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Armee macht Schule Teil I – Westpoint

Armee macht Schule Teil I – Westpoint

US Military Academy of West Point

Im US-Bundesstaat New York, an den Ufern des großartigen Hudson River liegt West Point. Die mit nur knapp 7000 Menschen bewohnte Ortschaft hat jedoch durch die amerikanische Geschichte hinweg eine unermessliche Bedeutung. Denn hier liegt die „United States Military Academy of West Point“. Sie ist nur eine von vielen Militärakademien in den USA. Aber sie ist die berühmteste und renommierteste von allen Militärakademien. Seit 1802 besteht die Akademie und ist damit die dienstälteste aller amerikanischen Militärschulen überhaupt. Kadetten die nach West Point kommen und die Jahre der harten militärischen Schulung bestehen, haben den Sprung in eine gänzlich andere Gesellschaftsklasse geschafft. Absolventen von West Point ist es nahezu unmöglich keine Karriere zu machen. Sie sind prädestinierte Führungseliten der amerikanischen Nation im Militärischen und nach ihrer Militärkarriere vermutlich auch im Zivilen. Viele amerikanische Präsidenten, Senatoren und Minister waren Kadetten in West Point: Dwight D. Eisenhower, George S. Patton, Norman Schwartzkopf, David Patreus und etliche weitere. West Point findet sich im internationalen und inneramerikanischen Vergleich immer wieder an Spitzenpositionen wieder und kann mit Recht von sich behaupten, seinen Absolventen eine leuchtende Zukunft zu bieten.

Militärische Tradition

Wer in dieser malerischen Landschaft am Hudson River seine Zeit als Kadett verbringt, bekommt ein Gefühl für das Alter der Militärakademie. Die lange Traditionslinie jener Kadetten die vor einem selbst in West Point unterrichtet wurden, wird hochgehalten. Those who have come before. Die Verehrung der eigenen Ahnen, Vorväter und auch gefallenen Kameraden wird an etlichen Monumenten, Statuen und Gedenktafeln sichtbar. Die Geschichte ist in West Point etwas, das groß geschrieben wird. Man sieht sich noch in der Tradition der großen Gründerväter und Helden der amerikanischen Revolution, des Bürgerkrieges und der Weltkriege. Die weiße Cadets Chapel im neugotischen Stil setzt ein Statement. Hier ist man noch protestantisch christlich geprägt und fühlt sich fest gebunden und geborgen im Schoß eines guten puritanischen Glaubens. An den sauberen und gepflegten Gedenktafeln sieht man Namen von berühmten amerikanischen Helden, derer man kritiklos und inbrünstig gedenkt. Durch die gesamten letzten zwei Jahrhunderte hindurch hat kein Makel West Point behaftet und hier ist die Liebe der Amerikaner zu ihrem Militär auch noch ungebrochen. Man schätzt die Soldaten und Kadetten und Absolventen der Akademie werden ihr Leben lang noch von der Tatsache profitieren, dass sie in West Point ausgebildet wurden. Prestige, Ehre und Verdienst sind mit dem Namen verbunden.

Es ist beinahe eine Tragödie, dass gerade in Amerika die europäische Militärtradition so stark ausgelebt und hochgehalten wird. Man kennt hier Carl von Clausewitz, Napoleon, Wellington und Nelson besser als manch Offizier in Westeuropa. Man liest um Unterricht von Emmanuel Kants “Ewiger Frieden” oder diskutiert Tzun Tsu und Clausewitz als Meister der Militärstrategie. Deutschland und Frankreich sind in den Kursen immer wieder ein Thema.

In einem Gespräch mit West Point Kadetten vor einigen Jahren fragte man mich, warum denn kein Monument für Erwin Rommel in Berlin zu finden ist. Oder warum weder Soldaten noch Statuen oder Gedenktafeln für Soldaten zu finden seien. Die verdutzten Gesichter amerikanischer Kadetten über die Befindlichkeiten der Deutschen gegenüber ihrer Militärgeschichte wären ein Foto wert gewesen. Aber West Point liegt in Amerika und ein wenig deutsche Geschichte liegt dort auch.  Freiherr Friedrich Willhelm von Steuben ist dort eine angesehene Figur der amerikanischen Geschichte und symbolisiert den deutschen Beitrag zur amerikanischen Unabhängigkeit. In Deutschland kennt man ihn nicht. Man erklärt mir strahlend, was alles an Militärtradition von den Preußen überdauert hat. Von Deutschland weiß man in West Point mehr, als die meisten Deutschen heute. Aber das ist eben ein anderes Land. In Amerika ist der Umgang mit der Armee anders. Man legt Wert auf Geschichte und Tradition. Die Uniformen der Kadetten sind bewusst altmodisch gehalten und erinnern an die Zeit von vor 200 Jahren. In ihrem Millieu sind die Kadetten von West Point nach ihrem Maskottchen, dem „Black Knight“ bekannt. Ein schwarzer Ritter, eine Figur des europäischen Mittelalters, ist zum Symbol einer modernen amerikanischen Armee geworden.

Die Chancen sind groß

Class_of_1980 Westpoint - Wikicommons
Class_of_1980 Westpoint – Wikicommons

Diese Black Knights tauchen sehr tief in die geschichtliche Materie Europas und Nordamerikas ein und bekommen eine Schulung nicht nur in Natur- und Sozialwissenschaften, sondern auch in Moral. Der Kodex der militärischen Ehre und die Tugendhaftigkeit des (christlichen) Soldaten wird ihnen eingeprägt. Damit heben sie sich in vielerlei Hinsicht ab von der Masse der Army-Soldaten vergangener Zeiten, die in den Ruf geraten waren, stumpfe Brutalos zu sein. Kultivierte Männer und Frauen werden in West Point zur kommenden Elite der Nation erzogen. Sie stellen eine militärische Ergänzung zu jenen zivilen Eliten dar, die in den anderen renommierten Hochschulen der USA gebildet werden. Sie können aus über 40 akademischen Richtungen wählen. Neben der hochdekorierten Hochschulbildung erhalten die Kadetten eine umfassende militärische Grundausbildung sowie ihre Schulung zum Offizier. Aber es ist nicht nur das generelle Bildungsangebot, dass West Point so anziehend macht. Es ist in vielerlei Hinsicht eine eigene Welt mit einem gigantischen Campus der in seiner Gänze 62 km² umfasst. Das Sportangebot deckt nahezu jeden Wunsch ab und in der wenigen Freizeit die die Kadetten haben, können sie die bezaubernde Landschaft am Hudson River genießen. 350 Millionen US-Dollar lässt sich die USA West Point jährlich kosten. Für Präsident , der selber auch nie gedient hat, ist dies inakzeptabel und er hat in Aussicht gestellt mindestens 90 Millionen einsparen zu wollen. Ein solch drastischer Finanzschnitt würde wohl das Lehrangebot drastisch beschneiden und man hat bereits protestiert, da vor allem Ethikunterricht und Naturwissenschaften unter den Kürzungen zu leiden hätten. Auch könnten wohl weniger Kadetten jährlich angenommen werden. Aber die Prioritäten im Weißen Haus scheinen woanders zu liegen. Bedauerlicherweise herrscht in Obamas Führungszirkel nicht die Weisheit vor, dass eine Armee nur so gut ist wie die Soldaten die in ihr dienen. Für viele Familien und junge Männer und Frauen ist West Point auch immer eine Möglichkeit des sozialen Aufstiegs gewesen. Die Verkörperung des American Dream, wo man mit harter Arbeit und Fleiß es zu Etwas bringen kann. Die Absolventen von West Point und von anderen Militärakademien unterscheiden sich durch die Natur ihrer Bildung und die Art und Weise ihrer Durchführung grundlegend von ihren zivilen Gegenstücken. In West Point sind die Kadetten nie allein und lernen von der Pike auf die hohe Bedeutung von Zusammenhalt und Gruppenarbeit. Das Teamwork und die eiserne Disziplin, die mit dem engen Stundenplan und militärischen Training forciert werden, sind Teil ihrer jahrelangen Ausbildung. Für Kadetten in West Point gibt es kein klischeehaftes Uni-Leben mit ausschweifenden Mega Parties und Alkoholabstürzen. Dass bedeutet nicht, dass sie keinen Spaß haben und nicht auch mal feiern. Aber man das Campus Leben in West Point eben nicht mit den Auswüchsen auf amerikanischen und europäischen Colleges und Universitäten vergleichen. Die West Point Studenten wachsen mit dem Wissen auf, dass ihnen nichts aber auch gar nichts geschenkt wird und sie sich alles mit Schweiß und manchmal auch mit Blut erarbeiten müssen.

Beispielfunktion

Hunderte von ausländischen Kadetten haben West Point bereits im Rahmen unterschiedlicher Austauschprogramme besucht. Man modelliert moderne Militärakademien nach dem Modell und schaut in die West Point Klassen um sich zu orientieren. West Point hat eine wohl fast so weiße Weste wie seine Kadetten. Denn ideologische Indoktrination, wie in den Militärschulen des Kommunismus, findet hier nicht nur oder nur sehr maßvoll statt. Ehemalige Absolventen sind selten zombiehafte Gefolgsleute gewesen, sondern wurden zu eigenständig denkenden Staatsbürgern erzogen. Aus ihnen gingen auch Kritiker amerikanischer Verfehlungen sowohl im Inneren als auch im Äußeren hervor. Interessant ist auch, dass das von John Locke angestoßene und vertretene Recht zum Widerstand auch in den Lesungen über Politische Theorie Erwähnung findet. Man betont, dass der Soldat die Pflicht hat sein Leben für sein Land, sein Volk und für den Staat einzusetzen. Aber man betont auch, dass es sich bei letzterem um einen guten und gerechten Staat handeln muss. Ein gerechter Staat ist das Fundament des guten Staatsdienstes.

Reformation der Politik und des Militärs begann oftmals in den Köpfen junger Kadetten von West Point. Wenn man den Kadetten in Interviews und persönlichen Gesprächen zuhört, wie mir es vergönnt war, dann hört man zwar die Argumentationsmuster der amerikanischen Regierung heraus, wenn sie vom Krieg gegen den Terror oder anderen innenpolitischen Problemen reden. Aber sie sind sich vieler Verfehlungen bewusst und gehen mit dem Wunsch von der Akademie ab, sowohl zu dienen als auch vieles zu verändern. Sie haben ihre eigenen Sichten auf die Taten der Vergangenheit und ihre eigenen Vorstellungen von der Zukunft. Obama sollte nicht missachten, dass eine gesunde Nation und eine gute Armee auf Veränderung und flexible Köpfe angewiesen sein wird.

Sicher ist, dass die Black Knights von West Point aus den Fehlern der Vergangenheit lernen wollen. „Where is America going?“, fragte ich einst einen ehemaligen Kadetten. „Towards an uncertain future“, antwortete er mir mit bedrückter Miene.

Literaturempfehlung :

The Unforgiving Minute  (Craig M. Mullaney)

Ein ehemaliger Offizier von West Point resümiert über die vielen Fehler des Krieges in Afghanistan und gibt einen Rückblick auf seine Zeit in West Point. Ein sehr neutraler, ja unbeschönigter Bericht über die realen Zustände Daheim und an der Front. Mit positiven und negativen Seiten.

Bild 1: Kadetten
Quelle: Flickr_-_The_U.S._Army_-_Cadet_salute – Us army