Home Rezension Frostpunk – Moralisches Dilemma im Eis (Review)

Frostpunk – Moralisches Dilemma im Eis (Review)

Frostpunk – Moralisches Dilemma im Eis (Review)

Eis. Überall Eis. Seit Tagen schleppen wir uns durch diese Eiswüste, angetrieben nur von Verzweiflung. Diesen Morgen sind fünf von uns nicht mehr aufgewacht, doch niemand hat geweint. Es ist unmöglich zu weinen, wenn einem die Tränen im Gesicht gefrieren. Manche unter uns beneiden die Toten, denn ihr Leid hat ein Ende. Die Mäntel der Toten helfen unsere zitternden Kinder warm zu halten. Sie trifft es am härtesten. Die Kleinen verstehen nicht, was mit unserer Heimat geschehen ist. Verstehen nicht, dass unsere letzte Hoffnung in dem Generator liegt, dessen Qualm irgendwo am stürmischen Horizont verborgen liegt. Gott, ich flehe dich an, steh uns bei. Lass all die Opfer nicht vergebens sein.

Das Setting

Willkommen zu Frostpunk, einem Überlebens-Städtebau-Simulator in einem wortwörtlich erfrischend neuen Setting. Frostpunk spielt in einer Welt, die von einer neuen Eiszeit heimgesucht wurde. Die Menschen dieser Welt hatten sich vor dem Kälteeinbruch auf die Katastrophe vorbereitet und in der Arktis gigantische Generatoren errichtet, die die Menschheit vor dem Erfrieren retten sollten.

Die Aufgabe des Spielers ist es nun, jene, die es lebend bis zu den Generatoren geschafft haben, zu versorgen. Dabei gilt es, wie bei Aufbau-Strategiespielen gewohnt, Ressourcen zu sammeln und eine Stadt im Eis zu verwalten. Das besondere an Frostpunk  ist dabei die hervorragende Immersion in das kalte, verzweifelte Setting. Ressourcen sind rar und Arbeitskräfte auch. Jede Handlung ist ein Balanceakt. Zwinge ich meine Arbeiter zu grausamen Überstunden, um vor dem nächsten Kälteeinbruch genügend Ressourcen für isolierte Häuser zu haben? Oder hoffe ich, dass unsere Zelte ausreichen  und niemand erfriert? Und wenn doch jemand ein Opfer der Kälte wird? Werde ich die medizinische Versorgung bieten können, die nötig ist, diese wertvolle Arbeitskraft wieder zur Gesundheit zu bringen? Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind ist unersetzbar, denn sie sind die letzten Menschen.

Die Kälte brach abrupt über uns herein. Unsere Ingenieure gaben ihr Bestes den Generator anzuheizen, doch unsere Kohlevorräte reichten nicht aus.
Es waren so viele. So unsagbar viele. Gestern noch waren Sie gesund und voller Hoffnung, heute liegen sie alle hier, in dieser schäbigen Entschuldigung eines Lazaretts. Manchen von Ihnen kann geholfen werden, doch der Großteil leidet an schweren Erfrierungen. Zu Hause, in meiner Praxis, könnte ich allen helfen. Doch hier…? Meine Seele schreit, wenn ich daran denke, was ich tun muss. Ob sie verstehen werden, dass ihr Leben nur gerettet werden kann, wenn ich sie zu amputierten Krüppeln mache? Möge die Geschichte mir verzeihen, denn meine Patienten werden es nicht.

Gesetze, Hoffnung, Unruhen

Frostpunk kommt mit einem Unzufriedenheits- und Hoffnungs-System. Alle Ereignisse und Entscheidungen haben Auswirkungen darauf. Wer seine Arbeiter schlecht behandelt, der wird soziale Unruhen und Proteste riskieren. Um selbige dauerhaft niederzuhalten, müssen vielleicht unmenschliche Systeme installiert werden. Jeder Tote und jede grausame, aber notwendige Entscheidung kostet Hoffnung. Und ohne Hoffnung kann die Stadt den erbarmungslosen Umständen nicht trotzen.

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Das macht dieses Strategiespiel auch zu einem Rollenspiel. Denn es liegt am Spieler, wie gut er seine Ressourcen handhabt. Wer seine Stadt gut im Griff hat und genügend Infrastruktur aufbaut, ausreichend Ressourcen sammelt, der kann auf drastische Maßnahmen verzichten und ein beliebter Captain werden.

Die Eiszeit macht einem das nicht leicht, denn immer wieder gibt es Katastrophen. Von einer Flüchtlingswelle, die die Nahrungsvorräte erschöpft und die Lazarette überfüllt, über heftige Kältewellen, die selbst den stärksten Hitzegenerator überfordern, bis hin zu Lynchmobs unzufriedener Bürger, die es zu besänftigen oder drakonisch zu bestrafen gilt.

„Bitte, bitte schickt meinen lieben Jungen nicht wieder in dieses Stahlwerk! Es passieren so viele Unfälle! Bitte, Captain, habt erbarmen!“ Die verzweifelte Mutter zerrte an meinem Mantel  und ihre Augen schimmerten feucht, während ihr Sohn sich schutzsuchend hinter ihr versteckte. Alle Kinder mussten arbeiten. Wir brauchten jede Hand, um vor dem Sturm bereit zu sein. Und doch… wie konnte ich in die Augen dieser armen Frau blicken, und ihr ihren Wunsch verwehren?

Liebe zum Detail

Die Bürger der Stadt haben dabei ein Eigenleben und äußern manches Mal wünsche. «Bitte heizt unsere Häuser, wir werden in der Nacht erfrieren!» oder «Bitte kümmert euch darum, dass der halb erfrorene Bote, den wir in der Nähe der Stadt fanden, überlebt!»
Wer seinen Bürgern etwas verspricht und schafft es einzuhalten, schenkt seiner Stadt Hoffnung. Wer etwas verspricht und es nicht einhalten kann…

Nun, einzelne Bürger werden schnell denken, sie wären ein besserer Captain als der Spieler. Reagiert man mit Verständnis? Oder lässt man die Aufwiegler niederschlagen?

„Nieder mit dem Captain!“ schrien die Arbeiter. Ausgelaugte, blasse und dürre Gestalten, die sich in 24-Stunden Schichten beinahe zu Tode geackert hatten um genügend Unterkünfte für die Neuankömmlinge zu schaffen. „Er opfert uns, um diesen Parasiten zu helfen!“ Ich verstand ihren Zorn. Aber auch, dass Konflikte das Potential hatten, uns unser Überleben zu kosten. Wir müssen alle an einem Strang ziehen, oder sterben. Es bereitete mir keine Freude, den Protest mit meinen Wachmännern nieder zu schlagen. Zu sehen, wie verzweifelte, ängstliche Männer und Frauen unter Knüppeln niedergingen und in das viel zu schlecht beheizte Gefängnis abgeführt wurden… Jeden der Schläge spürte ich selbst, und noch heute kann ich meinen einstigen Freunden nicht mehr in die Augen blicken. Die Kälte fordert Opfer von uns allen.

Ein Licht im Dunkel

Wer sich auf das Setting und die darin entstehenden Geschichten einlässt, der wird ein tragisches, und doch bittersüßes Abenteuer erleben, das ihn seine eigenen Überzeugungen bei jeder Entscheidung hinterfragen lässt. Wenn nach mehreren Tagen verzweifelten Überlebenskampfes ein Vater mit seiner aus Panik entlaufenen Tochter aus der Eiswüste zurückkehrt, und beide wohl auf sind, dann ist das nicht nur für die Stadt ein Herz-erwärmender Trost. Ich für meinen Teil habe selten bei einem Spiel so mitgefiebert.

Technisch hervorragend umgesetzt, mit stimmiger Grafik, einem schaurig-schönen Soundtrack und wirklich interessanten Gameplay-Features samt fesselnden Geschichten, kann ich für Frostpunk eine absolute Kauf-Empfehlung aussprechen.

 

„Wir gaben unser Bestes, unsere Menschlichkeit bewahren. Doch war es genug? Haben wir wirklich alles versucht?“

(Bild-Quellen: Frostpunk, 11bit Studios.)


 



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