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Cicero als Vorbild

Cicero als Vorbild

Marcus Tullius Cicero, geboren im Jahr 106 BCE, gestorben 43 BCE, war einer der größten Persönlichkeiten der Römischen Republik. Er war von Beruf Anwalt, übte in der Republik zahlreiche politische Ämter aus, und galt schon zu Lebzeiten als einer der begabtesten Redner. Ich erinnere mich, wie ich auf Youtube dem Vortrag seiner berühmten Rede gegen Catilina auf Deutsch zuhörte. Das war so lebendig, so ergreifend nach 2000 Jahren, als wäre es ein Ereignis von heute gewesen. Von Ciceros Reden und Schriften ist ein sehr großer Teil erhalten, so dass wir uns vom Denken und Wirken des großen Politikers ein umfangreiches Bild machen können. Darunter sind zahlreiche Bücher, wie «De Re Publica» über den Staat, «De Officis» von den Pflichten, «De Oratore» über die Redekunst; dazu viele seiner zahlreichen Reden als Anwalt, in denen er die Verteidigung von Angeklagten übernahm, und schließlich viele private Briefe. Als Lehrmeister der Rhetorik, wie auch als Vorbild lateinischen Sprachstils war sein Andenken schon früh unbestritten.

Cicero lebte in der Spätphase der Römischen Republik. Es ist für viele heute noch immer eine seltsame Vorstellung, dass Rom erst Republik und dann Kaiserreich war. Wir sind es gewohnt hier eine umgekehrte Reihenfolge zu denken, sehen wir doch in der Moderne die Demokratie als die höhere Staatsform an, erfüllt vom Glauben an den Fortschritt meinen wir, es müsse doch immer eine Demokratisierung stattfinden. An Cicero interessant ist für mich nicht nur der Mann allein, sein Tun und seine Reden, sondern das Umfeld, die historische Situation in der er sich bewähren musste, sowie der ganze intellektuelle Korpus, welcher ihn formte.

SEINE ZEIT

Cicero lebte in einer Zeit, da die Republik von dauernden schweren Krisen erschüttert war. Es gab eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich, und die Versuche der Gracchus-Brüder, dies durch Reformen zu milden, war gescheitert. Politisch war Rom tief gespalten zwischen den «linken» Popularen und den «konservativen» Optimaten, wobei Cicero zu den gemäßigten Konservativen gehörte. Er wollte die Gesellschaft vor radikalem Umsturz bewahren, erkannte aber durchaus die Notwendigkeit zu umsichtigen Reformen. Durchsetzen konnte er sich damit letztlich nicht, zu verhärtet waren die Fronten, zu gespalten war die Gesellschaft. Cicero verkörperte das Ideal der Republik wie kein anderer seiner Zeit. Die Republik war die Gesellschaft der freien Rede, der öffentlichen Rede, in der freie Männer oft in Gegenwart des Volkes auf den Rostren, der Redetribüne, mit Argumenten, mit Rede und Gegenrede um die richtige Politik rangen. Die römische Republik war eine Hochzeit der Freiheit in der damaligen Welt. Rom schuf den Rechtsstaat, in dem ein abstraktes, allen verbindliches, gleiches Recht galt, in dem Bürger zu sein, Citoyen, als ehrenvolles und höchstes Gut wertgeschätzt war. Unser ganzes Verständnis von Recht und Staat, unser ganzer Corpus von Staatlichkeit und Legalität wie wir es in der Westlichen Kultur denken, stammt von dieser Zeit.

Aber schon damals geriet die Republik, der demokratische und freiheitliche Gedanke, in die Krise: immer wieder wussten sich sogenannte «starke Männer» an die Spitze zu bringen, teils mit Demagogie, teils mit brutaler Macht. An die Stelle des Rechts trat dann immer wieder die Willkür. Unter der Diktatur Sullas, die Cicero als junger Mann erlebte, wurden politisch Verdächtige ohne jeden Prozess einfach ermordet. Das Recht wurde durch Gewalt außer Kraft gesetzt. Für Cicero, den Anwalt und Philosophen, war dies der ultimative Niedergang, den er schon früh ahnte und voraussah. Er deutete in mehreren Schriften an, der gesellschaftliche Konflikt würde am Ende wohl in die Gewaltherrschaft des Einen münden.

RÖMISCHE STOA

Dagegen kämpfte Cicero mit dem Argument, mit der Rede, und mit der unermüdlichen Veröffentlichung von Schriften. Cicero stand dabei in der römischen Variante der Stoa, einer ursprünglich griechischen Philosophie, welche die Selbstkontrolle der Leidenschaften und das natürliche Leben in innerer Ruhe und Ausrichtung auf ethisches Handeln begründete. Stoa, das ist der Urgrund konservativen politischen Denkens im Abendland. Dabei ist die Stoa niemals übermäßig streng, nie unvernünftig fordernd. Im Kern steht in der Stoa die Selbstbeherrschung, das Zurückhalten der Leidenschaften zugunsten eines Lebens der Pietät und der vernunftgeleiteten Ethik. Wo die griechische Stoa eine sehr starke Neutralität in Fragen der Politik abforderte, da war die römische Stoa pragmatisch und menschlich, wenn man so will. Autoren wie Cicero und später Seneca, betonten das Handeln in Übereinstimmung mit dem eigenen Charakter, die Pflicht des Bürgers, am Leben des Staaten aktiv teilzuhaben, und nicht sich zurück zu ziehen.

Cicero schreibt in seiner ethischen Schrift «De Officis» mehrfach, dass es eitel und billig sei, sich einfach die Seelenruhe damit zu erkaufen, dass man Politik anderen überlässt. Gerade auf diesem schwierigen und mitunter schmutzigen Gebiet der Politik müssen sich kluge Denker bewähren. Cicero war strikt gegen die Philosophie aus dem Elfenbeinturm. Wer behauptet gute Ideen zu haben, der müsse auch daran arbeiten, diese im realen Staatswesen umzusetzen.

Die Stoa lehrt sich zu beherrschen, nicht Sklave der Leidenschaften zu sein, was aber auch keine Selbstkasteiung, keinen Asketismus fordert, sondern ein natürliches Dasein meint. Man soll und darf genießen, aber eben nicht zum Sklaven seiner Gelüste werden. Pietät, Dignitas, ein wohlgefälliges, würdevolles Auftreten, innere Ruhe und Gelassenheit, auch und gerade im Angesicht der Krisen und Katastrophen des Lebens, eine Sittlichkeit die zwar fordert, aber eben nicht knechtet: das sind die Elemente der römischen Stoa, welche auch mich selbst überzeugt haben und für mich zu Leitgedanken geworden sind. Wenn ich heute Cicero, Seneca und Plutarch lese, ihre Worte zum «Guten Leben», zur Ethik und Politik, dann sehe ich würdige und große Geister einer erhabenen Denkrichtung. Cicero verkörpert dies eben darum so herausragend, weil er nicht nur Denker und Autor war, sondern Zeit seines Lebens als Anwalt und Politiker praktisch wirkte. In ihm fließen quasi wie zu einem letzten Aufbäumen der Republik, alle Ideale des freien römischen Bürgers noch einmal zusammen.

HEIDNISCHE ETHIK

Für mich als römischer Heide ist Cicero, sind seine Schriften, auch daher wichtig, weil sie ein beredtes Zeugnis von der geistigen und moralischen Höhe der Menschen vor dem Aufkommen des Christentums darstellen. Lange Zeit prägten die Kirchen das Bild der unmoralischen Vergangenheit, zügelloser und dekadenter Menschen, die ohne die Bibel in einem sündhaften Dunkel gelebt hätten. Diese Diffamierung der Vergangenheit haftet im Bild von Rom immer noch in vielen Köpfen. Heide zu sein, oder besser: Polytheist, das bedeutete damals wie heute keine «wahre Lehre» aus der Religion zu schöpfen, sondern vor allem Orthopraxis, die richtigen Riten, der traditionell überlieferte religiöse Kultus, welche als gemeinsame Sinnstiftung erlebt werden. Das moralisch Gute, die Ethik, wurde daher vollständig auf die Vernunft ausgelagert. Seit Pythagoras und Sokrates war das ethisch Gute das vernünftig Erklärbare, und seit dem Aufkommen des demokratischen Gedankens, war das Richtige und Gute dann auch das, was in der Debatte, im Argument Bestand hatte. Der Gedanke, den Sokrates begann, das Wahre und Rechte in Frage und Diskussion zu ergründen, nicht als einseitige «Offenbarung» oder Befehl eines Machthabers festzusetzen, sondern in Rede und Gegenrede, Argument und Widerlegung das Wahre und das moralisch Richtige zu suchen, das war ein elementarer Bestandteil jener demokratischen Kulturen der Antike. Cicero hielt diese Freiheit der Bürger in der Republik auf diese Weise die eigene Gesellschaft zu leiten, für die größte und wichtigste Errungenschaft der westlichen Zivilisation. Nicht der Befehl der Macht, der Monolog, sollte die Welt beherrschen, sondern das Argument, der Dialog.

Dazu übte Cicero wie viele Politiker und Denker der römischen Republik, die Rede als Kunst, als Fähigkeit zu überzeugen, aber nicht wie die Sophisten, durch blendende Wortspiele, sondern verankert in einem kritischen Geist der Wahrheitssuche, in einer strengen und ethischen Selbstprüfung. Die Res Publica ist das Gemeinwohl, das Wohl aller Bürger. Das unterscheidet die Republik von der bloßen Demokratie, der Macht der Mehrheit. In der Republik wird das Wohl aller erwogen und zum Maßstab gemacht. Patriotismus, das Wohl des Staatswesens und des Volkes, stehen dabei immer als ethische Pflicht im Vordergrund. Für den Römer Cicero war das Wohl aller römischen Bürger, das Wohlleben des ganzen römischen Staates, die oberste Pflicht. Hier ist menschliche, praktische Tugendlehre. Den Bedürftigen zu geben, Mitleid mit den Leidenden zu haben und ihnen zu helfen, Mildtätigkeit auch mit dem Feind zu üben – all das was wir heute christliche Tugenden nennen, war schon in der Stoa vorhanden. Cicero führt es mehrfach aus. Aber es war immer an der Vernunft orientiert, am Maßvollen, Sinnvollen. So kritisiert Cicero solche, die aus Mildtätigkeit, Schwäche zeigten, die dem Übel oft Vorschub leistet, er tadelt maßlose finanzielle Zuwendungen, die am Ende den Staat und die Trägerschichten des Staates selbst ruinieren würden. Den Notleidenden geben, aber nicht so weit, dass man selbst davon Schaden nimmt. Das Helfen dazu verwenden, dass Menschen sich einmal selbst helfen können. Das ist humanistische Ethik mit einem vernünftigen, sittlichen Rahmen.

Wer sich nicht selbst beherrschen kann, kann niemals frei sein.“
– Pythagoras

Ciceros Ethik der römischen Stoa ist die Balance zwischen mitfühlendem Humanismus und sittlicher Strenge, zwischen gemein-nützlichem Engagement für andere, und der meritokratischen Arbeit an der Optimierung der eigenen Fähigkeiten, der eigenen Bildung. Die Besten sollten vorankommen, aber ihr Handeln sei zum Wohle der Bürgergemeinschaft, und nicht bloßer Eigennutz. Cicero war ein Homo Novus, ein Aufsteiger, der durch eigenen Fleiß, eigene Leistung und Bildung in die höchsten Staatsämter aufstieg. Er steht so für eine Gesellschaft, in der Fähige es zu etwas bringen können, in der aber zugleich auch den Niedersten Achtung und Unterstützung entgegen gebracht wird. Die römische Republik funktionierte so lange, wie diese Balance von herausragenden Individuen und Gemeinnutz bestand. Erst die Habgier der Wenigen und der Vorrang der Partikularinteressen haben dieses Gleichgewicht zerstört.

Es ist diese würdige Haltung eines Römers, die mich tief beeindruckt hat. Sich treu bleiben, gelassen bleiben und fest, auch im Angesicht der höchsten Not. Für Argument und Debatte stehen, nicht der Tyrannis und Gewalt, sondern für die Freiheit, dass eine Gemeinschaft von Menschen ihr Geschickt selbst bestimmt. Zu wissen, dass diese Freiheit aber nur mit Selbstbeherrschung und ethischen Grundlagen gedeihen kann, dass dieses freie Staatswesen zerbricht, wenn die Selbstbeherrschung, die Sittlichkeit und die Bildung der Bürger zugrunde gehen.

Cicero zu lesen ist für mich immer eine Wohltat. Er ist stets gut lesbar, klar und verständlich, lebenspraktisch und zugleich auf geistiger Höhe. Cicero war kein perfekter Mensch, er hatte Schwächen wie alle. Man sollte Menschen immer gerecht sein, und bei aller Verehrung, auch einen Cicero nicht auf ein Podest erheben. Aber er stritt für ein republikanisches, freies und sittliches Bürger-Ideal, das ich würdevoll und als Vorbild ansehe. Bis zuletzt stritt er für die Republik, die Gesellschaft, die auf Freiheit, Vernunft, Selbstbeherrschung und Argumenten gebaut ist, gegen die Tyrannis und die Willkür der Gewalt. Er, der «letzte Republikaner» verlor den Kampf um die Freiheit.

Als Antonius, nach Caesars Tod, nach der Macht griff, ließ er zu Marcus Tullius Cicero die Mörder schicken. Livius beschreibt das Ende des Cicero.

Fest steht, dass seine Sklaven tapfer und treu bereit waren zu kämpfen, aber er befahl ihnen, die Sänfte niederzusetzen und ruhig zu ertragen, wozu ein ungerechtes Schicksal sie zwang. Als er sich aus der Sänfte herausbeugte und unbewegt seinen Nacken hinhielt, wurde ihm der Kopf abgeschnitten. Das genügte der dumpfen Grausamkeit der Soldaten nicht, sie hackten auch die Hände ab, weil die irgendwas gegen Antonius geschrieben hätten. So wurde also der Kopf zu Antonius gebracht und auf seine Anweisung hin auf die Rostren gelegt, wo er als Konsul, wo er oft als Konsular mit einer Bewunderung für seine Beredsamkeit gehört worden war, wie es niemals eine menschliche Stimme erreicht hatte. Die Bürger konnten vor Tränen kaum ihre Augen erheben und auf die abgehauenen Glieder blicken.“

 

Quellen:
Schuller, Wolfgang; Cicero, oder der letzte Kampf um die Republik, C.H.Beck
Cicero, M.T.; Lehre vom Staat (De Re Publica)
Cicero, M.T.; Vom Pflichtgemäßen Handeln (De Officis)



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