Home Gesellschaft Das kleine Dorf auf dem Land: “Hier kann uns doch nichts passieren!”

Das kleine Dorf auf dem Land: “Hier kann uns doch nichts passieren!”

Das kleine Dorf auf dem Land: “Hier kann uns doch nichts passieren!”

Maria saß mit ihrem Hund in der Sonne eines sommerlich warmen Nachmittags. Der Juni war gekommen und hatte den letzten Atem des Winters, der noch in den Nächten nachhing, verjagt. Mittlerweile hatte sie sich an die Stille und Einsamkeit hier im Dorf gewöhnt, obwohl sie doch als Stadtmensch geboren wurde. Erst vor zwei Jahren war sie mit ihrem Mann Friedrich ins Dorf hier in Brandenburg gezogen, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt. Hier, so wusste sie, würde sie den Rest ihres Lebens in Frieden verbringen können.

Von der Veranda aus betrachtete sie angenehm umspielt von der Sonne ihre Kinder, Mia und Susanna, beide vier Jahre alt, beide Zwillinge und ihr ganzer Stolz. Ihretwegen war sie aus Berlin herausgezogen, damit die Kinder es mal besser haben sollten. «Susanna, nicht so doll schubsen bitte!» rief sie der größeren von beiden Schwestern zu, bevor sie sich neuen Kaffee einschenkte. Hier im Dorf, so wusste sie, würde sie von den Unruhen in der Stadt verschont bleiben.

Friedrich kam heran geschlurft , der leichte Wohlstandsbauch drückte durch den grauen Pullover hindurch auf seinen Gürtel.

Ihr Mann, ein Anwalt, setzte sich neben sie an den Tisch, bediente sich ebenfalls am Kaffee und lächelte. Mit 45 hatte ihn der Stress und das Karriereleben frühzeitig altern lassen. Das Blond seiner Haare war schnell grau geworden. Aber sie liebte ihn  für seine ruhige Art, auch wenn es nicht immer einfach war. Früher in ihrem Leben hatte sie andere Männer bevorzugt, die stürmischer und unzähmbarer waren. Jetzt hatte sie sich jedoch mit diesem Leben arrangiert. Friedrich nahm eine Zeitung hervor, schlug sie vor sich auf und seufzte. Nach wenigen Sekunden legte er sie wieder entnervt weg.


«Nur schlechte Nachrichten.» Seine Worte klangen so bitter, wie der Kaffee schmeckte. Seit den Unruhen hatte er keine Kunden mehr, konnte seiner Arbeit in der Stadt nicht nachgehen. Die Kanzlei in Berlin Mitte war während einer Demonstration irgendwie ins Kreuzfeuer der Parteien geraten und zusammen mit einem Supermarkt und einer Drogerie in Brand gesteckt worden. Die Versicherung meldete sich nicht. Auch auf Anrufe reagierte man bei Sichert & Söhne nicht mehr und Maria vermutete, dass sich die Inhaber ins Ausland abgesetzt hatten. Vielleicht, so dachte sie kurz, hätten sie das auch tun sollen. Aber Friedrich hatte lange für das Haus im Dorf gespart, hatte es vor vier Jahren renovieren lassen. Käufer fand man nicht in diesen Zeiten und so kam es eben, dass sie hierher gezogen waren. Charlottenburg, wo sie früher gewohnt hatten, war nicht mehr sicher.

Sie las die obere Schlagzeile der Zeitung: 08. Juni 2045: «Loyalisten ergeben sich in Spandau, ISD-Kämpfer stürmen Rathaus.»

Friedrich, immer aufmerksam, bemerkte ihren Blick. «Das ist weit weg Schatz. Hier kann uns nichts passieren. Berlin …»

«Ist eben Berlin. Ein Fall für sich, sagst du immer.» Maria nickte, versteckte ihre Sorge ob dieser Entwicklung jedoch, indem sie einen tiefen Schluck aus dem Kaffeebecher nahm. Die Hitze ließ kleine Schweißperlen an ihrer Stirn herabsinken.  Berlin war anders! Eben die Großstadt. Hier war alles noch in Ordnung, hier auf dem Dorf. Die Töchter gingen in einen christlich-evangelischen Kindergarten, obwohl Maria selber zwar getauft, aber seit ihrer Schulzeit nicht mehr gläubig war. Aber so war das eben hier.  Dreihundert Menschen lebten in dem kleinen Ort hinter dem Wald, nah an einem See. Das Dorf war abgelegen, kaum bekannt und hier gab es nicht viel zu holen, glaubte sie zumindest.

Von den Plünderungen in den Städten hatte sie natürlich gehört. Das ging schon seit mehrere Jahren so und fing an, als die ersten Unruhen in Duisburg und Essen ausbrachen. Andere Städte folgten, die Polizei kollabierte, die Armee war nicht in der Lage die Unruhen zu verhindern und beschränkte sich nur darauf ihre eigenen Kasernen zu schützen. Dann, vor etwa zwei Jahren, explodierte eine Bombe unter dem Wagen des amtierenden Bürgermeisters von Berlin. Danach? Chaos. Sie räumte damals  alle ihre Sachen im Büro zusammen und fuhr sofort hierher, wie es ausgemacht war. Die Kinder waren vor ihr da, wurden von den Großeltern abgeholt. Man hatte sich abgesprochen was man tun würde, wenn so ein Fall eintritt. Binnen einer Stunde war dann der Ausnahmezustand verhängt worden, die Polizei von Berlin ging gegen gigantische Mobs vor, die ganze Straßenzüge in Schlachtfelder verwandelten. Sie fuhr mit hohem Tempo durch die Stadt, sah brennende Autos am Straßenrand, Motorradfahrer mit abgerissenen Gliedmaßen im Rinnstein. Ansonsten? Totenstille. An jenem Tag war es erstaunlich ruhig geblieben, weil die meisten Menschen in den eigenen vier Wänden blieben oder aber die Stadt verließen, genau wie sie. Nur hier und dort kämpfte die Polizei in der Innenstadt.

Seither hörte man viel sich widersprechendes aus Berlin, viele chaotische Meldungen, die kaum Sinn ergaben. Kämpfe, UN-Truppen, Milizen – alles ging durcheinander. Friedrich hatte sie vor ein paar Monaten zur Universität Potsdam gefahren, um dort vielleicht eine Stelle zu finden. Geld spielte immer noch eine Rolle. Aber als sie ankamen war die Tür des Personalbüros aufgebrochen, die Angestellten lagen tot in ihrem Blut. Noch vor wenigen Stunden hatte sie mit Frau Peters telefoniert und einen Termin vereinbart. Potsdam, so rief  ein vorbeifahrender Mann ihnen im Auto zu, sei «an den ISD gefallen!». Die christdemokratische Regierung hatte die Stadt kampflos aufgegeben unter der Bedingung, dass man sie schonen würde. Niemand wusste was aus ihnen wurde. Plünderer und Milizen aller Farben und Loyalitäten hatten sich der Stadt bemächtigt.

Deshalb war Maria ja so froh, wenn sie über die Felder des Dorfes blickte und nur selten ein paar Autos vorbeiziehen sah. Niemand machte sich die Mühe dieser kleinen Ortschaft einen zweiten Blick zu schenken. Das war schon so, seit sie hergezogen waren. Hier waren sie isoliert und sicher. Berlin war weit weg. Manchmal reflektierte sie zurück auf ihre Jugend und dachte daran, ob man nicht etwas hätte anders machen sollen. Ob man das hier nicht hätte kommen sehen sollen? Aber derlei Gedanken führten bei ihr zu nichts. Sie hatte sich erst für Politik interessiert, als die Politik ihr die Wohnungstür drohte einzurennen. Sie nahm noch einen weiteren Schluck von dem lauwarmen Gebräu.

Kurz bevor der Kaffee kalt wurde, erschien ihr etwas am Horizont. Gegen die sinkende Sonne zeichneten sich heftige Staubwolken ab,  die sich wie ein brauner Lindwurm durch die märkische Sandbüchse bewegten. «Was ist das?» Ihre eigene Stimme kam ihr seltsam entfremdet vor. Friedrich schüttelte den Kopf. «Ich weiß es nicht, aber sieht aus wie…Fahrzeuge?»

Es waren Fahrzeuge. Weiße Toyota Pickups, die mit Maschinengewehren beladen waren und etliche maskierte Männer mit Waffen auf den Ladeflächen trugen. Beim Anblick der rollenden Kolonne fuhr ihr das Blut aus den Adern und sie fühlte, wie ihre zittrigen Hände die Kaffeetasse in einem Anfall von Panik fallen ließen. «Friedrich – » Ihre Stimme war ein heiseres Krächzen. Ihr Mann, geistesgegenwärtig, hatte längst den Tisch verlassen und die Kinder von der Spielwiese genommen.

Dann waren sie auch schon heran, stießen durch die breite Dorfstraße zur Mitte der Ortschaft hindurch. Keiner hielt sie auf. Nur die verängstigte  Gesichter völlig verstörter und verängstigter Nachbarn zeigten sich an den Fenstern, ehe auch schon die ersten Männer von der Ladefläche sprangen und wild einige Schüsse in die Luft abgaben. Sie sprachen alle Sprachen der Welt. Deutsch, gebrochenes Englisch, Russisch und sogar Arabisch.

Maria fühlte, wie sich ihr Mann neben sie stellte und so sie und die Kinder mit seinem Körper schützte. Mehr war nicht zu machen, ehe die bewaffneten Männer sie auch schon im Garten stehend entdeckt hatten. Einer, ausgerüstet mit einer Kalaschnikow, sprach zuerst. Seine wulstige Stirn wirkte übergroß und deformiert unter der schwarzen Sturmhaube. «To the Church! Zur Kirche!» herrschte er die Familie an und machte eine auffordernde Bewegung mit der Waffe. Das Gleiche spielte sich überall im Dorf ab. Dutzende Maskierte trieben die Bewohner zur Kirche in der Dorfmitte, bewacht von nur zwei Männern, während die anderen sich Zugang zu den Häusern verschafften, Türen aufbrachen und Fenster einschlugen. Dann begann auch schon das große Plündern.

«Mami!» hörte sie eine Kinderstimme sagen. Dann verstummten alle panischen Rufe der Dorfbewohner abrupt, als einer der Maskierten wieder mehrfach in die Luft schoss. Maria zuckte jedes Mal zusammen, wenn ein Geschossknall die Luft erfüllte. Sie hatte in den letzten Jahren öfter Schüsse hören müssen, aber nie aus nächster Nähe. «Ganz ruhig Schatz, alles wird gut», flüsterte ihr Mann ihr zu, nahm ihre Hand und hielt die Kinder mit dem anderem Arm fest an seinen Körper gedrückt. Seine Stimme klang nicht ganz so entschlossen und überzeugt, wie sie sich das gewünscht hätte.

«Hands up!» befahl er in gebrochenem Englisch. «Alle, Geld auf Boden! Jetzt!» fuhr er in undefinierbarem Akzent fort, begleitet vom Rascheln und Klimpern des von ihm verlangten Geldes, als die versammelten und verschreckten Dörfler ihre Geldbörsen auf den Boden legten. «Wer seid ihr? Was wollt ihr von uns?» brachte ein älterer Herr hervor, der zu den Alteingesessenen im Dorf gehörte und der einzige Dorfpolizist war. Er gestikulierte mit der Hand über die Dächer der Häuser. «Hier gibt es doch nichts zu holen! Nothing to steal for you bandits!»

«We are not bandits!» rief eine Stimme vom Fahrersitz eines Toyota. Die Tür ging auf, ein Mann trat hervor, der die Körpersprache eines Kommandanten hatte und sich direkt vor die versammelte Dorfgemeinschaft stellte. In seiner rechten Hand hielt er eine Pistole, in der linken eine qualmende Zigarette. «Wir sind die Armee der göttlichen Erlösung, keine Banditen.» Sein Deutsch war ausgezeichnet, die olivfarbenen Hände führten die Kippe zum Mund, welcher der einzige Part seines Gesichtes war, der nicht von einer Sturmhaube verdeckt war.  Er inhalierte lange und genüsslich, atmete langsam aus und schnippte die Zigarette dann gegen die Brust des alten Mannes, der zuerst gesprochen hatte. Dann knallte es auch schon – BANG, BANG. Marias Ohren klingelten vor Schmerzen und Pulverdampf stieg ihr in die Nase. Sie merkte gar nicht, dass ihr Mann sie von der Szene abgewandt und zusammen mit den Kindern hinter sich geschoben hatte. Aber auch von hier sah sie die zuckende Hand des Polizisten außer Dienst, dessen Blut sich in einer Pfütze der maroden Straße sammelte, Blasen schlug und wolkenähnliche Formen im Wasser entstehen ließ.

Danach ging alles sehr schnell.

Kolben gingen zwischen sie, Schläge fuhren auf ihren Körper und die der anderen nieder. Sie fühlte noch, wie ein Schlag ihr Handgelenk brach und sie zum Schreien brachte, was in dem Chaos nicht mehr zu hören war, selbst für sie nicht, weil Dutzende Menschen aufschrien und panisch um Gnade flehten. Einige trieb man in die Kirche hinein, andere, vor allem die Männer, wurden von ihren Familien getrennt. Als sie die festen Hände ihres Mannes auf ihrer Schulter spürte und wie sie dann langsam losließen, fortgerissen wurden unter dem Gebrüll der Milizen, wusste sie, dass dies wohl Abschied für immer war.

Nach über 30 Jahren ohne Glauben erwischte sie sich heute dabei, wie sie ein Stoßgebet gen Himmel richtete.


Anmerkungen zum Text:

Ich halte es für grundlegend naiv zu glauben, dass die Sicherheit und den Frieden, die wir für selbstverständlich halten, ewig andauert. Vor allem wenn nichts dafür getan wird, um selbigen Frieden und selbige Sicherheit weiter zu gewährleisten. Die Ukraine, Syrien und der Irak sind nicht so weit weg, wie man denken mag. Wer glaubt, dass er den Problemen unserer Zeit auf ewig davonlaufen kann, irrt womöglich. Auch die letzten Komfortzonen schmelzen dahin, wie Butter in der Sonne, wenn die Temperatur nur etwas weiter ansteigt. Die Sicherheit in Europa ist ein Privileg, geschützt von der dünnen blauen und grünen Linie und angewiesen auf kluge Politik.

Die Geschichte ist inspiriert von den vielen Überfällen auf christliche Dörfer in Syrien, dem Irak, Nigeria, aber auch von den Vorfällen in der Ukraine, die nicht weit von hier ist. Viele die sich auf dem Land und abseits der Städte in Sicherheit gewogen haben, wurden eines Besseren belehrt, als maskierte und bewaffnete Männer innerhalb weniger Autostunden gerade die ländlichen Regionen heimgesucht haben, die nur spärlich von der Polizei bestreift werden. Motiviert durch religiösen/politischen Extremismus oder einfach nur Gier nahmen sie sich dort alles, töteten viele und hinterließen nur Schutt und Asche.  Zu glauben, man sei von dem Rad der Geschichte völlig ausgenommen, ist ein Irrtum.

Historiker David Engels: “Wir haben keine Chance, einen Bürgerkrieg zu vermeiden”

http://www.huffingtonpost.de/2017/02/01/david-engels-buergerkrieg_n_14546506.html

 

Titelbild: Pixabay


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