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Gastkommentar: Die Zukunft des Westens

Gastkommentar: Die Zukunft des Westens

Aldous Huxley vs. George Orwell

 

Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, so stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein Gesicht tritt. Unaufhörlich.

George Orwell, „1984“.

Die Aufsichtsräte [kamen] zur  Einsicht,  dass  es  mit  Gewalt  nicht  ging.  Die zwar langsameren, aber unvergleichlich verlässlicheren Methoden der künstlichen Zeugung, der Neo-Pawlowschen Reflexnormung und der Hypnopädie.

Aldous Huxley, „Schöne neue Welt“.

Wie sieht die nahe Zukunft der westlichen Zivilisation aus? Der amerikanische Philosoph Neil Postman behauptet in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“ (1985), dass Huxley eher recht hatte als Orwell

Die Schöne neue Welt

Aldous Huxley (1894-1963) war ein englischer Schriftsteller und der Autor des berühmten Dystopieromans „Schöne neue Welt“ (1932). In diesem Roman zeigt Huxley eine technokratische Gesellschaft, in der es keinen Platz für Gefühle gibt und es unanständig ist, keine Vielzahl an Kontakten für den Geschlechtsverkehr zu haben (Hauptdevise: „Jeder gehört allen anderen“), wobei die Schwangerschaft dabei für eine furchtbare Schande gehalten wird. Die Standardisierung der Gesellschaft ist die Hauptsache in diesem „Weltstaat“. „Gemeinsamkeit, Gleichheit, Stabilität“ ist das Motto des Planeten. Die Menschen verwenden regelmäßig die Droge „Soma“, die keine negativen Nebenwirkungen hat, um immer in einer guten Stimmung zu sein („Ein Gramm versuchen ist besser als fluchen“). Hier gibt es keine Kunst, sondern nur eine Unterhaltungsindustrie: Synthetische Musik, elektronischer Golf, Filme mit primitivem Sujet (engl. “Feelies”). Henry Ford wird in dieser Welt als Gott angebetet („unser Herr Gott Ford“, „Anno Ford”, „Oh Ford!”, „eure Fordschaft” u.s.w.). Die Zeitrechnung läuft von dem Zeitpunkt der Schaffung des Automobils „Ford T“, also 1908 nach der Geburt Christi (im Roman läuft alles im Jahr 632 der „Ära der Stabilität“ ab, als 2540 n. Chr.). Die im Roman beschriebene Gesellschaft teilt sich in die Elite und das sie bedienende Personal auf: eine hohe sogenannte Alpha und die unter ihr stehenden Kasten (von Beta bis Gamma). Den unteren Kasten wird die Abneigung zu Büchern und der Natur anerzogen.

 

Ozeanien

George Orwell, eigentlich Eric Arthur Blair, (1903-1950) war ein englischer Schriftsteller und Publizist. Er war ein Vertreter des sozialistischen Humanismus. Die größte Bekanntheit bekam er durch seinen dystopsihen Kultroman „1984“, ein Buch, das zu einem eigentümlichen „Antiphon“ für die zweite großartige Antiutopie des XX. Jahrhunderts, „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley, geworden ist.

Was ist im Grunde genommen beängstigender: Eine Konsumgesellschaft, die ad absurdum geführt wurde, oder ein ideokratischer Staat, der zu seinem Absolut geführt wurde?

Die Handlung des Romans spielt im Jahr 1984 in der Provinzhauptstadt des „Airstrip 1“ (ehemaliges Großbritannien) – London. Airstrip 1 ist seinerseits eine Provinz des totalitären Mega-Staates Ozeanien. Ozeanien nimmt ein Drittel der Erdkugel ein und umfasst Nord- und Südamerika, Großbritannien, Südafrika, Australien und das eigentliche Ozeanien. Die Staatswährung ist der Dollar. Dieser Staat befindet sich in einem permanenten Krieg mit den anderen beiden totalitären Supermächten: Eurasien und Ostasien.

Ozeanien ist ein brutaler und totalitärer Staat. Die Bevölkerung ist ihrer Bürgerrechte und Individualität beraubt. Innerhalb der Parteigesellschaft, in der der Personenkult des „Großen Bruders“ und die widerspruchslose Unterwerfung gegenüber dem Staat die Regel sind, sind alle verpflichtet, sich an eine puritanische Lebensweise zu halten. Die Liebe gilt als Gedankenverbrechen und Ehen werden ausschließlich in reproduktiven Zielen geschlossen. Es existiert eine brutale soziale dreischichtige Hierarchie: die Elite (die s.g. Innere Partei), die Kaste, die die Elite bedient (Äußere Partei), und die Hauptmasse – die untersten Arbeiter (das parteilose Proletariat).

Orwell vs. Huxley

Worin bestehen die Hauptunterschiede zwischen der Gesellschaft in „Schöne neue Welt“  und der Gesellschaft in „1984“? Worin unterscheiden sich die düsteren Ansichten von Orwell und Huxley im Bezug auf die Zukunft des Westens?

  1. Orwell hatte Angst, dass Bücher verboten werden. Huxley hingegen befürchtete, dass es nicht nötig sein wird, diese zu verbieten, da es niemanden geben wird, der sie lesen will. Die Unterhaltungsindustrie wird an die basischen tierischen Triebinstinkte des Menschen (Sex, Hunger, Angst) appellieren, um ihn auf diese Weise zu einem passiven sowie gleichgültigen Verhalten im Bezug auf alle wichtigen Fragen des Alltagslebens und der Gesellschaft zu bewegen.

  2. Orwell befürchtete, dass Menschen der Zugang zur Information und Wahrheit verwehrt wird. Huxley allerdings sorgte sich eher darum, dass die Wahrheit in einem Meer von unnützer Information untergeht. Er war der Meinung, dass es so viel Information geben wird, dass die Menschen nicht wissen werden, was davon wichtig und wahr ist. Der Herrscher der Welt wird nicht der sein, der Information verbietet, sondern derjenige der es schafft, die Informationsflüsse richtig zu steuern und zu filtern.

  3. Orwell machte sich Sorgen, dass sich die westliche Welt durch staatlichen Zwang und Sklaverei sich zu einem ähnlich dem Faschismus hierarchischen Herrschaftssystem verwandeln wird. Huxley hatte Angst, dass die westliche Kultur zu einer primitiven Perversion ausarten wird, mit Ersatzgefühlen (z.B. TV-Realityshows, Facebook), satanistischen „Orgien der Einigung“ (z.B. US Super Bowl, MTV Music Awards), sowie Legitimation von Drogen (z.B. Cannabis Act in Kalifornien im Jahr 2010).

  4. Orwell fürchtete sich davor, dass die Supermächte dauerhafte Kriege um die begrenzten Ressourcen führen werden. Diese wiederum seien dann sehr knapp für die Bevölkerung, da die Waffenindustrie zum Hauptverbraucher des nationalen Einkommens wird. Das Problem der Überproduktion in der „Schönen neue Welt“ wird nicht durch einen dauerhaften Krieg, sondern durch die Erziehung der Konsumß- und Wegwerfgesellschaft “gelöst”. Das allgemeine Motto dabei lautet „Besser ein neues kaufen, als das alte zu tragen“.

  5. In Ozeanien werden Liebe und Geschlechtsverkehr durch den Staat verboten. Die Kinder verraten ihre Eltern an die Spezialbehörden. Im Weltstaat ist ein derartiger Verbot unnötig, da die Liebe zwischen Mann und Frau sowie die traditionelle Familie von der Gesellschaft selbst verspottet werden. Orgien, Polygamie sowie nichttraditionelle sexuelle Beziehungen werden als die allgemeine Verhaltensnorm empfunden.

  6. In „1984“ werden die Menschen durch Gewalt und Zwang unter Kontrolle gehalten („Ministerium für Liebe“, „Gedankenpolizei“, „Teleschirme“), wohingegen in der „Schönen neuen Welt“ Menschen durch die Bereitung von Vergnügen (d.h. durch Drogen, Orgien, TV-Shows, Musik, Kino, sportliche Unterhaltung) kontrolliert werden. Wie Huxley in seinem Roman bemerkte, bedachten die Bürgerrechtler und Aufklärer, die zu einem Widerstand gegen die Tyrannei aufriefen, nicht das beinahe grenzenlose Streben des Menschen zu Unterhaltung und Vergnügen.

Die neue Weltordnung

Kurz: Orwell befürchtete, dass die Menschen durch Ideen, Waffen und Krieg zugrunde gerichtet werden. Huxley hingegen sah voraus, dass die Menschen eher durch die Abwesenheit von Ideen und das Ausleben ihrer eigenen tierischen Triebinstinkte ins Verderben gestürzt werden. In den beiden großen Dystopien der Moderne sehen wir das altertümliche Gegenüberstehen der zwei grossen Weltanschauungen der Antike: die Ideokratie von Platon und der Hedonismus von Aristippos.

Heute sehen wir, inwieweit sich die Erwartungen der beiden westlichen Denker im Bezug auf die Zukunft ihrer Zivilisation bewahrheitet haben. Wer hatte denn eher recht – Orwell oder Huxley?

Die totale Spionage des Staates hinter jedem Bürger, die ständigen kriegerischen Interventionen der USA überall auf der Welt, die Aufteilung der Welt in Supermachtblöcke (den transatlantischen Westen kann auch als „Ozeanien” bezeichnen), die Hegemonie der USA und des Dollar-Finanzsystems, der Kampf zwischen (Russland-)Eurasien und dem bereits erwähnten (NATO-)„Ozeanien“, der ewige „Krieg dem Terrorismus“ (engl. War on Terror), der von den USA selbst geschaffen wurde, um die Gesellschaft besser kontrollieren zu können – das alles spricht dafür, dass sich die Weltordnung von „1984“ etabliert hat.

Zur selben Zeit sehen wir, wie der gegenwärtige Westen immer mehr der „Schönen neuen Welt“ ähnelt. Der Konsumkult ist omnipräsent. Die sexuelle Befreiung wird im Austausch für die soziale und politische Freiheiten gewährleistet. Menschen, die traditionellen Werte vertreten, werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Jedes Gewissen wird entweder in einem Meer von Information versenkt, oder durch psychotrope Drogen und die gegenwärtige Popkultur verdumpft. „Je niedriger das Bildungsniveau der Bevölkerung ist, desto einfacher ist es die Herde zu regieren“ – das ist anscheined das geheime Motto der westlichen Alpha-Kaste. Wir sehen, wie die Bestätigung der „Neuen Weltordnung“ und des „Weltstaates“ auf der Grundlage der postliberalen Ideologie des tierartigen Menschen zum führenden Ziel der globalen Oligarchie wird. Zum Beispiel in der Rede von George Bush Sr. nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Zu den Werkzeugen ihres Strebens werden nicht nur die von ihnen kontrollierten internationalen Organisationen, wie UNO, WTO, IWF, WHO, sondern auch transnationale Holdings und die Unterhaltungsindustrie.

Das Schlimmste dabei ist die Tatsache, dass, wie es Huxley beschrieben hatte, der Mensch freiwillig zum Sklaven des Systems wird. Die Unterwerfung der Hauptmasse der Bevölkerung des Planeten ist der Hauptcharakterzug der „Neuen Weltordnung – der Schönen neuen Welt“. Zur selben Zeit kann gesagt werden, dass die freiwillige Unterwerfung der Masse den Endsieg der Postmoderne im 21. Jahrhundert darstellt, denn er hat das erreicht, was weder der Faschismus, noch die „totalitär- kommunistischen“ Gesellschaften im 20. Jahrhundert (späte Moderne), die im Roman von George Orwell beschrieben werden, mit Hilfe von Gewalt je erreichen konnten.

Wer hatte denn nun eher Recht – Huxley oder Orwell? Ich denke bei der Betrachtung der Realien der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts wird klar, dass die Befürchtungen von Huxley sich eher erfüllt haben, als die von Orwell, der die gewalttätige totalitäre Wirklichkeit faschistischer und kommunistischer Regime des 20. Jahrhunderts beschrieben hatte.

Zur selben Zeit hatte jeder der beiden in ihren düsteren Prophezeiungen auf die eigene Weise Recht. Im gegenwärtigen transatlantischen „Westen-Ozeanien-Weltstaat“ werden ein dauerhafter Krieg sowie totale Spionage der eigenen Bevölkerung mit „showartigen“ Gay-Paraden und Soma-Konsumismus harmonisch ergänzt. Außerdem ist die Dauerpräsens der globalen Machtpyramide zu sehen. Zu bemerken ist, dass viele namhafte Denker von Oswald Spengler bis Nikolai Trubetzkoy es vorausgesehen haben, „wo der Westen untergeht“. Solche Antiutopien wie „Wir“ von Jewgeni Samjatin (1920) und „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury (1953) ergänzen nur das allgemeine Bild über die Zukunft des Abendlandes.  Das Erscheinen immer neuer Kinofilme zu diesem Thema, wie z.B. „Elysium“ oder „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ (beide 2013 erschienen), spiegelt die unbewusste Beunruhigung der künstlerischen Intelligenz des Westens wider.

Fazit

Was kann zum Schluss gesagt werden? Wie kann die nahe Realisierung der huxley‘schen und orwell‘schen Schreckensszenarien der Menschheit verhindert werden? Wie kann die Etablierung der Neuen Weltordnung verhindert werden? Ich glaube daran, dass eine riesige Rolle in der Zukunft der Menschheit die Völker Asiens und des globalen Südens – von Russland angeführt – spielen werden. Der nationale Befreiungskampf für eine multipolare Weltordnung und die Bewahrung der ethno-kulturellen Identitäten ist die einzige Alternative zum Babylonischen Turm des Weltkosmopolitismus. Des Weiteren bin ich überzeugt, dass die tödliche Krankheit des Materialismus, an der der Westen erkrankt ist, nur durch die Geistlichkeit des Ostens zu heilen ist. Die intellektuelle Suche nach einer derartigen Synthese ist eine der Säulen der eurasischen Ideologie und der Vierten Politischen Theorie.

Allerdings ist es wichtig immer daran zu denken, dass keine der vom Menschen geschaffenen Ideologien, einschließlich des Eurasismus, des Identarismus und der Vierten Politischen Theorie, in der Lage ist, es ein für allemal zu verhindern, dass eine Gesellschaft in einen totalitären Zustand abdriftet. Daher ist das Fazit nach Martin Heidegger einfach: „nur ein Gott kann uns retten”.

Gastkommentar von Jurij Kofner, München, 15. August 2016.



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