Home Gesellschaft Nach uns die Sintflut? Der Dystopie der deutschen Zukunft entgegentreten

Nach uns die Sintflut? Der Dystopie der deutschen Zukunft entgegentreten

Nach uns die Sintflut? Der Dystopie der deutschen Zukunft entgegentreten

Im Jahr 1964 wurden in Deutschland 1 326 000 Kinder geboren; das war der Höhepunkt des so genannten Babybooms. Im Jahr 2015 war die Zahl der Geburten auf 694 000 gesunken. In 50 Jahren hat sich vieles verändert, was sich zusammen genommen in dieser Zahl widerspiegelt. Wie haben junge Menschen damals gefühlt und wie fühlen sie heute, und wie wirkt sich das damals und heute auf ihren Lebenswandel aus? Und schließlich: Wollen wir ein Spielball dieser Entwicklungen sein oder selbst etwas für eine bessere Zukunft tun?

Versetzen wir uns zurück in die 60er Jahre: Das Tief der Armut und Zerknirschung der Deutschen nach dem Krieg war endlich überwunden. Die Einkommen und der Wohlstand wuchsen. Man fühlte sich bestätigt: Wir sind wieder wer! Man krempelte die Ärmel hoch und war trotz des Kalten Krieges positiv gestimmt. Für seine Kinder erwartete man eine bessere Zukunft als die eigene Gegenwart. Zumindest im Westen waren die klassischen Geschlechterrollen noch weit verbreitet. Dadurch gab es kaum Konflikte von Kindern und Karriere. Die Arbeitsverhältnisse waren in der Regel langfristig absehbar und planbar. Es herrschten Verlässlichkeit und Optimismus. Man war stark an Traditionen, Ehe, Familie, Heimat, Staat und im Westen auch Kirche gebunden und empfand das als selbstverständlich. Sowohl in der BRD als auch in der DDR nahmen die Geburtenraten nach dem Krieg zu, bis Mitte der 60er ein Wendepunkt erreicht war.

Blicken wir nun in die Gegenwart: Postmoderne überall. 1968 ist schon länger her, wirkt aber noch fort. Seitdem ist allerdings der Idealismus verloren gegangen. Das Jahr 2016 liegt nach wie vor im Zeitalter der Emanzipation und Dekonstruktion aller Bindungen von Ehe und Familie über Heimat und Staat bis zur Kirche. Und wer hat heute noch einen Begriff von Ehre? Das Heiligste ist der heutigen Jugend ihre größtmögliche individuelle Freiheit. Vielen geben sich dem Konsumkult und allen möglichen kurzlebigen Modeerscheinungen hin. Das Fernsehen vermittelt uns, dass jeder ein Superstar werden kann – während erschreckend viele abstürzen. Wer hört heute noch auf die Alten? Die Weisheit des Alters ist durch die Veränderung der Lebenswirklichkeit, z.B. technologischen Fortschritt, und die Verteufelung der deutschen Geschichte durch die 68er entwertet. Unsere Zukunftsaussichten sind unklar und oftmals pessimistisch. Wenn wir denn Arbeit haben, dann oftmals in unsicheren und kurz- bis mittelfristigen Arbeitsverhältnissen. Unsere Gesellschaft ist kulturell destabilisiert; einerseits durch Individualismus und Entwertung von innen und andererseits durch Zuwanderung aus kulturfremden Räumen von außen. Wer eine patriotische Gesinnung hat und Anfang des Jahrtausends noch Wehrdienst leistete, wird heute verständnislos angeschaut und zuweilen unter Naziverdacht gestellt. Kinder werden eher als Hindernis denn als Investition in die Zukunft wahrgenommen, da sie das Ausleben individueller Berufs- und Freizeitinteressen sowie diesbezügliche Konsummuster behindern und eine Zukunft erwartet wird, in der es den Kindern, die heute geboren werden, schlechter ergehen wird als uns heute. Außerdem haben wir eine unterschwellige, aber ständig präsente Rentenproblematik durch den demographischen Wandel. Diese Bevölkerungsentwicklung ist ein sich selbst verstärkendes Problem, da die Zukunft als weniger lebenswert empfunden wird. Es ist wie ein Eisberg, auf den wir sehend zusteuern im Wissen, dass wir selbst ja eh nichts Wesentliches verändern können. Durch die lang andauernde Niedrigzinspolitik der Zentralbanken gibt es praktisch keine Zinsen mehr auf Erspartes, die Erträge der Lebensversicherungen sinken und Guthaben verlieren Wert durch Inflation. Das Volk der Sparer und Lebensversicherten steht heute ratlos da. Wir erleben weltweite wirtschaftliche Krisen und eine große Armut zeichnet sich in der Zukunft ab, gegenüber der wir uns machtlos fühlen. Für die Krise seit 2008 haben die Politiker keine Lösung gefunden oder wollen sie nicht finden, weil sie zu viel umstürzen würde. Es gibt keine Gesundung, das Problem wird verschleppt. Die Welt wird von politischen und militärischen Krisen in der Ukraine und Syrien erschüttert. Der Schatten eines neuen, zumindest kalten Krieges legt sich über Europa. Die Einschläge kommen näher zu uns, da die Flüchtlingswelle direkt auch in unsere Alltagswirklichkeit hineinwirkt. Wir stehen auch unter dem Eindruck ökologischer Krisen. Da sind der Klimawandel, das Ozonloch, die zunehmende Wasserknappheit und der daraus resultierende Migrationsdruck. Da ist die Entdemokratisierung Europas. Wir können zusehen, wie die EU immer zentralistischer und bürgerferner wird. Wie die herrschenden Politiker mit dem wallonischen Widerstand gegen CETA umgehen, ist aktuell ein gutes Beispiel dafür. Wer glaubt heute noch an die Kraft der Nation? Das scheint kalter Kaffee zu sein. Die EU kann und will aber keine vergleichbare Strahlkraft aufbauen. Die Luft ist raus. So mancher denkt sich: Nach uns die Sintflut. Haben wir noch mal richtig Spaß, bevor alles vor die Hunde geht. Die schrumpfende Jugend von heute ist zunehmend eine abgeklärte, desillusionierte, sich kurzfristigen Räuschen hingebende und verlorene Jugend. Es liegt heute durchaus nahe, sich ernsthaft zu fragen, ob man in diese Welt noch Kinder setzen will oder nicht schon alles zu spät ist.

Auch wenn ein Schatten auf unserer Zukunft und unseren Herzen liegt, sind wir nicht verdammt dazu, den Kopf in den Sand zu stecken und auf das Ende zu warten. Wir haben es in der Hand, nicht in spätrömische Dekadenz zu verfallen, sondern in uns zu gehen und unsere eigene Identität und unsere Ziele und Werte abzuklopfen. Wenn wir unsere Augen öffnen, sehen wir, dass wir von kostbaren Dingen umgeben sind, die nicht selbstverständlich sind und für die wir etwas tun müssen, damit sie nicht verloren gehen. Eine friedliche und funktionierende, solidarische Gesellschaft, wie wir sie gerade verlieren, ist keine Selbstverständlichkeit. Wir können der Lethargie und oberflächlichen Beliebigkeit entgegentreten. Haben wir den Mut, Verantwortung für uns selbst und für andere zu übernehmen. Das heißt nicht, dass wir zu allen alten Bindungsstrukturen zurückkehren müssen. Denn auch an uns sind die letzten 50 Jahre nicht spurlos vorübergegangen. An einer besseren Gegenwart und Zukunft zu arbeiten, kann auch heißen, dass man als junger Vater Elternzeit nimmt oder dass man sich im Sportverein oder in der Yogagruppe engagiert. Wir wollen über uns selbst hinausschaffen. Wir können nicht wissen, wie es kommt. Aber wir können uns bemühen, die Vereinzelung und Oberflächlichkeit der Beziehungen zu überwinden und eine neue Gemeinschaft zu leben. Wir brauchen eine wilde Entschlossenheit, kühn in diesen Sturm hinauszutreten und uns gemeinsam einen Weg zu bahnen. Es gibt dazu kein Patentrezept. Jetzt sind Improvisation und Visionen angesagt. Wenn wir uns aufraffen, unser Schicksal und das unserer Gesellschaft und unseres Volkes selbst in die Hand zu nehmen, ist längst noch nicht alles verloren.

Quellen:

https://www.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!y=1986&v=2

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/554952/umfrage/fertilitaetsrate-in-der-brd-und-ddr/

 

 

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