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US Veteranen kehren zurück

US Veteranen kehren zurück

Die kurdischen Kämpfer fahren auf Traktoren, in zerschossenen Hummvees und auf den omnipräsenten weißen Toyotas. Der Kampf gegen den Islamischen Staat ist für die Kurden im Orient zum Volkskrieg und zum Prüfstein ihrer eigenen enstehenden Nation geworden. Für die kurdische Selbstbestimmung und ihre bloße Existenz ist es glasklar, dass sie diesen Krieg nicht verlieren dürfen.

Etwas seltsam muten dann diese gut gerüsteten und an US-Soldaten erinnernden Gestalten inmitten der mit braunen Overalls gekleideten Kurden an. Es sind tatsächlich amerikanische Veteranen, die sich der YPG und anderen kurdischen Kampfgruppen angeschlossen haben. Völlig freiwillig. Mittlerweile sollen es Hunderte sein. Männer und Frauen wie Jordan Matson, Matthew Van Dyke, Patrick Maxwell, Aaron Core und etliche weitere. Die allermeisten amerikanischen Freiwilligen gegen ISIS haben eine Gemeinsamkeit. Es sind Veteranen des Irak- und/oder Afghanistankrieges. In Interviews, auf Facebook, auf Nachrichtensendern und Twitter kann man ihn folgen und erfährt so einiges von diesen Freiwilligen. Aber nicht nur US-Amerikaner melden sich freiwillig. Ein paar Israelische Frauen, eine Deutsche und mehrere Kanadier und Australier sollen sich ebenfalls unter den Kurden herum treiben.



Was treibt sie an?

Viele von ihnen werden durch das Gefühl geeint, dass der Kampf im Irak für sie noch nicht beendet war. Obama hatte im Jahr 2011 die amerikanischen Kampfoperationen im Irak für beendet erklärt. In der Tat hatte er den Krieg sogar für gewonnen erklärt und den Soldaten erzählt oder erzählen lassen, dass sie als Sieger nach Hause kämen. In Wirklichkeit war das Jahr 2011 eines der blutigsten in der jüngsten Geschichte des Irak. Nur nicht für die amerikanischen Truppen. Man hatte die GI´s bereits seit 2009 immer weiter in ihre Stützpunkte zurückgezogen und verfolgte die Taktik des Aussitzens. Währenddessen ging im Land der seit 2004 nicht endende Bürgerkrieg beinahe ungehemmt weiter. Die sogenannten Insurgents warteten nur noch den unvermeidlichen Abzug der amerikanischen Truppen ab. Der Absturz des Irak in das völlige Chaos und die Desintegrations dieses künstlichen Landes ist für viele amerikanische Soldaten ein sehr persönliches Trauma. Sie haben selbst Blut, Schweiß und Lebenszeit im Irak für die Erhaltung des Staates im Rahmen ihrer Dienstzeit vergossen. Dass Präsident Obama den Krieg 2011 für beendet und quasi gewonnen erklärte, ist für sie angesichts der traumatischen Ereignisse nach 2011 fast schon ein nationaler Skandal, ja eine Lüge. Und zwar eine rein politische Lüge. Rückblickend sagt kaum ein Veteran, dass er den Aussagen des Pentagon oder den beschönigenden Reden aus Washington Glauben geschenkt hat. Die Realität „On the ground“ war damals schon eine völlig andere. Auch der Islamische Staat im Irak war damals schon aktiv. Dass er später als Oppositionskraft in Syrien auftauchte und ganz offiziell Unterstützung durch die US-Regierung bekam, ist für manch einen US-Veteranen wie ein Dolchstoß in den Rücken. Viele der Männer und Frauen sind mit einem Gefühl der Enttäuschung abgeflogen und haben den Irak und Syrien in dem schwammigen Bauchgefühl aufgesucht, dass sie etwas zu Ende führen müssen. Es ist ein alltypisches und bekanntes Syndrom ehemaliger Soldaten, dass sie mit dem erlebten nicht richtig abschließen können. Der Krieg verfolgt sie immer noch und sie können nicht von ihm loslassen. Man ist sein Leben lang Soldat. Auch wenn man die Rückkehr in das Zivile geschafft hat. Einigen der kämpfenden „Vets“ ist die Rückkehr gelungen und anderen nicht. Manche sind wieder im Krieg gelandet, weil sie nichts anderes mehr kennen und in keiner anderen Umgebung als dem Krieg zurecht kommen. Trotz Verbesserung in der Heimat, ist die Nachsorge für seelisch und körperlich verletzte Soldaten schlecht in den Vereinigten Staaten.

Andere standen voll im Leben, haben Urlaub genommen oder sind selbstständig. Die meisten von diesen wollen nicht erkannt werden und maskieren sich. Sie heißen dann einfach „Bill“, „Jimmy“ oder „Melinda“. Sie konnten und wollten nicht wegschauen und fühlen sich verpflichtet dort zu sein.

Es finden sich viele sehr christliche Persönlichkeiten unter den Veteranen. Die Gläubigen unter ihnen begreifen ihre Mission als Christlichenpflicht. Einerseits die Pflicht den unschuldigen Menschen zu helfen und andererseits die Pflicht den Islamischen Staat zu bekämpfen. Und Politik? Auch wenn sich einige von ihnen als bekennende Libertäre bzw. Republikaner bezeichnen, wird schnell klar, dass kaum jemand ein gutes Verhältnis mit der Politik pflegt. Eine tiefe Enttäuschung und Desillusionierung zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze amerikanische Gesellschaft. An dessen äußersten Enden stehen die Soldaten.

Die Meinungen gehen in mancher Hinsicht auch weiter auseinander. Der eine sagt, dass man niemals in den Irak hätte gehen dürfen. Jetzt müsse man versuchen die Wunde zu heilen. Andere meinen, dass die ganze Kampagne falsch angegangen wurde oder zu früh beendet wurde. Worin sich alle einig sind ist nur, dass der IS bekämpft werden muss. Dazu brauchte es meist nicht James Foley, der in Wirklichkeit nur einer von sehr vielen Opfern von „Daesh“ ist. So nennt man den IS bei den Kurden.

Ausrüstung und Unterstützung

Von der US-Regierung erhalten diese Freiwilligen keine Unterstützung. Tatsächlich müssen sie sich genau wie IS-Freiwillige aus den USA in den Irak oder nach Syrien„schmuggeln“ und ihre Ausrüstung meist auf den Schwarzmärkten der Kriegsgebiete erwerben. Sie bringen ihre eigenen Schutzwesten, Chest-Rigs und Kampfstiefel mit. Dazu Rucksäcke und die üblichen soldatischen Utensilien. Nur Waffen, Munition und spezielle Dinge wie Nachtsichtgeräte oder andere, schwer durch die Flugkontrollen zu bringende Gegenstände müssen vor Ort beschafft werden. Alles wird aus eigener Tasche oder mit Spenden bezahlt. Da hilft die moderne Welt mit dem Internet, auf dem sich fast alles gut koordinieren lässt. So bringen die US-Veteranen sich selbst per Flugzeug hin. Irgendwo wartet dann schon ein YPG Kämpfer oder ein anderer NGO mit einem Auto, dass vollgepackt ist mit Militärrationen, Trinkwasser, Babynahrung und Toilettenpapier. Man kauft sich problemlos ein altes M16 samt Munition auf dem Schwarzmarkt und fährt auch schon los. Das Geld dafür kommt manchmal von überall her. Das sind einige Hundert Dollar aus der eigenen Tasche und ein paar Tausend von einer christlichen Gemeinde aus Texas. Hin und wieder fließt auch über Online-Spenden etwas in die Kriegskasse. Irgendwie schlägt man sich durch.

Christliche Gruppierungen in den Staaten versuchen die christlichen und jesidischen Minderheiten in den Kampfgebieten zu organisieren und zu Milizen aufzubauen. Zur Selbstverteidigung, wie man betont. Angesichts der brutalen Verfolgung und der genozidalen Ambitionen des IS erscheinen die kaum gerüsteten und nur mäßig trainierten Dorfgemeinschaften jedoch nur unzureichend vorbereitet.

Obwohl diese freiwilligen Krieger einen Beitrag im Krieg gegen den revolutionären Islamismus leisten und von den Kurden mit offenen Armen empfangen werden, bleibt abzuwarten wer in diesem Kampf den längeren Atem haben wird. Es gilt das alte afghanische Sprichwort, dass sehr gut die Geisteshaltung einer Weltreligion einfangen dürfte.

„Ihr habt die Uhren und wir haben die Zeit.“

Eines Tages müssen die US-Veteranen wieder nach Hause. Die meisten von ihnen haben Verpflichtungen in der Heimat und sind auf „Urlaub“ im Krieg. Kurden, sowohl Muslime, Christen als auch Jesiden jedoch, können nicht weg. Das Schicksal ihrer Nation ist an das des IS gebunden. Ohne den Sieg im Abnutzungskrieg gegen den IS, wird es kein stabiles und einiges Kurdistan geben. Und keine sichere Heimat für die Christen und Jesiden des Orients.

Die Zeit arbeitet für die Fundamentalisten.

 

Bild: Van Dyke:
Quelle: Facebook Präsentation




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