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Kann man stolz auf sein Land sein?

 

Wenn die Linke begründen will, warum Nationalstolz eine ihrer Ansicht nach ganz und gar irrationale Angelegenheit darstellt, ist es ein gängiges Argumentationsmuster, festzustellen, daß für diesen Stolz keine Grundlage gegeben ist, denn schließlich könne man nur auf seine eigene Leistung stolz sein – ist es nicht so? Weiters, so heißt es, muß der, der stolz auf sein Land ist, es deswegen sein, weil er sonst nichts hat, worauf er es sonst sein könnte. Der Patriot ist mithin eine Niete, die im Leben sonst nichts erreicht hat. Wie fadenscheinig diese vordergründig gar nicht mal abwegig erscheinende Begründung ist, soll hier näher beleuchtet werden.

Über den Begriff »Stolz« weiß das allseits beliebte Wikipedia folgendes zu berichten:

Stolz [von mnd.: stolt = prächtig, stattlich] ist das Gefühl einer großen Zufriedenheit mit sich selbst, einer Hochachtung seiner selbst – sei es der eigenen Person, sei es in ihrem Zusammenhang mit einem hoch geachteten bzw. verehrten ›Ganzen‹. Der Stolz ist die Freude, die der Gewissheit entspringt, etwas Besonderes, Anerkennenswertes oder Zukunftsträchtiges geleistet zu haben, daran mitzuwirken oder es zu verkörpern. Dabei kann der Maßstab, aus dem sich diese Gewissheit ableitet, sowohl innerhalb eines eigenen differenzierten Wertehorizonts herausgebildet als auch gesellschaftlich tradiert sein. Im ersten Fall fühlt man sich selbst bestätigt und in seiner Weltanschauung bestärkt (›Ich bin stolz auf mich‹), im anderen Fall sonnt man sich in der gesellschaftlichen Anerkennung (›Ich bin stolz, etwas für meine Stadt geleistet zu haben‹). Ebenso wie bei Ärger, Furcht, Traurigkeit, Überraschung, Ekel und Freude handelt es sich beim Stolz um eine elementare Emotion, die angeboren und nicht anerzogen ist. Die Gemütsbewegung wird durch eindeutige, in allen menschlichen Kulturen gleichartige Gesten und Gebärden (aufrechte Körperhaltung, zurückgelegter Kopf, Arme vom Körper gestreckt) ausgedrückt und wird daher universell erkannt.

Der Definition läßt sich folglich entnehmen, daß es sich um eine elementare Emotion handelt, die nicht isoliert auf die eigene Person auftritt, sondern auch im Zusammenhang mit einem Ganzen, dem eine Person sich zugehörig oder emotional verbunden fühlt. Daher wird es doch als selbstverständlich erachtet, auf Leistungen von Mitgliedern der eigenen Familie, der Eltern oder der Kinder stolz zu sein, obwohl man doch daran nicht oder allenfalls mittelbar beteilgt ist, etwa, indem man durch seine Erziehungsleistung die Grundlage für die Leistung der Kinder gelegt hat. Oder indem die Vorfahren materielle Werte geschaffen haben, die einem heute ein besseres Leben ermöglichen.

Ebenso verhält es sich mit den Voraussetzungen, die für die eigene individuelle Leistung oder den eigenen Erfolg auf der Ebene des umfassenden Gemeinwesens, dem Volk, dem Staat, der Nation, geschaffen wurden. Jede individuelle Leistung beruht auf Voraussetzungen, die der einzelne nicht selbst geschaffen hat. Jemand kann als Forscher oder Wisssenschaftlich noch so begabt sein – es hülfe nichts, wären nicht zuvor Universitäten und Forschungseinrichtungen geschaffen worden, welche die Entfaltung der Talente erlauben, hätten nicht Generationen vorher das Wissen zusammengetragen, auf dem sich aufbauen läßt. Selbst der Künstler, der sich noch am ehesten einbilden mag, seine Werke ganz aus sich selbst heraus zu schaffen, kann nur erfolgreich sein, wenn es andere gibt, die sich den Luxus erlauben können, ihm ein Kunstwerk abzukaufen oder ihn mit dessen Erstellung zu beauftragen; wenn überhaupt durch eine öffentliche Förderung von entsprechender Bildung eine Grundlage für ein Interesse am künstlerischen Schaffen gegeben ist. Es ließe sich der französische Schauspieler Gérard Depardieu anführen, der ja der Meinung ist, sein Vermögen selbst erarbeitet zu haben, und er somit dem Staat keine Steuern schuldet. Doch wo wäre der Mann mit seinem Talent und seiner Schauspielkunst, würde der Staat nicht Filme fördern? Würden Filmhochschulen nicht Regisseure ausbilden? Hätten nicht Schauspielschulen Darsteller ausgebildet? Hätte das Publikum nicht das Geld übrig, sich seine Filme anzusehen? Gäbe es nicht eine öffentliche Infrastruktur, mit der die Leute ins Kino kommen, und würde nicht ein Staat dafür sorgen, daß Kinogänger sich abends aus dem Haus trauen können? Was finge er mit seiner Schauspielkunst in Somalia an?

Und wenn man nun einem Volk angehört, dessen Arbeit und Fleiß all diese Dinge in vorbildlicher Weise geschaffen hat – wäre dies kein berechtigter Anlaß, dafür Stolz und Hochachtung zu empfinden? Sollen wir nicht stolz sein auf den Riesen, auf dessen Schultern wir Zwerge, die wir sind, sitzen?

Es ist hinlänglich bekannt: alles läßt sich übertreiben. Selbstverständlich kann ein an sich gesundes und normales Gefühl ins Übermaß gesteigert werden, so daß es keinen Bezug zur Realität mehr aufweist. Einsatz Wikipedia:

Neurotischer Stolz kann es sein, wenn man stolz auf etwas ist, was man nicht selber geschaffen hat.

Wohlgemerkt: kann! Vor allem kann das der Fall sein, wenn jemand sein Selbstbewußtsein in der Sonne der Leistung anderer wärmt, ohne jedoch etwas zur gemeinschaftlichen Leistung beizutragen. Denn ein Stolz, der zu recht auf ein kollektives Vermächtnis empfunden ist, ist zugleich Verpflichtung, es zu wahren und ihm etwas hinzuzufügen.

Wenn diese Zusammehänge heute nicht mehr verstanden werden, liegt dies möglicherweise an einer liberalistischen, individualistischen Weltsicht, die den Menschen nicht mehr als Teil eines Ganzen und einer kulturellen Kontinuität wahrnimmt (was in dem Wort Vaterland seinen Ausdruck fand) und würdigt, sondern nurmehr als auf sich selbst gestelltes Einzelwesen, das weder der Vergangenheit etwas verdankt, noch der Zukunft etwas schuldet. Das Volk, dem man angehört, wird nicht mehr als Gemeinschaft begriffen, sondern nurmehr als zufälliges Konglomerat von Einzelwesen, nicht mehr als die Leute, mit denen man gerade umständehalber in der Straßenbahn sitzt. Daß eine solche Haltung die langfristigen Grundlagen des Gemeinwesens untergräbt, erscheint offen ersichtlich. Mithin ist ein Stolz auf sein Vaterland kein zu überwindender Irrationalismus, sondern vielmehr eine gesunde, zukunftsfeste Einstellung, für den Bestand des Gemeinwesens von wesentlicher Bedeutung.

Wie schräg die ablehnende und diffamierende Einstellung, die heute diesen gemeinschaftsbegründenden Gefühlen entgegengebracht wird, ist, zeigt sich daran, wenn es gilt, negative Gefühle wie Scham oder Schuld zu kollektivieren. Und siehe da: plötzlich kann und soll sehr wohl für Dinge gefühlt werden, zu denen der einzelne nichts beigetragen hat.

Im Falle der Scham als negativem Gegenstück zum Stolz ist dies noch verständlich: denn ebenso wie für die Leistungen des Ganzen, dem man sich zugehörig fühlt, Stolz empfunden werden kann, so kann auch Scham für seine Fehlleistungen und sein Versagen empfunden werden. So ist Scham durchaus ein berechtigtes Empfinden beispielsweise für das, was  jüdischen Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus angetan wurde (und die in ihrer Mehrzahl hervorragende Patrioten waren, deren Beitrag zum Erblühen Deutschlands kaum überschätzt werden kann) – es war ein Unrecht, an dem es nichts zu beschönigen gibt. Unangemessen ist es jedoch, wenn sich Scham als allgemeines Grundgefühl ohne Anlaßbezug breitmacht, was ebenso neurotisch ist wie ein ins Übermaß gesteigerter Stolz.

Gänzlich irrational und unangemessen ist hingegen die Kollektivierung von Schuld, da zum Begriff der Schuld zwingend eine Verantwortung gehört, also jemand nur für Ereignisse schuldig sein kann, für deren Eintreten er verantwortlich ist.

Um das Gefühl des Nationalstolzes zu diskreditieren, wird von daran interessierten Zeitgenossen gerne der Herr Schopenhauer bemüht, der sich wie folgt äußerte:

Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt.

Nun wird ja das Zitieren vermeintlicher Autoritäten gerne mit einem Argument verwechselt. So kann aber auch dem Herrn Schopenhauer die Frage nicht erspart werden, wie er wohl auf das dünne Brett kommt, daß eine Eigenschaft A einen Mangel an Eigenschaft B begründet, können doch beide Eigenschaften durchaus gleichzeitig vorhanden sein. Ebensogut könnte man behaupten, daß jeder, der an der Kasse mit Karte zahlt, es deswegen tut, weil er kein Bargeld dabei hat. Manchmal mag das stimmen, es ist aber dennoch kein zulässiger Rückschluß, denn ob der Mensch Karte oder Geldschein zückt, ist ihm überlassen und kann Gründe haben, die außerhalb von dessen Verfügbarkeit liegen. Selbstverständlich kann es sein, daß ein armes Würstchen, das sonst nichts hat, vor Nationalstolz aus allen Nähten platzt. Es läßt sich jedoch nicht daraus schließen, daß es sich in jedem Fall so verhält. Genausogut kann der Nationalstolz aber auch im wohlbegründeten Bewußtsein liegen, daß das selbst Geschaffene und Geleistete sein Fundament in der Leistung der ganzen Nation hat.

https://www.youtube.com/watch?v=HEpJdLkDlOY




Ursprünglich veröffentlicht auf Weserlotse

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