Home Geschichte Das Elend des Unglaubens – Die Verdunklung der Kultur

Das Elend des Unglaubens – Die Verdunklung der Kultur

Die Frage des Glaubens ist eine, in der wir alle parteiisch sind. Jeder ist ja entweder glaubend oder eben nicht. Glauben und Religion sind letztlich sehr private Entscheidungen. Das macht eine offene und kritische Debatte natürlich generell schwer. Es ist wie mit Geschmack oder sexuellen Vorlieben; was jemand privat mag, das geht selbstverständlich andere nichts an.

Dennoch gibt es natürlich das überindividuelle Element, also welche Wirkung hat es auf eine Gesellschaft, eine Kultur, eine Zivilisation, wenn sie sich kollektiv zu einer Kultur des Unglaubens entwickelt. Das ist letztlich natürlich keine klar zu fassende Sache. Man müsste weit ausgreifende Studien über Generationen anlegen, um der Frage Herr zu werden, wohin Glauben oder Unglauben führen. Ich bin mir daher bewusst, dass ich bei diesem Thema eher intuitiv und mit Assoziationen argumentieren kann. Grundelemente der Kultur, Ideengebäude, der ganze Bereich der Mentalitätengeschichte, sind immer ein schwer festzumachendes Thema.



Begriff des Glaubens

Bevor man eine Analyse versucht, muss man den vielschichtigen Begriff des Glaubens selbst beleuchten. Was in der Attacke durch Atheisten hier in letzter Zeit passiert ist, ist leider eine ziemliche Verengung des Begriffs selbst, also Religion oder Glauben. Letztlich hat man in den Debatten von Seiten des Atheismus nur deistische Religion, also Religion mit einem Gott ins Visier genommen, und zweitens wird in der Regel allein auf der Vorstellung der beiden missionierenden Buchreligionen, Christentum und Islam, kritisiert. Das mag auf den ersten Blick plausibel scheinen, da diese beiden Religionen die weithin größte Anzahl an Anhängern haben. Es ist aber intellektuell unredlich und auch nicht zielführend, wenn man das Thema Glauben auf zwei von hunderten Erscheinungsformen reduziert.

Zunächst ist Religion ein viel weiterer Begriff als es die Buchreligionen aufzeigen. Das ist für Menschen in Europa erst einmal schwer zu verstehen. Wir sind so stark durch die Erfahrungen mit Islam und Christentum geprägt, dass wir automatisch annehmen, Religion sei an sich immer so. Dabei sind praktisch alle zentralen Elemente des Christentums praktisch nur dort vorhanden. Der Gedanke an die Erbsünde, der Gedanke, dass man nur über einen geweihten Priester als Monopol zu Gott gelangt; das Konzept überhaupt, dass Religion eine Serie von Geboten, Verboten und Verhaltensregeln ist. Vor allem Letzteres ist für mich als Polytheist ein entscheidender Unterschied. Für Europäer und Atheisten ist es immer ein Hauptangriffspunkt gegen die Religion, dass sie irrationale Gebote aufstellen, also eine orthodoxe Lehre, wie die Welt geschaffen sei, was die Gebote und Verbote seien, und demnach eine Priesterschaft welche eine intellektuelle Lehre verbreitet. Das ist aber durchaus kein normales Element von Religion, wenn man alle Religionen der Welt zusammen betrachtet.

Wenn Leute zu mir kommen als Römischem Priester, und sich zu einer heidnischen bzw. polytheistischen Religion entscheiden, dann ist das immer der erste Knackpunkt, den ich den Leuten austreiben muss. Polytheismus hat keine Lehre, und sie ist kein „Glaube“ an eine Lehre. Die Buchreligionen definieren sich durch Orthodoxie, also den „richtigen Glauben“. Du musst an bestimmte Ideen glauben, dass du sündig bist, dass Jesus für deine Sünden starb usw. Polytheismus ist dagegen Orthopraxis, er ist gewissermaßen „leer“ an Glaubensinhalten, er ist kein Glauben im monotheistischen Sinne. Ich versuche das darum so deutlich zu machen, weil es für Menschen, die nur Christentum und Islam kennen, so schwer vorstellbar ist. Jahwe und Allah verlangen von ihren Anhängern Unterwerfung, sie besitzen die Menschen und fordern die Kontrolle über das Innerste, was man denken darf, was man fühlen darf. Jesus verurteilt Menschen schon, weil sie sündhaft empfinden. Die Alten Götter verlangen keine Herrschaft über das Innere, das Fühlen. Die Vorstellung von Religion ist eben nur Orthopraxis. Tue die rechten Riten, ehre die Tradition und die überlieferten Feste, aber für dein Fühlen und Denken bist du den Göttern nicht Rechenschaft schuldig. Man nehme etwa den Römer Cicero. Dieser galt allgemein als sehr pietätvoller und religiöser Mensch, ebenso wie die meisten griechischen Denker. Allen gemein ist aber, dass sie in weltlich-politischen Fragen allein ihre Vernunft benutzen. Es gibt eben kein „Gebot“ des Zeus, und keinen „Kreuzzug für Odin“.

Ahnen und Stamm

Ein wesentliches Element heidnischer und polytheistischer Religion ist die Verehrung der Ahnen. Das mag uns aus dem christlichen Verständnis der Religion heraus seltsam erscheinen. Wie kann ich zu meinem Vater, meinem Großvater beten, als wäre er ein Gott? Das ist natürlich eine einseitige Sicht auf Religion und Gebet. In China und Japan zum Beispiel sind Ahnenschreine eine ganz normale Sache. Man hat einen Winkel in der Wohnung, dort steht ein kleiner Schrein zum Gedenken der Ahnen. An den Feiertagen betet man zu den Ahnen, man erinnert sich ihrer, man bittet um Wacht und Führung, und erhält so die Erinnerung an die Vergangenheit, die einem lebendig vor Augen bleibt. Ich habe in meiner Wohnung ein Lararium, einen Ahnenschrein nach römischem Vorbild. An Feiertagen stelle ich dort ein Glas Wein und ein Stück Kuchen hin, denke an meinen Vater und meine Großeltern, erinnere mich und erweise ihnen Ehre. Das ist kein Gebet wie zu Gott im christlichen Sinne, es ist Erinnern, Ehren und eine Bitte, vom Jenseits aus Wache zu halten. Man betet da aber auch weniger für das persönliche Wohl allein, sondern für die Familie. Die Alten Religionen waren immer um die Familie zentriert. Der Familienvater war Leiter des häuslichen Kultus. Damit wurde die gemeinsame Verwurzelung gestärkt. Man beging die Feiern der „Sacra Privata“ im Familienkreise um den Ahnenschrein herum, eine Praxis die in Asien noch immer verbreitet ist.

Hier sind Religionen Ausdruck des Stammes, des Volkes, der eigenen Kultur und Identität. Man macht sich diese mit den anderen Religionen auch nicht streitig. Das war auch ein wesentlicher Angriffspunkt früher heidnischer Kritiker des Christentums, wie Celsus von Alexandria, dass das Christentum den Völkerbund der Religionen zerstöre, in welcher jedes Volk seine Religion habe, und alle sich gegenseitig tolerierten. Auch die Unvernunft und Anti-Rationalität des Monotheismus und seiner Gebote fand frühe Kritik, so etwa durch den letzten heidnischen Kaiser Julian in seiner Streitschrift „Wider die Galiläer“, in welcher er kritisierte, dass der Gott Jahwe den Menschen die Unterscheidung von Gut und Böse vorenthalten wollte, was doch eines der höchsten Güter der Menschen sei: die intellektuelle Urteilskraft, das eigene Denken.

Das soll hier kein Christenbashing sein, aber ich muss es doch hervorheben, weil der Großteil der Kritik von Seiten der Atheisten sich immer wieder an genau diesen Punkt abarbeitet. Ich kann also die Kritik der Atheisten gar nicht anders beantworten als mit einem Hinweis darauf, dass Religion eben nicht durch die Buchreligionen Christentum und Islam allein definiert werden könne, und dass es ganz andere Konzepte von Religion gibt, welche nicht im Widerspruch zu Freiheit, Intellekt und Vernunft stehen.

Atheismus als Niedergang

Es gibt aber auch eine weitergehende Bedeutung von Glauben. Letztlich ist jede Art von Wertsetzung ein Glaube. Es gibt einen interessanten Dialog in einem Buch von Terry Pratchett, dem Autor der Scheibenwelt-Romane. Darin sagt Tod, ein Protagonist der Pretchett-Bücher, zermahle man das ganze Universum zu feinem Staub, bis zum Atom und Molekül, so finde man keine Unze Gerechtigkeit, kein Stück Gnade oder Tugend. Objektiv existieren Werte nicht. Sie sind letztlich Fiktionen. Nehmen wir die Verkündung der Menschenrechte. Jeder von uns oder doch die meisten nehmen diese Liste der Menschenrechte als wahr und gut an. Aber was ist das anderes, als die Offenbarung von Moses am Berg Sinai? Letztlich hat sich hier nur eine Gruppe von Menschen zusammengetan und behauptet, wir sagen jetzt dies und das gelte für alle Menschen. Objektiv sind keine dieser Werte vorhanden. Objektiv hat man kein Recht auf Freiheit, kein Recht auf Leben oder Unversehrtheit, kein Recht auf Besitz oder Meinungsfreiheit, kein Recht auf Fairness. Diese Dinge existieren nicht an sich. Aber wir glauben daran, als mehr oder weniger bewusste Entscheidung. Wir glauben an Gerechtigkeit und Freiheit, wie man an Feen oder Götter glaubt. Der Wert beweist sich in der Wirkung, bzw umgekehrt in der Auswirkung ihrer Abwesenheit. Und gerade im letzterem liegt für mich der Hase im Pfeffer.

Ich gestatte mir eine politische Analogie. Es gibt Menschen, die hängen einem extremen Libertarismus an, quasi einer Art Anarchie. Sie sehen Gesetze, Regierungen und Steuern als bösen Zwang, und sagen, der Staat und die Gesetze sind eine Fiktion wie Götter oder Elfen. Der Staat ist ein Zwang, und der ideale Zustand des Menschen wäre erreicht, wenn man Regierungen abschaffen würde. Dann wären alle Individuen in maximaler Freiheit. Das Problem dieses Konzeptes ist aber, dass in dem Augenblick, da ein paar Individuen sich zu einer Gemeinschaft zusammentun, alle die anderen anarchischen Individuen verloren hätten. Wie wollten solche atomisierten Einzelkämpfer verhindern, dass wieder Menschen eine Gemeinschaft bilden? Wie wollte ein Ansammlung von Individualisten sich gegen einen Nachbarstaat zur Wehr setzen?

Ob man so ein Gebilde als Mafia oder als Staat auffasst, ist dabei einerlei. Menschen würden einfach wieder eine Gemeinschaft bilden, Regeln aufstellen, Regierungen bilden und die ganzen vereinzelten Individualanarchisten wären heillos im Nachteil gegenüber denen, die sich organisieren. Und genau so ist eine Kultur ohne Religion im weitesten Sinne den Kulturen mit religiöser Kraft im Nachteil. Schafft also eine Zivilisation Religion ab, dann wird die erste andere Zivilisation, die sich ihre religiöse Kraft bewahrt diese hinwegfegen, weil sie als Gemeinschaft eine Überzeugung hat, eine Stärke, welche die atomisierte Kultur des Atheismus nicht bietet. Man kann auch sagen, Atheismus ist ein krasser strategischer Nachteil im Kampf der Kulturen.

Ich fasse hier Glauben weiter als nur im Sinne von Religion. Er ist Ideologie, Tradition, Wertegemeinschaft, Verwurzelung. Eine Sammlung von Ideen, die mehr als bloß intellektuelle Betrachtung ist.

In unserer modernen Zivilisation hat man diesem Gedanken den Krieg bis auf den Tod erklärt. Ich hüte mich davor, hier zu behaupten es handele sich dabei um einen bösen Plan; das wäre bloße Verschwörungstheorie. Aber es ist eine Art negatives, dunkles Gedankengebäude, das die ganze moderne Kultur durchzieht. Angefangen von der Zerstörung aller gewachsenen Bande, Familie, Tradition, Kultur, Erbe, geht es auf die totale Atomisierung des Menschen, der als verlorenes Einzelwesen in den seelenlosen Großstädten umher irrt, bar aller Wurzel, allen Gemeinsinns, aller ideellen Werte. Es ist die Verdinglichung des Menschen, die Reduktion des Menschen auf eine Rechengröße der Ökonomie. Alles muss sich nur noch Rechnen. Minimale Löhne, maximaler Profit, Menschen als wirtschaftliche Verfügungsmasse, als vereinzeltes Ding des großen Planwerkes. Es ist der Typus des Sowjetmenschen, des total entwurzelten Einzelnen, der nur noch Zahnrad einer Maschine ist.

Alles Seelenhafte, der Glaube an etwas Heldenhaftes, Ideales, Großes und Schönes, das wird systematisch getötet. Man sehe, wohin man will. Eine kalte, seelenlose Architektur der Hässlichkeit, Menschen im grauen, platten Häusermeer toter Bauwerke einer Hyperintellektualität, bar jeden Gefühles, jeder Ästhetik. Theater und Opern, die alles Erhabene und Schöne aus der Kultur eliminieren. Malerei und Schriftstellerei welche das Derbe, das Primitive und Destruktive auf den Altar der Unkultur erhoben haben. Wir haben eine Kultur des Todes, eine Kultur der Verdinglichung, des Hässlichen und der Gewalt. Kaum eine Serie im Fernsehen, in welcher den Menschen nicht Primitivität, das Vulgäre und Derbe vor Augen geführt wird. Je brutaler, mausgrauer und nihilistischer, umso besser. Vorbei die Zeiten etwa der 1980er als noch ein Star Trek den Menschen Mut auf eine Zukunft machen wollte. Heute ist „Game of Thrones“ das Zeichen der Zeit. Sinnlose, schockierende Gewalt, niederste Typen, eine Welt ohne Schönes, Wahres, Gutes. Man hat die Welt seziert wie eine Leiche und alles an Inspiration getötet. Daher sage ich, wir leben in einer Kultur, die den Tod verherrlicht, das tote, seelenlose Ding, die Verdinglichung des Lebens als bloßen ökonomischen Rechenwert. Man hat die Helden der Vergangenheit von den Sockeln gerissen, die Ideale der alten Zeiten in den Staub geworfen, und überall werden in der Kultur nur noch Negativität und Nihilismus gepredigt. Nichts ist etwas wert. Alle sind wir tote Dinge geworden.

Ich rebelliere gegen diese Art kulturellen Selbstmord. Ein Mensch muss nicht eine tatsächliche Religion haben, aber Religion ist ein Ausdruck des Seelenlebens, der Tiefe, des Hinausgreifens zu etwas, das höher, größer, weiter ist als man selbst, für das der materialistische Nihilismus der Todeskultur keinen Ersatz bietet. Atheismus, Nihilismus und Materialismus sind die Dreieinigkeit einer untergehenden Kultur, weil auch einfach Kulturen mit Religion und Weltanschauung solchen, die bloß Interessen haben, überlegen sind. Alles, was wir über Geschichte wissen, zeigt uns, dass solche Kulturen des Nihilismus durch vitale Kulturen des Glaubens und der Weltanschauung hinweggefegt werden. Gegen den Ansturm eines sehr vitalen Islam wird uns keine intellektuelle Erbsenzählerei helfen, sondern nur eine eigene Vitalität, ein eigenes, neu erwachtes Seelenleben.


 


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