Home Geschichte Alte und neue Macht am Bosporus

Alte und neue Macht am Bosporus

Alte und neue Macht am Bosporus

Als Mustafa Kemal Atatürk seiner Zeit das sterbende osmanische Reich aus der Asche hob und es in eine aufgeklärte Zukunft führte, standen die Zeichen für die Republik Türkei auf Fortschritt. Nach Westen wollte man sich orientieren – nach den Worten Atatürks hin zur “westlichen Zivilisation”. Frauenrechte, Gleichberechtigung, demokratische Instanzen und ein Rechtsstaat hatten das alte System der Sultane abgelöst. Selbst mit der Religion seiner Türken wollte der Vater der jungen Nation brechen. Er lehnte den Islam als staatstragendes Element ab und warb für eine Hinwendung zur aufgeklärten Moderne. Selbst viele Jahrzehnte nach dem Tod von Kemal fungierte das Militär stets als Wächter der Verfassung im Sinne Kemals. Den Kemalismus als Staatsprinzip und Leitkultur der Republik zu behalten, daran hielt vor allem die Armee fest, während sich die Türkei Anfang der 80er und 90er Jahre langsam begann zu verändern. Heute sind zwei verschiedene Republiken, zwei Kulturen und zwei Staatsvölker  in der Türkei entstanden. Da gibt es die schwindenden Anhänger der alten Republik, die Kemalisten und jene, die in ihrem System freier leben konnten und deshalb das neue AKP-System ablehnen. Und auf der anderen Seite gibt es die dramatisch anwachsende Anzahl der islamophilen AKP-Jünger, welche sich auf ihr Idol “Erdoğan” eingeschworen haben. Die eine Seite möchte zurück zur Republik des Kalten Krieges, der westlichen Türkei, während die andere Seite die Inspiration für die Zukunftsträume aus der Vergangenheit des osmanischen Reiches holt. Nicht Westbindung, Technokratie und Moderne, sondern Tradition, Religion und Weltgeltung. Am Bosporus erhebt sich eine neue Macht, die zugleich eine alte Macht ist. Kemalistische Türkei und Neo-osmanisches Reich sind zwei Identitäten, die gleichzeitig in der heutigen Nation am Bosporus existieren.  Es gilt heute wie nie zuvor ein alter chinesischer Satz: “Die Gegenwart ist im Verhältnis zur Vergangenheit Zukunft, ebenso wie die Gegenwart der Zukunft gegenüber Vergangenheit ist. Darum, wer die Gegenwart kennt, kann auch die Vergangenheit erkennen. Wer die Vergangenheit erkennt, vermag auch die Zukunft zu erkennen.”

 

Die AKP entledigt sich ihrer Feinde

Die alten Militärs sind immer schon ein zweischneidiges Schwert in der Türkei gewesen. In einem älteren Artikel sprach ich davon, wie es  dazu kam, dass die Türkei überhaupt NATO-Mitglied geworden ist. Verdanken konnte man dies den Umständen der Epoche (Kalter Krieg) und der regionalen Überlegenheit der türkischen Streitkräfte, die wie kaum eine andere Organisation tief mit der Zivilgesellschaft verwoben ist und sie immer schon begleitet hat. Es ist ja nicht das erste Mal, dass die Armee zum “Schutz der Verfassung” gegen die Regierung geputscht hat. Auch gegen Islamisten wie Erdoğan wurde bereits agiert. Damals noch mit Erfolg. Heute jedoch haben sich die demographischen und kulturellen Verhältnissen grundlegend geändert. Als die Putschisten der Armee durch die Städte zogen, wurden sie nicht wie vor einigen Jahrzehnten gefeiert und mit Jubelschreien begrüßt. In der Masse traten ihnen Anhänger der neuen Staatsideologie entgegen. Islamisten der AKP und solche, die im Massengefühl eine Art subreligiöses Erwachen erfahren haben. Nationalismus und religiöser Fanatismus mischten sich hier. Einerseits behing man die Panzer der Soldaten mit türkischen Republikfahnen und andererseits brüllten die Menschen “Allahu Ackbar!”(Gott ist der Größte). Die Rückkehr des Präsident Erdoğan wurde gefordert und tatsächlich zeigte sich, dass nach wenigen Stunden der Putsch bereits vorüber war und die AKP die Kontrolle über alle Staatsorgane wieder zurückerlangt hatte. Einem skeptischen Beobachter mögen Zweifel aufkommen, wenn er die Leichtigkeit sieht, mit der die AKP diesen vermeintlich gefährlichen Putsch beiseite gefegt hat. Bestand überhaupt eine echte Bedrohung für die Regierung? Schon in der Vergangenheit hatte Erdoğan mit seiner Partei das Militär recht gründlich gesäubert und viele alten Kemalisten entlassen oder gar inhaftiert. Dass von der Armee, welche eigentlich mit dem Partei-System gleichgeschaltet wurde, ein Putsch ausgehen könnte, hielten die meisten Analysten wohl für sehr unwahrscheinlich. Wenn ich ehrlich bin, erkenne ich kein sinnhaftes Verhalten im Versuch der Putschisten. Entweder sie ignorierten die Tatsache, dass sie als Institution nicht mehr nur aus Kemalisten bestehen, nicht mehr den Rückhalt im Volk haben wie früher und auch nicht gegen den Volkswillen putschen können, oder aber sie starteten einen Umsturzversuch mit minderer Kraft und wenig Unterstützung im Militär selbst. Es hätte gar nicht funktionieren können. Ein Luftwaffengeneral namens Öztürk soll Drahtzieher der Sache gewesen sein. Der Umstand, dass die AKP gleich nach Niederschlagung der Putschisten eine Liste mit fast 3000 Richtern und 8000 Polizisten und vielen weiteren Militärs zur Hand hatte, welche kurzerhand beseitigt wurden, lässt einen Skeptiker doch aufhorchen.  Die gesamte Judikative bis hin zu den obersten Gerichten der Republik wurde binnen weniger Tage ausgetauscht. In Zeiten des Friedens wäre derlei niemals möglich gewesen. Doch ein Putsch auf die Regierung bringt jene Legitimation, welche die AKP niemals für eine solche Aktion gehabt hätte. Exekutive und Judikative sind überraschenderweise von den Feinden der AKP “gesäubert” worden. Und da die Legislative sowieso in den Händen der Partei liegt, sind alle Gewalten des Staates auf eine Linie gebracht worden. Nämlich die Parteilinie. Nicht offiziell, nicht per dekret oder Vereinigung von Ämtern, sondern durch Absetzung und Neubesetzung von Positionen. Man entledigte sich der alten Kemalisten, die einer sterbenden Generation angehören und ersetzt womöglich bald die frei gewordenen Posten mit hörigen Dienern der Parteilinie. Damit ist die Gewaltenteilung de facto aufgehoben. De jure existiert sie natürlich noch. Aber man AKP-Richtern, AKP-Polizisten, AKP-Militärs und AKP-Parlamentariern ist natürlich nichts anderes zu erwarten, als die Durchsetzung der Parteipolitik. Es ist egal ob sie offiziell anderen Staatsorganen angehören, wenn sie alle dennoch im Gleichschritt marschieren. Die Türkei dieser Tage hat sich ihres zweiten Ichs, der alten laizitischen Republik, entledigt und ist ein Stück weit zur heimlichen Diktatur geworden. Mit dem Willen des Volkes wohlgemerkt. Denn die AKP wurde gewählt und ist damit legitim an der Macht.

Dann haben sich Erdoğans Worte am Ende eben doch bewahrheitet, als er sagte : “Die Demokratie ist nur ein Zug, auf den wir aufsteigen”.

Die wehrpflichtigen Soldaten als Bauernopfer

Als der Sieg über die Putschisten errungen ist, wendet sich der entfesselte Zorn der Islamisten gegen die Soldaten. Ich fühle mich bei den Bildern von gepeitschten und blutenden jungen Wehrpflichtigen daran erinnert, dass Lynchmobs eigentlich zum Mittelalter gehören sollten, aber im Islamismus in allen seinen globalen Ausprägungen scheinbar gewollter Teil des System sind. Da liegen die jungen Soldaten, die ihren Wehrdienst gezwungenermaßen für viele Monate antreten müssen, in ihrem eigenem Blut und Heulen in die Kamera, während bärtige Muslime und normale Straßenverkäufer auf sie eindreschen und verfluchen. Dass das die Söhne der türkischen Nation sind, die da erschlagen werden, interessiert die AKP und ihre Anhänger scheinbar nicht. Vor allem die niederen Dienstgrade, also die einfachen Soldaten, hielten die ganze Sache wohl für eine Übung, wie man den Aussagen entnehmen kann. Und das macht auch Sinn so, wenn man das historische Beispiel der Operation Walküre in Deutschland heranzieht, wo die Offiziere der Stauffenberg-Gruppe gegen Hitler geputscht hatten. Auch sie bedienten sich natürlich der einfachen Soldaten, welche aber über die Tragweite und Realität ihrer Taten im Dunkeln gelassen wurden.  Mord und Totschlag auf den Straßen gab es dabei jedoch nicht. Die Affinität sich zu brutalen Mobs zusammenzurotten, scheint eine Gemeinsamkeit des Islamismus zu sein. Und so sind die Soldaten Opfer ihrer Offiziere und ihrer Regierung geworden.

Und die AKP toleriert diese Exzesse ihrer Anhänger und befeuert sie sogar mit der Rethorik von “Blut und Vergeltung” noch. Sie entfesselt den Mob der Straße, um jeden Hauch von Widerstand zu unterdrücken. Wer Fahnenmeere, brüllende und bärtige Islamisten und blutige Soldaten am Boden nicht einschüchternd findet, läuft wohl selbst in diesem Mob mit. Als guter Kemalist hängt man vielleicht in diesen Tagen doch das Bild vom Atatürk wieder ab oder trinkt den Raki nicht in der Öffentlichkeit. Denn Alkohol ist haram. Der Vater der Türken routiert in seinem Grab.

 

Auf zum Goldenen Apfel

Die Regierung zeigt mit dem Finger auf eine Clique von Militärs und einen Auslandstürken und ehemaligen Rivalen namens “Gülen”. Dieser bestreitet die Vorwürfe und hat tatsächlich eher wenig mit dem Militär zu tun. Viel wichtiger ist vielleicht, dass dieser Gülen kein Feind der Islamisierungspolitik ist, sondern einer ihrer Befürworter. Wer auch immer dahinter steckt, spielte der AKP-Regierung damit in die Hände. Wenn man heute hier Parallelen zum Reichstagsbrand sieht, irrt man womöglich nicht. Was ist schon das Blut von Soldaten und Zivilisten für die ultimative Konzentration von Macht? Das Blut der Nation ist auch auf der Flagge der Türkei verewigt. Rot steht für das Blut der türkischen Krieger, die einst Europa und Asien haben erzittern lassen. Die Rückkehr des Islamismus folgt einer historischen Kontinuität in der Türkei und ihre heutige Politik sieht sich nicht mehr als Teil des Westens, sondern als Erneuerer des osmanischen Glanzes. Deshalb fließen auch Unmengen an Fördergeldern in den Balkan, wo Moscheen gebaut werden und Infrastruktur für die muslimischen Völker dort entstehen. Die AKP spielt ein großes Spiel in Europa und Asien, welches darauf abzielt den Einfluss der Türken über die Landesgrenzen hinaus auszudehnen. Während sich Erdoğan gerne als Führer der gesamten Ummah, also der muslimischen Weltgemeinschaft gesehen hätte, muss er sich zunächst mit seinen anverwandten Turkvölkern begnügen. Von denen gibt es jedoch mehr als genug. Von  Aserbaidschan, über Zentralasien und bis nach Albanien. Wenn man die Weltkarte aus Sicht der Türkei betrachtet, liegt der Vedacht nahe, dass ein ethnischer und religiöser Gürtel um das Mutterland der Türken herum gezogen wird. Ob in Syrien türkische Minderheiten unterstützt werden oder aber Auslandstürken in Europa Förderung erhalten. Der Anspruch der Türken unter Führung der AKP ist nicht klein. Die neue Türkei ist das alte Imperium, welches erneut nach dem Goldenen Apfel strebt. Die Eroberung der Erde zum Ruhme Allahs.

Und dennoch hört die Republik von Atatürk dadurch nicht automatisch auf zu existieren. Über 50 Jahre moderne Türkei lassen sich nicht so einfach auslöschen. Doch sie ist für längere Zeit in einen tiefen Schlaf gefallen. Eine “Islamisierung findet nicht statt” sagten auch viele Türken damals vor 20 Jahren wohl schon. Anders lässt sich das Zitat dieses türkischen Satirikers kaum erklären.

islamisierung-der-turkei-unter-erdogan-war-vo-L-MzouaD

 

Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.