Home Gesellschaft Sie wollen den Austausch (1) – Die »Rainbow Nation«

Sie wollen den Austausch (1) – Die »Rainbow Nation«

 

In der Spiegel-Ausgabe 35/2015 essayiert sich Dirk Kurbjuweit an der selbstgestellten Frage, warum Deutschland ein neues Nationalkonzept brauche, nämlich das der »Rainbow Nation«. Es wird niemandem eine Überraschung verderben, wenn gleich vorweggenommen wird: ein deutsches Volk spielt dabei keine Rolle. Aus Sicht des Autors ist das auch Sinn der Sache, denn ein deutscher Nationalstaat stürzt den Rest der Welt sowieso nur ins Unglück.

Deutsche sind gewohnheitsmäßige Identitätssucher. Sie hatten lange keinen Nationalstaat, und als sie einen hatten, von 1871 bis 1945, stürzte er die Welt in zwei Kriege.

Das freilich ist dreist gelogen, denn es wird sowohl die Tatsache unterschlagen, daß der deutsche Nationalstaat in den ersten vier Jahrzehnten seines Bestehens für Frieden, Stabilität und Ausgleich stand, als auch der Beitrag der übrigen Teilnehmer der Kriege an deren Entstehen. Vermutlich will Herr Kurbjuweit durch diese grobe Geschichtsverdrehung zum Ausdruck bringen, daß die bloße Existenz eines deutschen Nationalstaates aus seiner Sicht nicht legitim ist, in der Vergangenheit ebensowenig wie in der Zukunft. Die Lösung stattdessen:

Viele Politiker, allen voran Helmut Kohl, sahen die Zukunft ihres Landes in einem vereinten Europa. Dort wollten sie die Bundesrepublik aufgehen lassen. Die bundesdeutsche Identität sollte vor allen eine europäische sein. Diese Ära ist vorbei. Spätestens seit der Eurokrise ist der Integrationsprozess blockiert. Die Staaten schauen zuerst auf das eigene Interesse, und es gibt keine maßgeblichen Politiker mehr, die Deutschland in einem europäischen Bundesstaat aufgehen lassen wollen.

Früher waren die Deutschen lange von Überlegenheitsgefühlen geprägt, die besten Dichter und Denker, die härtesten Soldaten. Und jetzt? Der weltausgeglichenste Haushalt? Das kann es nicht sein, das wäre wieder Überlegenheitsdenken und dazu noch mickrig.

Man sollte noch hinzufügen: die eifrigsten Selbstverächter und entschlossensten Ethnosuizidenten, denn das Deutschland als deutsches Land von der Bildfläche verschwinden muß, scheint für Herrn Kurbjuweit ausgemacht zu sein. Davon abgesehen: wer sieht den Strohmann? Selbstverständlich beruht das Selbstverständnis als deutsche Nation nicht auf einem ausgeglichenen Haushalt. Hat das jemand behauptet? Natürlich nicht. Die Absicht solcher rhetorischer Taschenspielertricks ist duchschaubar: wenn es nicht einmal etwas »Mickriges«, Banales gibt, so soll suggeriert werden, was könnte es dann schon Bedeutsames sein, worauf sich ein nationales Selbstbewußtsein gründen könnte?

Nun gut, mit den Vereinigten Staaten von Europa wird es also nichts. So muß man die Selbstabschaffung anders bewerkstelligen.

Eine neue Idee wird gebraucht, eine gute Nationalidee. Warum nicht diese, die aus Südafrika stammt: Rainbow Nation, Regenbogennation?

Hier stutzt man und denkt: will der Kerl einen auf den Arm nehmen? Oder spekuliert er darauf, daß seine Leser dumm genug sind, um nicht zu wissen, welche Zustände in Südafrika herrschen? Will er uns dieses Land tatsächlich als schnuckeliges Multi-Kulti-Paradies verkaufen, gerade so, als wäre es nicht zerrissen von extremer sozialer Ungleichheit, rassistischer (durchaus auch von Schwarzen gegen Schwarze) und sexueller Gewalt und Kriminalität? Selbstverständlich weiß das auch der Herr Kurbjuweit. Doch dazu später.

Zunächst einmal müssen von ihm noch ein paar Grundlagen des Gemeinwesens planiert werden.

Am Wohlstand der Bundesrepublik wollen auch andere teilhaben, so wie in Familien erwartet wird, daß der Onkel mit dem dicksten Portemonnaie hier und da die Rechnung begleicht.

Als Mitarbeiter des Spiegels gehört Herr Kurbjuweit sicherlich zu den Spitzenverdienern der Journalistenzunft. Man stelle sich nun mal vor, zu ihm kommt ein ihm bis dahin persönlich nicht bekannter Angehöriger seines Berufs, der sich als freier Mitarbeiter eines drittklassigen Kreisblatts mehr schlecht als recht über Wasser hält, und sagt: »Dirk, alter Junge, schau mal, ich hab mir doch neulich eine neue Waschmaschine gekauft, und das Auto muß auch in die Werkstatt, und dann hab ich auch noch beim Roulette verloren – also, da kannst du als gutverdienender Spiegel-Kollege doch mal die Rechnung übernehmen?« Wird Herr Kurbjuweit die Rechnung bereitwillig bezahlen? Oder wird er darauf bestehen, selbst zu entscheiden, für wen er einsteht, wessen Bezahl-Onkel er ist? Man könnte es ja mal ausprobieren.

Vermutlich wird er dieses Recht für sich reklamieren, doch für eine Nation soll das nicht gelten.

In beiden Fällen, Griechenland und Flüchtlingsfrage, wirkt immer noch das klassische Nationaldenken: Wir sind wir, und ihr seid ihr. Oder so: Wir sind deutsch, und ihr seid es nicht. Und deshalb teilen wir unseren Wohlstand höchstens widerwillig mit euch.

Ja, so ist es – selbstverständlich! Nicht nur, daß er diese Selbstverständlichkeit jeglichen menschlichen Zusammenlebens, daß jede Solidarität zunächst der eigenen Gruppe gilt, negiert; der Autor denkt auch die alte linke Umverteilungslogik, nach der ein Wohlstandsgefälle per se ein auszugleichendes Unrecht darstellt. Wohlstand ist nicht etwas, auf das der, der ihn erwirtschaftet hat, ein Anrecht hat, sondern vielmehr das unverdiente Profitieren an einem Zufall; überhaupt ist Wohlstand nichts, was erarbeitet werden muß, sondern etwas, was einfach da ist und der Verteilung harrt. Wer aufgrund dieses Zufalls mehr hat, dem muß es weggenommen werden, um es gerecht zu verteilen – was immer auch man darunter verstehen mag. Auf die nationalstaatliche Ebene übertragen heißt das: wer autochthoner Einwohner eines Land ist, das sich durch soziale Stabilität und Sicherheit sowie durch ein gewisses Wohlstandsniveau auszeichnet, der hat kein Recht, dieses Land als das Seine zu beanspruchen, es gehört genauso allen anderen, die an seinen Vorzügen teilhaben wollen.

Es folgen noch ein paar Auslassungen über die angebliche Fragwürdigkeit deutscher Identität, und  dann gelingt dem Schreiber eine erstaunliche Wende: auf die Famile als bröckelnde Grundlage des Deutschen:

Die Deutschen haben sich lange und fest an die Idee geklammert, dass eine schöne Famile aus berufstätigem Vater, häuslicher Mutter und Kindern besteht.

Mit dieser Wendung will der Autor offenbar deutlich machen, daß er die normale Famile als »Keimzelle« des Volkes für ebenso unzeitgemäß und gestrig hält wie das Volk als solches. Damit schafft er nicht nur die Verbindung zur Regenbogen-Metapher einer schönen bunten neuen Welt. Er gibt auch zu, daß er das Untergraben der Famile für einen Baustein zur Abschaffung Deutschlands hält, und beantwortet die Frage, was der Linken eigentlich so sehr an der Homosexualität gelegen ist.

Die deutsche Identität wirkt derzeit etwas angenagt,

– nicht zuletzt durch die Nagetiere unter anderem vom Spiegel –

und es wäre gut, sie mit einer neuen Idee zu stützen. Die findet man am Mittelmeer, bei den Griechen und den Flüchtlingen: wenn man das Denken wendet und nicht Bedrohungen sieht, sondern Lehren und Chancen. So kommt man zur Rainbow Nation. Der Begriff steht für Offenheit, Toleranz, Vielfalt, Großzügigkeit. Das Andere wird zum Teil des Eigenen.

Daß das Eigene zum Teil des Anderen wird, scheint Herr Kurbjuweit ausschließen zu können – warum eigentlich? Oder ist das eh egal?

Es folgt noch der übliche Sermon von den Menschen, die die alternde Gesellschaft und die brummende Wirtschaft dringend brauche, von humanitärer Verpflichtung und Tralala. Und von dem großen Nutzen, den wir davon hätten. Doch hier blinkt auch wieder der menschenmißachtende Kern hinter dem ganzen Humanitäts-Heititei durch: hier werden Menschen zur beliebig hin- und herschiebbaren Verfügungsmasse gemacht, kulturell entwurzelt, so daß sie, wenn sie nach Europa kommen, simsalabim zu Europäern und Teil einer synthetischen Bevölkerung werden. Daß etwas anderes als die ersehnte Friede-Freude-Regenbogen-Welt dabei herauskommt, scheint für den Spiegelmann undenkbar zu sein.



Und was war mit Südafrika?

Der Begriff [Rainbow Nation] wurde in Süfafrika geprägt, nachdem es die Apartheit abgeschüttelt hatte. Er meint, dass Schwarze, Weiße, Mischlinge und Indischstämmige harmonisch miteinander leben, dass eine Nation ihre Kraft aus der Vielfalt bezieht. Es funktioniert dort nicht sonderlich gut, das muss man zugeben. Aber deshalb ist die Idee nicht falsch.

Oho! Na, klingelt’s? Die Argumentation kennt man doch: Der Kommunismus hat bisher nicht funktioniert, hat genau genommen zu Mord und Totschlag geführt. Ist aber trotzdem eine gute Idee, die bislang nur nicht richtig umgesetzt wurde! Ja, hier ist er, der Klassiker linken Denkens: wenn eine Idee in der Realität nicht funktioniert, dann muß die Realität falsch sein! Was Herr Kurbjuweit darüber hinaus wohlweislich verschweigt ist dies: dieses Konzept funktioniert nicht nur in Südafrika nicht besonders gut, es hat überhaupt noch nirgends gut funktioniert.

Rainbow Nation heißt, dass man sich von dem Gedanken verabschiedet, dass ein echter Deutscher einer mit bleicher Haut und nicht allzu dunklem Haar ist, dass ein echter Deutscher echt deutsche Eltern haben muss. Rainbow Nation heißt, dass es egal ist, wer ein echter Deutscher ist und wer nicht.

Nun geht es ja, anders als Herr Kurbjuweit hier behauptet, nicht eigentlich um die Haut- und Haarfarbe, sondern um die gemeinsame Abstammung als ein verbindendes und stabilisierendes Element der sozialen Ordnung. Als Gesellschaftsalchemist meint Herr Kurbjuweit indessen, auf so etwas verzichten zu können. Eine soziale Ordnung einer Hybrid-Bevölkerung läßt sich aus seiner Sicht als die Summe von beliebigen Einzelteilen beliebig konstruieren.

Das wäre eine coole Nation, offen, liberal, ökologisch, vielfältig – wofür der Regenbogen so steht. Für Frieden übrigens auch.

Und warum will er dann den Frieden gefährden, den wir schon – oder vielmehr: noch – haben? Welchen »Plan B« hat Herr Kurbjuweit, wenn es nicht funktioniert? Welchen Ausmaßes an Verblendung bedarf es, entgegen aller Erfahrung an einen glücklichen Ausgang eines solchen Gesellschaftsexperiments zu glauben? Dirk Kurbjuweit jedenfalls bringt es auf und sieht sich als Gestalter des ohnehin nicht Vermeidbaren:

Man kann das für eine Spinnerei halten, für eine Utopie, aus der ohnehin nichts wird. Aber die Vielfalt kommt, so oder so. Deutschland wird bunter werden, weil es seine Grenzen nicht verschließen kann. Die Frage ist, ob das in einem chaotischen Prozess geschieht oder ob die Deutschen bewusst und früh einen modernen Staat bauen, eine moderne Nation werden.

Das meint er offenbar ernst: ein Land kann seine Grenzen nicht schützen, aber sich immerhin noch geordnet überrennen lassen. Das ist ungefähr so, als riete man jemandem bei einem Überfall zu einer geordneten Übergabe der Beute. Er kann es sich aussuchen: mit dem Messer gepiekt werden oder freiwillig Zahl-Onkel sein. Man könnte es dann modernes Besitzübergangs-Management nennen. Das klingt doch cool, oder?

 

Autor: Weserlotse

Urspünglich veröffentlicht auf Weserlotse

Foto: Bwag

 

 

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