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Aus der Mitte der Gesellschaft?

Aus der Mitte der Gesellschaft?

Die Wehrpflicht ist ausgesetzt und die Bundeswehr sucht händeringend nach neuen Rekruten. Nur noch etwa 170.000 Soldaten dienen derzeit in den Streitkräften unseres Landes. Das ist nur etwa ein Drittel des Personalbestands, der noch vor 25 Jahren normal war. Mit dem Wegfallen des verpflichtenden Wehrdienstes bricht meiner Ansicht nach auch das weg, was man gemeinhin als den Querschnitt der Gesellschaft bezeichnete. So galt unsere Armee zu Wehrpflichtszeiten noch als eine, in der sich Menschen aus allen Schichten unserer Gesellschaften wiederfanden. Sie kamen von überall und bildeten das, was wir als die Mitte der Gesellschaft bezeichnen könnten. So nennt sich auch eine Facebook-Gruppe: Soldaten gehören in die Mitte der Gesellschaft. Das viele Zehntausend Menschen es für wichtig halten, dass dies so gesagt wird, zeigt mir nur, dass es wohl nicht mehr so ist. Viele in unserem Land fremdeln mit ihrer eigenen Armee, haben wenig Kontakt zum Militär und begreifen Soldaten als etwas, was man nur aus dem Fernsehen kennt. Der persönliche Bezug fehlt immer häufiger. Der unbekannte Soldat mal ganz anders. Aber dabei hängen an den 170.000 aktiven Soldaten stets wieder Angehörige, Freunde und Bekannte. Soldaten und ihre Familien sind keine Ungewöhnlichkeit, kein Bodensatz und schon gar keine Randerscheinung. Sie kommen und gehören in die Mitte der Gesellschaft. So wie Antje und Lennard aus Berlin, die ich kürzlich im schönen Berlin-Pankow zum Plausch getroffen habe.

Dabei könnte der berufliche und persönliche Hintergrund der beiden unterschiedlicher kaum sein. Sie ist eine Burlesque-Künstlerin und er ein Soldat im Süden der Republik. Beide sind viel unterwegs und sehen sich nicht so oft, wie man das sicherlich gerne hätte. Da fällt der Blick gleich wieder auf die Floskel von «Vereinbarkeit von Dienst und Familie». Gerade dieser Kernpunkt steht bei Frau Verteidigerungsministerin laut eigener Aussage hoch oben in der Agendaliste.

Antje, blond, etwas älter als Lennard, spricht mit viel Emotionalität über das Leben mit dem Mann als Soldat. Man sorgt sich ganz natürlich um ihn, wenn er länger fort ist, und beobachtet das internationale Geschehen aufmerksamer, als es vielleicht der Otto-normal Bürger tun würde. Denn soweit ist es ja mittlerweile gekommen. Der Querschnitt der Gesellschaft ist die Bundeswehr wirklich nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei, wo noch in fast jeder Familie ein männliches Mitglied die Uniform trägt oder getragen hat. Die moderne Bundesrepublik schaut mit freundlichem Desinsteresse an den Soldaten vorbei. Die Bundeswehr als große Unbekannte im Staate. Ganz selbstverständlich frage ich Lennard, ob er denn in Uniform schon unfriedliche Zusammenstöße mit der zivilen Gesellschaft hatte. Manchmal ist es eben doch so, dass das Desinteresse der Menschen nicht die übelste Ausprägung, sondern die harmlosere ist. Manchmal wird man sogar offen angefeindet und angegriffen. Er selbst wurde zwar schon doof von der Seite angemacht, jedoch nicht körperlich angegangen. Einmal gab es diese «linke Zecke», welche die üblichen Sprüche abgelassen hatte. Aber man weiß von Kameraden, die tatsächlich für das Tragen von Uniform schon gewaltsam attackiert wurden. Vor allem in Berlin.

Lennard ist groß, trägt die dunklen Haare zum Scheitel und ordentlich. Die breiten Schultern sind behangen mit Hosenträgern. Überhaupt kleidet sich das Paar im Stil der 40er Jahre. Ein wenig Oldschool Mode, die man als gemeinsames Interesse hat. Ich muss unweigerlich daran denken, dass die Idee von Vaterland, Staatsdienst und Treue wohl auch Ideen sind, die wir aus anderen Zeiten in die heutige Moderne gerettet haben.  Jetzt könnte man sicherlich annehmen, dass der junge Mann dort schon immer für ein Leben als Soldat geschaffen war. So zumindest wirkt er rein optisch doch auf mich. Aber Lennard wollte ursprünglich eigentlich Erzieher für Kinder werden, ging selber auf eine Montessori-Schule und wirkt dann auf den zweiten Blick mit der ruhigen und wohlüberlegten Art wie jemand, der die nötige Geduld für so einen Job mitbringen würde. Bedauerlicherweise wurde aus dem Leben als Kindererzieher nichts. «Abgelehnt!» erzählt er und führt weiter aus, dass dies wohl mit seinem Geschlecht als Mann zu tun haben könnte. Ich sehe das ähnlich. Auch im innerstaatlichen Diskurs hat man doch längst gemerkt, dass es an männlichen Erziehern fehlt. Man darf sich also fragen, ob da nicht auch eine «Vaterfigur» in so manchen Kindergarten hilfreich sein könnte. Jedenfalls wurde aus diesem ersten Traum nichts und Lennard fand sich bei der Bundeswehr wieder, die ihm so gut gefiel, dass er geblieben ist. Seit mittlerweile 2010 dient er dort und seine Antje hält zu ihm.

Überhaupt reden wir ein wenig über die Schnelllebigkeit in unserer Zeit und über Partnerschaft. «Habt ihr etwas voneinander in den Jahren gelernt?» frage ich. Antje nickt. Zum ersten Mal habe sie verstanden, was der Ausspruch «in Treue fest verbunden» wirklich bedeutet. Einander zu stützen und zu halten, auch wenn die Lage schwierig ist und man sich länger nicht sieht. Die Bewertung der Partnerschaft als etwas, welches den einen und die andere miteinander verbindet und anregt, zusammenzuhalten.

Familie, Dienst, Partnerschaft? Schlagworte im Agendasetting von Frau von der Leyen. Ich frage Lennard, ob man denn schon Verbesserungen spürt, welche den Dienstalltag erträglicher machen. Und da fällt auch schon das Hasswort «Dienstzeitausgleich», welcher die Soldaten zwingt, ihre Überstunden in Urlaubstage umzuwandeln. Wirkliche Ausbildung und Weiterbildung der Soldaten, die oft früher lange Überstunden dafür in Kauf genommen haben, fallen dadurch weg. Wir lachen und beschweren uns beide über die lächerlichen Zeiten in der heutigen Grundausbildung: 7-16 Uhr und dann Dienstunterbrechung, weil man bloß keine Überstunden ansammeln darf. Vorbei sind die Zeiten, wo man noch 5 Uhr morgens wachgetrommelt , in eisiger Kälte zum Frühsport getrieben und dann zur Stationsausbildung gejagt wurde. Waffenreinigung und Nachbereitung von 20-22 Uhr? Gibt es nicht mehr. Beweisführend ist hier auch die Serie: «Die Rekruten».

Ist das sinnvoll? Ich stimme mit Lennard überein und wir wissen, dass die Ausbildungsinhalte, die man vorher hatte, nun nachgesteuert werden müssen. Wann? Wie? Der elendige Dienstzeitausgleich schwächt die Truppe, baut Substanz ab und lässt Fähigkeiten der Soldaten verkümmern. Oben drauf kommt dann die Idee von Frau von der Leyen, der Bundeswehr einen Maulkorberlass aufzudrücken. Lennard sagt vor einigen Wochen bei unserem Treffen, dass die Frau Ministerin diesen sowieso nicht durchboxen könne und behielt damit Recht. Dennoch ist es wohl bezeichnend für den Zeitgeist und die Denkweise innerhalb des Bmvg, wenn man solche Erlässe überhaupt in Erwägung zieht.

Als wir darüber sprechen, was mit der Bundeswehr alles nicht mehr stimmt, fällt es schwer damit aufzuhören. Neckermann-Stuffze und die Entwertung der Dienstgrade erwähnt Lennard und ich nicke. Die Problematik ist nicht unbekannt, wirkt sie doch bis in die höheren Dienstgrade hinein, wenn aus zivilen Quereinsteigern ohne militärische Erfahrung in wenigen Monaten Majore werden können, deren Fähigkeiten allerdings weit hinter denen der altgedienten Kameraden zurückbleiben. Aber im Ernstfall müsste der Herr Major X, der die Uniform erst seit einigen Monaten trägt oder vor 20 Jahren das letzte mal angehabt hatte, das gleiche leisten wie der erfahrene Einsatzsoldat mit gleichem Dienstgrad. Irre!?

Nicht unerwähnt kann man dann das Wegfallen der Wehrpflicht lassen, welche künftige und derzeitige Generationen der Möglichkeit beraubt, mitzureden und sich auszutauschen. Das Militär im Land als Fremdkörper wird so immer wahrscheinlicher und die Entfremdung vom Begriff Heimat oder gar Vaterland ist eine offensichtliche Tatsache geworden.  Daher fehlt den Menschen dort auch das Verständnis für die Idee des bewussten Gehorsams, des willigen Dienens aus dem Bewusstsein heraus, dass es Dinge gibt, die getan werden müssen.

Und dann sind wir auch schon wieder bei Antje und den anderen Werten, die uns in Deutschland ihrer Ansicht nach verlorengegangen sind. Sie selbst wurde noch in der DDR sozialisiert und weiß noch, dass die innere Solidarität damals noch anders war. Irgendwo war man dann doch, trotz Überwachungsstaat, eine Volksgemeinschaft, wie sie heute ja von höchsten Stellen sogar abgelehnt wird. So etwas wie das deutsche Volk gäbe es ja nicht und die Regierung von NRW schwört auch nicht mehr auf dieses deutsche Volk, sondern sucht sich lieber fremde Völker.  Über die «Feministinnen» von heute kann sie auch kein gutes Wort verlieren. Es sei eine Sache, wenn man für sich selbst emanzipiert, frei und stark sei. Eine andere ist es, wenn man die Feminität zerstören und den Mann entmannen wolle. In der Bundesrepublik Deutschland rede man wohl auch lieber über Gender-Ampeln, als über tatsächliche Diskriminierungen, denen Frauen ausgesetzt sind. Deutsche Schlagermusik, alte Karren und 40er Jahre Mode. Die eine im Showgeschäft und der andere in Flecktarn. Aber am meisten wünschen sich die beiden, dass die Menschen einen vorurteilsfreieren Umgang miteinander pflegen sollten. Zu oft hat jeder bereits eine vorgefasste Meinung über den Beruf des einen oder des anderen. Antje und Lennard machen weiter, bleiben zusammen und leben so, wie sie es sich erträumt haben.

Wer seinen Kinderglauben sich bewahrt, in einer reinen, unbefleckten Brust – und gegen das Gelächter einer Welt zu leben wagt, – wie er als Kind geträumt – bis auf den letzten Tag: das ist ein Mann! (Henning v. Tresckow)



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