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Zwanzig Jahre Kampf der Kulturen

Zwanzig Jahre Kampf der Kulturen

 

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington (1927 – 2008) kann als einer der profiliertesten Analysten des Weltgeschehen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gelten, der sich zeit seines Lebens der Erforschung von zwischenstaatlichen und ethnischen Konflikten widmete. Als Leiter verschiedener Forschungsinstitute und als Berater von Regierungen gelangte er zu der Einsicht, daß die Demokratie keineswegs ein Exportschlager für die ganze Welt ist, wandte sich gegen Interventionismus und entwickelte sich zu einem Warner vor den sich abzeichnenden Konflikten multikultureller Gesellschaften.

Vor nunmehr zwanzig Jahren erschien Samuel P. Huntingstons ebenso vielbeachtetes wie vielumstrittenes Buch »The Clash of Civilizations«, in deutscher Übersetzung »Kampf der Kulturen«. Seitdem sind nicht nur zwei Jahrzehnte ins Land gegangen, sondern es ereigneten sich, vom 11. September 2001 bis zum jüngsten vorläufigen Höhepunkt am 13. November 2015 in Paris, eine Reihe von Ereignissen, die zumindest scheinbar Huntingtons Thesen recht geben. Nicht nur bezüglich der Konfrontation der westlichen mit der islamischen Welt erweist sich sein Werk als hellsichtig, auch im Hinblick auf die Ukraine-Krise, die Huntington voraussah, bietet es Deutungen. Es lohnt sich mithin, sein Buch erneut oder, soweit noch nicht geschehen, erstmalig zu lesen.

Dabei wäre Kampf im Titelwohl besser als Zusammenprall übersetzt worden, da der Titel so einen immerwährenden Kampf Aller gegen Alle suggeriert, was Huntingstons Thesen mißverstehen würde. Der Begriff Civilizations wurde korrekterweise mit dem im deutschen Sprachgebrauch zutreffenden Kulturen im Sinne von Kulturkreisen übersetzt.

Zentrale These Huntingtons in »Kampf der Kulturen« ist, daß nach dem Ende des Kalten Krieges nicht das von Francis Fukuyama beschworene »Ende der Geschichte« eintritt, sondern daß vielmehr die gewaltsamen Konflikte auf der Welt in Zukunft mehrheitlich nicht mehr zwischen Staaten und Weltanschauungen entbrennen, sondern entlang jener Fronten, an denen verschiedene Kulturkreise aufeinandertreffen.

Es muß dabei allerdings berücksichtigt werden, daß Huntington nur ein Modell geliefert hat. Wie jedes Modell dient es dem Grundverständnis, der Übersicht, aber es erklärt die Realität nicht vollständig und nicht in allen Details. Man sollte also keinesfalls erwarten, eine Erklärung für alle weltpolitischen Ereignisse zu erlangen, ebensowenig, wie einen Beleg für das Eintreten aller seiner Voraussagen zu suchen.

Sehen wir uns Huntingstons Thesen einmal genauer an.

These der Kulturkreise

Kultur ist das, was den Menschen über rein zoologische Merkmale hinaus erst zum Menschen macht, demzufolge ist sie zentraler Fixpunkt seiner Identität; ihre Bedeutung kann somit praktisch schwerlich überschätzt werden. Als Kultur definiert Huntington die Gesamtheit der Lebensweise eines Volkes: ein Gemenge aus Sprache, Religion, Lebensweise und Gebräuchen, aus Weltsicht und Denkweisen, die zu einem spezifischen Ganzen gewachsen ist. Als Kulturkreis bezeichnet Huntington die größte kulturelle Einheit.

»Ein Kulturkreis ist demnach die höchste kulturelle Gruppierung von Menschen und die allgemeinste Ebene kultureller Identität des Menschen unterhalb der Ebene, die den Menschen von anderen Lebenwesen unterscheidet. Sie definiert sich sowohl durch gemeinsame objektive Elemente wie Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen als auch durch die sujektive Identifikation mit ihr.«

Zu berücksichtigen ist dabei, daß Kulturkreise weder sich trennscharf zu anderen abgrenzen, noch daß sie unbedingt deckungsgleich mit politischen Ordnungen sind; ferner speist sich Identität selbstverständlich niemals aus nur einer Quelle. Ein Kulturkreis kann eine Vielzahl verschiedenster politischer Systeme umfassen. Kulturkreise sind auch nicht statisch, sondern entwickeln und verändern sich, driften auseinander oder verbinden sich, können dominieren oder an Bedeutung verlieren, sind aber in sich langlebig und zählen in Jahrtausenden.

Kulturkreise können sogenannte Kernstaaten haben, die innerhalb ihres Kulturkreises einen mehr oder minder maßgeblichen Einfluß ausüben. Zweifellos können die USA heute als ein Kernstaat der westlichen Welt gelten. Ein solches Zentrum kann aber auch fehlen, wie es im islamischen Kulturkreis der Fall ist.

Nun gibt es – aufgrund der genannten Unschärfen und je nach Sichtweise – unterschiedliche Auffassungen, wieviele Kulturkreise existieren; Huntington geht von sieben bis acht aus: den sinischen oder konfuzianischen, den japanischen, den hinduistischen, den islamischen, den lateinamerikanischen, mit gewissen Zweifeln den afrikanischen, den slawisch-orthodoxen und letztlich den westlichen, der Europa, Nordamerika sowie das von Europäern besiedelte Australien und Neuseeland umfaßt. Huntington räumt ein, daß es hinsichtlich dieser Einteilung Fragezeichen gibt: ist Lateinamerika eher zum westlichen Kulturkreis zuzurechnen, oder hat es sich in eine eigene Richtung entwickelt, die die Betrachtung als etwas Eigenständiges rechtfertigt? Sind sich der sinische und japanische Kulturkreis einander nicht hinreichend ähnlich, um sie doch als eine Einheit zu denken? Kann man von einem afrikanischen Kulturkreis sprechen oder ist Afrika dafür zu heterogen?

Bei aller Unschärfe und Unsicherheit, die einer solchen Einordnung naturgemäß innewohnt, ist jedoch nicht die Frage, ob ein Modell genau ist, sondern, ob es für das Verständnis der Welt brauchbar ist. Die Brauchbarkeit des Modells scheint indessen von der Geschichte bestätigt zu werden.

Verwestlichung und Moderniserung

Das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert war geprägt von einer weltweiten Dominanz des Westens; sie stützte sich im wesentlichen auf eine Überlegenheit in der Anwendung organisierter Gewalt sowie eine beispiellose technische Entwicklung der Produktions- und Verkehrsmittel und organisatorische Effizienz einerseits. Andererseits sind alle heute relevanten politischen Ideologien – mit der nach dem Ende des Kommunismus verbleibenden dominierenden, dem Liberalismus – Hervorbringungen des Westens. Aus einer bis dahin multiplolaren Welt entwickelte sich ein überwältigender Druck des Westens auf alle übrigen Kulturkreise.

Der Westen ist lange Zeit aufgrund seiner vermeintlichen Überlegenheit von der Vorstellung ausgegangen, daß eine Modernisierung im Sinne einer Verbreitung westlicher Technik auch mit einer Übernahme des westlichen Gesellschaftsmodells und seiner Wertvorstellungen einherginge. Das westliche, das heißt heute im Kern das US-amerikanische Modell, wird bis heute als universell betrachtet; man geht aus westlicher Perspektive davon aus, daß jeder Mensch, der die Wahl hat, sich dafür entscheiden würde, wie ein US-Amerikaner zu leben, also nicht nur westliche Produkte zu konsumieren, sondern gleichzeitig auch aufgrund ihrer vermeintlichen Überlegenheit Demokratie, Menschenrechte und Marktwirtschaft zu übernehmen. Jedoch, so Huntington: was Universalismus aus der Sicht des Westens ist, ist Imperialismus für den Rest der Welt. Die Dominanz beispielsweise der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie, die Übernahme westlicher Moden oder der Polulärkultur, ferner die Nutzung globaler Kommunikationstechnik, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß dies nur oberflächliche Anpassungen sind und die Einstellungen und Überzeugungen nichtwestlicher Menschen dadurch nicht wesentlich berührt werden. Eine Herausbildung einer universellen globaliserten Kultur sei, so Huntington, nicht zu beobachten, wenn man einmal von einer kleinen Elite absieht, die er als die »Davos-Leute« bezeichnet, benannt nach dem Ort des jährlichen Gipfeltreffens diese Klasse.

Die Tatsache, daß insbesondere für besagte »Davos-Leute« Englisch die lingua franca darstellt, bedeutet nicht, daß es sich als universelle Weltsprache durchsetzt. Ein solche lingua franca ist nur ein Werkzeug, um kulturelle Unterschiede zu überbrücken, sie beseitigt sie aber nicht. Eine Verwestlichung geht also damit nicht einher.

Ebensowenig führt auch der Prozeß der Modernisierung, der Industrialisierung, Urbanisierung, eine Zunahme von Mobilität und steigenden materiellen Wohlstand beinhaltet, zu einer Verwestlichung.

»Verwestlichung ist etwas anderes als Modernisierung; und wirtschaftliche und soziale Modernisierung erzeugt weder eine universelle Kultur irgendeiner Art noch die Verwestlichung nichtwestlicher Gesellschaften.«

Es wird aufgezeigt, daß beides, Verwestlichung und Modernisierung, getrennte Prozesse sind, die einander nicht bedingen. Die Nutzung moderner Technik bei einem archaischen Gesellschaftsbild ist daher nur ein scheinbarer Widerspruch. Gleichwohl können beide Prozesse gleichzeitig verlaufen; Huntington nennt als Beispiel den Kemalismus, der eine Verwestlichung als Voraussetzung für eine Modernisierung annahm und durchsetzte, aber ein Land mit zerrissener Identität zur Folge hatte. Japan oder China hingegen behielten zentrale Werte seiner Identität bei, während sie sich modernisierten. Währenddessen schätzen selbst Steinzeit-Islamisten heute Produkte der Modernisierung, während sie sich der Verwestlichung auf denkbar radikale Weise verweigern. Und auch die geradezu exzessive Nachahmung westlicher moderner Architektur in Dubai und die Konsumgewohnheiten dortiger Eliten lassen die Identität dieser Gesellschaften gänzlich unbeeindruckt.

Im Gegenteil läßt sich in den modernisierten nichtwestlichen Gesellschaften eine Tendenz beobachten, die Huntington als Indigenisierung beschreibt.

These der Indigenisierung

Nach Huntington führt die Globalisierung, also der Prozeß einer fortschreitenden wirtschaftlichen Vernetzung, von weltweiter Kommunikation und zunehmender Konfrontation mit fremden Kulturen, nicht etwa zu einer verringerten Bedeutung kultureller Unterschiede, sondern im Gegenteil zu einem verschärften Bewußtsein für die eigene kulturelle Identität.

Trotz einer noch andauernden Dominanz des Westens, die sich in einer unveränderten maßgeblichen Stellung im Bereich des Finanzwesens und der Herstellung von Fertigprodukten ausdrückt sowie in der Beherrschung der globalen Kommunikationsmittel und der technischen Innovation, wird der Westen in der nichtwestlichen Welt als ein Kulturkreis wahrgenommen, dessen Macht ständig zurückgeht. Die Schwerpunkte wirtschaftlicher und militärischer Macht verschieben sich, nichtwestliche Kulturen holen einen Entwicklungsrückstand im Bereich der Bildung auf und gewinnen damit an Selbstbewußtsein. Diese Entwicklung kommt bisher vornehmlich den asiatischen Kulturkreisen zugute.

»Die Macht des Westens wird sich weiter verringern. In dem Maße, wie der Promat des Westens erodiert, wird sich auch ein gut Teil seiner Macht einfach verflüchtigen, und der Rest wird sich auf regionaler Basis auf die verschiedenen großen Kulturkreise und ihre Kernstaaten verteilen. Die bedeutendsten Machtzuwächse verzeichnen heute und in Zukunft die asiatischen Kulturkreise, wobei China sich allmählich als jene Gesellschaft auskristallisiert die vermutlich den globalen Einfluß des Westens in Frage stellen wird.«

Wenngleich das Wirtschaftswachstum Chinas heute gedämpfter ausfällt als es vor zwanzig Jahren der Fall war und das Land darüber hinaus mit gigantischen Umweltproblemen zu kämpfen hat, so ist die Tendenz der Machtverschiebung weiterhin erkennbar. Der Umstand, daß in der chinesischen Kultur der Kollektivismus gegenüber dem westlichen Individualismus hochgehalten wird, sie also dem Primat der Gemeinschaftsinteressen gegenüber dem Einzelinteresse folgt, hat sich dabei als wesentlicher kulturell bedingter Entwicklungsfaktor erwiesen. Huntington belegt darüber hinaus diesen Prozeß auch mit fortschreitenden Entwicklungen in Indien, Japan und Lateinamerika. Und je mehr Selbstbewußtsein nichtwestliche Kulturen gewinnen, desto weniger attraktiv wird das westliche Gesellschaftsmodell. Bestätigt wird dies auch durch die vor zwanzig Jahren noch nicht absehbare Entwicklung Rußlands unter Putin zu einer bedeutenden Regionalmacht, die der Ausdehnung des Machtabspruchs des Westens spürbar im Wege steht und dessen schulmeisterlichem moralischen Überlegenheitanspruch selbstbewußt entgegentritt. Und nicht zuletzt auch auf dem Gebiet der Unterhaltungsindustrie beschneiden längst, wie besipielsweise in Indien, örtliche Produktionen den Einfluß Hollywoods.

Zu diesem Pozeß der Indigenisierung, also der Rückbesinnung auf die eigenen Werte, gehört auch die »Re-Islamisierung« der islamischen Welt, in der ein wachsender Einfluß fundamentalistischer Strömungen und eine zunehmende Ablehnung des Westens zu verzeichnen ist. Hier wird der Islam »als kulturelle, religiöse, soziele und politische Richtschnur für des Leben in der modernen Welt« gesehen, und zwar nicht nur einer radikalen Minderheit, sondern als Phänomen mit Breitenwirkung.

»Die islamische Resurgenz ist Hauptströmung, nicht Extremismus, sie ist eine umfassende, keine isolierte Erscheinung.«

Die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre, inbesondere der wachsende Einfluß der Religion in einstmals säkularen Staaten wie der Türkei geben dieser Einschätzung ebenso recht wie die zunehmende Ablehung der westlichen Kultur durch jene Moslems, die ihr inmitten leben. Sie beruht auf einer puritanischen Vorstellung einer reinen, erneuerten Gesellschaftsordnung als Gegenmodell für eine als zunehmend verkommen und dekadent wahrgenommene westliche Welt. Dabei wird und wurde dieser Prozeß keineswegs nur von Modernisierungsverliereren getragen, sondern, im Gegenteil, von Gebildeten, Studenten, Intellektuellen. Was Huntington seinerzeit nicht wissen konnte: auch diejenigen, die später die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, gehörten dazu.

Huntington beschreibt jene »islamische Resurgenz« nicht als Folge einer unterlassenen, sondern vielmehr einer vollzogenen Modernisierung:

»Ihre tieferen Ursachen sind dieselben, die generell für Indigenisierungstendenzenen nichtwestlichen Gesellschaften verantwortlich sind: Urbanisierung, soziale Mobilisierung, höhere Alphabetisierungs- und Bildungsniveaus, verstärkter Kommunikations- und Medienkonsum sowie erweiterte Interaktion mit der westlichen und anderen Kulturen.«

Zum Selbstbewußtsein, das sich aus der kulturellen Selbstbesinnung speist, gesellt sich darüber hinaus ein demographischer Faktor. Gerade islamische Länder weisen gegenüber anderen Kulturkreisen ein höheres Bevölkungswachstum und einen höheren Jungendüberschuß auf, der einen Einwanderungsdruck auf westliche Staaten ausübt und einen Machtfaktor in Konflikten entlang der kulturellen Bruchlinen darstellt.

These der Bruchlinienkonflikte

Bruchlinienkonflikte sind laut Huntington gekennzeichnet dadurch, daß sie sich zwischen ethnischen und religiösen Gruppen abspielen und, weil sie zentrale Fragen der eigenen Identität berühren, langwieriger und blutiger und schwieriger beizulegen sind und häufiger zum Völkermord als Konsequenz neigen. Wo unter einander unvereinbare Kulturen aneinanderreiben, dort gibt es wenig Spielraum für einen Kompromiß, wenn die jeweils eigene Lebensweise auf dem Spiel steht. Dort, wo ein Kernstaat fehlt, sind die Konflikte eskalationsträchtiger, denn mit ihm fehlt auch eine Macht, die mäßigend Einfluß nehmen könnte.

Es läßt sich kaum behaupten, daß die Globalisierung zur Förderung des Weltfriedens beigetragen habe. Huntington räumt gründlich auf mit der Vorstellung, daß Handel und wirtschaftliche Vernetzung sowie weltweite Migration pazifizierend wirkten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, und zwar nicht von ungefähr. Konflikte entstehen immer aus einem Näheverhältnis, multipliziert mit dem Maß der kulturellen Ferne.

»Bruchlinienkonflikte sind Konflikte zwischen Gemeinschaften, die Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen angehören. Bruchlinienkriege sind Konflikte, die gewaltsam geworden sind. Solche Kriege können zwischen Staaten, zwischen nichtstaatlichen Gruppierungen und zwischen Staaten und nichtstaatlichen Gruppierungen ausbrechen.«

Größter und konfliktträchtigster Unterschied ist, so Huntington, dabei die Religion, insbesondere dann, wenn es sich wie im Falle des Islams um eine Religion handelt, der ein universalistischer Herrschafts- und Expansionsanspruch eigen ist.

»Die Menschheitsgeschichte zeigt seit Jahrtausenden, daß Religion kein ›kleiner Unterschied‹ ist, sondern vielmehr der tiefgreifendste Unterschied, den es zwischen Menschen geben kann.«

Dem widerspricht nicht, wenn eine Gesellschaft in hohem Maße säkularisiert ist und die Ausübung der Religion keinen hohen Stellwert mehr hat. Die kulturelle Identität bleibt auch dann tiefgreifend in der religiösen Überlieferung verwurzelt, auch wenn dies oberflächlich weniger sichtbar ist.



Die Bruchlinien verlaufen heute längst nicht mehr entlang den ursprünglichen geographischen Grenzen der Kulturkreise. Masseneinwanderungen haben dafür gesorgt, daß sie mitten durch die Gesellschaft laufen, durch Stadtteile, Nachbarschaften, Schulklassen. Mit mitten im Land stehenden kompakten Fremdbevölkerungen, die sich für die gesellschaftliche Ordnung des Landes, in dem sie leben, häufig nicht interessieren, wurde ein Pulverfaß mit unabsehbarem Zerstörungspotential geschaffen. Und die Situation wird sich weiterhin verschärfen, und das nicht nur durch weiterhin unkontrolliert und unlimitiert ins Land einstömende Menschenmassen aus der islamischen Welt, sondern auch durch deren Fortpflanzungsstärke. Der Völkermordforscher Gunnar Heinsohn belegt empirisch einen ursächlichen Zusammengang zwischen Kriegen und einem Überschuß an jungen Männern, dem sogenannten »Youth bulge«.

Faßt man die Erkenntnisse Huntingtons und Heinsohns zusammen, so entsteht ein fürwahr explosives Konfliktpotential aus zweierlei Faktoren: einerseits der maximale kulturelle Gegensatz zwischen Islam und westlicher Welt, zweitens der Jugend-Überschuß des islamischen Kulturkreises.

Doch Huntington beschränkt sich keineswegs auf den Konflikt mit der islamischen Welt, wenngleich er hier den größten Antagonismus ausmacht. Vielmehr hat er auch den in der Ukraine stattfindenden Konflikt zwischen dem Westen und Rußland richtig vorausgesehen.

Kritik an Huntington

Gegenüber eines von der linken Weltanschauung geprägten Meinungsklimas, der die prinzipielle Gleichheit der Menschen postuliert, mußten Huntingtins Thesen zweifellos als Provokation gelten. Schließlich hat die Linke nie die Bedeutung der kulturell bedingten Unterschiede und ihre identitätsprägende Wirkmächtigkeit begriffen, und hat diese auf allenfalls differierende Kleidungs- und Eßgewohnheiten reduziert – und ihre Zusammenballung auf engem Raum als erstrebenswerte »Vielfalt« verherrlicht. Sie, die Linke, war stets unfähig, diese Unterschiede als untereinander unvereinbare Weltbilder und Gesellschaftskonzepte zu begreifen, und war daher auch nicht in der Lage, das daraus erwachsende Konfliktpotential zu ermessen. Nach wie vor ungebrochen ist der sozialistisch-technokratische Machbarkeitsglaube, daß Gesellschaft konstruierbar und planbar sei und die »Intergration« kulturfremder Bevölkerungen kein prinzipielles Problem. Vor einem solchen Hintergrund kann es nicht überraschen, daß Huntingtons Thesen bis heute in diesen Kreisen auf Widerstand stoßen.

So behauptet Nicolas Richter in der »Süddeutschen Zeitung«, Huntington habe sich geirrt, da einerseits die Welt noch chaotischer sei als dieser es sich vorstellen konnte. Weiters seien die Konflikte innerhalb der Kulturkreise vielfach zahl- und verlustreicher als jene zwischen ihnen. Huntingtons besagter »Clash« habe nicht stattgefunden, doch übersieht diese Sichtweise, daß Huntington ihn weniger als Ereignis denn als Dauerkonflikt gesehen hat, und kaum etwas spricht dafür, daß er seinen Zenit überschritten hat, schon gar nicht nach den Terrorakten des zurückliegenden Jahres. Abgesehen davon, daß man dieser Kritik die Absicht anmerkt, die Gefahren einer Islamisierung für nichtexistent zu erklären, so überzeugt sie auch in anderer Hinsicht nicht, denn sie widerlegt nicht Huntingtons These der Bruchlinienkonflikte. Sie begründet allenfalls den Einwand, daß Huntington des Konfliktlinien zu grob gezogen habe. Selbstverständlich kann auch innerhalb eines Kulturkreises ein Konfliktpotential vorhandens sein, das sich in blutigen Kämpfen äußert.

Die Kulturkreise sind in sich nicht so homogen, als daß es innerhalb ihrer keine ethnischen oder religiösen Binnenkonflikte geben könnte. Ferner ist zu berücksichtigen, daß es in dem islamischen oder afrikanischen Kulturkreis keinen Kernstaat gegeben hat. Insofern stellt der Verweis auf zum Teil auch mit äußerster Brutalität geführter Konflikte innerhalb eines Kulturkreises keine Widerlegung von Huntingtons Denkfigur dar, ebensowenig wie die Tatsache, daß nicht alle Grenzen zwischen Kulturkreisen dasselbe Konfliktpotential aufweisen und nicht quasi von Natur aus in einem konfrontativen Verhältnis zueinander stehen. Daß in Huntingtons Buch der Konflikt zwischen westlicher und nichtwestlicher Kultur einen herausragenden Stellenwerk einnimmt, spricht nicht für die Einigkeit nichtwestlicher Gesellschaften, sondern gründet sich in den universellen Anspruch des Westens, seine Vorstellungen auf die ganze Welt übertragen zu können.

Auch andere Kritiker heben in aller Regel darauf ab, daß Huntingtons Argumentation Lücken aufweist, oder sie führen Beispiele an, die ihr zu widersprechen scheinen.

Thomas Assheuer warnte in der »Zeit« gar, daß sich die Politik an Huntingstons Thesen ausrichtete, denn:

»Ohnedies ist die Rede vom »Kampf der Kulturen« eine sehr gefährliche Falle. Wer sein politisches Handeln nach ihr ausrichtet, führt genau den Zustand herbei, dessen Schrecken er beschwört. Damit würde die Formel vom »Kampf der Kulturen« zu einer Diagnose, die sich selbst erfüllt.«

Nun kam der Autor schon damals, im jahre 2006, mit dieser Warnung etliche Jahrzehnte zu spät. Vielleicht hätte sich die Konfrontation in der stattfindenden Weise vermeiden lassen, wenn der Westen die Welt schon früher als eine multipolare begriffen hätte und sein politisches Handeln darauf ausgerichtet hätte, sich also zahlreicher »Interventionen« enthalten und davon absehen würde, dem als solchem wahrgenommenen Rest der Welt Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte notfalls aufzuzwingen. Heute sind die daraus entstandenen Konflikte längst da, und ihre Analyse zu ihrer Ursache zu erklären hieße, die Meterologen für das Wetter verantwortlich zu machen. Es wäre die Aufgabe der Politik, ihre Folgen einzuhegen, anstatt ihre Ursachen zu verstärken. Denn dies wären die wahren Lehren aus Huntingtons Buch: die Welt als ein »Pluriversersum« zu begreifen, die Andersartigkeiten anderer Kulturen und Lebensweisen anzuerkennen und einzusehen, daß eine globalisierte Weltordnung eine gefährliche Illusion ist.

Letztendlich kann Huntingtons These vom Kampf der Kulturen auch nicht so verstanden werden, daß er mit ihr ein monokausales Erklärungsmuster für alle stattfindenden Konflikte geliefert hat; selbstverständlich können sie andere Ursachen überlagern und mit ihnen ein nur schwer zu durchschauendes Ursachengeflecht bilden. Was Huntingon vorgelegt hat, ist keine reine Lehre, und somit gehen auch jene Kritiker fehl, die seine Thesen als eine solche mißverstehen.

Aktueller denn je

Es läßt sie, wie gesagt, nicht erwarten, daß alles, was Huntingtion vor nunmehr zwanzig Jahren geschrieben hat, hundertprozentig so eingetreten ist und alles, was passiert, lückenlos erklärt. Er war schließlich kein Prophet. Gleichwohl läßt sich sagen, daß keine Analyse des Weltgeschehens seither näher an der Realität liegt als die Huntingtons. Zwanzig Jahre und zahlreiche Konfliktherde und etliche Terrorakte später ist sein Buch aktueller denn je. Es kann zu Recht als Schlüsselwerk gelten; es zu lesen ist nach wie für das Verständnis des Weltgeschehens unverzichtbar.

Wir erleben, von der politischen Linke ignoriert und geleugnet, derzeit eine Zuspitzung der Konfliktsituation in ungeahntem Ausmaß, indem durch unverantwortliches Regierungshandeln die Bruchlinienkonflikte mitten in unser Land importiert werden. Mit dem massenhaften und unkontrollierten Zustrom kulturfremder Völkerscharen wird eine Zivil-Invasion des Jugendüberschusses der Dritten Welt zugelassen. Was wird aus jenen werden, wenn ihnen der angestrebte soziale Aufstieg voraussehbar nicht möglich ist, wenn sie in einer Gesellschaft, die sie innerlich ablehnen, das Gefühl der kulturellen Entwurzelung erfahren? Sie werden sich dem zuwenden, was ihnen Identifikation und Halt verheißt: ihre Kultur, ihre Religion. Eine Entwicklung, die zudem noch auf eine erschlaffte, fortpflanzungsmüde, sich selbst verachtende und ihres Selbstbehauptungswillens ledige, von linken Ideologien zersetzte westliche Gesellschaft trifft.

Es scheint, wenn der Kampf der Kulturen ausbleibt, dann allein deswegen, weil die Kapitulation kampflos erfolgen wird.


Literatur:

Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München, Wien 1996

Heinsohn, Gunner: Söhne und Weltmacht, Zürich 2003

Lehnert, Erik / Weißmann, Karlheinz: Vordenker, Staatspolitisches Handbuch Band 3, Schnellroda 2012

Fest, Nicolaus: Vom ewigen Krieg, Junge Freiheit 49/15

Richter, Nicolas: Wo Huntington irrte, Süddeutsche Zeitung 25.08.2013, http://www.sueddeutsche.de/politik/kampf-der-kulturen-wo-huntington-irrte-1.1753736

Herz, Dietmar: Kulturkampf im Jahre 2010, FAZ, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/politik/rezension-sachbuch-kulturkampf-im-jahre-2010-1439348.html

Assheuer, Thomas: Eine sehr gefährliche Falle, Die Zeit 09.02.2006, http://www.zeit.de/2006/07/Huntington




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