Home Geschichte Der Yasukuni-Schrein – Japans Selbstbewusstsein

Der Yasukuni-Schrein – Japans Selbstbewusstsein

Der Yasukuni-Schrein – Japans Selbstbewusstsein

Japan ist ein bemerkenswertes Land, in vieler Hinsicht. Es ist zum Beispiel die einzige hochentwickelte Nation, welche immer noch durch eine sogenannte «Naturreligion» bzw. durch eine animistische Religiosität geprägt ist, den Shintō (Weg der Götter).

 

Shintō in Kurzform

Man mag sich darüber streiten, inwiefern der Shintoismus als Religion zu bezeichnen ist. Es gibt keine klar umrissenen Lehren, Dogmen oder irgendwelche «heiligen» Schriften. Der zentrale Inhalt ist die Mythologie der Entstehung der Welt und der Ursprung des Kaisergeschlechts. Darüber hinaus ist alles von kami beseelt, welche man nicht erzürnen sollte.

Kami sind Gottheiten (oder Seelen), welche vielerlei Gestalt annehmen können. Es gibt keine spezifische Shintō-Ethik, allerdings ist das Streben nach Harmonie und Bewahrung der natürlichen und sozialen Ordnung ein, wenn nicht das, zentrales Element.
Obwohl Gottheiten, sind Kami aber interessanterweise nicht «göttlich» im Sinne von Unfehlbarkeit. Der Shintō kennt daher auch keine moralischen Grundsätzlichkeiten. Ob Taten und Handlungen als «gut» oder «schlecht» bewertet werden, ergibt sich ausschliesslich aus ihrem Gesamtkontext. Und als schlecht gelten Handlungen dann, wenn sie die bestehende Harmonie beeinträchtigen oder zerstören.
In diesem Zusammenhang ist auch Reinheit erstrebenswert und erwünscht. Beschmutzungen, sowohl physisch wie auch geistig, müssen daher durch Reinigungsrituale beseitigt werden.

Die religiöse Praxis ist stark individualisiert, regelmässige Zusammenkünfte Gläubiger in Form eines «Gottesdienstes» sind dem Shintō fremd. Menschen besuchen einen Schrein individuell und ehren die Kami durch einfache Respektsbezeugungen wie z.B. Verbeugen und das Spenden von kleinen Geldbeträgen.
Sogenannte Matsuri (Schreinfeste), welche meist den Charakter von Volksfesten haben gibt es das ganze Jahr hindurch und haben meist lokale oder regionale Bezüge. Oftmals handelt es sich dabei um Fruchtbarkeitsrituale oder auch Dämonenabwehr. Schreinumzüge sind dabei ein wichtiges Element. Hierbei wird der eigentliche Schrein durch einen tragbaren Schrein symbolisiert und durch Männer durch die Strassen getragen oder gezogen. Dabei spielt auch Alkohol in Form von Sake oft eine wichtige Rolle.

Japan wurde schon immer stark durch religiöse und philosophische Strömungen des Festlandes (China) beeinflusst und so kam es im Laufe der Geschichte zu synkretistischen Formen des Shintō mit Bestandteilen des Buddhismus und Konfuzianismus. Die Abgrenzung zwischen Buddhismus und Shintō war über lange Epochen kaum möglich, da es der importierte Buddhismus verstand, die Kami-Verehrung in sein Weltbild zu integrieren.

 

Der Schrein

In Japan existieren zwischen 80‘000 und 100‘000 Schreine. Ein Schrein bezeichnet ein definiertes geheilligtes Grundstück mit bestimmten Holzgebäuden.
Es gibt keine strikt einzuhaltende Architektur für solche Grundstücke. Meistens aber besteht eine Schrein-Anlage aus einem Tor-Zugang (Torii), einem Hauptgebäude (Honden), einer Gebetshalle (Haiden), einer Opferhalle (Heiden) und diversen anderen Nebengebäuden. Normalerweise ist sowohl das Hauptgebäude (der Bezirk des in diesem Schrein verehrten Kami) und die Opferhalle für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Der wichtigste Schrein in Japan ist der Ise-Gross-Schrein (Ise-Daijingû) in der Präfektur Mie. Er ist Amaterasu-ō-mi-kami gewidmet, der Sonnengottheit und Ahnenherrin des Kaisergeschlechts. Der Tennō gilt daher auch als oberster Geistlicher des Shintō.

 

Der Yasukuni-Schrein

Dieser Schrein gilt im Ausland wohl als bekanntester Shintō-Schrein Japans.
Er wurde im Jahre 1869 nach den Kriegswirren der Meiji-Restauration von Kaiser Meiji selbst gestiftet um den Toten im Dienst des Kaisers zu gedenken. Hierzu werden die Seelen der Toten eingeschreint, also in den Schrein übertragen.
Der Schrein befindet sich seit seiner Gründung am selben Ort in Tōkyō, im zentralen Stadtbezirk Chiyoda in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kaiserpalast.

Haiden (Gebetshalle)

Seit 1965 wird in einem Nebenschrein auch den Gefallenen gedacht, die während den Restaurationswirren gegen die kaiserlichen Truppen kämpften. Ebenfalls wir dort den Gefallenen  aller anderen Nationen, einschliesslich der Kriegsgegner, gedacht.
Das Gedenken umfasst alle Kriege (innerjapanisch wie international) seit dem Boshin-Krieg (1868) bis zum Ende des zweiten Weltkriegs (1945). Gesamthaft sind rund 2.5 Millionen Kami hier eingeschreint.
Nach der Stiftung wurde der Schrein gemeinsam durch das Innen-, Heeres- und Marineministerium verwaltet und war somit Teil des sogenannten «Staats-Shintō» bis 1945.

Die japanische Nachkriegsverfassung postuliert eine strikte Trennung von Staat und Religion. Aus diesem Grund mussten sich alle Schreine unter staatlicher Verwaltung entscheiden, ob sie sich säkularisieren oder aber eine «unabhängige religiöse Körperschaft» werden wollten. Der Yasukuni-Schrein (wie viele andere auch) entschloss sich für Letzteres. Somit hat der Schrein keinerlei Verbindung mehr zu staatlichen Stellen und finanziert sich ausschliesslich durch Spenden der Gläubigen. Der Staat hat also keinerlei Weisungsbefugnis in Bezug auf religiöse Angelegenheiten im Zusammenhang mit dem Schrein.

Holztor mit dem “Kiku no Gomon”, dem kaiserlichen Chrysanthemen-Wappen

Der Schrein wird hauptsächlich von konservativen Japanern besucht. Hierzu muss man allerdings wissen, dass der konservative Grundkonsens in der japanischen Gesellschaft erheblich größer ist als z.B. in Europa. Von linksgerichteten Japanern wird der Schrein in der Regel gemieden. Jährlich besuchen über sechs Millionen Japaner den Yasukuni-Schrein.

 

Kontroversen

Die Kontroversen rund um den Schrein sind in der Hauptsache politisch motiviert und betreffen zwei unterschiedliche Sachverhalte:

Die 14 eingeschreinten Seelen der verurteilten Kriegsverbrecher der «Klasse A»

1978 hatte der neue Oberpriester des Yasukuni-Schreins die 14 durch die Allierten verurteilten Kriegsverbrecher der Klasse A in die Kami-Liste des Schreins aufgenommen. Aufgrund der Trennung von Staat und Religion hat allerdings keine staatliche Stelle die Möglichkeit, Einfluss auf den Schrein zu nehmen und diese Entscheidung z.B. zu revidieren. Soweit bekannt, kann auch ein neuer Oberpriester Kami nicht aus dem Schrein entfernen lassen.

Die Besuche von hohen Politikern im Yasukuni-Schrein

Es ist eine Tatsache, dass viele hochrangige Politiker (auch verschiedene Premierminister) dem Schrein Besuche abstatten. Dies geschieht teilweise in ihrer offiziellen Funktion oder auch als Privatperson. Erwartungsgemäss haben viele Japaner und Japanerinnen Angehörige, welche im Krieg gefallen sind. Daher ist es eigentlich selbstverständlich, dass sie ihren Familienmitgliedern an dem Ort gedenken, der dafür vorgesehen ist.

 

Es wird (vorallem im westlichen Ausland) immer postuliert, dass diese Vorgänge einen «Stolperstein» darstellen im Verhältnis Japans zu seinen Nachbarn, also früheren Kriegsgegnern.
Das ist so natürlich nicht korrekt. Tatsächlich sind gerade die wirtschaftlichen Beziehungen Japans zu seinen Nachbarn sehr eng und Japan hat jahrzehntelang wirtschaftliche Aufbau- und Entwicklungshilfen in Asien geleistet welche in die Milliarden gehen (die vertraglich vereinbarten Reparationszahlungen gehören da nicht dazu). In diesem Licht muss man auch den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg verschiedener asiatischen Nationen sehen, der in diesem Umfang ohne japanische Hilfe so kaum möglich gewesen wäre.
Die alljährlichen «Protestschreiben» der chinesischen und südkoreanischen Regierungen bei Schreinbesuchen japanischer Politiker gelten daher hauptsächlich als Kosmetik. Die Schreiben sind jeweils auch praktisch gleichlautend abgefasst.

Oft wird Japan mit Deutschland verglichen, wenn es um die sogenannte «Vergangenheitsbewältigung» geht. Hierbei wird natürlich der deutsche Umgang mit seiner Geschichte jeweils als leuchtendes Beispiel hervorgehoben. Dabei geht vergessen, anderen Nationen einen eventuell anderen Umgang zuzugestehen. Somit entpuppt sich die Kritik an Japan eigentlich als sehr eurozentristisch, denn offenbar sollte sich das Land genau so verhalten wie es z.B. Deutschland getan hat um sich den Goodwill seiner Kritiker zu erkaufen.

Der Yasukuni-Schrein steht also nicht nur für das Gedenken an die Kriegstoten.
Er ist ebenfalls Symbol für den selbstbewussten Umgang mit der eigenen Geschichte, ohne Bevormundungen durch andere Nationen welche ihre Geschichte womöglich ein ganz anderes Selbstverständnis haben.

 

 

 


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