöglichen, ist nun der «Ossi» schuld. Schuld daran, dass er bestimmte Praktiken ablehnt, wie unkontrollierte Zuwanderung von Millionen Menschen aus zutiefst antisemitischen Kulturen. Schuld auch daran, dass er an der Urne seine Meinung ausdrückt, anstatt in Nibelungentreue jene zu wählen, die man eben schon immer gewählt hat. Und all das hänge mit dieser «kollektiven Erfahrung» zusammen. Fast könnte man meinen, wir wären heute ohne die Wiedervereinigung besser dran – die Ossis machen schließlich (immer noch) nur Scherereien.

Ich glaube nicht, dass in Mitteldeutschland nur dumpfköpfige Glatzen wohnen. Viel eher leben dort Menschen, die Diktatur und Unrechtsstaat deutlich länger erleiden mussten als ihre Westdeutschen Mitbürger. Und darin liegt auch der Schlüssel zum derzeitigen Verhalten. Viele gesellschaftliche Fehler des Westens wurden im Osten nicht gemacht, und durch andere ersetzt. Die Multikulti-Einwanderungsgesellschaft der BRD Großstädte blieb der DDR verschont. Stattdessen bauten die Kommunisten eine Mauer, und schossen auf ihre eigenen Bürger. Die Freiheitsliebe der Mitteldeutschen hat ihre Wurzeln in der täglichen Erfahrung des real existierenden Sozialismus, in dem jeder jeden bespitzelte. Die Ablehnung der Einwanderung bestimmter (!) Kulturen kommt auch aus der ethnisch deutlich einheitlicheren Gesellschaft im Gebiet der ehemaligen DDR. Im Moment der Grenzöffnung begann deren kollektive Erfahrung mit «Kopftuchfrauen und sonstigen Taugenichtsen», die man im Straßenbild Dortmunds, Essens, Wiesbadens und eigentlich aller Großstädte mittlerweile antrifft. Menschen vergleichen Lebensumstände. Und so verglichen (und vergleichen) Mitteldeutsche Besucher direkt nach der Wende, wie auch heute, diese Zustände. Der Schluss, solches nicht bei sich selbst dulden zu wollen, liegt nahe, und liefert die Erklärung für das deutlich unangepasstere Verhalten jener Mitbürger.

 

Doch was ist nun eine «kollektive Erfahrung» anderes als ein leeres Schlagwort, dass so wie «Gerechtigkeit» und viele andere in Politikerreden in Ermangelung von echtem Inhalt Verwendung findet? Zunächst einmal ist jede gemeinschaftlich erlebte Situation für diese Gemeinschaft kollektive Erfahrung.  Das bedeutet, dass man eigentlich schon von der kollektiven Erfahrung der Unmöglichkeit in Berlin einen Flughafen zu bauen sprechen könnte. Oder von der kollektiven Erfahrung eines Regionalliga-Derbys. Die Bezeichnung als «kollektive Erfahrung» lässt nämlich keine Aussage über die Tragweite oder Wichtigkeit eines gemeinsam erlebten Ereignisses zu. Dennoch wird sie genau so verwendet. Das «kollektiv» der Erfahrung drückt Nontrivialität aus, und flüstert uns gleichzeitig bedeutungsschwanger ins Ohr: «Ja, das betrifft auch DICH!».
Die Kollektivität dieser Aussage zeigt sich darin, dass sie es vermag, gemeinsames Erleben herzustellen, wo vielleicht gar keines anzutreffen ist –  ganz nach dem Gusto des Redners. Das Wort ist so ein in sich totalitäres Werkzeug, mit dem einzigen Zweck die eigenen Schlüsse über bestimmte Vorgänge derartig zu verallgemeinern, dass Widerspruch möglichst schwer fällt und so häufig unbestimmt und leicht mit weiteren totalitären Phrasen erschlagbar bleibt.

Leider sind Menschen tendenziell sehr duldsam, wenn sie lange bestimmten Umständen ausgesetzt sind. Auf diese Art setzen sich derartige hohle, undifferenzierte Phrasen durch und lullen, wiederholt von Medien und Politik, die Bevölkerung effizient ein. Dies zeigt sich vor allem im Westen der Republik, wo diese Probleme noch immer von vielen ausgeblendet werden. Ich glaube, dass hier eine andere Erfahrung, nämlich jene des «1000jährigen Reiches» schuld ist. Selbst nach der gründlichsten Ablösung eines Staates, der sich auf perverseste Weise an seinen Eigenen Bürgern sowie an der Weltgemeinschaft vergangen hatte, sind die Westdeutschen staatsgläubiger denn je. Vielleicht hätten sie weitere 41 Jahre Diktatur und Totalitarismus benötigt um zu bemerken, dass jeder Staat in der Lage ist, sich im vermeintlich Guten oder Gerechten gegen die eigene Bevölkerung zu richten. Diese Situation blieb uns zum Glück erspart – den Preis zahlen wir heute, indem wir mit unserer Staatstreue offenen Rechtsbruch möglich gemacht haben und täglich weiter dulden.

 

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0129-032 / Hiekel, Matthias / CC-BY-SA 3.0




Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.