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Totalitarismus mit den besten Absichten – Equilibrium

Totalitarismus mit den besten Absichten – Equilibrium

“Und weil ich arm bin, habe ich nur meine Träume. Die Träume breite ich aus vor deinen Füßen. Tritt leicht darauf ….du trittst auf meine Träume.”

 

 

Die Erschaffung der paradiesischen Utopie

Der Sozialismus verstand sich als Übergangsphase der Gesellschaften des 20. Jahrhunderts hin zum Kommunismus. Man habe diesen Kommunismus, welcher den gewünschten Endzustand der Gesellschaft darstellt, noch nicht erreicht, wolle ihn aber eines Tages verwirklichen. Eine klassenlose Zivilisation, in welcher alle menschlichen Erzeugnisse und Errungenschaften gleich geteilt werden und in welcher kein soziales Ringen untereinander stattfindet. Das klingt, wenn man es aus der Perspektive des ausgehenden 19. Jahrhunderts betrachtet, nach einer erstrebenswerten Gesellschaftsform. Die gerechte Verteilung von Wohlstand sollte auch zum Frieden beitragen. Der ewige Wunschtraum vieler Menschen, nicht zuletzt Kants Idee des “ewigen Friedens”, finden ihren Weg immer wieder in die Machwerke menschlicher Vorstellungskraft. Aus politischen Theorien erwachsen reale Systeme gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Und ist der ewige Frieden nicht ein Zustand, der für uns alle erstrebenswert ist?

Im dystopischen Sci-Fi Film “Equilibrium” wird dieser “ewige Frieden” tatsächlich erreicht. Nicht durch die kantische Vorstellung einer demokratischen Weltgemeinschaft, sondern durch die totalitäre Staatsmacht, welche die Bürger dazu zwingt sich ihrer eigenen Emotionen zu berauben und jeglicher Kunst, Literatur bzw. Kultur im Allgemeinen zu entsagen. Alles was möglicherweise die menschlichen Gefühle erregen könnte, ist in “Libria” verboten. Denn nach Meinung des Staates ist es die menschliche Emotion, welche Kriege hervorruft. Rassismus und Nationalismus seien angeblich verschwunden. Neid, Hass, Gier und all die negativen Gefühle der Menschenseele existieren scheinbar nicht mehr. Allerdings auch keine positiven Gefühle. Liebe, Mitgefühl, Sorge? Alles weg. Heiraten und Kinder-Produktion sind vom Staat verordnet. Paare werden ermittelt und verordnet. Alles wirkt kalt und leblos in Libria. Die Architektur erinnert stark an einen futuristischen Sozialismus, der bar jeder künstlerischen Wärme einem strikten Funktionalismus folgt. Und die Bürger sollen sich diesem Funktionalismus ebenso unterordnen. Funktionieren sollen sie! Als gehorsame Subjekte des Staates. Dafür sorgt das “Prozium”, ein medizinischer Wirkstoff, den sich alle Librianer täglich selbst verabreichen müssen.

“Haben Sie heute ihre Dosis nicht genommen?”

Wer versäumt seine tägliche Dosis Prozium zu nehmen, erlangt nach kurzer Zeit seine Gefühle zurück. Einige Elemente der Gesellschaft haben die neue Ordnung nicht ins Herz geschlossen und lehnen diese Selbstherapie ab. Sie gelten als “Rebellen”, fast schon wahnsinnige Geisteskranke, da sie voll und ganz im Besitz ihrer menschlichen Emotionen sind. Sie sind tatsächlich die letzten gewalttätigen Elemente dieser futuristischen Zivilisation. Sie lesen Bücher, hören Musik, betrachten Kunstwerke, haben Romanzen und verspüren Zorn oder gar Mordlust. Aber eben auch Liebe und menschliche Wärme. Während die Librianer vor sich hinleben, monoton durch die Straßen marschieren und ein tristes und sinnfreies Dasein fristen. Automatisierte Menschen, die robotorgleich ihre Aufgaben wie Ameisen in einer Kolonie erfüllen. Jeder Funke von Individualismus ist ausradiert. Alle sind gleich in den Augen des Systems. Unser Hauptcharakter “Preston” wird sich dieser Uniformität erst wirklich bewusst, als er versehentlich seine Dosis nicht nimmt und zu seinem Arbeitsplatz kommt. Sein Schreibtisch sieht exakt genauso aus wie alle anderen Tische in einem Bürogebäude, welches widerum genau wie die anderen Gebäude aussieht. Als er versucht seinen Tisch zu individualisieren, indem er die Stifte und das Papier verschiebt, erregt er sofort die Aufmerksamkeit seiner Kollegen. Er verhält sich nicht systemkonform.

Ist es das wert?

“Equilibrium” verfolgt ein uraltes Gedankenexperiment in der Soziologie und überträgt es in die Zukunft. Die Frage lautet : Kann man und sollte man die menschliche Natur verändern? Nicht das System des “Kommunismus” oder eher die Idee des “Sozialismus” sei falsch gewesen. Manche behaupten, dass der Mensch eben zu schlecht sei und er daher die Schuld am Scheitern dieser Gesellschaftsform hatte. Folglich muss der Mensch verändert werden.

Die Patriarchen von Libria sind, das ist ein kleiner Spoiler, allesamt Heuchler. Obwohl sie ihren Untertanen vorschreiben, dass es die menschliche Emotion ist, die Krieg und Zerstörung auslöst und nur kalte Logik sie retten kann, sind sie selbst keiner Prozium-Therapie unterworfen. Sie können alle fühlen. Überhaupt ist Heuchelei der Eliten etwas, was sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht. Wollte man den Krieg nicht beenden? Die Patriarchen von Libria erklären alle Gewalt für besiegt. Tatsächlich jedoch führen sie einen brutalen Vernichtungsfeldzug gegen alle Andersdenkenden. Jeder, der nicht die neue Ordnung akzeptieren kann, wird gnadenlos ausradiert. Jede Erinnerung an menschliche Kultur vor Libria wird zerstört. Es handelt sich um ein gigantisches und altes soziales Experiment – den Menschen zu ändern. Durchaus mit hehren Zielen.

Man möchte Parallelen zu heute ziehen, wo Sozialwissenschaftler und Aktivisten des Neo-Feminismus oder Antinationalismus den Wunsch verspüren, die Menschheit grundlegend umzugestalten. Angefangen bei seiner biologischen Verfassung, indem man versucht die natürliche Geschlechterordnung zu verändern. Und wer kann schon leugnen, dass Nationalismus zu Kriegen geführt hat? Aus diesem Anti-Impuls entspringt der Gedanke, dass alles nationale, traditionelle und Eigene einem Super-Globalismus weichen muss. Ein gigantischer Internationalismus, der alle Menschen gleich macht und unter dem Vorwand handeln muss, dass das Wohl vieler die Bedürfnisse der Wenigen übertrumpft.

Totalitarismus! Aber mit den besten Absichten. Uniformität und Kollektivismus zum Wohle der Menschen? Aber was ist der Mensch ohne die Dinge, die ihn zu Tränen rühren oder zum Lachen animieren können? Was macht uns aus, wenn nicht unsere Kultur, Kunst, Herkunft und unsere Emotionalität?

Mein Urteil: Der Film ist einen Blick wert. Für alle, die ihre Dosis nicht nehmen wollen.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=84G6RRBnJEY

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