Home Geschichte Polen ist ein Hoffnungsschimmer für das Europa der Vaterländer

Polen ist ein Hoffnungsschimmer für das Europa der Vaterländer

 

Im öffentlichen Diskurs gehört Polen allenfalls der sogenannte „Afterthought“ in der europäischen Politik und vor allem in den deutschen Medien. Man befasst sich mit diesem Land östlich von Deutschland also höchstens in der Nachlese. Völlig zu unrecht, wie ich im Folgenden erklären werde.

Wenn man auf die Straße geht und einen wildfremden Passanten nach Polen löchern würde, bekäme man wohl nur ein paar müde und ziemlich oberflächliche Antworten. Zumindest geographisch einordnen lässt sich das Land dann zumeist noch korrekt, aber sobald es tiefer in die Materie geht, versagt das Allgemeinwissen bei Polen völlig und beschränkt sich auf die schweren Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges. Dabei reicht doch die polnische und die deutsch-polnische Geschichte ein Jahrtausend zurück. Dass Polen vor einigen Jahrhunderten ein riesiges Territorium von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer beherrschte, weiß vermutlich kaum jemand. Um also die heutige Bedeutung der deutsch-polnischen Beziehungen zu unterstreichen, müssen wir tiefer in die Geschichte einsteigen. Nicht nur in die polnische, sondern auch die deutsche und europäische Geschichte.

Geschichtlicher Überblick

Anthropologen und Historiker werden womöglich aufschreien und auf den Tisch hauen, wenn ich ein Jahrtausend Geschichte grob zusammenfasse und vereinfache. Allerdings bleibt einem nichts anderes übrig, wenn man den Rahmen eines kurzen Artikels nicht sprengen will.

Wenn wir im 7. Jahrhundert nach Christi beginnen, wissen wir, dass auf dem heutigen Gebiet Polens schon seit einigen Jahrhunderten und schon vor der Geburt Christi germanische und slawische Stämme siedelten. An der Weichsel und Oder siedelten sich im Zuge der vorausgegangen Völkerwanderungen auch immer mehr Westslawen aus dem Osten an, die sich schnell zu einem eigenen Staatsgebilde zusammenschlossen. Man kann wohl ab dem Jahr 960 und der Krönung von Miezko I. beginnen. Sein Herrschergeschlecht sollte als Piasten in die europäische Geschichte eingehen und das Königreich Polen begründen, das jedoch in seiner Geschichte von unterschiedlichen Dynastien beherrscht wurde und wie alle Staaten in ständiger Veränderung begriffen war. Obwohl in diesen Jahrhunderten noch nicht von Nationen gesprochen werden kann, gilt die Piasten Dynastie doch als Gründungsfundament der polnischen Identität. Mit den Piasten christianisierte sich die ursprünglich heidnische Bevölkerung auch zunehmend und die Anerkennung durch Rom, also das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, brachte dem neuen Polen zusätzliche Legitimation im Osten. Die Folgezeit lässt sich wohl als stürmisch bezeichnen. Im Jahr 1241 fegten mongolische Reiterkrieger über große Teile Mittel- und Osteuropas hinweg und schwächten auch das polnische Gebiet durch Mord und Plünderung. Eine tatarische Herrschaft, wie sie den Russen auferlegt wurde, blieb den Polen jedoch erspart. Es war auch in dieser Zeit, als der Deutsche Orden tiefer in das Baltikum vorstieß und wohlhabende Ordensgebiete an der Ostsee etablierte. Dieser Expansion auf Kosten des Königreichs Polen begegnete Polen mit der Verbrüderung mit dem Königreich Litauen. Die große Allianz der beiden kumulierte in der Schlacht von Tannenberg im Jahre 1410, welche den vorher fast unverwundbar wirkenden Deutschrittern eine vernichtende Niederlage einbrachte, die das Ende ihrer Herrschaft über das Baltikum bedeutete.

Gesamtpolitisch ging Polen-Litauen 1569, ab da Adelsrepublik mit modernem Staatswesen, aus der Schlacht als Sieger hervor und manifestierte sich als dominante Macht. Nur mithilfe von Jan III. Sobieski und der Allianz zwischen Polen-Litauen und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gelang es 1683 die Zweite Türkenbelagerung von Wien zu sprengen und damit das europäische Kernland vor der Eroberung durch die Muslime zu bewahren. Hierbei handelt es sich weißlich um einen Bündnisfall und eine Tat, die in der kollektiven Erinnerung von Polen und Deutschland mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Das freudige Momentum sollte jedoch für Polen-Litauen nicht anhalten. Nach fast Dreihundert Jahren Dominanz in Mittel- und Osteuropa waren die unmittelbaren Nachbarn wieder erstarkt, um vorherige Gebietsverluste und neue Eroberungen einzufordern. Absolutistische, aufgeklärte Monarchen waren jetzt auf dem Spielbrett der Mächte erschienen. Nämlich Katharina II. von Russland, Friedrich der Große und Joseph II. von Österreich. Diese für Polen-Litauen schicksalhafte Allianz aus absolutistischen Monarchen besiegelte das Schicksal des Staates. Das schwächelnde Polen-Litauen hatte den Teilungswünschen der drei neuen Gegner letztendlich nichts entgegenzusetzen und nach etlichen Schlachten hörte Polen-Litauen auf zu existieren. Obwohl Polen-Litauen ein für seine Epoche sehr fortschrittliche Adelsrepublik war, brachte es ihr herzlich wenig. Überhaupt zeigt die Weltgeschichte eine Konstante, der die Polen mit Sicherheit zustimmen werden.

Die Starken tun, was sie können und die Schwachen erdulden, was sie müssen“

So ähnlich drückten sich schon die Athener gegenüber den Meliern aus, deren militärische Schwäche sie schamlos ausnutzten. Nicht weil sie böse waren, sondern weil sie konnten.

Hier an dieser Stelle sollten wir kurz Luft holen und die letzten Jahrhunderte im Rückblick betrachten. Das Königreich Polen existierte mehr oder minder konstant über sieben Jahrhunderte hinweg. Allerdings handelte es sich um eine Adelsherrschaft wie überall in Europa. Im Jahr 1795 endete die letzte und Dritte Teilung Polens und markierte damit auch den Beginn einer wirklichen polnischen Nation. Das mag zunächst eigenartig klingen, wird jedoch klarer, wenn man sich der Tatsache bewusst wird, dass das 19. Jahrhunderte das Jahrhundert der Nationalstaaten war. Selbst die Deutschen entwickelten sich erst unter dem Joch und dem Druck der napoleonischen Armeen von der Vielstaaterei hin zu einer nationalen Idee, in der alle deutschsprachigen in einem Staat leben sollten (Allerdings gab es den nationalen Gedanken und das vereinende Gefühl, Deutscher zu sein, schon wesentlich früher). Ähnlich verhält sich es mit Polen. Nationen sprossen im 19. Jahrhundert nicht einfach grundlos aus dem Boden, sondern sind die zu Ende geführten Wachstumsprozesse von nationalen Identitäten, deren Wurzeln Jahrhunderte zurückgehen.

Es ist kaum zu leugnen, dass die Polen unter dem Schirm der Fremdherrschaft zunehmend unzufriedener wurden. Dem Novemberaufstand 1830 waren Repressionen und Unruhen in den von anderen Mächten besetzten Gebieten des ehemaligen Polens vorausgegangen. Lediglich unter denen von den Habsburgern kontrollierten polnischen Enklaven überlebte eine rudimentäre Form polnischer Identität, die in den übrigen Gebieten der Russifizierung oder Germanisierung unterworfen war. Man kann es die Ironie der Geschichte nennen, dass jeder Versuch die polnische Identität zu unterminieren und zu beseitigen immer nur dazu führte, dass sie sich stur festbiss und umso härter zurückschlug. Ein Schelm, wer darin eine Gesetzmäßigkeit erkennt, für die es Hinweise in der heutigen Weltpolitik gibt.

Die Unnachgiebigkeit der Deutschen und Polen hatte Napoleon bereits in seinem Russlandkrieg beklagt. Jedenfalls sollte sich diese Unnachgiebigkeit für die Polen auszahlen. Zunächst jedoch gründeten die Großmächte des Deutschen Kaiserreiches und Österreich-Ungarn im Jahr 1916 die Gründung einer eher künstlichen Zweiten Polnischen Republik unter ihrer Schirmherrschaft. Mit der Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg erlangte diese Republik Polen jedoch internationale Anerkennung und Unabhängigkeit. Die Wirren dieser Zeit, in denen Grenzen von anderen Mächten willkürlich gezogen wurden, waren auf allen Seiten von starken nationalistischen Kräften geprägt. Unter Marschall Pilsudskis Führung gelang in den 20ern nach etlichen Grenzkriegen, ethnischen Unruhen und Wirren eine innere Konsolidierung des neuen polnischen Staates, der sich ab den 30ern zunehmend autoritär ausrichtete.

Der bald folgende Hitler-Stalin Pakt und die erneute Teilung und Besetzung Polens, sowie die darauffolgende Sowjetherrschaft als Satellitenstaat, sind hinlänglich bekannt. Nur eines möchte ich noch an die Ereignisse der letzten 70 Jahre anhängen. Es ist, wenn man den Kontext der Geschichte kennt, nicht verwunderlich, dass auch gerade in Polen ein Befreiungsschlag gegen die Fremdherrschaft und den kulturzerstörerischen Sozialismus stattfand. Derlei simple Wahrheit hätte der Moskauer Führung bewusst sein müssen. Es hätte klar sein müssen, dass sich die polnische Nation letztendlich nicht damit begnügen kann, nur der verlängerte Arm einer panslawischen Freundschaft zu sein, die nur auf dem Papier existierte und in Wahrheit die reine Hegemonie Moskaus symbolisierte. Überhaupt zeigt sich dem aufmerksamen und vernünftigen Beobachter, dass Polen eine Geschichte hat, die sowohl im weiten Osteuropa, als auch im abendländischen Mitteleuropa liegt und sich keinesfalls auf simple Formeln reduzieren lässt.

 

 

Die deutsche und die polnische Sichtweise auf die Geschichte

Am 11. November feierten die Polen ihren Unabhängigkeitstag, welcher die Neugründung eines polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg markiert. Mehr als ein Jahrhundert lang gab es keinen polnischen Staat in Europa. Kaum jemand erinnert sich noch daran, dass Napoleon in den polnisch besiedelten Gebieten östlich der Oder mit der in Aussichtsstellung eines eigenen Staates polnische Soldaten für seine Armee geworben hatte. Man nannte diese Männer dann die polnischen Legionäre, die für Frankreich und Napoleon in den Krieg zogen. Auf dem Russlandfeldzug starben dann Deutsche und Polen an Kälte und Hunger auf ihrem Rückzug durch den russischen Winter.  Ich glaube, es gibt kaum ein so schwieriges Verhältnis wie das zwischen Deutschland und Polen. Während von deutscher Seite viele Ereignisse der Weltkriege aufgearbeitet wurden und sehr selbstkritisch betrachtet werden, gibt es in Polen eine nationale Erneuerung mitsamt einer gewissen Schönfärberei der Geschichte, die wenig von polnischer Schuld hören möchte, während die Deutschen gar nicht genug von ihrer Schuld hören können. Als ich vor ein paar Jahren in Breslau (pol: Wroclav) war, konnte ich sehen, wie wunderschön die Altstadt restauriert und erhalten war. Es gab ein reges Treiben auf den Straßen, welches überaus glücklich und friedlich auf mich wirkte. Die Straßen waren sauber, die Denkmäler gepflegt und die Fassaden der Häuser noch so, wie sie vor 200 Jahren auch schon waren. Ich bin auch einmal kurz in Warschau gewesen und war sehr erfreut darüber, dass die Stadt ihre Zerstörung im Zweiten Weltkrieg überlebt hat. In der Tat wurde die ganze Stadt, wie man mir dort sagte, in den letzten Jahrzehnten mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Polens komplett erneuert und viele Gebäudefassaden wurden im alten Stile wieder aufgebaut. Ganz traditionell.

Die Nazis und damit auch die Deutschen waren für die fast vollständige Vernichtung der Stadt samt ihrer Einwohner verantwortlich. 90% der Gebäude wurden zerstört und im zweiten Warschauer Aufstand erhob sich der polnische, nationale Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Nach etwa drei Monaten erbitterten Kampfes war Warschau fast gänzlich dem Erdboden gleich gemacht worden und zehntausende Kämpfer auf beiden Seiten waren gefallen. Die erhoffte alliierte Verstärkung war nicht gekommen. Später befreite die russische Armee die Stadt. Es gibt Indizien dafür, dass Stalin die russische Armee absichtlich zurückhielt, um die Polen ausbluten zu lassen. Ich glaube, dass man sich in Polen auch gerne als Opfer der Geschichte betrachtet, während die Deutschen sich heute lieber als der ewige Täter sehen. Diese Lesart der Geschichte hat auf die Gesellschaft und Kultur übertragen unterschiedliche Auswirkungen.

Wo in Westeuropa der kulturelle Relativismus floriert und die nationalen Identitäten zersetzt werden, regt sich in Polen und generell in ganz Ost-und Mitteleuropa östlich Deutschlands ein zunehmend verbissener Widerstand gegen den Westen. Und mit „Westen“ meine ich nicht westlichen Wohlstand, unsere Produkte oder unsere Freiheiten, sondern nur die moralischen Absurditäten und Abgründe, die als politische Korrektheit getarnt in die Gesellschaft einfließen. Die Polen haben, ähnlich wie die Ungarn, eben eine andere Sichtweise auf die Geschichte, auch auf die jüngere Geschichte. Das Aufbegehren der Ungarn gegen den Stalinismus und die polnischen Gewerkschaftsbewegungen gegen den siechenden Sozialismus sind genauso Freiheitsbewegungen, wie sie Nationalrevolutionen waren. Den russischen Kommunismus abzuwerfen, steht einfach in einer langen Linie der Tradition. Nämlich die Tradition der polnischen Abwehr gegen russische Eroberung. So argumentiert übrigens auch häufig das politisch rechte Lager in Polen, das Deutschland wenig bis gar nicht wohlgesonnen ist. Der Eurozentrismus und die politischen Entscheidungen Merkels, die als autokratisch wahrgenommen werden, sind für viele polnische Patrioten eine typisch deutsche Aggression. Da leben die alten Feindbilder vom hässlichen Deutschen wieder auf. Dick, SS-Uniform und böse. So in etwa sehen dann auch die Karikaturen von Merkel aus, wenn es um die deutsche Asylpolitik geht. Der Eindruck hat sich verfestigt, dass Deutschland Europa (erneut?) ins Chaos stürzt. Diese Sichtweise macht es sich sehr leicht. Sicherlich ist sie nicht flächendeckend und wird auch nicht von allen politischen Lagern so geteilt. Aber sie ist auch nicht selten.

 

Aus polnischer Sicht, durch die historische Brille geschaut, sehr verständlich. Sogar nachvollziehbar. Dennoch ist diese Sichtweise nicht ganz richtig, wenn sie doch verkennt, dass auch in Deutschland der Kurs der Kanzlerin kaum noch Rückhalt genießt und sich ein beachtlicher Widerstand rechts der Mitte formiert. Hier wirkt der Betrachtungswinkel des polnischen Opfertums wieder. Er hat seine Gründe, die durchaus Berechtigung haben. Aber Polen war, wenn es konnte, auch historischer Aggressor. Darüber heute einen ernsthaften Diskurs zu führen, dürfte sich als sehr schwierig erweisen. Der Nationalismus in Polen befindet sich im Momentum seines erneuten Auflebens. Ich halte es für eine gesunde Abwehrreaktion gegenüber den immer restriktiver agierenden Politikern in Brüssel und einer subjektiven Bedrohung durch Russland. Es gibt doch in den Buchläden fast kein anderes Thema. Ich sah überall Putins Gesicht auf den Umschlägen, als ich durch die Straßen der Stadt ging. Auch meine polnische Ex-Freundin konnte über nichts anderes reden, außer den bösen Putin, der jeden Moment Polen überfallen könnte. Einerseits empfinde ich die Bereitschaft, sich zu verteidigen, als eine absolut richtige und gute Einstellung. Andererseits glaube ich auch, dass die Furcht vor Russland sich ähnlich wie in Deutschland in eine Hysterie verwandelt, die möglicherweise unbegründet ist. Ich bleibe bei meiner Ansicht, dass Russland kein Interesse hat, die NATO zu attackieren. Und wenn doch, spielt es keine Rolle, weil wir dann sowieso alle tot sind. Und zwar sehr schnell. Verwurzelt sind diese Ressentiments allerdings wie erwähnt im historischen Gedächtnis der Polen. Man möchte auf gar keinen Fall, dass man wieder zum Spielball anderer Mächte wird. Russland und Deutschland sind hier die Mächte, welche den Polen sofort einfallen, wenn sie an Fremdherrschaft denken. Nationale Unabhängigkeit, volle Souveränität und auf gar keinen Fall von zwei Großmächten „gesandwiched“ werden – das sind, meiner Ansicht nach, die politischen Leitlinien in Polen. Man erkennt dies auch an der starken US-amerikanisch-polnischen Allianz, die in den letzten Jahren mächtig ausgebaut wurde. Washington ist weit weg für Polen. Da erscheint die Distanz zu Russland näher und man ist wohl bereit, sich unter amerikanische Führung zu begeben, wenn man dafür vor Putin beschützt wird.

Wider dem Zeitgeist und dem Kulturmarxismus

Patriotismus ist eine gute Sache, solange er die Bestätigung des Eigenen fördert und den Anspruch hat, ausgewogen zu sein. Der Anblick von vielleicht 100.000 polnischen Patrioten zum Nationalfeiertag gibt mir Hoffnung. Genau wie die Tatsache, dass die Polen eine sehr ablehnende Haltung gegenüber illegalen Migranten, Islam in Europa und dem Abbau europäischer Außengrenzen pflegen. Auch feiern sie ihr Militär und fühlen sich ihrem Land auf einer emotionalen Ebene verpflichtet, die wir Westeuropäer größtenteils verloren haben.

Als ich in Breslau war, konnten wir als polnische Widerstandskämpfer verkleidete Einwohner sehen, welche die Belagerung von Warschau nachspielten. Empfand ich persönlich als unglaublich gut, weil es ein historisches Bewusstsein und Patriotismus fördert. Ähnlich ermutigend wie die Tatsache, dass die katholischen Kirchen zu jener Zeit, in der wir dort waren, verhältnismäßig voll waren. Ein gut besuchter Ort, wo Familien zusammenkamen und christliche Identität zelebrierten. Dabei dürften sich die Polen dort kaum bewusst gewesen sein, welch einen Kontrast sie damit zu ihren westlichen Nachbarn darstellen, wo kaum noch ein Europäer wirklich gläubig ist und in die Kirche geht. Die Polen wissen in größeren Teilen als die Westeuropäer eben noch sehr wohl, was es heißt, ein Vaterland zu haben, Teil einer kulturellen und ethnischen Identität zu sein und einen Glauben zu haben. Diese Dinge sind (noch) selbstverständlich und womöglich erleben sie gerade eine erneute Entfachung durch die Situation Europas. Es war ein polnisches Magazin, welches den „Rape of Europe“ auf einem Titelblatt abgebildet hatte. Eine hübsche weiße Frau in EU-Flagge, die von Asylbewerbern sexuell bedrängt wird(Antwort auf die Silvesternacht). Dafür ernteten die polnischen Redakteure einen Shitstorm. Vor allem aus Deutschland und Westeuropa. Aber auch in Polen selbst gibt es längst jene besonders linksliberalen Zirkel, die sich um die Universitäten in Warschau, Breslau und Krakau konzentrieren. Dort wo der vom Atlantik herüberwehende linke Mainstream sich in Form von vermeintlichem Antirassismus, Antikapitalismus und Gender Studies etabliert hat. Die Polen führen auch einen Kulturkampf, nur mit vertauschten Positionen. Während Westeuropa seit vielen Jahrzehnten bereits von diesem kulturellen Relativismus umgestaltet wird, befindet sich Polen und der ganze ehemalige Ostblock noch in den Kinderschuhen, was die Zersetzung der Familie, Tradition und Identität angeht. Der eiserne Vorhang fiel erst vor einem Vierteljahrhundert. Während die Keime dieses Kulturmarxismus hier bei uns schon aufgeblüht sind und Früchte tragen, beobachtet der polnische Mainstream diese ganze Entwicklung in Westeuropa mit Skepsis und Sorge. Ähnlich wie die ehemalige DDR übrigens. Das Produkt des überreifen Liberalismus, der immer mehr totalitäre und selbstzerstörerische Tendenzen zeigt, wurde von den Osteuropäern begutachtet, gewogen und für unwürdig befunden. Sie wollen nicht so sein wie Belgien, Frankreich, Deutschland, Schweden oder die anderen Nationen, die jetzt mit ethnischen und religiösen Konflikten in ihren eigenen Ländern zu kämpfen haben, weil ihnen der Multikulturalismus, offene Grenzen und ihre eigene Wirbellosigkeit um die Ohren fliegen.

Wie gesagt: Polens Widerstand erfüllt mich mit Hoffnung. Aber ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich mit den meisten Menschen, die dort im Bild marschierten, nicht über die deutschen Opfer  ethnischer Säuberungen sprechen kann, die auf das Konto der Polen gehen und den polnischen Minderheitenvertrag, welcher Polen nach 1918 auferlegte, die Deutschen in Polen zu schützen. Dahingehend sage ich aber auch, dass wir Deutschen niemals ignorieren und vergessen dürfen, welcher Terror auch von deutscher Seite im Weltkrieg ausging. Es ist wichtig, dass wir dementsprechend handeln und schauen, dass sich solche Grausamkeiten nicht wiederholen. Nur die Überstimulation mit Schuld, die Aufbahrung eines Schuldkultes, welche ganzen Generationen im rhetorischen und bildlichen Trommelfeuer eingehämmert wird, ist falsch. Das wäre das andere Extrem, dem wir uns heute in unserem Land gegenübersehen, wo kein Tag vergeht, ohne dass Hitler, Holocaust und Weltkrieg im Fernsehen zu sehen sind. Das krankhafte Extrem, in allem Fremden etwas Böses zu sehen, ist abzulehnen. Genauso falsch ist natürlich der heutige europäische Ansatz, welcher in allem Fremden ein göttliches Wunder sehen möchte. Ich würde mir wünschen, wenn wir eines Tages, Polen und Deutsche, in Nationen leben, in denen die Lehrer uns in ausgewogener Weise über die guten und schlechten Dinge unserer Geschichte berichten können. In einem besserem Europa kann dann der Deutsche auch mal von einem Deutschland erzählen, welches vor 1933 existierte und der Pole erinnert sich daran, dass er eben nicht immer nur ein Opfer war und das Geschichte eben vielschichtig und vielseitig ist.

 

Polen und Deutschland – Polen in Europa

Wenn man sich die schwierigen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland ansieht, kann man nicht verkennen, dass der Schatten des 20. Jahrhunderts immer noch über den Gedanken vieler Deutscher und Polen liegt. Doch sollte man eben nicht vergessen, dass die deutsch-polnische Geschichte weiter zurückreicht und sowohl Höhen als auch Tiefen gekannt hat. Nicht nur in den abendländischen Abwehrkämpfen gegen die osmanische Invasion, sondern auch während der Kreuzzüge ins Heilige Land. Ohne Zweifel gehört Polen mit seiner katholischen Tradition zu jener abendländischen Identität, die in den letzten Jahrzehnten so sehr vernachlässigt wurde.

Die stiefmütterliche Behandlung Polens in der deutschen Politiklandschaft liegt jedoch in diesem sehr wechselhaften Verhältnis zu Polen begründet. Vor allem die Schrecken und Gräueltaten des letzten Krieges schweben noch immer wie das Damoklesschwert über jedem Wortwechsel der beiden Seiten. Aber mittlerweile ist eine neue Generation herangewachsen, die wie ich keinen Groll mehr gegen die eine oder andere Seite hegen kann. Polen hat, wie kein anderes osteuropäisches Land, die Transformation von einer „Bruchbude des Sozialismus“ hin zu einer modernen Wirtschaftsnation geschafft und neue Perspektiven für das polnische Volk erschlossen. In der Tat ist Polen für Deutschland als Partner in der Zukunft genauso wichtig, wie es Frankreich im Rahmen der deutsch-französischen Freundschaft ist. Es ist lange überfällig, dass man die deutsch-polnischen Beziehungen von den Schatten der jüngsten Vergangenheit löst und sich auf jene Historie zurückbesinnt, die uns näher zusammenbringt. Polen ist im 21. Jahrhundert zum Standbein zukünftiger europäischer Stabilität geworden, die nicht an die Europäische Union gebunden ist.

Von den Polen können wir heute etwas lernen, nämlich wie selbstverständlich die Nation für uns eigentlich sein sollte.  Ein besseres Europa werden wir nur bekommen, wenn wir den Patriotismus als bindende Kette der guten Nachbarschaft etablieren. Es ist nach innen gerichteter Nationalismus, der um die Beständigkeit des Eigenen weiß, ohne die Anderen zu verachten. Er darf nicht  in totale Ausgrenzung und Erniedrigung ausufern. Der Gedanke des Vaterlandes heißt, dass wir alle ein Land haben, wo wir heimisch sind. In einem Europa der Vaterländer zu leben heißt auch, dass wir durch unsere Geschichte, Kultur, Sprache und Abstammung miteinander verbunden sind, ohne ein großer Schmelztiegel zu werden.

Ich möchte mit den Worten unseres Autoren „Weserlotse“ abschließen, der eines prägnant auf den Punkt gebracht hat: „Die Frage lautet nicht, ob Schlesien wieder deutsch, sondern ob Europa islamisch wird.“

 

 

 


 

 

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