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Klick! Wir geben einander zu schnell auf!

Oder: Warum blanke Freundlichkeit der Freundschaft ihren Wert raubt

Die heutige Welt ist schnelllebig und rasant. Sie ist bunt und vielfältig in den Waren und Erlebnissen, die zum Angebot stehen, hektisch und überwältigend im Fluss der Informationen, die auf uns einprasseln.

In all dieser Geschwindigkeit ist es schwierig, Dingen einen echten Wert beizumessen, sie nicht nur strategisch zu analysieren, sondern sie zu fühlen, sie emotional zu verstehen und in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Man kauft eine Sache, mit einem Klick. Virtuelle Zahlen verschieben sich über Datenleitungen, unbemerkt von uns, und wir erhalten unseren Kauf, dessen Freude oft nur recht kurz währt. Es war schlicht kein Erlebnis dabei, keine Mühe, im Grunde war es viel zu leicht einzukaufen, sodass der kurze Dopamin-Kick im Hirn kaum zu unterscheiden ist von einem «Like» für das eigene Facebookfoto. Man stelle den Sammler zum Vergleich, der für einen alten Oldtimer extra ins Ausland reist, um das Fahrzeug mühseligst nach Hause zu transportieren. Wie lange wird er an diesen Kauf zurückdenken und sich freuen, dass dieses schöne Gefährt nun bei ihm steht, wo er es sich doch «erarbeitet» hat?

Nun könnte man sich während einem Online-Kauf natürlich vorstellen was da alles im Hintergrund passiert und sich echt hineindenken, begreifen, wie faszinierend es ist, dass eine Plastik-Taste an einer sogenannten Maus ein elektrisches Signal an ein Gerät namens Computer sendet, welcher wiederum dieses Signal umwandelt, bis es irgendwo am anderen Ende der Welt, über mehrere Knoten in verschiedensten Ländern weitergeleitet wieder herauskommt, und dort dann jemand glasklar weiß: Der Herr B. aus München wollte Gegenstand X in blau haben! DAS ist doch mal was!
Ein regelrechtes Wunder, eigentlich. Aber eigentlich auch wieder nur «Klick». Was ist schon ein Klick.

Ein ganz ähnliches Prinzip gilt für Freundschaften. Jeder wünscht sich Freundschaften. Gute, ehrliche, tiefgehende Freundschaften, einen Bund des Vertrauens mit anderen Menschen, auf die man sich stützen kann, und die man bereit ist zu stützen. Und irgendwie glauben wir, dass solche Freundschaften schon «irgendwie entstehen würden». Bis wir dann realisieren: Wo sind meine echten Freundschaften? Wieso kennt mich niemand «wirklich»? Wieso habe ich das Gefühl auch unter «Freunden» alleine zu sein?

Klick!

Der moderne Mensch tritt Facebook-Gruppen bei, einer Crossfit-Gruppe, einer Yoga-Klasse, macht Schulungen und engagiert sich auf der Arbeit. Kurz: er sucht nach dem Schalter, der das Signal, den Wunsch nach gegenseitigem Vertrauen, in echte Freundschaft und Akzeptanz umwandelt.

«Ich muss mich nur genug zeigen, dann wird schon jemand aufmerksam werden!» scheint oftmals als Motto für Freundschaften wie Beziehungen gleichermaßen zu gelten. Da das selten von Erfolg gekrönt ist, erst recht bei der vorherrschenden Ungeduld unserer Generation, glaubt man gern, die Welt hätte sich gegen einen verschworen, oder man wäre irgendwie weniger wert. Es wird nach absurdesten Gründen gesucht, wieso der «Klick» hier nicht funktioniert, wieso es nicht schnell, bequem und einfach geht.

Das ist passiv, destruktiv und unwirksam. Wir sind es gewohnt ohne Aufwand, in kürzester Zeit Veränderungen herbeizuführen. Neues Kleid? Klick. Neue Möbel? Klick. Neuer Job? Klick. Neuen Sexualpartner? Klick!

Ein großer Schock für jeden, der entdeckt, dass diese oft unbewusste Bequemlichkeit Grenzen hat.

Ich persönlich glaube, dass immer jene Dinge die innigste Freude auslösen, die Mühe, Zeit und Aufwand kosteten. Freude ist oft wie eine Steinschleuder, man muss sie erst lange und fest spannen, damit sie auch hoch, und vor allem lange fliegen kann. Kurz daran zu zupfen mag den Stein zwar vorwärts bewegen, aber naja … ist halt nicht dasselbe, oder?

200€ geschenkt fühlen sich anders an, als 100€ hart erarbeitet.
Eine tiefergehende Freundschaft fühlt sich anders an, als eine schnelle Bekanntschaft oder Follower in sozialen Netzwerken.

Aber nun zum Kern der Sache, warum ich glaube, dass dieses Problem nicht nur sozial wichtig, sondern auch politisch ist, und warum wir dringend daran arbeiten müssen, es zu beheben, wenn wir als Gemeinschaft, als Nation, oder gar als «echtes Volk» (statt Bevölkerung) funktionieren wollen.
In Zeiten wie diesen, da man für wenige falsche Worte übelst diffamiert und sozial ruiniert werden kann, herrscht große Angst und Unsicherheit vor Ablehnung und Isolation. Man hat Angst als Bauernopfer «fallengelassen» zu werden, keinen Rückhalt zu finden. Oftmals definiert man sich dann durch den gemeinsamen Feind, versucht krampfhaft und verzweifelt, über diese plumpe Schiene eine gewisse Solidarität zu schaffen … doch sind wir uns mal ehrlich, ein gemeinsamer Feind eint nur dann, wenn direkte Konfrontation bevorsteht. Ganz davon abgesehen, dass eine Feinddeklaration oft mehr schadet als nutzt, weil es auf Eskalation statt Deeskalation abzielt.

Der Rückhalt, den wir wollen und brauchen, der kommt nicht von alleine. Wir müssen unsere Freundschaften bewusster pflegen, bewusster aussuchen, wer unsere Freunde sind, und vor allem, warum sie unsere Freunde sind, wo wir uns einig sind, wo unsere Prioritäten liegen. Klares Feld schaffen.

Die Motivation, der Antrieb darf nicht Unsicherheit sein, nicht die Suche nach Bestätigung und Anerkennung, denn dann hoffen wir jedermanns Freund zu werden und sind zwangsweise enttäuscht, und vermutlich sogar im Selbstwert gekränkt, wenn es nicht eintrifft.

Das sage ich, weil ich in meiner Jugend genau nach diesem Muster Freunde suchte und das Spiel verlor. Sicher, ich hatte viele «Freunde» damals, aber ich fühlte mich nicht «zu Hause», sondern abhängig.
Das machte schwach, wo Freundschaft doch stärken sollte.

Wenn einer der Freunde im Freundeskreis nicht mehr funktionierte wie er sollte, dann wurde er über kurz oder lang liegengelassen. Immerhin war Freundschaft ja leicht zu haben, also konnte man sie auch leicht wieder opfern, so wie man sich eben per Klick ein neues Sofa bestellt, wenn das alte kaputt ist. Klar, irgendwie schade, aber auch leicht zu ersetzen.
Aber wie schafft man dann stabile, echte Freundschaften?
Arbeit. Und eine grundlegend andere Herangehensweise an die Thematik. Was wünsche ich mir von einem Freund? Eine Frage, die sich jeder stellen sollte. Warum wünsche ich mir das? Auch wichtig. Sobald diese Faktoren bekannt sind, kann man beginnen, diese Dinge anderen zu geben.

Das soll aber nicht heißen, wenn ich zum Beispiel Vertrauen suche, dass ich nun jedem Vertrauen schenken soll! Geschenktes Vertrauen ist wie der Klick. Einfach, kurz, schnellebig und gefühlt wertlos. Was leicht zu haben war wird auch leicht wieder verworfen.

Stattdessen ist es weitaus sinnvoller, Möglichkeiten zu schaffen wie sich jemand das eigene Vertrauen verdienen kann, sodass das eigene Vertrauen WERT gewinnt und erstrebens- und behaltenswert ist. Es sollte zur Medaille werden, welche nur die Würdigen erhalten. Eine Medaille, auf welche die Empfänger selbiger voller Stolz blicken können. Ein Preis, um den sie kämpfen, und den sie verteidigen werden.

Dazu ein Beispiel: Nehmen wir an, der Chef in der Firma lobt jeden Tag das ganze Team. Die einen vielleicht mehr, die anderen weniger, aber er lobt, und kritisiert nie. Er meint es sicher gut. Und jeden Tag gehen die Mitarbeiter mit +1 Lob nach Hause. Tolle Sache.

Nehmen wir an, jemand macht seine Sache nun schlecht und erhält kein Lob. Er verliert den Wert «1» und rutscht auf 0. Die Meinung des Chefs hat also Wert «1», und er kann nur diese Stufe auf und ab.

Nun kommt ein anderer Chef daher, und gibt jeden Tag dem einen Kritik, dem anderen Lob, je nachdem wie gut die erbrachte Arbeit war. Die Mitarbeiter können also mit +1, 0 oder -1 nach Hause gehen. Hier beträgt die mögliche Differenz also «2». Ein Lob ist also nicht mehr nur +1, sondern potentiell sogar +2, denn es hätte ja auch Kritik sein können. Der Wert der Chef-Meinung ist also 2. Sie hat mehr Gewicht, und wird von den Mitarbeitern sicher weitaus mehr geschätzt, als die Meinung von Chef 1, mit Wert 1.

Menschen wollen gut sein. Besser sein. Etwas Besonderes sein. Niemand ist besonders, wenn alle das gleiche erhalten. Das mag eine unbequeme Einsicht sein, aber eine wichtige.

Es ist daher wichtig, Freunden zu zeigen, dass sie für einen glasklar über anderen stehen, und das geht nur, wenn man selbst auch guten Grund hat, sie über andere zu stellen. Jeder meiner derzeitigen Freunde hat einen ganz bestimmten Wert für mich, einen ganz bestimmten Grund, wieso ich ihn in meinem Umfeld haben möchte, wieso ich ihn als Person mir absolut ebenbürtig respektiere, und wieso ich bereit bin, für ihn einzustehen.
Diese Dinge sage ich meinen Freunden offen, und lasse sie stets wissen, was ich an ihnen schätze und weswegen ich sie ehrlich respektiere und hochachte, und ich sage ihnen auch genau so offen, was ich an ihnen schlecht finde. Denn nur wenn sie wissen, dass ich auch im negativen ehrlich bin, müssen sie nicht fürchten, dass ich sie im stillen verurteile oder irgendwann aufgrund angestauter Probleme fallenlasse. So wissen sie mit Sicherheit, woran sie sind – und wer wünscht sich das nicht? Wer kann ein Lob ohne Zweifel für sich annehmen, wenn er nicht weiß, ob der andere überhaupt fähig wäre auch das Gegenteil zu vermelden?

Und so «strikt und verbohrt», oder «kalkuliert» sich das für manchen anhören mag: Vertrauen wächst nicht auf Bäumen; es wird geformt und geschnitzt und erst nach langer Arbeit zum robusten Kunstwerk, das man schlussendlich bewundern kann.
Sucht euch besondere Freunde, indem ihr ihnen die Chance gebt, etwas Besonderes für euch und die Gruppe zu sein und zu werden. Gebt ihnen einen Platz, den sie sich verdient haben. Sie werden es genau so erwidern, wenn ihr es richtig anstellt, und am Ende dieser Reise steht ein starker, unzerreißbarer Bund der Loyalität, der nicht nur auf plumpen Idealvorstellungen aufbaut, sondern auf tatsächlicher, unzerrüttbarer emotionaler Bindung zueinander.

Schafft euch euren eigenen Clan, euer emotionales Zuhause. Die Exklusivität ist das Fundament, der erste Schritt. Niemand freut, sich Teil einer Gruppe zu sein, der jeder beitreten kann. Verwurzelt euch in gegenseitiger Hochachtung und ehrlichem Vertrauen, und kein Sturm der Welt wird dieses Band zerreißen können.

Diese Freundschaften sind es, die euch zum Fels in der Brandung des Lebens machen. Diese Freundschaften sind es, die einen gesunden Selbstwert erzeugen, der nicht durch plumpe Diffamierung zu brechen ist.

Wenn wir dieses politische Gefecht, das noch viele, viele zermürbende Jahre anhalten wird, als Gemeinschaft überleben wollen, dann brauchen wir Zusammenhalt. Auch, und ganz besonders auf der kleinen Ebene persönlicher Beziehungen.

Zusammenhalt nicht aus Prinzip, nicht mal eben schnell auf «Klick!», sondern durch das massiv gemauerte Fundament bewusst erarbeiteter Freundschaft.

Wir sind die Phalanx, wir stehen zu einander. Denn wir wissen warum.

 

 


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