Home Geschichte Wie die USA im Ersten Weltkrieg zur finanziellen Supermacht wurden

Wie die USA im Ersten Weltkrieg zur finanziellen Supermacht wurden

Das Ende des Ersten Weltkriegs ist fast 100 Jahre her. Heute beherrschen Schuldenberge die internationale Politik. Am Ende des Ersten Weltkrieges türmten sich in Europa gleichfalls gewaltige Schulden auf. Die USA hatten Europa finanziell in der Hand: Waren die Vereinigten Staaten vor dem Krieg noch in Europa verschuldet, hatten sie sich 1918 zum ultimativen Gläubiger bedeutender Staaten gemausert. Großbritannien, Frankreich und andere Länder, die Mitglieder der Entente gewesen waren, standen mächtig bei den USA in der Kreide. Die USA hatten v.a. Großbritannien und Frankreich auf Pump Waffen geliefert. Im Jahr 1923 betrugen diese Kredite für Waffenlieferungen aus Amerika 28 Milliarden Dollar. Letztlich wurden die Schulden bezahlt, und zwar mit Zins und Zinseszins. Für die Vereinigten Staaten war dies ein sehr rentables Geschäft, bei dem nicht nur finanzieller Profit, sondern auch neue weltpolitische Bedeutung heraus sprang.

Es gibt einige interessante Aspekte der Rolle der USA im Ersten Weltkrieg, die im Schulgeschichtsunterricht leider unter den Tisch fallen:

In früheren Kriegen war es Gang und Gäbe gewesen, dass unter Verbündeten Hilfszahlungen flossen, ohne dass diese nach dem Krieg zurückgefordert worden wären, geschweige denn verzinst. Sehr ungewöhnlich war es nun, dass die Vereinigten Staaten der Entente lediglich Kredite gewährten, die Entente aber nicht durch einseitige Zahlungen subventionierten. Dies muss für Frankreich besonders erstaunlich gewesen sein, da Frankreich während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieg den um die Unabhängigkeit kämpfenden Kolonien neben der militärischen Hilfe gegen die Briten auch finanzielle Hilfe gewährt hatte. Eine Rückzahlung dieser Subventionen war nach 1776 nicht verlangt worden. Allerdings war es auch im eigenen Interesse Frankreichs gewesen, daran mitzuwirken, dass dem Erzrivalen Großbritannien diese Kolonien verloren gingen.

Im Ersten Weltkrieg waren die Vereinigten Staaten offiziell weder Mitglied noch Verbündeter der Entente. Sie hatten keine territorialen Interessen in Europa und im Rest der Welt. Sie sind lediglich an der Seite der Entente in den Krieg eingetreten. Während sich Frankreich und Großbritannien die deutschen Kolonien und Frankreich Elsass-Lothringen einverleibten, gab es für die USA keine Gebietsgewinne. Frankreich, Großbritannien und Belgien besetzten Teile Deutschlands nach dem Krieg, aber im Gegensatz zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es damals keine amerikanische Besatzungszone.

Die USA haben im Grunde in den Ersten Weltkrieg eingegriffen, um zu gewährleisten, dass ihre Schuldner Großbritannien und Frankreich ihre Waffenlieferungen bezahlen. Landläufig bekannt ist, dass die USA in Folge der Versenkung der Lusitania im Jahr 1915 durch ein deutsches U-Boot in den Krieg eingetreten sind. Es gibt Indizien dafür, dass die britische Admiralität und der damalige Minister Winston Churchill diese Versenkung provoziert oder in Kauf genommen haben; dies ist aufgrund verschollener bzw. geheim gehaltener Unterlagen leider nicht klar nachzuvollziehen. Auf jeden Fall aber waren die Geldgeber an der Wall Street und die amerikanische Rüstungsindustrie sehr daran interessiert, dass die Entente den Krieg gewinnt, damit sie ihre Kredite und Waffenlieferungen nicht abschreiben mussten. Es bestand allerdings offenbar keine Eile einzugreifen, solange die Entente die Mittelmächte zumindest in Schach halten konnte. Erst 1917, als sowohl die deutschen Truppen als auch die Franzosen und Briten weitgehend abgekämpft und aufgerieben waren, erschienen die Amerikaner taufrisch auf dem Schlachtfeld und hatten vergleichsweise leichtes Spiel.

Der Erste Weltkrieg hatte eine solche ungeheure, bis dahin ungekannte volkswirtschaftliche Dimension, dass außer den Vereinigten Staaten keine Partei finanziell gesehen profitieren konnte; selbst die Sieger mussten draufzahlen. So kam, was kommen musste: Die Mittelmächte verloren den Krieg und in Folge des Versailler Vertrags bürdete die Entente Deutschland unbezahlbare Reparationen auf. Die USA hielten sich vordergründig bedeckt und im Hintergrund die Hände auf. Sie schlossen erst 1921 im Vertrag von Berlin separat Frieden mit Deutschland. Erwartungsgemäß konnte die Entente die Kredite nicht ohne Weiteres bezahlen. Weder Großbritannien noch Frankreich waren in der Lage, die Forderungen der USA aus dem eigenen Haushalt zu zahlen; waren ihre Volkswirtschaften nach dem Krieg doch ausgezehrt und in Frankreich kam noch die physische Zerstörung von Siedlungen, Infrastruktur und Produktionsfaktoren hinzu. Natürlich lag es für sie nahe, ihre Schulden mit den Reparationen Deutschlands zu bezahlen, doch die wirtschaftliche Lage in Deutschland war ja kein bisschen besser. Dennoch hatte Deutschland 60 Milliarden Dollar Reparationen zu leisten. Da nicht genug Geld floss, besetzte Frankreich das Ruhrgebiet im Jahr 1921 und demontierte dort Industriemaschinen. Die wirtschaftliche Notlage zwang die Reichsbank dazu, die Geldmenge auszuweiten, was eine Hyperinflation in Deutschland zur Folge hatte. So ging in den Zwanziger Jahren das bisschen Wohlstand, das nach dem Krieg noch vorhanden gewesen war, verloren. Auch die Weltwirtschaftskrise wurde durch die Verschuldung der großen Staaten mitverursacht. Es ist kein Wunder, dass diese Umstände eine revisionistische Stimmung im deutschen Volke begünstigten, was der extremen Rechten und der extremen Linken Aufwind verschaffte. Das frühe Ende der Weimarer Republik und das daran anschließende Kapitel deutscher Geschichte sind somit durch die Finanzpolitik der USA im Krieg und die von Deutschland verlangten Reparationen katalysiert worden. Erst im Jahr 2010 wurden die Reparationsforderungen aus dem Ersten Weltkrieg endgültig beglichen.

Der Erste Weltkrieg war nicht nur für die Mittelmächte ein Debakel, sondern in gewisser Weise auch für die Großmächte Frankreich und Großbritannien; dem militärischen Sieg und allen kolonialen Gewinnen zum Trotz. Die alte Supermacht Großbritannien war von den USA vorgeführt worden, da es auf ihre eigene ehemalige Kolonie angewiesen gewesen war, um diesen Krieg gewinnen zu können. Vermutlich hat die Schwächung Frankreichs – neben gravierenden strategischen Fehlern – u.a. dazu geführt, dass sich Frankreich den deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg rasch geschlagen geben musste. Hatten die Vereinigten Staaten in Amerika bislang eine recht abgeschiedene Rolle gespielt und waren hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt gewesen, hielten sie nun nach dem Krieg wichtige Fäden der Weltfinanzen in den Händen. Insofern haben alle Großmächte des alten Europas des 19. Jahrhunderts durch den Ersten Weltkrieg verloren und der alte Kontinent hatte unwiederbringlich gegenüber Amerika an Bedeutung verloren. Dies war eine wichtige Voraussetzung für die geopolitisch dominante Rolle, die die Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg gespielt haben und bis heute spielen.

Quellen:

Michael Hudson: Finanzimperialismus. Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus. Klett-Cotta, Stuttgart, 2017.
G. Edward Griffin: Die Kreatur von Jekyll Island. Die US-Notenbank Federal Reserve. Kopp Verlag, Rottenburg, 2006.
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/erster-weltkrieg-deutschland-begleicht-letzte-schulden-a-720672.html


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