Home Geschichte Türkei und NATO – Erbe des Kalten Krieges

Türkei und NATO – Erbe des Kalten Krieges

Wie kam die Türkei in die NATO? Ein Land, dass 2000 Meilen vom Atlantik entfernt ist, tritt dem Atlantikpakt bei. Angesichts der in Aussicht gestellten Erweiterung um Georgien und weitere, tief im Kaukasus liegende Staaten, stellt sich die Frage, wohin die NATO sich entwickelt. Von der europäischen und „karolingischen“ Schicksalsgemeinschaft, einem Bündnis christlicher Nationen im Kampf gegen den gottlosen Kommunismus, ist heute nicht mehr viel übrig. Ein Faktor dieser Veränderung war der Beitritt der Türkei, welche heute das zweitgrößte Truppenkontingent der NATO stellt und ein absolut unerlässlicher, wenngleich unzuverlässiger Partner für das Pentagon ist. Die Entwicklung vom NATO-Mitglied Türkei, unter Führung des laizistischen Militärs und damit strenger Kemalisten, hin zum Neo-osmanischen Machtblock am Bosporus, wirft Fragen über die Zukunft der Allianz auf.



Das „Department of Political Science, International Affairs and Public Administration“ in Tennessee findet klare und ehrliche Worte für die Mitgliedschaft der Türkei in der NATO. Es habe sich um eine reine machtpolitische Entscheidung gehandelt, welche der Truman Doktrin folgte. Dr. Achilov: „Die Wurzeln für die Aufnahme von Nicht-Nordatlantik Ländern in die Nato, wie hauptsächlich Griechenland und die Türkei, liegt […] in der Truman Doktrin…[…] Die Mitgliedschaft der Türkei in der NATO würde dafür sorgen, dass die Türkei sich nicht dem Ostblock anschließen würde“.

Der Ostblock meinte im Blickwinkel des Kalten Krieges, der auch heute noch in Washington Anwendung findet, China, Russland und die Länder Zentralasiens, die historisch bedingt dem Einfluss der USA bisher entgehen konnten und damit Feinde sind. Nach 91 wurde klar, dass zumindest Russland auf längere Sicht keine Bedrohung für die NATO mehr darstellen würde. Tatsächlich wurde der ganze Sinn der NATO in Europa in Frage gestellt. Auch die Mitgliedschaft der Türkei schien ungewiss. Die Türkei hatte schließlich in den 70ern Zypern okkupiert und damit Griechenland brüskiert. Zwei NATO-Mitglieder, die laut eigener Militärdoktrin eigentlich Feinde sind. Die ganze Absurdität dieser Allianz zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer, wird an der Beziehung zwischen Griechenland und Türkei deutlich. Beide Länder befinden sich zumindest inoffiziell in einem Prozess des permanenten Wettrüstens. Während Griechenland für seine Staatsverhältnisse eine riesige Armee unterhält, hat die Türkei auf Nordzypern de facto einen eigenen Kleinststaat geschaffen.

Nach 91 und dem Ende der Sowjetunion sollte sich die große Stunde der Türkei erst ergeben. Denn die USA richteten ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf den Nahen Osten und Zentralasien, sowie den Balkan. Die Jugoslawien Kriege, die Golfkriege, der Krieg im Irak- und Afghanistan wären ohne die „Sprungbasis“ Türkei kaum möglich gewesen. Die NATO-Mitglieder und die US-amerikanische „Koalition der Willigen“ führten diese „Small wars“ mit der logistischen Unterstützung der Türkei. Flughäfen, Landeplätze und Häfen der Republik dienten den Planungsstäben des Pentagons bei ihren Kampagnen im Orient und im Balkan. Auch bei der Ausweitung der Interessen Ankaras zeigte sich, dass diese mit dem Pentagon manchmal auf einer Linie liegen. Die Türkei bemüht sich um gute Beziehungen zu den Balkan Ländern Albanien und dem Protektorat Kosovo, während es im Osten mit Aserbaidschan liebäugelt. Die dort lebenden Turkvölker stehen Ankara besonders nahe und es ist für das Pentagon ein glücklicher Umstand, dass die Türken eine gute Beziehung dorthin unterhalten. Denn auch Aserbaidschan kooperiert eng mit der NATO und manche Stimmen flüstern das offene Geheimnis: Georgien und Aserbaidschan sollen möglichst bald in die NATO eintreten. Beide Länder gaben bereits Truppen und Geld für die ISAF, sowie in den Balkan. Sie beteiligen sich an NATO-Übungen und sind im Grunde bereits heimliche Mitglieder der mächtigsten Militärallianz der Welt. Mithilfe der Türkei steht Onkel Sam bereits mit einem Fuß im Kaukasus und klopft an die Hintertür Russlands. Es ist auch eine Erweiterung strategischer Schlagkraft nach Fernost. Von Aserbaidschan aus, kann man China fast schon riechen. Die Militärbasen von USA und NATO reihen sich heute wie eine Perlenkette von Nordamerika aus bis nach Zentralasien und von Kalifornien bis in die Philippinen und Vietnam. Ja selbst der einstige kommunistische Erzfeind Vietnam hat mit den USA einen Frieden geschlossen und öffnet die Militärhäfen für amerikanische Zerstörer.

Die Türkei fungiert östlich von Europa für die USA auch als Mittler in die islamische Welt. Tatsächlich ist wohl diese gewaltige Menschenmasse von 1,3 Milliarden Menschen bisher relativ unempfänglich für die Charme Offensive aus USA gewesen. Nur instabile Diktatoren und Militärregime hielten bisher offen zu den USA. Umso wichtiger ist die Türkei, die jedoch bei den meisten Arabern historisch bedingt nicht sonderlich beliebt ist. Überhaupt erscheint es uns allen doch, dass die Türkei auch innerhalb der NATO nicht sonderlich beliebt ist. Denn mit dem durch die EU forciertem Wegfall der laizistischen Militärordnung, stieg auch die Macht des politischen Islam in Ankara. Neben dem immerwährenden Krieg gegen die Kurden im eigenen Land und an den Grenzen der Republik, wird immer deutlicher, dass die Türkei auch im Innern einen Kampf der Ideologien zu bestreiten hat. Die Unterstützung für den IS, für islamistische Uiguren in China und für albanische Nationalisten im Balkan, zeigt auf, dass die Interessen der europäischen NATO Mitglieder und die der Türkei nicht die gleichen sind. Sie sind tatsächlich absolute Antithesen. Die Interessen der Türkei überschneiden sich nur gelegentlich mit denen des Pentagon und zusammen mit der starken Armee und dem geostrategischen Standort des Landes, bilden diese Faktoren die einzigen Gründe für die anhaltende Mitgliedschaft der Türkei innerhalb der NATO. Ein Mitglied durch Amerikas Gnaden und basierend auf reinen machtpolitischen Interessen. Die USA sind auch der größte Unterstützer der EU-Mitgliedschaft der Türkei. Für den Moment zumindest, ist die Türkei noch ein Verbündeter. Die Risse in der Fassade dieser Zweckallianz, sind jedoch bereits überdeutlich zu sehen. Das liegt nicht unbedingt an Erdogan alleine. Bis auf den Kommunismus als Feind, gab es auch schon für die alte laizistische Türkei keinen Grund für eine Mitgliedschaft in der NATO.

Bild: Secretary of Defense Chuck Hagel und türkische Militärs in Ankara