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Diagnose: “nicht dienstfähig”

Zitat aus einem Buch

Morgen früh, an meinem ersten «richtigen» Tag, ist erst einmal Blutentnahme, danach mein erstes Gespräch mit einem Psyschologen. Jetzt fühle ich mich doch zunehmend unwohl, das ist nicht meine Welt, hier wollte ich nie hin. Und wie werden die anderen Patienten sein? Im Laufe der Woche lerne ich sie kennen. Wir reden offen miteinander, verzichten auf den Dienstgrad, der spielt hier keine Rolle. Ich lerne Peter kennen, sehr kurze Haare, etwas älter als ich. Er war mehrfach im Einsatz, sechs-oder sieben mal. Ein harter Typ, durchtrainiert, sympathisch, er lächelt oft. Von außen ein richtiger Mustersoldat. Er erzählt mir von seinen Einsätzen, von Bosnien, Kosovo, Afghanistan. Ich kann seine Geschichten gut nachempfinden – die Anschläge, die Leichen, die Massengräber. Er wirkt dabei ruhig und gelassen. «Wann hat’s dich erwischt?» , frage ich ihn.

Nein. Es waren nicht diese Erlebnisse, es war ein Autounfall im Dienst, Überschlag, alles im Körper zerquetscht. Irgendwann, lange nach dem Koma und unzähligen Operationen, war er wieder unter den Lebenden, aber mittlerweile ohne Ehefrau, ohne Gefühle, ohne Perspektive, völlig daneben. Erst dann hat es bei ihm angefangen. Von der letzten Operation trägt er noch den Beutel am Körper, aus irgendeiner Wunde fließen Blut und Eiter hinein. Jetzt ist er hier zur Untersuchung, die Ärzte wollen ihn stabilisieren und herausfinden, welche psychischen Wunden er in sich trägt.

[…]

Ich lerne Männer und Frauen kennen, die jeder für sich ganz unterschiedlich schlimme Erfahrungen und Probleme mitbringen, aber alle hier sind Kameraden, alle sitzen im gleichen Boot. Ich lerne Menschen kennen, die damals, im Juni 2003, in einem Bus saßen, den ein Attentäter in Kabul in die Luft gesprengt hat. Vier starben damals, 29 wurden zum Teil schwer verletzt. Es war der heftigste Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan, als noch keiner vom Krieg gesprochen hat. Sie haben die Leichenteile ebenso gesehen wie ich, auch das Feuer erlebt, die Detonation, den Gestank. Wir brauchen nicht viel erklären – wir verstehen uns nach wenigen Worten. Ich weiß, warum sie hier sind, selbst nach all den Jahren sind sie immer noch in Behandlung. Oder schon wieder.

Mein erster Aufenthalt in der Psychiatrie tut nicht weh; Gespräche mit Psychologen, Tests am Computer, Fragebögen, körperliche Untersuchungen und etwas Entspannung. Ich kann nach einer Woche am Freitag wieder nach Hause fahren. Im Übergabebrief des Krankenhauses an meinen Truppenarzt steht: «Verdacht auf PTBS, einsatzbedingt»

[…]

Ich spüre, dass nichts mehr mit mir stimmt. Und ich weiß, dass mir keiner helfen will oder kann. Meine nächste Beurteilung steht an, ein ganz wichtiges Zeugnis für einen Soldaten, in dem wie mit Schulnoten Leistungen bewertet werden. Diese Noten und ein kompliziertes System aus anderen Bewertungselementen entscheidet über die zukünftige Karriere. Mein Vorgesetzter sagt mir, er habe Probleme damit, meine Belastbarkeit zu bewerten, ich sei schließlich krank und sehr lange nicht hier gewesen. Klar! Ich war ja auch im Einsatz! Und jetzt bin ich krankgeschrieben. Was zählen da schon meine früheren Leistungen, meine 60- und 70 Stunden-Wochen, in denen ich geschuftet habe, meine Sieben-Tage-Wochen im Einsatz, monatelang, die acht Anschläge, die ich überlebt und mit denen ich bewiesen habe, wie belastbar ich bin. Alle meine Belobigungen, förmlichen Anerkennungen, Ehrenkreuze! Nichts zählt mehr?   Auszug aus «Die reden und wir sterben: Wie unsere Soldaten zu Opfern der deutschen Politik werden»

 



 

 

Zehntausende Soldaten in Deutschlanden leiden unter Posttraumtischer Belastungsstörung. Auch Polizisten, Feuerwehr und Rettungssanitäter sind von ähnlichen psychischen Krankheiten betroffen, die sie sich im Zuge von Einsätzen im Ausland(auch im Inland) zuziehen. Tausende zivile Helfer rotierten zusammen mit den Einsatzkontingenten der Bundeswehr in Afghanistan und auf dem Balkan.  Kürzlich wurde von der Bundesregierung das Mandat für den Mali Einsatz erweitert. Bis zu 1000 Soldaten sollen in der afrikanischen Krisenregion stationiert werden können. Ausgang des Einsatzes? Ungewiss.

 

 

 

 


 


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