Home Geschichte Die letzte Schlacht der Habsburger am Fluss Isonzo

Die letzte Schlacht der Habsburger am Fluss Isonzo

Triest, idyllisch gelegen am Mittelmeer, eingepfercht zwischen Italien und Slowenien und über Jahrhunderte Teil des habsburgerischen Reiches. Ein Überbleibsel aus der Zeit der starken Regionen im Europa des Heiligen Römischen Reiches dt. Nation. Die Hafenstadt ist italienisch geprägt, dominant römisch-katholisch und hat doch über die Zeit einen sehr vielfältigen Charakter erhalten können. Deutsche, Italiener, Slowenen. Triest vereint diese vielen Identitäten miteinander und liegt in Friaul-Julisch Venetien, östlich vom eigentlichen Venetien. Karl der Große ordnete im 8. Jahrhundert die römische Stadt dann seinem Reich unter. Der Konflikt zwischen Venezianern und Habsburgern, welche beide Triest für sich beanspruchten, zog sich durch die Jahrhunderte 13-19 hindurch und kumulierte dann auch im Ersten Weltkrieg, als italienische Truppen auf Befehl General Cadornas nach Triest vorstoßen sollten.
Die Hafenstadt war von zentraler Bedeutung für die Kriegsmarine der k.u.k. Monarchie, als auch die zivile Handelsflotte. Heute kaum noch bekannt für viele unserer Generation. Aber Österreich bzw. Österreich-Ungarn besaß einen Platz an der Sonne des Mittelmeeres, da wo heute viele deutsche Urlauber gerne hingehen.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges betrog Italien die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn. Im Vorfeld hatten Gespräche mit den Alliierten stattgefunden, wo den Italienern  Gebiete der k.u.k. Monarchie versprochen wurden, sollte man den Krieg gewinnen. Der Verrat der Italiener führte in Triest zu Protesten gegen die italienische Bevölkerungsmehrheit und zur Militarisierung der Stadt, die im Rahmen der beginnenden Isonzo-Offensiven zur Festung ausgebaut wurde. Tausende Italienischsprachige mussten die Stadt verlassen, oder wurden gar von den k.u.k. Behörden interniert, da der Verdacht bestand, dass sie mit den anrückenden italienischen Truppen kollaborieren würden. Ein Verdacht, der angesichts der vielen Vorfällen von Überlaufen eine Berechtigung hat. Österreich-Ungarn hatte als Vielvölkerstaat das nicht zu ignorierende Problem, dass es Soldaten aus allen Ethnien und Nationalitäten seines Imperiums rekrutierte. Slawische Soldaten liefen teilweise, nicht mehrheitlich, aber hin und wieder zu den russischen Kräften im Osten über. Auch an der italienischen Front gab es diese Vorfälle.
Am Fluss Isonzo begann der Angriff der italienischen 2. und 3. Armee. Generallissimo Cadorna befahl die Kampagne gegen die numerisch weit unterlegenen Truppen des k.u.k. Generals Boroevic von Bojna( übrigens ein kroatischer Serbe), welche sich trotz ihrer Unterlegenheit gut zwei Jahre erfolgreich gegen die Italiener verteidigen konnten. Insgesamt zwölf Schlachten gab es bei Isonzo, jede von ihnen tötete Tausende Soldaten auf beiden Seiten und schlug tiefe Wunden in die Landschaft. Noch heute sind die Berge gezeichnet von Stellungssystemen, die von den Kriegsparteien angelegt wurden. Bei der vierten Schlacht vom 10.11-02.12.1915 wurden  etwa 117.000 Italiener und  72.000 Österreicher getötet oder verwundet. Die Dimensionen dieser Auseinandersetzungen sind vergleichbar mit denen an der Ostfront oder noch bekannteren Westfront des Krieges. Nur die Geographie war eine gänzlich andere. Hohe Gebirge, Abhänge, tiefe Schluchten und reißende Ströme. Vom Meer her wehte ein warmer Wind, während sich das Wetter in den höheren Lagen in nur kurzer Zeit dramatisch verändern konnte. Regen, Sonnenschein, Hagel und Schnee – manchmal alles gleichzeitig.  Zwischen Nadelwäldern und saftig grünen Hügeln möchten wir heute eher Urlaub machen und Lustwandeln. Aber vor 100 Jahren verwandelten die Geschützbatterien der Kriegsgegner diese Landschaft in ein Inferno.
Nach jahrelangem Ringen am Isonzo war weder den Italiener noch den Österreichern ein nennenswerter Durchbruch gelungen. Eine gigantische Offensive sollte das Schlachtenglück für die Italiener wenden, als Cadorna zur mittlerweile elften Schlacht blies und mehr als 350.000 Soldaten auf den Plan rief, um endlich Triest zu erobern, die Versorgungswege zu blockieren und die Marine der Österreicher trocken zu legen. Die heftigsten Kämpfe ereigneten sich um die Stellungen der Österreicher bei Monte San Gabriele, wo sich die Gebirgsinfanterie beider Seiten schwindelerregende Gefechte lieferte. Für die Soldaten verwandelte sich der Monte in einen Berg des Todes, wo Granaten permanent Geröll herabregnen ließen und Männer durch Steinschlag oder Kugeln getroffen in die Tiefen hinabstürzten. Gaswolken umnebelten die Ebenen in tiefer liegenden Gräben, wo sich die Leichen gefallener Soldaten stapelten und tagelang nicht geborgen werden konnten. «Avanti, Avanti!» ertönte, als Italien die Arditi, speziell für den Stellungskrieg ausgebildete Infanterie, in den Kampf schickte.  Doch selbst die Elitetruppen konnten den Sieg hier nicht erringen, sodass die italienische Offensive zum Stehen kam.
Noch im selben Jahr entschloss sich Deutschland den Österreichern zur Hilfe zu eilen, um der definitiv kommenden nächsten italienischen Attacke am Isonzo zuvor zu kommen. Die deutsche 14. Armee wurde nach Süden entsandt, wo unter anderem die Deutsche-Jäger-Division und das königlich-bayrische Alpenkorps zum Einsatz kamen. Die Gebirgsjäger und neuen Sturmtruppen sollten das erreichen, was 11 Schlachten zuvor nicht vermocht hatten.
Im Gas- und Rauchdunst der Geschützsalven stürmten die Deutschen und Österreicher vor. Entgegen der militärischen Binsenweisheit entschied sich die Heeresleitung für den Angriff gegen einen numerisch überlegenen Gegner und siegte, wenngleich dieser Triumph teuer erkaufte wurde und die vereinten deutschen Truppen am Fluss Piave wieder zum Stehen kamen. Der flächendeckende und massive Einsatz von Giftgas forderte auf beiden Seiten einen hohen Blutzoll, während die deutschen Stoßtruppen unter dem Abwehrfeuer der Italiener noch am ersten Tag bis Monte Sol vordringen konnten, wo die feindlichen Stellungen komplett ausgehoben wurden.
Gebirgstruppen fanden sich oft in surrealen Lagen wieder, wenn sich eine deutsche Einheit und eine italienische plötzlich beim Besteigen des Berges auf halbem Wege begegneten. Oft dann, wenn der vorderste Mann den Kopf um eine Bergkante streckte und sich auf einmal einem feindlichem Soldaten gegenübersah. Zusammengepfercht auf wenigen Zentimetern Gebirgspfad kam es dann zum Nahkampf mit Gewehr, Pistole, Spitzhacke und bloßen Händen.
Im Laufe der Kämpfe ergaben sich Hunderttausende Italiener, die genau wie viele Deutsche auch des Krieges müde geworden waren. Gerade die 14. Armee hatte viele Teileinheiten, die bereits im Osten und Westen an etlichen Schlachten teilgenommen hatten. Viele Soldaten waren im Felde geblieben, die Kompanien waren neu aufgefüllt und dann nach Italien geschickt worden.
Der damalige Oberleutnant Erwin Rommel, späterer Wüstenfuchs, befehligte eine Kompanie des Württembergischen Gebirgsbataillons. «Infanterie greift an!» speiste sich auch aus diesen Kampferfahrungen im Gebirge. Zehntausende Soldaten der Habsburger und des Deutschen Reiches fielen, um diesen partiellen Durchbruch zu erringen.
Nur wenige Monate später kapitulierte Deutschland.

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R33718 / CC-BY-SA 3.0


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