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Uiguren in China – Halbmond am Rand des Reiches

In der Türkei und auch in Deutschland ist die blaue Flagge mit dem weißen Halbmond in letzter Zeit häufiger zu sehen gewesen. Sie symbolisiert das nationalistische Bestreben der Uiguren in China, welche eine Abspaltung vom Reich der Mitte verlangen. Für die Türken in der Türkei, ist die vermeintliche und tatsächliche Unterdrückung der Uiguren natürlich ein gefundenes Fressen. Vor allem die nationalistischen Grauen Wölfe, die sowohl in der BRD als auch in der Türkei sehr aktiv sind, haben den Kampf der Uiguren für sich entdeckt. In dem einst nomadischen Reitervolk, dass eine genetische und kulturelle Mischung verschiedenster Völker und Kulturen ist, erkennt man in der Türkei einen vermeintlich turkstämmigen Bruder. Ein Brudervolk also, dem geholfen werden muss. Auch gegen einen “bösen” chinesischen Imperialismus. Es sind ähnliche Worte, wie sie auch schon die US-Diplomatie gegenüber Peking hatte verkünden lassen. Menschenrechte, Demokratie und Selbstbestimmung. Türkischer Pan-Nationalismus und US-Außenpolitik liegen hier zufällig auf einer Linie. Chinas Uiguren in der nordwestlichen Provinz Xinjiang, sind ein Problem. Diese autonome Region Chinas grenzt an die geopolitischen Giganten Indien und Russland. Pakistan, Kasachstan, Tadschikistan und Kirgistan grenzen ebenso an Xinjiang, wie das konfliktreiche Afghanistan und die Mongolei, die zum Stützpunkt der USA zwischen Russland und China geworden ist. Hinzu kommt, dass Xinjiang das Pech und Glück hat, auf unheimlich reichen Rohstoffvorkommen zu sitzen. Erdöl und Kohle, welche für Chinas Wirtschaft unerlässlich sind, werden dort intensiv gefördert. Es ist für viele Einwohner der Region auch der Hauptgrund für die steigende Lebensqualität seit den 50er Jahren. Überhaupt beginnt der Knackpunkt des momentanen Uiguren-Konfliktes in dieser Zeitperiode, als die neue kommunistische Führung mit der langsamen Erschließung des nordwestlichen Landesteils begann. Das vorher nur sehr dünn besiedelte Gebiet wurde in den Jahrzehnten des ökonomischen Aufstiegs Chinas von mehr und mehr Han-Chinesen besiedelt, welche aus der öden Steppenregion einen Anker chinesischer Wirtschaftsmacht formten. Megacities und Metropolen sind dort entstanden, wo vorher nur Kleinstädte und nomadische Zeltsiedlungen zu finden waren. Für die Uiguren bedeutete dies, dass sie zum einen durch die neue Infrastruktur den Anschluss an das restliche China bekamen. Zum anderen bedeute es allerdings auch, dass sich zunehmend Han-Chinesen aus Zentralchina in Xinjiang ansiedelten. Die Uiguren selbst, deren Ursprung noch debattiert wird, sind vermutlich eine Mischung aus mongolischen Völkern, indoiranischen Saken und turkstämmigen Nomaden, die in den Jahrhunderten zwischen Asien und Europa gesiedelt haben. Chinesische Quellen des 3. Jahrhunderts vor Christi erwähnen sogar hellhäutige und hellhaarige Steppenreiter, die dort noch vor der Ankunft der Mongolen und anderer gesiedelt haben sollen. Überbleibsel der Völkerwanderungen aus Europa, wie Wissenschaftler heute glauben. Wer zuerst kam und was die Uiguren letztendlich ethnisch definiert, wird nicht einheitlich beantwortet. Für die türkischen Nationalisten ist jedoch klar, dass die Uiguren keine Chinesen und damit Türken sind. Noch in den 20ern und 30ern des letzten Jahrhunderts kämpften einige muslimische Uiguren in ihrer eigenen nationalistischen Bewegung jedoch für China und sahen sich als Teil des großen Reiches der Han, wenngleich nicht unbedingt als Han-Chinesen.

Heute machen die Han in Xinjiang schon ca 40% der Bevölkerung aus und die uigurischen Befürchtung, man würde sie durch simple Demographie verdrängen, beherbergt eine gewisse Wahrheit. Allerdings ist durch die höhere Lebensqualität auch die Gesamtanzahl der Uiguren in die höhe Geschossen, da sie auch von der chinesischen Ein-Kind Politik größtenteils ausgenommen sind. Heute leben etwa 9 Millionen Uiguren in Xinjiang. Vor 60 Jahren waren es kaum 3,8 Millionen. Die tatsächliche Verdrängung ist also nicht eingetreten und die Uiguren stehen heute sowohl ökonomisch, als auch demographisch eigentlich besser da als vorher. Dennoch funktioniert das Zusammenleben von buddhistischen und atheistischen Chinesen und muslimischen Uiguren alles andere als gut. In den letzten 50-60 Jahren kam es immer wieder zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen Uiguren und Han, welche in bis dato Hunderten Toten und Tausenden Verletzten mündeten. Die chinesische Regierungsmacht versucht dieser Gewalt zumeist mit polizeilicher Gewalt entgegen zu treten. Bei aller Repression muss man sagen, dass die Regierung bei Unruhestiftern scheinbar keine Ethnie kennt und sowohl Han als auch Uiguren gleichermaßen verhaftet und verurteilt. Die letztere Gruppe hat jedoch eine wesentlich größere Lobby und Aufmerksamkeit im Ausland, sodass jede Aktion der kommunistischen Partei auf ein böses Medienecho in den Turkrepubliken Zentralasiens stößt. Und natürlich in Washington, dass sich als großer Beschützer und Patron der Uiguren aufbaut. In Ürümqi kam es erst vor einigen Jahren zu einem Terroranschlag der uigurischen Nationalisten, die in der Regel auch durch strengen Islamismus geprägt sind. Mit Messern, Bomben und Macheten bewaffnet, stürmten die Terroristen den örtlichen Bahnhof und ermordeten so etwa 30 Menschen und verletzten mehr als das Doppelte. China antwortete mit einer großen Verhaftungswelle und Anti-Terror Einsätzen, die sich auch gegen örtliche Waffenschmuggler richteten. Die “Ostturkistanische muslimische Unabhängigkeitsbewegung” ist hier als eine der größeren Organisationen zu nennen, welche mit Terror für die Unabhängigkeit von Xinjiang kämpft. Die Gruppe bekam in ihrer Geschichte aus verschiedenen Richtungen Unterstützung. Während des Kalten Krieges von den Sowjets und heute vor allem von ISIS und Al-Kaida. Auch der türkische Nationalismus in der Türkei und den verwandten Republiken, bekennt sich mehr oder minder offen zu der Gruppe. Das Bestreben nach Unabhängigkeit hat in Xinjiang eine lange Tradition. Sie hat nur kaum eine Chance auf Erfolg. Für Peking ist das Gebiet historisch bedingt Teil seines Reiches und rein ökonomisch gesehen schon unverzichtbar. Politisch betrachtet, ist die Region durch die Lage ebenso von zentraler Bedeutung bei der Einflussnahme Chinas auf Zentralasien und Indien. Ein beachtlicher Teil des Militärs und der strategischen Raketenbasen befinden sich in der unruhigen Region. China beruft sich auf die historische Besiedlung durch ostasiatische Chinesen, die schon vor 3000 Jahren in Xinjiang gesiedelt haben sollen, während die Turkvölker später eingefallen sind und auch erst im 10. und 11. Jahrhundert islamisiert wurden. Tatsächlich markieren diese Jahrhunderte auch den langsamen Bruch mit dem Rest Chinas. Der Beginn der Unabhängigkeitsbestrebungen ließe sich dort ansetzen.



Die nomadische Lebensweise und die islamische Religion der Turkvölker der Region, erfahren unter der kommunistischen Regierung eine strenge Hand. So ist die Ausübung der Scharia weitestgehend verboten und Moscheen stehen aufgrund beständiger Radikalisierungstendenzen und Terrorgefahr unter der Beobachtung der Polizei. Aber die Regierung Peking hat den Uiguren die arabische Schrift und Sprache gelassen. Die eigentliche nomadische Kultur und Tradition der Uiguren wird kaum angerührt. Die wirkliche Unterdrückung zeigt sich eben nur in dem Verbot der Vielweiberei und der Repression der Religion, sofern sie mit der Staatsräson kollidiert. So steht auf die Ausrufung des Dschihad eine langjährige Verbringung in einem staatlichen Gefängnis. Das hindert jedoch die islamischen Soldaten der Region nicht daran, den Heiligen Krieg trotzdem zu führen. In der jüngeren Vergangenheit kam es immer wieder zu Feuergefechten mit Dschihadisten, welche nicht unbedingt immer Einheimische sind. Viele Türken, Kasachen und andere internationale Kämpfer folgen dem Aufruf zum Heiligen Krieg gegen die “gottlosen” Chinesen. Bombenanschläge, Entführungen und blutige Feuergefechte hat es schon gegeben.

Aber nicht alles ist blutrot in Xinjiang. Die Symbiose zwischen Han und Uiguren funktioniert vor allem in den Metropolen besser. Die Großstadt negiert in mancher Hinsicht wohl die Kultur und Religion. Da darf man nicht vergessen, dass die Region Xinjiang und überhaupt die Uiguren schon seit Jahrtausenden ein mehr oder minder fester Teil von China waren. Die kulturelle und ethnische Verbindung besteht schon lange. China, dass sehr viele ethnische Minderheiten in einem Land vereint, erhebt den Vorwurf gegen das Ausland und gegen ausländische Kräfte. Diese seien es, die den Widerstand der Uiguren zusätzlich befeuern und lenken wollen. Eine Destabilisierungsstrategie, um die ganze Region unregierbar zu machen und China politisch und ökonomisch zu schwächen.

 

Bild : Allen Grey




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