Home Militär Ein Lebensbericht aus Erbil, Kurdistan – im Kampf gegen den Islamischen Staat – ein Gastbeitrag

Ein Lebensbericht aus Erbil, Kurdistan – im Kampf gegen den Islamischen Staat – ein Gastbeitrag

Ein Lebensbericht aus Erbil, Kurdistan – im Kampf gegen den Islamischen Staat – ein Gastbeitrag

Gastbeitrag von einem Leser unseres Blogs(Identität verifiziert und dem Autorenteam bekannt):

 

Ich habe heute nach dem Lesen des Joko & Klaas Artikels (der hier) nachgedacht. Mein Name spielt keine Rolle. Ich arbeite seit rund sieben Jahren im Nord Irak, für und in der Autonomie Zone Kurdistan, als Ausbilder für Sicherheitskräfte (Bodyguards). Meine Bundeswehrkarriere liegt nun schon viele Jahre zurück, ich habe ein bordeauxfarbenes Barett getragen und es wurde uns damals nichts geschenkt. Hart, aber fair waren unsere Ausbilder und wir wollten die Elite sein, also haben wir den steinigen Weg der dorthin führt in Kauf genommen. In meiner Dienstzeit ging ich ebenfalls in Auslandseinsätze und die gängige Einschätzung von mir war, damals wie Heute, mitten im Krieg und am Ende der Strasse entscheidet die Schmiede, in der du geformt worden bist im wesentlichen über Leben und Tod.

 

Ich hatte das einmalige Glück, die Armee vor ihrer heutigen Transformation zu verlassen. So schön gendergerechte Sprechweisen, Umstandsmoden oder die radikale Entsorgung nur entferntester Traditionen für eine moderne Bundeswehr auch sein mögen, so verstehe ich sie leider nicht mehr. Veggie- oder Girls Day, Women’s March sowie #MeToo , laktosefreie Speisen versetzen die «Obere Heeresführung» in Entzückung – ich verstehe das leider nicht so richtig.

Vielleicht liegt es an den 1778 Sprüngen aus intakten Flugzeugen während meiner vergangenen Dienstzeit. Die totale Abwendung von jeder Art von körperlicher Härte durch ein sensationelles neues Trainingskonzept namens: «WÄRME – LICHT UND BUNTE FARBEN» zu ersetzen, um dann jeden Ausbilder wie ein Steak auf den Truppendienstgerichtsgrill zu schmeißen, wenn er nur einmal »los weiter ruft» – all das  lasse ich als NEUE BUNDESWEHR durchgehen. So will und werde ich die von mir nicht aus Blödheit und Altersschwäche nicht mehr verstandene Bundeswehr als neues Konzept der Kriegsführung akzeptieren und nicht weiter kommentieren. Ich freue mich, dass auch dem fettesten Kind vor der XBox mit Lese- und Rechtschreibschwäche bereits mit 16 Jahren eine tolle Karriere ermöglicht werden kann, wo alle gleich sind wie die Streichhölzer in einer Schachtel. Die Bundeswehr hat viele hochrangige Berater und Offiziere, die weder Windkanal noch McFit gescheut haben, mit politisch korrektem Trendhaarschnitt im richtigen Moment zu nicken und Betroffenheitshashtags  unter einem Katzen-Video zu posten.

Kaum sind diese jedoch im Ruhestand, wird die Armee wie das Kind im Sandkasten aus sicherer Entfernung markig, aber in sprachlich rechts-konformer Weise ein wenig nachträglich getreten . Ich verurteile unsere Armee nicht, empfinde aber als der ausgestorbene Tyrannosaurus Rex Mitleid mit dem Tarnanzug tragenden Club von «mountain-bikenden» Veganern, die geschmacksneutral aber vollbärtig wie die Navy Seals stolz ihre Tattoos zeigen wie einst Opa im Heimaturlaub das Ritterkreuz und Verwundetenabzeichen. Aber das ist halt die suggestive, persönliche Meinung eines alternden Auswanderers aus dem besten und sichersten Deutschland, dass es jemals gegeben hat.

Berge und Wüsten prägen die Landschaft

 

So will ich ein wenig aus meinem Alltag als Bodyguard im Nahen Osten, der «Nord Irak Autonomie Zone Kurdistan», des Jahres 2014 berichten. Ein gängiges Sprichtwort in Einsätzen ist  «IF SHIT HITS THE VAN(Ja,  das Auto)».

Egal was über Europa, Deutschland oder den Rest der Welt in Zukunft hereinbrechen wird – es wird nicht der kunterbunte Einhornregenbogen sein. Und ja, Joko und Klass werden euch nicht schützen.

 

 

August 2014 – der Krieg gegen ISIS beginnt

Makhmor Westfront, 41 km vor der Hauptstadt Erbil entfernt. ISIS hat massives Gerät aufgefahren.

An über 17 Stellen wird in der ersten Nacht die Front durchbrochen. Wir evakuieren den ganzen Tag bis Tief in die Nacht Mitarbeiter aus Einrichtungen von Ölfirmen entlang der Front. In der ganzen Hektik biegt eines der Fahrzeuge der Company in der stockdunkeln Nacht vollkommen falsch ab und wird von ISIS in tausend Teile geschossen. Vier Tote.

 

Erste Meldungen erreichen uns, dass ISIS Chlorgas schießt. Überall am Horizont Brände, die die Dörfer in Orange tauchen. Tausende zu Fuß, die uns entgegenkommen, fliehend von da, wo wir gerade hinfahren. Die Doppeltanks der Landcruiser sind alle leer.

Beim Erreichen der chinesischen Ölfirma laden, nein stapeln wir die verbliebenen Mitarbeiter in die Autos und auf die Wagendächer. Rückbänke hatte ich am morgen davor bereits entfernen lassen, aufgrund der Erfahrung, die ich in Mosul 2014 gemacht hatte.  Keinen werde ich zurücklassen heute Nacht. Wir hängen Versorgungsanhänger an die «Landcruiser», um keinen zurücklassen zu müssen. Über unsere Köpfe hinweg lässt ISIS selbstgebaute Gasraketen zischend durch die Nacht fliegen. Bei der Flussüberquerung bricht eine der Anhängeraufhängungen und selbiger verschwindet mit fünf Chinesen darauf sofort in der stockdunklen Nacht mitten im reißenden Tigris. Ich lasse die VIP Fahrzeuge weiter fahren, streife aber mit meiner Nummer 1 und 2 entlang des Tigris. Nicht einen einzigen Überlebenden finden wir.

Keiner wird sie mehr finden. Chinesen können alles, nur nicht schwimmen. Wir bekommen Scheibentreffer, drehen um. Noch sechs Magazine übrig.

Gegen 0400 AM erreichen wir sowas wie die neue Auffanglinie, mitten im Durchlass durch die Berge bei Makhmor, 500m unter uns fährt gerade ISIS schießend in die Stadt. Keines meiner Kfz am Sammelplatz, alle «fucking» Antennen einfach weg. Telefonnetz gleich Null. Ich treffe eine Entscheidung. Wir fahren die Ölfirmen-Mitarbeiter zu einer ihrer Einrichtungen in Erbil. Alle Tanks sind leer. Wir rollen 47 km bis Erbil mit der sprichwörtlichen Luft im Tank.

 

In der chinesischen Einrichtung geben sie uns je einen Kanister. Panik an allen Tankstellen. Ein wildes Gerücht macht nochmals die Runde, das ISIS bereits in der Stadt ist.  Wieder mit leerem Tank erreichen wir die Firma. Alle da! Wir sind gerade beim aufmunitionieren oder tanken und ich schicke meinen Adjutanten los: wir brauchen einen neuen Antennenkopf, der alte ist einfach irgendwo abgerissen.

In der Company lasse ich gleich mal einen Liter kaltes Wasser den Rachen runter laufen. Draußen ist es 0900 Uhr und «fucking» 45°C. Im Pausenraum liegen alle auf dem Boden und schlafen und ich setzte mich alleine ins Büro, müde und traurig. Mein Adjutant kommt herein, mit einer neuen Antenne und einer Kiste Munition. An diesem Tag werden wir noch zwei mal rausfahren.




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