Home Geschichte Im Gedenken an unsere gefallenen Kameraden

Im Gedenken an unsere gefallenen Kameraden

Im Gedenken an unsere gefallenen Kameraden

Ich weiß noch ganz genau wie es war, als ich am frühen Nachmittag von der Schule nach Hause kam und mich mit meiner Mutter vor den Fernseher setzte. Wir starrten wie in Trance auf die Bilder von Menschen, die sich brennend aus dem World Trade Center stürzten und  wir hörten die Schreie aus den Live-Kameras, als das zweite Flugzeug den zweiten Tower traf. Das werde ich nie vergessen. Ich hatte ein ganz furchtbares Gefühl in meiner Brust, das über normale Anteilnahme hinaus ging. Für ein Kind oder eher einen heranwachsenden Jungen wie mich war das damals sehr prägend. Heute blicke ich oft zurück und weiß, dass meine ganze Teenager-Zeit im Rahmen eines Zeitenwandels gelebt wurde. Ich denke ich spreche für viele, wenn ich sage, dass die Jahre 2001-2014 sicherlich einen großen Teil unserer Jugend ausgemacht haben. Wir sind, wenn wir die Tagespolitik und die Nachrichten mitverfolgt haben, mit den Berichten aus Afghanistan und dem Irak aufgewachsen. Für mich war Afghanistan schon mit 15 Jahren nicht so weit weg, wie es geographisch schien. Es ging uns oder zumindest mir immer näher als manch anderen Menschen. Die Affinität für Politik mag hier eine Rolle gespielt haben. Aber ich möchte nur sagen, dass wir, die wir uns als “junge Deutsche” oder “junge Westler” bezeichnen können, in gewisser Hinsicht auch eine Kriegsgeneration sind, wenngleich wir keinen so zerstörerischen Krieg wie unsere Großeltern Generation miterlebt haben, sondern nur als Zuschauer am Rand standen und immer noch stehen. Dennoch beschäftigte mich Afghanistan und Irak immer. Spürte ich doch, dass dies etwas war, das uns nahe gehen sollte und musste. So wie viele unserer Eltern sicherlich den Vietnam-Krieg als ein prägendes Erlebnis empfunden haben, ging mir Afghanistan ans Herz. Als ich etwas älter wurde und in die Oberstufe kam, las ich zunehmend schwere Lektüre über dieses Land, den Einsatz, seine Soldaten und die Ära, die man als “Krieg gegen den Terror” bezeichnete. Sie dauert ja bis heute an.

 

Die Bindung zu den Soldaten

Dabei empfand ich immer, dass die Medien der Gesellschaft den Fokus häufig falsch setzten oder absichtlich schlecht über die dienenden Soldaten in den deutsch verwalteten Provinzen berichteten. Und obwohl meine Eltern zumindest keinen militärischen Hintergrund haben, bewegten mich die Schicksale der Soldaten dort sehr. Es ist schwierig zu beschreiben, was man empfindet, wenn man den Männern und Frauen der Bundeswehr oder anderer ISAF-Truppen dort zuhört oder sich mit den Menschen Afghanistans befasst, indem man sie in Youtube-Dokumentationen sprechen sieht und hört. Näher konnte man damals als Unbeteiligter dieser anderen fernen Realität nicht kommen. Das kühle Desinteresse meiner Mitmenschen in der Schule und im privaten Alltag stieß mir damals schon etwas sauer auf. Kaum jemand wollte sich mit der tiefen seelischen Verwundung befassen, die viele Soldaten während des Einsatzes oder danach mit sich trugen. Als die ersten Gefechte zu Ostern die Bundeswehr erfasst hatten, starrte ich ganz gebannt in den Fernseher, während keiner meiner Mitschüler überhaupt am nächsten Tag wusste, dass dort unten ihre deutschen Mitbürger um ihr Leben kämpften. Das war auch die Zeit von Verteidigungsminister Guttenberg, den manche Blätter damals schon als nächsten Kanzler handelten. Und als dann die ersten großen Gefechte vorüber waren, kamen viele tote Soldaten nach Hause und die ganze Bundesrepublik stand für kurze Zeit auf dem Kopf. “Kriegseinsatz” war plötzlich das Wort der Stunde.  Und ich wusste doch schon lange, dass dort unten ein Krieg tobte, den man bei uns Zuhause gerne ausblenden konnte. Ich weiß nicht, ob ich eigenartig bin, weil ich oft an die gefallenen Soldaten denken musste. Ihre Namen habe ich nicht vergessen und kann viele von den toten Kameraden ohne nachzuschauen heute noch benennen. Beispielsweise einen Konstantin Menz, der glaube ich aus Schwaben kam und dessen Mutter ich einmal in einer Dokumentation gesehen habe. Wie?! Wie erträgt diese Frau den Verlust ihres jungen Sohnes? Wie schafft ihr das, ihr Mütter, Väter, Brüder und Schwestern, die ihr eure Liebsten im Krieg verloren habt? Ich verstehe es nicht, wie man mit diesem Schmerz zurecht kommen kann. Wie könnt ihr weiterleben? Warum interessiert es fast Niemanden? Warum hilft die Regierung nur so unzureichend?

Hier wuchs mein Zorn auf die Regierungsvertreter, die unseren Soldaten so wenig emotionale und finanzielle Unterstützung gaben. Ich muss es offen zugeben. Ich bin eben nicht aus Stein. Es geht mir verdammt nahe, wenn ich einen afghanischen Vater sehe, der seine toten Kinder beweint, die von Sprengfallen der Taliban in Stücke gerissen wurden. Ich habe Tränen in den Augen, wenn ich die Ehefrau eines amerikanischen Soldaten sehe, der in einem mit dem Sternenbanner belegten Sarg nach Hause kommt. Verdammt nochmal! Ich fühlte mich diesen Soldaten und ihren Familien näher, als ich ihnen eigentlich sein konnte. Es waren und sind Fremde und doch spürte ich eine tiefe Verbundenheit mit ihrem Schicksal. Es ist ja meine Generation, oder die meiner Eltern, die dort leidet. Und die Deutschen, die dort unten dienen und dienten, sind mein Volk. Oder – das könnte auch ich sein. Meine Mutter könnte jetzt weinen, wie die Mutter von Sergej Motz, die ihren einzigen Sohn verloren hat. Ich fühlte mit ihnen und tue das noch immer, weil ich glaube, dass wir als Gemeinschaft viele dieser Menschen wieder vergessen haben. Einer kann die Welt nicht vom Leid befreien und jedes Menschen Tränen trocken. Ich weiß natürlich, dass es so viele schreckliche Einzelschicksale gibt. Jeder Mensch hat seine eigene Last zu tragen. Denken wir nur an einen unserer Autoren hier auf Young-German, der mit einer schweren Behinderung geboren ist. Oder der ein oder andere Mensch, der einen Liebsten verloren hat. Aber sind nicht wir, das deutsche Volk, die wir ja durch unsere Demokratie mitverantwortlich für den Einsatz deutscher Soldaten sind, diesen Soldaten auch etwas schuldig?

Und ich meine keine Schuldigkeit in Geld, sondern in Anerkennung und Zuneigung. Dass diese Menschen dort in Uniform etwas leisten und tun, wozu sie sich freiwillig entschlossen haben, sollte uns imponieren. Sie bilden eine dünne Verteidigungslinie und geben etwas von ihrem eigenen Glück, ihren Rechten und ihren Freiheiten ab, weil sie an etwas glauben. Sie glauben daran, dass ihr Dienst etwas wert ist. Ich sehe noch den norwegischen Soldatenvater vor mir, der weinend dem Kamerateam sagt, dass er nicht glaubt, dass sein Sohn für irgendein höheres und besseres Ideal gefallen ist. Er will einfach nur seinen Sohn zurück. Und ich weiß auch nicht, ob viele meiner Kameraden weiterhin nach ihrem Einsatz an die Sinnhaftigkeit dieser Mission glauben oder aber ob sie desillusioniert sind. Ich persönliche sehe die ganze Mission als gescheitert an und frage mich oft, wie ich das einer Mutter ins Gesicht sagen könnte, die dort unten ihr Kind verloren hat. Ich muss ihr doch eigentlich vorlügen, dass das alles einem gutem Zweck diente, dass Afghanistan sich auf einem gutem Weg befindet und all die Opfer sich gelohnt haben. Die Gliedmaßen habt ihr nicht umsonst verloren, sollte man den Soldaten doch eigentlich sagen müssen!

 

War alles vergebens?

Und es ist auch nicht egal. Auch wenn der Einsatz letztendlich falsch war, glaube ich, dass euer (Soldaten) Dienst dort unten nicht vergebens war. Allein schon deshalb nicht, weil er mit hohem Idealismus beseelt war. Wie vielen gleichaltrigen jungen Menschen wie mir geht es womöglich ähnlich? Ich habe eine Seite der Bundeswehr kennengelernt, die ich bisher nicht kannte. Das was ich an den Soldaten gesehen habe, die mit tagtäglich den Widrigkeiten einer schlechten Welt mit dem Glauben an etwas Besseres und hoher Disziplin begegneten, imponierte mir. Helden! Ja! Das waren Helden – nicht nur die Soldaten, sondern all jene, die ihnen in diesen schwierigen Momenten zur Seite standen und ihr Leid teilten. Ein Stück Deutschland habe ich durch euch Soldaten und Soldatenfamilien entdeckt, das mir sonst für immer verborgen geblieben wäre.  Eines von Menschen, die erfüllt von hohem Ethos einen Dienst tun, der an Zuneigung und Liebe kaum zu überbieten ist. Es stimmt nämlich nicht was die vermeintlichen “Friedensaktivisten” und linksextremen Hassmenschen über unseren Männer und Frauen in Uniform verbreiten. Ihr seid KEINE Mörder! Das wusste ich schon lange bevor ich selbst mit dem Dienst in Kontakt kam. Die Menschen, die bei 50° im Schatten einen afghanischen Kameraden aus einem brennenden Wrack ziehen und 24/7 in einem Krankenzelt stehen, um zerfetzte Menschenkörper zu flicken, sind keine Mörder, sondern Helden, wenn sie die Prüfung ihres Berufes bestehen. Zu helfen und zu schützen! Das war euer Auftrag und es ist auch heute euer Auftrag, sollte Deutschland bedroht sein. Dieser heiligen Verpflichtung nachzukommen, der man sich unterwarf, erfordert Mut und Liebe. Ich weiß, dass ich idealisiere. Und sicher gibt es solche, die nur wegen Geld und Abenteuersucht nach unten gingen. Aber die kümmern mich nicht. Denn diesen Menschen fehlt etwas in ihrem Leben, das durch keinen Euroschein zu kaufen ist.

Die Liebe zu Volk, Nation und Vaterland tragen wir im Herzen.  Es ist diese Liebe, die uns beflügelt unser Leben für selbige zu geben. Ich weiß nicht was ich anderes sagen soll, außer, dass ihr mich inspiriert habt. Eure Schicksale haben mich nicht kalt gelassen und ich sah durch euch, dass es in unserer Gesellschaft noch ehrwürdige Selbstlosigkeit gibt, die von Menschen wie Ralf Rönckendorf besessen wird , der durch einen Kugelhagel lief um einen Kameraden zu retten, den er wahrscheinlich noch nie zuvor gesehen hatte. Er nahm den Tod in Kauf, um einen anderen Menschen zu retten und wurde dabei schrecklich verstümmelt. Den Fremden jedoch konnte er retten. Ich hoffe sehr, dass Ralf Rönckendorf seine Entscheidung nicht allzu sehr bereut und sich treu geblieben ist.

Ich glaube durch den tatsächlichen Einsatz unserer Soldaten in Afghanistan und anderswo kämpfen mussten und dadurch geprüft wurden, haben wir ein Stück unserer Identität als Nation zurückgewonnen. Das mag für manche Ohren gleich schrecklich klingen. Durch “Krieg” haben wir etwas zurückbekommen? Ich sage : “Ja!” Wir haben das humanistische Ideal unserer Nation wiederentdeckt. Ein Stück des heiligen Deutschlands, welches verborgen und für viele noch verborgen in uns steckt.

Ich wollte allen die das hier lesen und mich vielleicht verstehen nur sagen, dass ich hin und wieder an euch denke. Ich gedenke der Menschen die ihr verloren habt, die Zukunft. die vieler meiner Kameraden dort verloren haben und ich denke an jene, die verändert heimgekehrt sind.  Die Schicksale von vielen Millionen Mitmenschen, also alle, die durch diesen deutschen und internationalen Krieg geprägt wurden, gehen mir nicht am Arsch vorbei.

 

 

Wir hören nie auf Soldaten zu sein. Auch wenn wir die Uniform abgelegt haben.

und :

Wir geloben:
untadelig zu leben –
gewissenhaft zu dienen –
unverbrüchlich zu schweigen –
und füreinander einzustehen.

C. Stauffenberg

 

 

 

Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf Facebook dein “Like” hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!

Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com