Home Gesellschaft Berlin 24/7 – März 2018 Teil II – “Einen Macha-Latte bitte!” und “Don’t follow me, I am lost too”

Berlin 24/7 – März 2018 Teil II – “Einen Macha-Latte bitte!” und “Don’t follow me, I am lost too”

Ein kleines Tagebuch für Berlin, wo ich erzählerisch und rückblickend zusammenfasse, was mir so im Alltag hier passiert, wenn es  subjektive Relevanz für das Politische und Gesellschaftliche hat. Da diese leicht autobiographischen Texte von den Klickzahlen immer recht gut angekommen sind, habe ich mich entschlossen das zur Regelmäßigkeit zu machen und extra dafür Notizen zu führen. Mehr Unterhaltung, als fundierter Sachartikel.

 

Mitte und Ende März ohne chronologische Reihenfolge:

Da stehe ich also, kurz vor dem Bundeswehr-Laden an der Friedrichstraße und verstaue meine im Kiosk erworbene Ausgabe von Tichys Einblick in meiner Tasche. Die Ausgabe in diesem Monat beschäftigt sich mit Douglas Murrays «Buch The Strange Death of Europe», welches wir auf dem Blog bereits vor einigen Monaten besprochen haben. Tichy verlegt das Buch des britischen Autors in deutscher Sprache, übersetzte den Titel jedoch mit «der Selbstmord Europas», was ich etwas schade finde, weil Murray explizit darauf eingeht, warum er den Suizid Europas als seltsam empfindet. Das «strange(seltsam)» hat in seinem Titel eine bewusst gewählte Bedeutung gehabt, die in der Übersetzung verschwunden ist. Daher empfehle ich allen Lesern sich lieber das Original zu holen, wenn man des Englischen mächtig ist.

Ich nehme mein Handy zur Hand, googel den Weg zu meinem Verabredungsort und gebe dem vor mir stehendem Bettler ein paar Cents, bevor ich aufbreche. Der Vormittag an der Berliner Friedrichstraße ist bereits hektisch genug und mir kommen allerhand Touristen und junge Mädchen entgegen, die mit ihren Handtaschen an mir vorbeiziehen. Viele ähneln einander optisch mit ihren blonden «Buns» , hellblauen Jeans und weißen Sneakers – einige auch mit Nasenring. Eine kleine Armee dieser jungen Mädchen türmt sich vor dem Starbucks gegenüber vom Rossmann, wo man locker vier Euro für seinen Latte bezahlen kann.

 

In einem hippen Café mitten auf dieser endlosen Einkaufsstraße halte ich kurz, gehe hinein und nehme mir einen Coffee-To-Go für knapp zwei Euro mit. Der junge Mann direkt vor mir bestellt einen «Macha-Latte» und erfüllt das Klischee des deutschen Super-Bobos mit eng anliegender roter Chino-Hose, Baumwollpullover und dünner Überziehjacke. Die Haare des Burschen, der etwa mein Alter haben könnte, sind zu eng am Kopf anliegenden Dreadlocks geformt und er trägt einen Laptop unter dem Arm. Diese extrem dünnen Beine bei Männern wirken auf mich immer widernatürlich, beinahe schon alienhaft.

Aber ich bin hier wahrscheinlich selbst eine eigenartige Gestalt inmitten der Besserverdiener und Noch-Bessermenschen, die im Laden nebenan 80 Euro für eine Flasche Gin ausgeben können. Am Gendarmenmarkt, direkt vor dem Hilton Hotel, hatte ich als Jugendlicher bereits eine mir die Augen öffnende Erfahrung gemacht, als ich bei winterlichen Temperaturen am Abend vor dem Hilton stand und mir ansehen durfte, wie die Besser-Society so lebt. Eine wunderschöne Dame hatte damals mit einem Abendkleid, offener Rücken und alles, dort gestanden und sich von ihrem Begleiter betaschten lassen.  Vor dem Hotel liegt auch heute noch der rote Teppich. Wenn wir mal ganz ehrlich miteinander sein wollen, dann kann ich schon nachvollziehen, warum die wirklich Wohlhabenden im Westen keinerlei Probleme mit Multikulturalismus, Zuwanderung und Islamismus haben. Wer wirklich Geld hat, kann überall leben und sich immer in seine Komfortzone zurückziehen. Ihn kümmert es nicht, was in Brennpunktschulen abgeht, was in Weddinger Hinterhof-Moscheen gepredigt und vorbereitet wird. Was scheren ihn die offenen Grenzen, wenn das eigene Grundstück mit Elektrozaun und Sicherheitsdienst von jeglichen Problemen im Notfall abgeschirmt werden kann? Wenn der Bessermensch mal mit dem Ghetto/Kiez in Kontakt kommt, dann wenn er mit dem Auto durch die Innenstadt fährt. «Schön bunt, toll», denkt er sich vielleicht dann und steigt vor seiner Kanzlei wieder aus.  Deutsche Bundesbürger! Und das Bundesbürger meine ich hier mal negativ. Diese dekadente Spaßgesellschaft gefiel mir noch nie, obwohl ich wirklich kein Sozialist bin. Aber wenn ich die ganzen Männer und Frauen mittleren Alters sehe, die hier dem Dämon Mammon ihre Scheine in den Schlund stopfen und mit schweren Klunckern und Goldketten behangen die Friedrichstraße herunterrollen, kriege ich wirklich Hammer & und Sichel Augen. Ich glaube, dass zu viel Wohlstand die Menschen schwach, dumm und feige macht.

 

9:42 Uhr am Morgen, Leipziger Straße. Ein Bundeswehr Krankenwagen, schön neongelb, rast an mir vorbei. Hier endet die schöne Einkaufsecke und gibt den Blick frei zum Berliner Osten – blaugraue Betonklötze soweit das Auge reicht. In einem davon hatte ich mal eine Bekannte, die ich abends öfter besuchen konnte. Und nicht unweit von hier in der Kochstraße arbeitete mal eine Freundin von mir, die ich dort häufig von der Arbeit abholte.  Das war noch im Sommer 2016, wenn ich mich nicht ganz irre. Ein ganz verschlafenes und eher langweiliges Mädchen, das nicht weiß was es denken soll und sich politisch nie wirklich festlegen konnte. Aber sie kam aus dem Brandenburger Speckgürtel um Berlin herum, quasi vom Lande bzw. aus der Kleinstadt und fand es dementsprechend sehr aufregend in der Großstadt zu leben. Multikulti schön! Multikulti aufregend! Später hockte sie dann sogar auf dem «Womens March», setzte sich eine pinke Pussy-Mütze auf den Kopf und stand wohl mehr oder minder deplatziert inmitten der ganzen gestörten Neo-Feministinnen.

Ich habe womöglich einen schlechten Frauengeschmack, wie mir einige Freunde immer mal wieder sagen und nicht müde werden es zu wiederholen.

 

Deutscher Dom, französischer Dom und Konzerthaus! Am Gendarmenmarkt halte ich auf dem Rückweg kurz inne und inhaliere die kühle Luft auf diesem historischen Platz.  Hier wurden die Märzgefallenen der deutschen Revolution vom März 1848 aufgebahrt. Hier lagen sie tot und kalt für ein geeintes und freies Deutschland, welches ihrer hoffentlich immer gedenken wird. Dass die wenigen Touristen sich dieser Geschichtsfetzen bewusst sind, kann angezweifelt werden.

 

Auf dem Rückweg zum Bahnhof Friedrichstraße beobachte ich im Vorbeigehen einen großen Typ, wahrscheinlich südländisch/anatolisch, der locker 1,90 groß sein dürfte. Beim ersten Hinsehen nahm ich noch an, dass er gut gekleidet sei. Das stellt sich jedoch als Irrtum heraus, als ich an ihm vorbeiziehe. Er trägt ein schlecht passendes weißes Hemd, völlig zerknittert, unter einem schwarzen Wollmantel. Vor ihm steht ein Mädel, dass ihm offensichtlich gerade ihre Handynummer in sein Handy eintippt und es ihm zurückgibt. Dann bin ich auch schon an der Ampel und habe die beiden Turteltäubchen hinter mir gelassen. Im Grunde hab ich ihn schon wieder vergessen. Aber besagter Riese steht plötzlich neben mir an der roten Ampel und ich werfe ganz erstaunt einen Blick auf seine Füße.

Die Schuhe sind es, die mir in Erinnerung bleiben.

BW-Fuhrpark steht in goldener Schrift auf dem abgewetzten Leder, schwarze Halbschuhe, eckig und sehr unmodisch. Warum eigentlich Bundeswehr-Fuhrpark? Die Frage bleibt mir noch eine Weile im Hinterkopf hängen, als der junge und durchaus gutaussehende Anatolier vor mir weg in einem guten Tempo Richtung Bahnhof läuft.

 

Eine Weile später sitze ich mit einem guten Freund im Vapiano, mal wieder. Wir trinken unser Bierchen, reden über den neuen Tichy, über Politik und den Zustand der Armee, der wir beide noch verbunden sind. Er wesentlich mehr als ich.  Mir fällt auf, dass wirklich ausnahmslos jeder Mitarbeiter im Vapiano einen Migrationshintergrund zu haben scheint. Die Köche sind bis auf eine Ausnahme alle dunkelhäutige Afrikaner oder Orientale, während an der Bar eine Frau steht, die nicht versteht, was ein «Weizenbier» ist und mir dementsprechend nicht helfen kann.  Die Restaurantchefin ist dem Anschein nach die einzige Deutsche im Dienst, die hin und wieder an den Arbeitsstationen vorbeigeht und ein Auge auf die Mitarbeiter wirft.  Die Kundschaft ist fast ausnahmslos weiß, europäisch oder irgendwie touristisch und wird von Migranten bedient – eine amüsante Tatsache. Da ist es doch, das deutsche Jobwunder! Einwanderung in den Niedriglohnsektor. Hauptsache das Kindermädchen ist billig importiert aus Osteuropa, der Hausmeister kommt aus Nigeria und die Bedienung im Restaurant spricht Deutsch mit Akzent.  Brave New World.  Das sei dann Multikulti und das sei schön bunt. Wo ist denn hier die Parallelgesellschaft, von der die böse AfD und ein paar Hetzer aus dem Dunst von Dunkeldeutschland warnen? Hier ist doch alles fein!

Mein Freund zeigt sich deprimierter als sonst, was wohl dem Alter geschuldet ist. Ein guter Konservativer ist Pessimist, sagt man ja so schön unter Konservativen. Der Pessismus steht uns gut, heben wir uns doch deshalb von den Utopisten ab, die der Ansicht sind, dass alles nur besser, schöner, bunter und moderner wird. Nur noch wenige Meter, dann hätten wir das Paradies endlich erreicht! Nur noch ein paar plattgefahrene Mädchen in Spanien oder Stockholm, nur noch eine Handvoll abgeschlachtete Teenager in Konzerthallen und wir haben sie, die Utopie! Alles wird gut und wir schlafwandeln in Richtung Sieg, singen «We are the World» und zeigen Farbe gegen «Hass».  Glaubt ihr, dass ich übertreibe? Leider nein. Alan Posener von der Welt beschrieb es mal so, dass diese paar Rückschläge den multikulturellen Endsieg in seinem Lauf nicht aufhalten können. Er drückte sich natürlich liberaler und humaner aus, meinte aber genau das. Oder wie ein gewisser Yascha Mounk mal sagte:

 

„Wir wagen hier ein historisch einzigartiges Experiment und zwar eine monoethnische, monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln […] Dabei kommt es natürlich auch zu vielen Verwerfungen“

 

«Wir werden gewinnen», sage ich und meinte damit nur, dass wir Recht behalten werden mit unseren Unkenrufen und alles in einer Katastrophe endet, aus der man dann vielleicht etwas Neues schmieden kann. Mein Kamerad schüttelt den Kopf und etwas beneide ich ihn schon, dass er zumindest ins osteuropäische Ausland problemlos auswandern könnte, weil er dort Familie hat. Weglaufen? Das Thema schneiden wir kurz an. «Ich habe mich für dieses Land entschieden, damals. Und dazu stehe ich bis zum Ende», sagt mir mein Freund, der übrigens amerikanischer Volksdeutscher ist und sich in jungen Jahren für die Rückkehr ins Land seiner Vorfahren entschieden hat. Ein guter Mann – wir stoßen an und ich trinke schnell aus, weil ich es eilig habe. Wie meistens.

Köpenick bei Nacht

Mir fällt immer wieder auf, wie viel von der Stadt ich schon aus unterschiedlichen Schlafzimmern gesehen habe. In meinem Leben kam ich doch schon viel herum in Berlin. Immer mal wieder komme ich an Straßen oder Häusern vorbei, die ich mal besucht habe oder in denen ich mal mit jemandem spazierte oder den Supermarkt besuchte. Über drei Millionen Menschen zusammengepfercht in einer Stadt mit großer Flächenausdehnung, Hauptstadt einer Republik von ca 81 Millionen Menschen in einem Europa von über 500 Millionen und einer Welt von 7 Milliarden. Das eigene Leben erscheint einem da doch ziemlich klein und unbedeutend. Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, der da heißt «was wäre wenn?»

Was wäre wenn man selber ein anderes Leben gelebt hätte, an anderer Stelle links oder rechts abgebogen wäre? Eine andere Partnerin, anderen Job oder andere Stadt gewählt hätte?

Ich laufe entlang der Straße zur Paketstation in Köpenick und sehe im Vorbeigehen ein junges Mädchen im ersten Stock eines Hauses stehen. Sie wäscht gerade ab, das dunkle Tank-Top entblößt ihre recht breiten Schultern und die braunen Haare trägt sie zusammengesteckt. Sie erinnert mich an eine Ex-Freundin, die ihr von der Figur ähnlich sah. Schlankes und hübsches Gesicht, sportlicher Körper mit breiten Schultern. Und da war noch eine andere, eine Schwimmerin, die ebenfalls fit war und durch das ganze Brustschwimmen relativ muskulöse Arme und Schultern bekommen hatte. Das Mädel hatte ein hübscheres Sixpack als ich und war doch weiblich, wenn auch hart an der Grenze zu dem, was ich noch hübsch finde.

 

Jeder Mensch in dieser verfluchten Stadt hat sein eigenes Leben, auf welches man selber keine Einsicht und keinen Zugriff hat. Ich erwische mich häufiger dabei, wie ich an die vielen Freunde und Freundinnen zurückdenke, die Teil meiner Vergangenheit sind und ich frage mich dann wie es ihnen wohl geht, ob sie glücklich sind oder was ihnen wohl in den letzten Jahren wiederfahren ist. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich auch fast immer an das eine Mädel, das mir heulend die Freundschaft und auch die körperliche Nähe aufkündigte, weil ich in der «bösen Partei» war und sie gewählt hatte.  Heute wohnt sie  in Leipzig in diesem linken Bahnhofskiez. Ich glaube das Aufwachen wird für sie schlimmer als damals für mich.

 

https://younggerman.com/index.php/2016/12/29/mein-verlorenes-deutschland/

Seltsam, wenn ich plötzlich einer alten Freundin gegenüberstehe, die mir ins Gesicht sagt, dass ich ein Monster bin und sie nichts mehr mit mir zu tun haben will, weil ich die AfD gewählt hab. Sie schrie und weinte und wir haben nie wieder miteinander gesprochen. Und dann denke ich an die fast 15 Jahre zurück, die wir einander kannten und vertrauten und mochten. Alles vorbei und scheinbar vergessen. Man kennt sich nicht mehr, obwohl man Händchen im Sommergras hielt und nachts sich Geheimnisse unter einem Sternenhimmel erzählte.

Ironie, weil meine Einstellung und meine politische Aktivität ja gerade dazu dienen, Menschen wie sie zu schützen. Damit sie nicht irgendwann tot in der Gosse liegt. Über das »ich hab es dir doch gesagt« kann ich mich dann ausnahmsweise nicht freuen. Vielleicht empfindet ja der ein oder andere Leser hier ähnlich.

In diesem Sinne: Es war ne geile Zeit.

https://www.youtube.com/watch?v=KyMT8MDaxqo

Habe ich mal erwähnt, dass ich wahrscheinlich einen schlechten Frauengeschmackhabe? Zumindest was politische Kompatiblität angeht.   Aber Berlin hat hinsichtlich dieser Problematik wohl seine eigenen Regeln.

 

In der S-Bahn am Nachmittag in Richtung Osten sitze ich einer Frau gegenüber, die womöglich so um die 45 Jahre alt sein dürfte. Ihre Haare sind rot gefärbt, mit grünen Spitzen und einigen Spritzern Blau und Gelb mittendrin. Sie trägt keinen Ehering und als ich hinunter auf ihre Füße schaue, musste ich einfach ein Foto machen. Ganz heimlich, während ich Musik hörte. Da stand doch wirklich auf ihren Schuhen: «Don’t follow me! I am lost too!»

Folge mir nicht – ich habe mich auch verirrt. Das glaube ich ihr sogar sofort. Man sucht sich solche Schuhe nicht einfach so aus! Das ist ein persönliches Statement über ihren Seelenzustand. Sie ist eine Verlorene, wie ganz viele Menschen im Land dieser Zeit.

 

 



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