Home Gesellschaft Marseille und der Zivilisationskonflikt – es brodelt im Innern

Marseille und der Zivilisationskonflikt – es brodelt im Innern

Marseille und der Zivilisationskonflikt – es brodelt im Innern

Eine Stadt im Süden von Frankreich, die man mit Mittelmeer, Sonne, Strand und Stars in Verbindung bringt. Das gute Leben inmitten von Palmen und azurblauem Ozean. Marseille gilt nicht erst seit den 70ern als Perle des französischen Südens. Die uralte Hafenstadt, eine der ersten großen christlichen Städte des damals noch römischen Imperiums, ist mit seinen über 800.000(1,2 Millionen in der Metropolregion) Einwohnern, eine der größten Städte Frankreichs. Die Lage der Stadt am Mittelmeer, dem Tor in die nordafrikanische und orientalische Welt, hat der Stadt über die Jahrhunderte zu Reichtum und Bedeutung verholfen. Ein wichtiger Handelsknoten und Umschlagplatz für Waren aus drei Kontinenten.

Aber in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten hat sich Marseille verändert. Einwanderer gab es schon immer in der südlichen Metropole. Spanier, Italiener, Deutsche. Doch nie so viele innerhalb so kurzer Zeit und aus derart fremden Kulturen. Nordafrikanische und arabische Migrantengruppen sind dominante Minderheiten geworden und bei gleichbleibender Entwicklung ist davon auszugehen, dass sie die Mehrheit in einigen Jahren stellen werden. Wenn auch nur knapp. In den meisten der nördlichen Distrikte ist die Anzahl der Einwanderer besonders hoch. 40-60%. Und genauso verhält es sich in diesen Bezirken auch mit der Arbeitslosigkeit und dem Absinken des sozialen Levels. Marseille hat in den letzten zehn Jahren einen deutlichen Anstieg von Bandenkriminalität erlebt. Man spricht von einer regelrechten Explosion. Schwerbewaffnete, mit Sturmgewehren aus osteuropäischen und außereuropäischen Schwarzmärkten ausgerüstete Banden, überfallen Hotels, Geschäfte und Passanten. Der Drogenhandel boomt und die Polizei, der französische Staat, sieht dem Anstieg der Gewalt und Gefahr ziemlich machtlos entgegen. Neben dem Anstieg der Drogenkriminalität mischt sich religiöser Eifer eines politischen Islam dazu, der in einer Stadt mit heute 40% Muslimen, zunehmend an Einfluss gewinnt. Viele der französischen IS-Kämpfer kamen aus Marseille. Es kam in den letzten Jahren immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und muslimischen Jugendlichen, die teils Tage andauerten. Moderate und liberale Imame stützen den Staat bei der Bekämpfung des Extremismus in den Köpfen der zugewanderten Bevölkerung. Aber selbst dort kämpft man zunehmend mit Resignation. Mediatoren und Nottelefone sollen das Schlimmste verhindern. Doch der grundlegende Kulturkonflikt, ja der zivilisatorische Krieg auf den Straßen, ist nicht verschwunden. Allein die bloße Anwendung des französischen Rechts durch die Polizei, wird mittlerweile als Affront verstanden und mit Gewalt beantwortet. Dabei reicht die Kluft zwischen eingeborenen Franzosen, also Katholiken und zugewanderten Muslimen mittlerweile auch in jene Bereiche hinein, die der Verständigung dienen sollten. Die sozialistische Politik der Mäßigung, des Zuvorkommens und der lockeren Hand der Justiz, haben die Problematik Marseilles nur verschärft.


Die sich häufenden Terroranschläge machen es dem Brückenbau zwischen den Lagern nicht einfacher. Aus der Mitte der muslimischen Gemeinden wachsende Terrorzellen, Banden und Hassprediger, sorgen bei der angestammten Bevölkerung für Unverständnis. Frankreich verzweifelt am Umgang mit dem Islam im eigenen Land, der mittlerweile von ca. 10% der Bevölkerung im Herzen getragen wird. Neben dem eigenem Prinzip der Trennung von Staat und Religion, der republikanischen Tradition und dem Ideal der multikulturellen Verständigung, steht Marseille dem Absinken in das Chaos scheinbar hilflos gegenüber. Der Front National hat erst jüngst Erfolge in der Stadt erzielen können, die ansonsten als Terrain der Sozialisten bekannt war. Die Furcht der französischstämmigen Einwohner, dass sie in ihrer eigenen Stadt zur Minderheit werden könnten, ist drauf und drauf Realität zu werden. Der Hedonismus der Franzosen hat keine Kinder geboren. Aber die fünf-zehn Köpfige Familie ist keine Seltenheit bei den Muslimen. Dem Anstieg der Gläubigen folgt das Verlangen nach mehr Moscheen, die stets gut gefüllt sind. So gefüllt, dass häufiges öffentliches Beten auf der Straße Marseilles keine Seltenheit mehr ist. Die Entfremdung zwischen Franzosen und dem frommen Anhängern des Propheten, könnte nicht größer sein, wenn ganze Kreuzungen unpassierbar werden, weil der Muezzin zum Gebet ruft. Mit dem Roman “Unterwerfung” hat man in Frankreich das sich gerade in Marseille abspielende Szenario fantasievoll weiter gesponnen. Es ist kein Zufall, dass Michel Houllebebecq der Stadt am Süden auch eine Rolle in seinem Buch einräumt. Die Probleme eines großen zivilisatorischen Konfliktes unserer Zeit, finden sich in Marseille in hochkonzentrierter Form wieder.