Home Geschichte Hitler, Höcke und dein Geschichtslehrer: Erinnerungspolitik mal anders. 

Hitler, Höcke und dein Geschichtslehrer: Erinnerungspolitik mal anders. 

Höcke ist ein Nazi! Meint Augstein auf SPON. Alle AfDler, deren Wähler und Sympathisanten sind Nazis! [1] Meint Stefan Kuzmany auch auf SPON [2]. Und auch der Rest des politisch-medialen Establishments malt die Dresdner Rede Höckes von der 180° Wende in der deutschen Erinnerungspolitik in den verschiedensten Brauntönen aus. Die Leser- oder Zuschauerschaft katalysiert das meist ungefiltert weiter. Es herrscht Empörung, Aufruhr und man sieht kollektiv ein neues ‘33 vor der Tür stehen. Die andere Seite ist zerknautscht über das Thema oder jubiliert.

Um es kurz zu machen: Ich halte diese Reaktionen für hysterisch und Höckes Ansatz sich diesem »Problem« zu nähern für falsch. Ich bin genervt von den mehr oder weniger kollektiv ausgesprochenen Nazi-Vergleichen, die jeden echten Neo-Nazi nur verharmlosen und ich bin genervt von der rechten Obsession mit dem »Schuldkult«, der in manchen Kreisen selber längst den Stand einer »politisch korrekten Position von Rechts« eingenommen hat. Es gibt die Holocaust-Leugner, -Verharmloser oder eben die irgendwie  voll einen auf Türkei oder Japan machen wollen: Also  eine Mischung von Leugnen und Verharmlosen.  Manche sind einfach nur entnervt von dem Thema und wollen einen »Schlussstrich«. Auch halte ich es für falsch, einen Schlussstrich unter das Gedenken an die Massenvernichtung durch unsere Vorfahren zu ziehen, denn dass hieße die deutsche Geschichte für beendet zu erklären.

Doch vieles von den obigen rechten und linken Positionen geht an der Lebenswirklichkeit junger Deutscher, die nicht zwangsläufig »rechts« sein müssen, vorbei. Längst haben sich alternative Wege gebildet, die deutlich produktiver mit dem bisherig dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte umgehen.

Deutschland ist mittlerweile eins der beliebtesten Länder der Welt (3) und auch wenn »Hitler und die Nazis« immer noch weit verbreitet für Deutschland stehen, hat sich längst ein manchmal differenziertes Bild (Autobahnen, Freiheiten, Bildungssystem usw.) oder klischeehaftes Bild (Deutschland = Oktoberfest) von Deutschland auf dem Planeten verbreitet, das positiver ausfällt. Die materiellen Folgen des 2ten Weltkrieges sind nahezu alle musealisiert oder wiedererichtet, Zeitzeugen sterben aus und alte Weltordnungen sind neuen Konflikten und Machtkonstellationen gewichen. Für viele Generationen deutscher oder auch europäischer Menschen stellen sich entscheidende Zukunftsfragen, für die ein einfaches »Alles was bis ‘45 war, war scheiße und nur das genaue Gegenteil bringt uns Glück, Freiheit usw.« nicht mehr reicht. Eine einseitige Fokussierung  auf den ganzen Komplex des 2ten Weltkrieges, wie ich ihn noch während der Schulzeit –  meine Geschichtslehrer und -lehrerinnen packten das Thema Geschichte zum Glück umfassender an! – mitbekommen und viele Noch-Schüler noch mitbekommen führt zu nichts mehr. Zwar unterwerfen sich noch viele Leute – jung wie alt – der Versuchung zwanghaft alles durch die politischen Schablonen der Zeit zwischen 1918 und 1945 zu pressen, doch immer mehr verlieren überhaupt dadurch das Interesse an Geschichte. Und so wirkt die »Vergangenheitsbewältigung« für viele nur noch als zwanghafte »VergangenheitsÜBERwältigung« der man fernbleiben möchte. Die Ablehnung dieses »Schuldkultes« ist entsprechend gleich abstoßend und deswegen hüpft man dann lieber gedankenlos auf Mahn- und Denkmälern rum. Das Ansehen und die Bedeutung der Bundesrepublik kann sich nicht nur auf die Negation der nationalsozialistischen Gräuel berufen, da längst neue Maßstäbe herangetreten sind, die Identitäts- und Legitmationsstiftend sind.  Es gibt seriöse Studien die aufzeigen, dass die »Holocausteducation« in dieser übertrieben und missbräuchlichen Form, gerade auch auf Kinder von Einwanderern negativ für die Eingliederung in unser Volk sein kann[4]. Der »Holocaust« als Negativ-Gründungsmythos wird so zur Verneinung deutscher Identität. Die Vereinnahmung des Deutschtums für die nationalsozialistische Parteiideologie wird somit, meiner Ansicht nach, peinlicher Weise  permanent als identitätsstiftend aufgewertet.

Neben diesen Problemen hat sich aber längst eine »neue Sicht« entwickelt, dabei wird der Massenmord und NS-Diktatur weder »verharmlost« noch zum Negativ-Mythos überhöht. Es ist vielmehr so, dass die »ganze« deutsche Geschichte inklusive Gegenwart bei der Identitätsbestimmung herangezogen wird. Dabei werden Schleier der chauvinistischen Geschichtsschreibung (z.B. gegenüber Russen, Polen und Franzosen) des 19. Jahrhunderts genauso heruntergerissen, wie liberale, antinationale »Alternativlosigkeit« des späten 20., frühen 21. Jahrhunderts. Der Gedanke an Krieg mit einem unserer europäischen Nachbarn ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Komplexität und Vielfalt unserer Welt wird mit dem Blick auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation begegnet, das bis heute noch regionale, städtische oder nationale Identitäten ganz über Europa prägt. Eine Nation wird nicht als »Endzweck« verstanden, aber die Notwendigkeit funktionierender Nationalstaaten und Bünde zwischen diesen, wird im Angesicht zerfallender und instabiler Staaten in der Gegenwart an den positiven Entwicklungen des beginnenden 20. Jahrhunderts ersichtlich. Funktionsunfähige Schimären wie die EU »enttarnt«  – anhand der Übergangszeiten wie z.B. die des „Deutschen Bundes“. Das umfassende Geschichtsbild überwindet die Besetzung des Deutschtums durch den NS, ja führt zu einer überzeugten Ablehnung dieser Ideologie, welche nur wenige Elemente der deutschen Geschichte als identitätsstiftend ausgemacht hat. Man gedenkt stattdessen der ganzen Bandbreite an Persönlichkeiten und Geschehnissen der letzten tausend Jahre, die weit über das preußisch-protestantische Deuten eines Treitschkes, hinausgehen. Zum Beispiel gedenkt man den 12.000 jüdischen Soldaten die für ihr deutsches Vaterland und Reich gefallen sind und versteht die dann ereilende Verfolgung und Vernichtung  jüdischer Deutscher noch mehr als üblen Verrat und ehrloses Verhalten. Auch an die Vertriebenen und Ausgebombten denkt man, ohne Guernica oder Rotterdam unter den Tisch fallen zu lassen. Das »Don’t mention the war«, gilt nicht mehr. Unser Volk wäre ohne Ehre wenn wir das »Vergessen« würden. Man hängt sich also nicht an »Minderheiten« auf und rechnet diese gegen die »Mehrheit« aus sondern blickt auf die »Gesamtheit«. Der NS war eben final  sogar gegen »sein« Volk und vieles was der »Deutsche Genius« der Welt »geschenkt hat« gerichtet [5]. Man erkennt die Vor- und Nachteile der Bundesrepublik, denkt an die Leistungen der Trümmerfrauen wie auch der Einwanderer aber versinkt nicht in progressiven Wahnsinn oder revanchistischen Phrasen.

Auf dieser Basis packt man auch das heutige,  »vielfältige, bunte« aber eben noch – zum Großteil – »deutsche« Volk voll an und hat Lust gemeinsam weiter Geschichte zu schreiben! Man überwindet alternativlose radikalliberale oder nationalsozialistische Geschichtsdefinitionen. Man braucht keine »180° Wende«, denn man legt Winkelmesser und verstaubten Plan zur Seite und macht sich auf den Weg Deutschland und Europa neu zu entdecken, weiter gedeihen und fruchtbar in der Welt wirken zu lassen. Man hat ein gutes Jahrtausend im Gepäck – eine gute Wegzehrung für Gegenwart und Zukunft.

 

Quellen:

1: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-und-npd-hoecke-zeigt-gefaehrlichkeit-der-afd-kolumne-augstein-a-1130720.html

2: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bjoern-hoecke-darf-in-der-afd-bleiben-nazis-und-mitlaeufer-kommentar-a-1131282.html

3: http://www.wiwo.de/politik/deutschland/best-countries-ranking-2016-die-beliebtesten-laender-der-welt/12855942.html?p=10&a=false&slp=false#image

4: http://schmidt-denter.de/forschung/dokumente/Fazit_Buch.pdf

»…Im Jugendalter besteht eine besondere Verletzlichkeit in der Identitätsentwicklung, der bei der pädagogischen Vermittlung des Holocaust nicht immer genügend Rechnung getragen wird. Es lässt sich eine Verbindung zu Verunsicherungen der deutschen Identität von Jugendlichen ohne und mit Migrationshintergrund herstellen, die insbesondere anlässlich des Geschichtsunterrichts in der 9./10. Jahrgangsstufe nachweisbar ist.«

5: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/von-deutschem-genius-der-fleiss-ist-heiss-1576967.html

 

Titelbild:
Ausschnitt aus  „Germania“ von Philipp Veit im Städelschen Kunstinstitut.

 



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