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Rotes Kreuz vor 100 Jahren

Am Massensterben des Ersten Weltkriegs gibt es wenig zu beschönigen. Ich erinnere mich an den Film Im Westen Nichts Neues, wo ein Kamerad von Paul Bäumer schwer am Fuß verwundet wurde und die Ärzte gezwungen waren ihm diesen zu amputieren. Wir können uns heute in alten Archiven die Fotos von grässlich entstellten Soldaten ansehen, die ohne Gesicht, Arme, Beine oder Unterleib leben mussten. Ein Schicksal, das grausam und unfair ist und vielleicht beneideten viele die Gefallenen um ihren Frieden. In den blutüberschwemmten Lazaretten an den Fronten des Krieges dienten Millionen von Krankenschwestern, Ärzten und Sanitätshelfern ihrer jeweiligen Nationen und häufig über die Nationalität hinaus. Anders als im Zweiten Weltkrieg gab es im Ersten Weltkrieg noch eine zumindest verhältnismäßig anständige Behandlung der Kriegsgefangenen.

Das seelische Trauma begleitet immer die schweren körperlichen Verwundungen. Unzählige Männer und Frauen hatten sich in dieser Zeit die Lebensaufgabe auferlegt, diesen Leidenden zu helfen und sie wenn möglich zu heilen. Unter dem Roten Kreuz fanden sich sowohl alliierte, als auch deutsche Vereinigungen zusammen.

Amerikanische Rotkreuz Krankenschwester

Ende 1918 hatte das Rote Kreuz in den USA 30 Millionen Mitglieder und schickte etwa 8 Millionen davon im Inland und Ausland in die verschiedenen Einsatzgebiete. Ähnlich verhielt es sich in Europa, wo vor allem kirchliche Organisationen sich maßgeblich hinter den Kulissen bei der Versorgung der Verwundeten des Krieges beteiligten. Wir sprechen hier von 18 Millionen Toten und etwa 20 Millionen verwundeten. Oder zusammengezählt die Population von Polen oder die Hälfte der heutigen Bevölkerung Deutschlands. In Generationen und Geschlecht gesprochen reden wir vor allem von Männern, die im Jahre 1918 etwa 20-45 Jahre alt waren. Sie waren am härtesten betroffen und stellten den Löwenanteil an allen Toten und Verwundeten.

Für die Organisationen unter dem Rotkreuz war der Erste Weltkrieg eine erste weltweite und gigantische Prüfung, aus der sie gestärkt hervorgingen. Die Bedeutung der freiwilligen Hilfskräfte, die sich auf christliche Nächstenliebe und Solidarität beriefen, kann heute nicht mehr geleugnet werden. Im Horror des Krieges spendeten diese Helfer Trost, heilten und kämpften um die Gesundheit ihrer Patienten. Noch im selben Jahr brach die Spanische Grippe aus und wandelte sich schnell zur Pandemie, welche mindestens nochmal 25 Millionen Tote weltweit forderte. Ganze Stadtbevölkerungen wurden in Lazaretten und Krankenhäusern untergebracht, während unzählige Schwestern, Ärzte und Krankenhelfer jahrelang einen erbitterten Kampf gegen die Seuche fochten.

Die Arbeit des Roten Kreuzes, oder vielmehr der Roten Kreuze, umfasste aber auch die Versorgung von Flüchtlingen, Veteranen, Kriegsinvaliden und lokal auch die von Obdachlosen. Schon damals sammelten freiwillige Helfer warme und trockene Kleidung für die vom Krieg geschädigten Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und nun vereinsamt an fremden Bahnhöfen standen. Suppenküchen waren in den sogenannten Goldenen Zwanzigern eine Normalität. Der irreführende Begriff der Goldenen Zwanziger bezeichnet eine Interimsphase, in der eine kleine und wohlhabende Schicht der Gesellschaft ihrem Jahrzehnt einen kulturellen Stempel aufsetzen konnte, den viele heute für verbreitete Normalität halten. Luxus, schicke Cocktailkleider und rauchende Frauen waren allerdings eher die Ausnahme und einer Oberschicht vorbehalten. Für Millionen Menschen jedoch ging das Leben weiter. Und nicht unbedingt besser. Im Berlin der frühen Weimarer Republik war die Armut eine Alltäglichkeit, die nur sehr schwer von Hilfsorganisationen und Solidaritätsvereinen gelindert werden konnte. Hunderttausende Menschen waren obdachlos. Entweder weil sie aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, oder aber weil sie Aufgrund ihrer Verwundungen im Krieg keine Arbeit mehr ausführen konnten. Manche waren so grässlich entstellt, dass sie von der Gesellschaft gemieden wurden und ein Leben als Ausgestoßene führen mussten.

Kanadische Soldaten tragen einen Verwundeten Kameraden.

Maler wie Otto Dix schufen Bilder von Kriegsinvaliden, die wie entstellte Monster durch die Straßen Berlins ziehen und gruselig anzusehen sind. Im Nationalsozialismus galt seine Kunst als entartet. Man mochte die Bilder von Kriegsinvaliden nicht. Das passte nicht in die Idealisierung von Krieg, welche von den Nazis angestrebt wurde. Für jemanden, der den Kampf selbst erlebt und sich freiwillig gemeldet hatte, eine Beleidigung.  Diese schreckliche Dimension des Krieges ist eben auch ein Teil der Realität, die man nicht ausblenden darf. Wenn ich daran denke, dass Zehntausende in den kalten Winternächten Deutschlands froren, hungerten und weinten, weil ihnen Heimat, Hof und Gliedmaßen genommen wurden, wird mir wirklich unwohl.

 

Bundesarchiv, Bild 146-1972-062-01 / CC-BY-SA 3.0 deutscher Kriegsinvalider in Berlin

 


 

Weiterführende Informationen :

Im Zeichen der Menschlichkeit: Geschichte und Gegenwart des Deutschen Roten Kreuzes

 

Das Rote Kreuz: Geschichte einer humanitären Weltbewegung

 

 


 

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