Home Militär Nicht mehr, sondern weniger Auslandseinsätze der Bundeswehr – ein Gastbeitrag

Nicht mehr, sondern weniger Auslandseinsätze der Bundeswehr – ein Gastbeitrag

Nicht mehr, sondern weniger Auslandseinsätze der Bundeswehr – ein Gastbeitrag

Gastbeitrag: von Till B. , OL bei der Truppe

 

Frau Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen äußerte sich vor der Presse mit ihrem Plan, die Auslandseinsätze unserer Bundeswehr auszuweiten, auch auf den ganzen Irak. Für diejenigen in der Truppe, die seit zehn Jahren und mehr mit der fast schon sozialistischen Planwirtschaft der Armee zurechtkommen müssen und mit allen menschenmöglichen Mitteln versuchen den Grundbetrieb zu gewährleisten, ist eine solche Äußerung nicht logisch erfassbar und schon gar nicht nachvollziehbar. Wie kommt Frau Ministerin auf die Idee, die Bundeswehr könne neben Operation Inherent Resolve im Irak, Resolute Support in Afghanistan,  EUTM & MINUSMA in Mali, KFOR im Kosovo, SEA Guardian im Mittelmeer und einem gefühlten halben Dutzend weiterer Einsätze noch eine zusätzliche Belastung gebrauchen? Ich kann das ehrlich gesagt nicht verstehen und denke, dass Frau Ministerin die Missstände innerhalb der Truppe, vor allem was Belastung einzelner Truppenteile angeht, nicht sehen will oder kann.

Während einige Einheiten der Bundeswehr nur sehr selten im Auslandseinsatz sind, gibt es Truppenteile, die von einem Auslandseinsatz zum Nächsten hetzen und mit pyschischen, materiellen und personellen Verschleiß zu kämpfen haben. Erholungsphasen nach bis zu sechs Monaten im Einsatz werden kürzer, die enorme Belastung für die Soldaten stärker, wenn man in drei Jahren auch in drei verschiedenen Einsätzen war oder zum dritten Mal in zwei Jahren in Kunduz steht. Manche würden sagen: «Augen auf bei der Berufswahl!»

Aber dieser Zynismus hilft uns nicht. Der Bundeswehrverband meldete sich nicht umsonst über André Wüstner zu Wort, der sagte, dass man die Truppe «auch auflösen kann», wenn kein Interesse an dem Abstellen der Mängel besteht. Denn die gibt es in Unmengen und sie werden nicht weniger.  Das 2% Ziel, eigentlich eine Norm innerhalb der NATO, werden wir auch in dieser Legislaturperiode nicht erreichen. Was letztendlich nur heißt, dass die Mangelwirtschaft fortgeführt wird und jeder Soldat, der seinen Auftrag ordentlich erfüllen will, auf die Gerissenheit und das Improvisationstalent der eigenen Kompanieführung angewiesen ist. Denn die muss sich bemühen, dass sie durch Komplimente, alte Freundschaften und lange Telefongespräche genau DIE Ausrüstung besorgen kann, welche die Einheit in Hessen benötigt, jedoch nicht hat und sich von einer befreundeten Einheit in Schleswig Holstein borgen muss. Betreffende Einheit im Norden hat jedoch genau das Ausrüstungsteil bereits an eine andere Kompanie abgegeben, die an der Ostflanke der NATO steht. Eine mehrwöchige Odyssee folgt, ehe ein Anteil der benötigen Ausrüstung im Kompaniegebäude liegt.

Die Außenpolitik der Bundesrepublik muss weg vom Prinzip Gießkanne! Statt die Armee über viele Einsatzgebiete zu verteilen, sollte man sich auf ein oder zwei wichtige Missionen verständigen, die dann gut und ernsthaft unterstützt werden. Vor allem durch die Aufstellung einer wehrhafteren NATO im Osten Europas, ist die Belastungsgrenze unserer Streitkräfte mittlerweile überschritten.  Beim Personal spürt man dies deutlich: Einsatzkontingente leiden am Verschleiß und zu starker Beanspruchung, was der Moral zusätzlich schadet und dafür sorgt, dass Soldaten psychisch immer stärker unter Druck stehen. Was die Familie und Freunde im Privatleben eigentlich sein müssten, nämlich sozialer Rückhalt, sollen die Kameraden ersetzen. Aber ein wirklich erfüllendes Leben mit all seinen Wundern gibt es bei der Armee nicht.

Das unendliche kleckern statt klotzen der Bundesregierung beim Thema Auslandseinsatz und Bundeswehr sorgt nur dafür, dass im Kerngebiet der Armee, nämlich der Landesverteidigung, immer weiter an Materie abgebaut wird. Eine Gewährleistung zur Erfüllung des eigentlichen Kernauftrages ist derzeit nicht gegeben. Daran wird sich nichts ändern, wenn nicht endlich der Fokus der Bundeswehr neu gewählt wird und die Armee zu ihren Wurzeln zurückkehrt.

Weniger ist manchmal eben mehr.

 

Foto: Capt. Jerome Ferrin, 30th Medical Brigade


 


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