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Südvietnam und die betrogenen Soldaten

 

Nguyen Van Thieu, der damalige Präsident  von 1965-1975, war der durch Gnaden der USA eingesetzte Protektor des Staates Südvietnam. Als römischer Katholik entstammte er einer gebildeten Adelsfamilie und sprach gutes Französisch. Sein Regime suchte die Annäherung zu den USA als Beschützer gegen den vom kommunistischen Block unterstützten Norden. China, die UDSSR und ihr Vasall Nordvietnam, lieferten sich einen Krieg gegen den Süden, der wiederum durch die USA gestützt wurde. Ein Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg also, der Millionen von Menschen das Leben kostete. Am Ende siegte der Norden über den Süden und die Niederlage der Amerikaner traumatisierte eine ganze Generation der westlichen Welt. Kriegstrauma Vietnam, die wilden 60er und 70er, und ein kultureller Umbruch setzte mit dem Ende des Krieges in den USA und Westeuropa ein.

Aber das hier soll nicht die Geschichte des Vietnamkrieges und seiner Folgen sein. Hier geht es um die vielen Millionen von Südvietnamesen, die das Pech hatten auf der Seite der Verlierer zu stehen. Ihre Geschichte, ihr Leid, ihre Leistungen und ihre Opfer sind in Vergessenheit geraten. Der kommunistische Norden siegte über den Süden und vereinigte das Land, wie einst die Nordstaaten die Südstaaten besiegten. Auf der anderen Seite der Erdkugel.

Im kollektiven Gedächtnis der Weltöffentlichkeit sind uns vor allem die Bilder amerikanischer Soldaten in Erinnerung geblieben. Hollywood hat sein Übriges dazu beigetragen, dass Südvietnams Armee und Gesellschaft höchstens Statistenrollen bekleiden durften. Aber die Soldaten der südlichen Republik trugen die Hauptlast des ganzen Krieges und erlitten vor allem in den letzten Kriegsjahren durch die Politik der “Vietnamisierung”, also der Abwälzung amerikanischer Schutzverpflichtungen auf die Südvietnamesen, grausam hohe Verluste. Nach der Niederlage 75 rächte sich das kommunistische Regime an vielen der Soldaten des Südens, oft ungeachtet ihres Dienstgrades und ihrer Rolle.

Leistung, Moral und Ausrüstung

Die zuerst französisch, dann amerikanisch trainierte Armee Südvietnams kämpfte bereits seit Beginn des Vietnamkrieges gegen den Vietcong und die regulären Streitkräfte des Nordens. Das starke amerikanische Kontingent bis 1968, welches tatsächlich einen Großteil der Kämpfe bestritt, schien in der US-amerikanischen Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, dass die USA Feuerwehrmann spielen müssten. Die schwache Armee Südvietnams sei unfähig gewesen, die Kommunisten zu stoppen und deswegen musste Amerika intervenieren. Die Realität ist wohl eher, dass die Armee Südvietnams sich bereits seit 1955 in einem asymetrischen Krieg mit kommunistischen Rebellen befand und bis zur Johnson Eskalation 1965 die Kämpfe fast alleine bestritt. Während die kommunistischen Kräfte zu dieser Zeit bereits massive Unterstützung durch die Verbündeten Russland und China erhielten, beschränkten sich die Westmächte auf Ausbildung und eher mäßige logistische Unterstützung für die Armee Südvietnams. US General Frey Weyand beschrieb diese Diskrepanz in Ausrüstung als Hauptfaktor für die Unterlegenheit des Südens. Während das AK-47 Sturmgewehr und Artillerie bereits in Massen dem Norden zur Verfügung stand, kämpften Südvietnamesen noch immer mit dem veralteten M-1 Garand Gewehren des Zweiten Weltkrieges, welche aus alten US-Depots entnommen wurden und häufig sogar defekt waren. 1968 zeigte sich jedoch, dass die Armee Südvietnams trotz dieser logistischen Missstände und schlechter Ausrüstung in der Lage war, die Tet-Offensive zurückzuweisen. Entgegen der allgemeinen Annahme, wurde die Hauptlast der Kämpfe nicht von den Amerikanern, sondern von den Südvietnamesen gestemmt. Das “Time Magazine” kommentierte diese Demonstration militärischer Kapazität des Südens folgendermaßen: “ARVN bore the brunt of the early fighting with bravery and élan, performing better than almost anyone would have expected”

In der Tat muss festgehalten werden, dass die Ausbildung der Spezialeinheiten wie der “Ranger”( Ranger der Armee der Republik von Südvietnam) außerordentlich gut war. Diese von US-Militärs ausgebildeten Soldaten waren den meist zentralistisch und starr geführten Regulären des Nordens zumindest taktisch überlegen. Das Problem war jedoch, dass die taktischen Siege nicht in strategische Langzeit-Überlegenheit umgewandelt werden konnte. Grassierende Korruption, Unfähigkeit der höheren Offiziere und schlechte Ausrüstung sorgten dafür, dass Gegenoffensiven des Südens meist im Sand verliefen.

"ARVN_Rangers_defend_Saigon_Tet_Offensive"
“ARVN Rangers defend Saigon. Tet_Offensive”

Bis 1974 sah es jedoch tatsächlich so aus, als könnte die ARVN den Süden mithilfe der US-Luftwaffe halten. Die numerisch überlegene Armee des Norden war nicht in der Lage gewesen, den Süden zu erobern. Hohe Verluste an US-Personal, die Unpopularität des Krieges in den USA und die hohen Kosten veranlassten Präsident Nixon jedoch dazu, die US-Kampftruppen abzuziehen. Ohne Unterstützung der USA, erlitt der Süden dramatische Verluste. Vor allem die westlich orientierte Jugend und viele der Soldaten fühlten sich von den Amerikanern verraten und im Stich gelassen. Schließlich hatte man fast zwanzig Jahre gemeinsam gedient und gekämpft, nur um im entscheidenden Moment doch noch betrogen zu werden. Die demoralisierte Armee des Südens löste sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit auf. Für den Süden, welcher für sich den Kampf gegen den chinesisch dominierten Norden schon immer als eine Art Unabhängigkeitskampf begriffen hatte, war der Krieg verloren. Die Niederlage des Südens und der Sieg der Kommunisten löste wenig später die Massenflucht von Millionen Südvietnamesen über das Meer aus. Sie würden als “Boat People” in die Geschichte eingehen. Hunderttausende südvietnamesische Soldaten starben. Millionen von Opfern forderte der Krieg auf beiden Seiten.

Heute hat sich das vereinigte Vietnam mit den USA versöhnt und auch die Einheit des Landes ist keine quälende Frage in der Gesellschaft mehr. Die Aufarbeitung des Leids und der Geschichte im Süden jedoch, lässt noch auf sich warten.