Home Gesellschaft Ein Brief an meine ungeborenen Kinder – vom Europa, das mal war

Ein Brief an meine ungeborenen Kinder – vom Europa, das mal war

Ein Brief an meine ungeborenen Kinder – vom Europa, das mal war

Europa verändert sich nicht zum Besseren.

Gestern saß ich im Bus einem kleinem Baby gegenüber, das die winzige Hand nach mir ausstreckte und meinen Daumen umfasste. Dabei lachte es ganz herzlich und zuckersüß, als sei mein Daumen etwas Besonderes und Wunderbares. Wie Kinder eben sind, wenn alles noch neu und interessant ist. Sie nehmen die Welt so war, wie sie sich ihnen präsentiert, wissen nicht, wie sie vorher war und können sich auch im Alter meist nicht vorstellen, wie das Leben der Eltern in der Vergangenheit mal ausgesehen hat. Der Satz «früher war alles besser» ist hier genauso falsch wie die Behauptung, dass mit dem Fortschritt und dem Lauf der Geschichte automatisch alles schöner und lebenswerter wird. Wenn ich meiner Mutter zuhöre, die von Krieg und Vertreibung in Asien berichten kann, aber auch viel Nostalgie gegenüber einer romantischeren Heimat in ihren Worten mitschwingen lässt, dann weiß ich, dass die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer sowohl gute, als auch positive Seiten haben. Wenn mein Vater über das Aufwachsen in der DDR erzählt, wie er durch die märkischen Sande und Kiefernwälder als Junge streifte, mit Freunden am See angeln ging, dann spürt man die Sehnsucht nach diesen Orten der Erinnerung in seinen Worten. Das war eine andere Kindheit, als die, die der eigene Sohn dann erlebt hat. Angst auf der Straße, Vorsicht gegenüber fremden und ausländisch aussehden Männergruppen – derlei kannte die Generation meines Vaters nicht. Dass mein eine Heimat hatte, Deutscher war, dass diese Dinge einen Wert und Bedeutung hatten, stand noch außer Frage. Das ließ mich nachdenken über meine eigene Kindheit und die Perspektive, dass ich auch mal Kinder haben werde oder zumindest fest vorhabe welche zu bekommen.

Ich überlegte mir, was ich meinem Sohn oder meiner Tochter wohl sagen würde, was ich ihnen vom alten Europa ihres Vaters erzählen könnte. Würden sie überhaupt nachvollziehen können in was für einer Welt ihre Eltern einst gelebt haben? Vor einigen Jahren hatte ich ein kurzes Verhältnis mit einer Israelin, die nach wenigen Monaten in ihre Heimat zurückkehrte, um ihren Wehrdienst anzutreten. Aber sie berichtete mir von ihrer Kindheit im Israel der frühen 2000er Jahre, wo Bombenanschläge, Terrorangriffe und explodierende Busse oder Cafés quasi zum Alltag gehören. Sie erzählte, dass es für sie als normal empfunden wurde, wenn es an jeder Ecke Soldaten gibt, Polizei ständig Häuser stürmt, Kindergärten und Schulen mit Metalldetektoren am Eingang nach möglichen Attentätern und den Schülern suchen und so weiter. Dass es für sie gewöhnlich und idyllisch war, wenn sie mit ihren Freundinnen draußen bei sommerlich Hitze unter einer nahöstlichen Sonne spielte, Fußball meistens und das Spiel dann unterbrochen werden musste, weil die Sirenen vom Raketenangriff der Hamas kündeten. Eine Klassenkameradin oder Bekannte von ihr (ich weiß es nicht mehr so genau) wurde sogar getötet, als eine Granate im Kibbuz einschlug. Das war alles sehr normal für sie und sie hatte trotzdem eine schöne Kindheit. Zumindest empfand sie das so. Dass ihre Kindheit auch hätte anders sein können, sowohl schlechter und gewalttätiger, als auch besser und friedfertiger.

In England ist es ja jetzt gang und gäbe, dass Metalldetektoren vor den Schulen für Sicherheit garantieren, damit sich die Schüler nicht ständig gegenseitig abstechen. Da ist es auch normal geworden, dass London der am besten elektronisch überwachte Raum der Welt ist, wo über eine halbe Millionen Kameras jede Bewegung und jedes Muskelzucken der Bürger auf Video aufzeichnen. Europa verändert sich.

In Belgien und Frankreich bestreifen Polizisten und Soldaten mit Sturmgewehren die Metros, die Straßen und stehen vor jeder Synagoge, vor einigen Kirchen mittlerweile ebenfalls und es gibt keine einzige jüdische Schule in Frankreich mehr, die nicht von Personal bewacht werden muss. Auch in Berlin beginnt es, dass sogenannte «Security» an Problemschulen zum Einsatz kommt und der Schutz von Weihnachtsmärkten und Volksfesten von schwer bewaffneten Polizisten mit Maschinenpistolen Marke Heckler und Koch gehört mittlerweile ebenfalls zum Alltag in Europa post-2015.  Dass Frauen hier nur noch selten ohne Pfefferspray vor die Tür gehen, nicht mehr abends ohne Begleitung nach Hause wollen oder sich weniger anzüglich anziehen, weil sie Angst vor Übergriffen haben, ist die neue Normalität. Die Reichen schotten sich zunehmend ab, leben in sogenannten «Gated Communities». Ganz normal in Berlin für die Besserverdiener und alle, die sich vor Kriminalität schützen wollen.

Also – was könnte ich meinen ungeborenen Kinder erzählen vom Europa ihrer Eltern?

 

meine lieben Kinder,

Wenn ihr das hier lest, seid ihr hoffentlich alt genug um zu verstehen und nicht allzu harsch über eure Eltern zu urteilen, wenn es euch gibt und wenn es uns gibt. Wenn ihr das hier lest, dann müsst ihr wissen, dass wir, die wir euch in die Welt gesetzt haben, alles versucht haben, um euch eine gute Zukunft zu ermöglichen. Wahrscheinlich haben wir es nicht geschafft. Daher will ich euch erzählen, in was für einer Zeit und in was für einem euch sehr fremden Europa eure Eltern groß geworden sind.

Nehmt euren Vater, der es noch kannte, dass man ohne Angst um das eigene Leben große Festivals besuchen konnte, wo man sich lautstarke Musik mit mehreren Tausend Menschen anhörte, ohne dass man seinen ganzen Körper entblößen und sein Hab und Gut auf einem Detektor verteilen musste. Euer Vater ging noch nackt im See mit seinen Freundinnen baden, ohne dass sogenannte «Sittenwächter» einen mit dem Tod drohten.  Damals, im Europa von FRÜHER , besuchte er die Hauptstädte des Kontinents, in denen kein einziger Polizist zu sehen war, außer vielleicht auf dem Marktplatz oder vor dem Regierungssitz der jeweiligen Örtlichkeit. Euer Vater wuchs noch in einem Europa auf, wo das Wort Islam keinerlei Assoziation aufrief, den meisten unbekannt war und Terrorismus eine seltene und kaum bekannte Randerscheinung war. 

Damals besuchte man die Weihnachtsmärkte, die ihr wahrscheinlich als Wintermärkte kennt, ohne Angst in die Luft gejagt zu werden. Dort gab es keine Betonklötze vor dem Eingang und keine Männer in Uniform, manchmal mit und manchmal ohne Sturmhauben, aber immer mit Maschinenpistolen, die für unsere Sicherheit sorgen mussten. Ja, das alte Europa war schön. Wunderschön mit seinen blühenden Landschaften, dem vielen Grün, den Schlössern, der Kultur und der einzigartigen Geschichte von Aufklärung, Christentum, heidnischen Wurzeln, die tief in die Seele der Menschen reichten. In jedem Stein von jedem alten Bauwerk sah man die menschliche Schaffenskraft, die Genialität und die Würde der Europäer, die eine Welt erschufen, wie es sie nirgendwo sonst gibt. Es war ihre eigene Welt, eine europäische Exklusivität, die ihr wahrscheinlich so nicht mehr kennt. Euer Vater wachte noch zum morgendlichen Klang der Kirchenglocken auf,  spazierte durch altertümliche Straßen voller Romantik, verspielte Gassen mitteralterlicher Prägung. Diese Straßen wird es wohl auch in eurer Zeit noch geben. Aber eure Eltern haben noch erlebt, wie sich diese Lustgärten und verspielten Gassen in Müllheiden verwandelten. No-Go Areas werden für euch wohl zur Normalität gehören. Aber im alten Europa, das euer Vater noch kennengelernt hat, so um die 2000er Jahre herum, waren sie für die meisten nur ein vages Gerücht, leise ausgesprochene Neuigkeit. Eine Ausbreitung dieser Zonen erschien den Menschen damals als unmöglich. Dass sie mal zu eurer Normalität gehören würden, ahnte man zu Zeiten eures Vaters nicht. Für euch ist es normal geworden von einem Bus aus dem Tor der «Gated Community» zur Schule gefahren und wieder abgeholt zu werden. Den Wachmann am Tor mit der Pistole kennt ihr gut, der ist euch wohl vertraut. Und den in der Nachbarschaft sprecht ihr mit Vornamen an, weil er jeden Abend und jede Nacht durch unsere Straßen fährt, um nach dem Rechten zu sehen. Für euch wäre es wohl schwer vorstellbar, dass es Orte in der Stadt gibt, die vor einigen Jahren noch nicht voller Kameras  und die Straßen sauberer, die Menschen sittlicher waren.

Dass es ein altes Europa gab, wo die jungen Mädchen ganz unbeschwert und ohne Begleitung und ohne Pfefferspray abends nach Hause gehen konnten, versteht ihr vielleicht nicht. Und dass es keine zusätzlichen Schlösser an den Türen gab, die Fenster nicht bruchsicher gemacht wurden und das Wort «Silvester» noch Spaß und Party bedeutete, erscheint euch sicherlich ganz und gar befremdlich. Das ist womöglich so, als würde man einem Menschen des frühen 18. Jahrhunderts erzählen, dass die Amerikaner etwa 150 Jahre später einen Mann auf den Mond schießen würden. 

Im alten Europa hatte euer Vater auch noch Freunde, die keine guten Muslime waren, Alkohol tranken und gerne Schweinefleisch aßen. Diese Freunde sind aber jetzt in die USA ausgewandert, weil sie damals schon keine Zukunft für ihre Lebensart sahen und wussten, was hier auf uns zukommen würde. Ihr durftet es nicht mehr kennenlernen – dieses alte Europa.  Ihr habt es nicht mehr sehen dürfen, wie 200.000 Menschen in Berlin ausgiebig feierten, ganz hedonistisch und nackig und liebend, ohne Angst. Ihr kennt sie nicht mehr, die Prozessionen der Kirche, die in den Städten von alters her durch die Straßen über den heißen Pflasterstein spazierten. Die Gebäude mit dem Kreuz auf dem Dach, die noch hier stehen und damals Bedeutung hatten, sind euch wohl ziemlich fremd. Dass es mal im Fernsehen einen «Peter Lustig gab», «Prinz Eisenherz» und «Es war einmal der Mensch», statt bunte Knete zur Massenverblödung der Kinder, wisst ihr auch nicht. Und wie geschockt die Menschen damals waren, als der Begriff «Ehrenmord» das erste Mal auftauchte, bevor er zur Normalität wurde, die man einfach hinnahm.

Ihr wisst auch nichts von den Ritterfesten, den Laternenumzügen zum Sankt Martin und davon, dass auch die türkischen Mädchen sich nicht verschleiern wollten.  Und das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern, von der Stimmung ausgelassener Lebenslust der Menschen, die endlich den Frieden in Europa genießen konnten und etwas vom wachsenden Wohlstand hatten. Dass die Menschen um das Jahr 2005 herum noch sehr positiv in die Zukunft blickten, erscheint euch wohl sehr befremdlich. Euch wurde verwehrt, das Rom von damals zu sehen und seine weißen Dächer, die alten Plätze, bevor sie vermüllt und verslumt wurden. Ihr kennt die Hasenheide in Berlin gar nicht mehr, wie sie früher mal war, bevor sie zum Drogenumschlagplatz und Schieß- und Messerkino Nr. 1 wurde . Oder den Tiergarten, als man noch problemlos abends dort liegen konnte, ohne ausgeraubt oder erschlagen zu werden. Auch nicht wegen einem Handy und fünfzig Euro. Dass Menschen von Islamisten im Wochentakt totgefahren, weggesprengt und enthauptet werden, kennt ihr vermutlich wie das morgendliche Vogelzwitschern nur zu gut. Für uns war es vor 30 Jahren eine beinahe unvorstellbare Fantasie irgendwelcher Unkenrufer. Hätte ich eine Zeitmaschine gehabt, um meinen Eltern im Jahr 1990 zu erzählen, wie das Europa im Jahr 2018 aussehen würde, dann hätten sie mich für völlig verrückt erklärt.

Ihr kennt das alte Europa nicht mehr, hattet keine Chance es kennenzulernen und darin zu leben. Seinen Atem, auch wenn es ein sterbender Hauch, einzuatmen. Ihr habt das Europa der Europäer, wie sie mal waren, nicht mehr sehen dürfen.

Und das tut  alles mir sehr, sehr leid.

Mit etwas Glück aber werdet ihr diesen Brief niemals lesen müssen, weil eure Eltern mitgeholfen haben, dieses alte Europa zu bewahren.

Europa stirbt. Es lebe Europa.


 

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