Home Gesellschaft Bier – Das Nationalgetränk der Deutschen? Ein- und Ausblicke.

Bier – Das Nationalgetränk der Deutschen? Ein- und Ausblicke.

Bier – Das Nationalgetränk der Deutschen? Ein- und Ausblicke.

Am Montag ging das Oktoberfest zu Ende. Eine weltweit bekannte Sauf- und Rauschveranstaltung, die als Projektionsfläche deutscher Kultur an sich geworden ist. Lederhosen, Dirndl, Bierzelte, Brezen und Bier! Dieses Fest ist Deutschland für viele Ausländer – neben Hitler, Fußball, vll. noch unseren „Klassikern“ wie Goethe oder Wagner und die Vergötzung des Ingenieurdaseins. Es ist immer wieder ein Anlass des Ärgernisses für die Angehörigen anderer deutscher Stämme, die „Deutschsein“ nur mit exzessiv gelebten und auf die Spitze getriebenen bajuwarischen Tamtam verbunden  und ihre hamburgische, thüringische usw. Kultur verdrängt sehen. Was ist mit den anderen Festen, wie Schützenfeste oder den Kölner Karneval!? Dass diese „Kränkung“ zu einem richtigen Baiernhass – der auch rigoros auf Österreich ausgeweitet wird – geworden ist, ist Stoff für einen anderen Artikel.  Neben der Abneigung kommt aber auch Sehnsucht vor: Die Sehnsucht nach einer übersichtlichen – weil traditionellen – und gehaltvollen Kultur. Dabei spielt auch Bier eine Rolle, denn die bayerischen Biere scheinen besonders zu locken. Und hier lohnt es sich auf die Biere abseits des Massenspektakels zu schauen.

Bier als das tatsächliche Nationalgetränk der Deutschen(?)

Zwar geht der Bierkonsum in Deutschland seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts stetig aber sanft zurück, ist aber dabei immer noch im Vergleich sehr hoch. [1] Nur die Tschechen trinken mehr Bier in Europa. So trank im Jahr 2014 der Deutsche 107 Liter Bier im Jahr, der Tscheche sogar 144 Liter! In Frankreich wurden nur 30 Liter Bier getrunken und in Großbritannien immerhin 68 Liter. [2] Pils ist dabei das in Deutschland am meisten getrunke Bier mit einem Anteil  von 40,2 %. [3] Insgesamt gibt es in Deutschland knapp 1400 Brauereien, davon sind fast 700 in Bayern und davon wieder ca. 270 im Norden des Freistaates:  in Franken.  Auch dort findet sich ein Ballungszentrum: In Oberfranken befinden sich alleine fast 160 Brauereien. In der Stadt Bamberg finden sich allein 11 (!) Brauereien. Während auf Bundesebene viele Brauereien einer der großen Lebensmittel- oder Bierkonzernen (Oetker-Gruppe, Carlsberg, Heineken, AB InBev, usw.) angehören, befinden sich im fränkischen Raum noch viele in Familienbesitz und sind Klein- bis Mittelbetriebe mit oft hundertjähriger Brautradition. [4] Zwar brauen auch die Großbetriebe „gutes“ – also schmackhaftes – Bier  aber oft fehlt ihnen das gewisse Extra, das „Eigene“. Sie sind Massengeschmack, mehr an der Vermarktungs- und Wirtschaftsstrategie, denn der Braukunst des Brauers orientiert. Massenproduktion befördert einen hohen Hopfenanteil (der Haltbarkeit wegen), starke Filterung (Aussehen, Verlässlichkeit beim Geschmack und Haltbarkeit) und zieht ausgeprägte Werbemaßnahmen nach sich, um den Bier überhaupt etwas Unterschiedlichkeit zu verpassen. Und daher trinkt also der Deutsche meistens: Pils. Als die Massenproduktion in den 60ern und 70er anlief, war Haltbarkeit und ein gefiltertes Bier ein Zeichen von technischen Fortschritt und Wohlstand, hat aber mehr und mehr dazu geführt, dass Kleinbrauereien nicht mithalten konnten. Lokale Biersorten verschwanden und machten dem Massengeschmack Platz oder wurden von den „Großen“ übernommen. In Franken dagegen lief es etwas anders: Zu ärmlich waren die Brauereien um den technischen Fortschritt mitzumachen und so brauten sie mit dem, was sie hatten. So entstanden nicht nur ein Sortiment an den verschiedensten Bierarten, sondern innerhalb dieser Sorten auch noch besondere Geschmacksrichtungen: hefetrübes Lagerbier, ungespundenes Kellerbier und ein dunkles Rauchbier.

Anstatt auf den Massengeschmack zu setzen, nutzte man die Variationsmöglichkeit der traditionellen Produktion und das obwohl das fränkische Reinheitsgebot ganze 27 Jahre älter ist als das bayerische und ohnehin noch älter als das deutsche (1906). Man griff also auf unterschiedliche Malze, Hopfen, Brau- und Lagerungsmethoden zurück um individuelle Biere zu brauen. Die Kundschaft dankte es mit reichen Bierkonsum. Durch die herkömmliche Produktion waren die Biere zwar nicht so lange haltbar aber bei den kurzen Lieferwegen und kurzer „Überlebensdauer” stellte das dann auch kein Problem dar…

In den beginnenden 2000ern machte sich dann die Craft-Bier-Bewegung auch in Deutschland einen Namen. Zunehmend schnitten die deutschen Biere bei internationalen Wettbewerben schlechter ab und in den USA hatte sich dagegen eine Aufbruchstimmung entwickelt: Nach Prohibition und gesetzlichen Gängelungen von Kleinbrauereien am Anfang des 20. Jahrhunderts, hatte sich ein Monopol aus Großbrauereien ohne Geschmack auf das Land gelegt. Nach dem Wegfall der gesetzlichen Grenzen machten sich nun einige Pioniere daran, „andere“  Biere zu brauen. In Deutschland machte sich der Craft-Bier Hype dann dadurch bemerkbar, dass sich nun die ohne hin schon der „Braukunst“ angehörigen Brauereien – nichts anderes heißt „craft beer“ – nun unter neuem Namen vermarkten konnten und auch in neue Gefilde vorstoßen konnten: Mit Frucht-Hopfen und anderen Zutaten braute man nun auch Indian Pale Ale oder Imperial Stout.  Auch wenn sich einige Scharlatane in den Rummel eingeklinkt haben, so gibt es nun wieder Brauerei-Neugründungen – auch und gerade in den Gegenden, in denen bisher die Eliten des Einheitsgeschmacks geherrscht hatten, wie z.B. in Berlin oder in Westdeutschland.

Der reiche, internationale wie regionale Austausch an Braukünsten, Zutaten und auch den Brauleuten selber, sorgt für eine Belebung des Eigenen und Verständnis für das Fremde: Wer kann schon einem guten polnischen Lager den Rang abschlagen, wenn er das eigene, etwas malzigere Lager auch schätzt? Oder ein schockoladiges belgisches Bier, wenn man sonst sein Rauchbier gewöhnt ist? Oder warum nicht mal ein Gewürzbier aus Italien? Das IST richtige Bereicherung.

Bewusster Bierkonsum kann ein Beitrag zur Landschaftsgestaltung sein (durch Landwirtschaft), zu kleinen und mittleren Wirtschaftszweigen (Landwirte, Angestellte, Produzenten von Braugerät, Mälzereien usw.) und zur Brauchtumspflege (durch Feste und dem Bewusstsein woher was kommt) sein. Darüber hinaus kann auch noch über das Bier ein Stück Völkerverständigung gewonnen werden: Bei der Produktion oder beim gemeinsamen Genießen. Es lohnt sich…

Link-Tip:

Wer Interesse an einer vielfältigen Bierauswahl hat, sollte nach einer Bierothek Ausschau halten oder online vorbeischauen: https://bierothek.de/

Quellen:
1: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4628/umfrage/entwicklung-des-bierverbrauchs-pro-kopf-in-deutschland-seit-2000/

2: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/29727/umfrage/pro-kopf-verbrauch-an-bier-in-europa/

3: https://de.statista.com/themen/1490/brauereien-in-deutschland/

4: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/radeberger-und-co-konzernen-gehoert-das-deutsche-bier-a-1057636.html

 

 

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