Home Geschichte Armenien – Eine Tragödie ohne Ende

Armenien – Eine Tragödie ohne Ende

Armenien – Eine Tragödie ohne Ende

Wenn Christen die Leiden Jesu nachempfinden sollen, dann haben die Armenier ihr Soll vermutlich bis zum Tag des jüngsten Gerichts erfüllt

Schon Anfang des dritten Jahrhunderts wurde das Christentum zur Religion der Armenier und macht Armenien damit zum ältesten christlichen Land der Welt. Noch vor Ägypten, dessen koptische Christen heute ein erbärmliches Dasein fristen. Im eigenen Land zur sterbenden Minderheit zu werden, ist den Armeniern erspart geblieben. Und dennoch kann man nur voll Sorge und mit Traurigkeit auf den Berg Ararat schauen, der heute von langen Grenzposten der türkischen Gendarmerie vom armenischen Staat getrennt ist. Auf diesem heiligen Berg soll Noahs Arche nach der Sintflut gestrandet sein. Noch vor Hundert Jahren siedelten die Armenier ringsherum um das kleine und leidgeprüfte Gebiet unterhalb des Berges, der für dieses biblische Volk von unschätzbarer Bedeutung ist. Tatsächlich ist der Berg das Nationalsymbol Armeniens und dabei liegt er heute unerreichbar für sie. Dieser Verlust ist nur eine von vielen Folgen der unzähligen Fremdherrschaften, die Armenien im Laufe der Jahrtausende erdulden musste.



Schon in der Antike zogen fremde Armeen auf ihren Eroberungszügen von West nach Ost oder Ost nach West. 546 v. Chr. waren es persische Armeen, dann die Truppen Alexanders und später sogar noch Römer. Jahrhunderte später eroberten die Sassaniden und Byzantiner die Armenier. Aber selbst der Kaiser von Konstantinopel musste Armenien an den Sturm der siegreichen muslimischen Araber abtreten. Es gibt wirklich nichts zu beschönigen an Armenien, dass in diesen Zeiten um die Erhaltung ihrer eigenen Identität kämpfen musste und ähnlich wie die Kurden als Spielball größerer Mächte beinahe hilflos war. Und dabei waren die Armenier keinesfalls schlechte Kämpfer. Schon römische Legionen machten häufigen Gebrauch von den armenischen Christen und als um 1400 der brutalste aller mongolischen Feldherren, Timur Leng bzw. Tamerlan in Armenien einfiel, widersetzten sich die Armenier mit allen Mitteln. Schließlich ahnte man dort, was man von den Mongolen zu erwarten hatte. Tamerlan hatte bereits im Mittleren Osten riesige Schädelpyramiden mit Zehntausenden abgeschlagenen Köpfen errichten lassen. Sogar eine Moschee aus blutigen Schädeln hatte er auftürmen lassen. In seinem Eroberungszug richtete er am Ende auch Armenien beinahe zu Grunde. Fast alle Kirchen wurden niedergebrannt und alle Städte dem Erdboden gleichgemacht. Händler und ansässige Chronisten, die den Massakern entgehen konnten, sprechen nur noch von den roten Flüssen, die vor Blut überlaufen. Wer nicht am Hunger starb oder erschlagen wurde, ging als Sklave mit 60.000 anderen in die Sklaverei. Vor allem auf armenische Frauen hatte man es als Kriegsbeute abgesehen. Die Tatsache, dass die armenische Kultur und die Ethnie diesen Angriff überstanden hat, grenzt eigentlich an ein Wunder. Für viele turkstämmigen Völker und muslimischen Länder ist Timur Leng heute ein großer Volksheld, der ihre Dominanz über ganz Zentralasien bis nach Indien ausweitete. Aber für seine Opfer, darunter auch die Armenier, ist er zum historischen Alptraum geworden.

Wenn Christen die Leiden Jesu nachempfinden sollen, dann haben die Armenier ihr Soll vermutlich bis zum Tag des jüngsten Gerichts erfüllt.

Unter der Herrschaft der Osmanen blühten die Armenier sogar wieder auf und erholten sich von den Schrecken der Vergangenheit. Aber die Periode der Ruhe wurde letztendlich durch die Jungtürken und andere neue Nationalisten gebrochen, die auch dem langsam wachsenden Unabhängigkeitsdrang durch wachsende Diskriminierung ein Ende machen wollte. Der 1915 kumulierende Völkermord an den Armeniern forderte weit über eine Millionen Opfer. Die systematische Vernichtungspolitik sollte die armenische Diaspora begründen, die wir heute auf der Welt haben. Bis heute streitet die Türkei diese Tat mehr oder minder ab. Glücklicherweise gab es den deutschen Arzt Armin T. Wegner, der den Völkermord in typisch deutscher Genauigkeit dokumentierte und der türkischen Geschichtsglättung damit auch heute noch einen Strich durch die Rechnung macht. Es ist wohl Ironie der Geschichte, dass auch der Genozid an den Juden durch die Deutschen ein paar Jahrzehnte später Aufgrund dieser deutschen Genauigkeit besonders mörderisch wurde und gleichzeitig durch die penible Buchführung der Deutschen nachzuweisen ist. Aber genau wie 1915 scheut sich heute die Deutsche Regierung den Völkermord in seiner Gänze anzuerkennen. 1915 geschah dies aus dem politischen Kalkül heraus. Zu wichtig war dem Kaiserreich die Allianz mit den Osmanen gegen die Briten. Wichtig genug um die Augen und Ohren zu verschließen. Heute finden wir ein ähnliches Kalkül in der Beziehung zwischen Berlin und Ankara. Über 85 Millionen Türken sind in der Politik Berlins von größerem Gewicht als das kleine armenische Volk.

Vielleicht kann es fast als Glücksfall bezeichnen, dass Armenien danach in den Herrschaftsbereich der Sowjetunion kam und einen ungeahnten Wandel erlebte. Die damals fokussierte Industrie brachte einen gewissen Wohlstand und Entspannung für die Armenier, die im Anbetracht der wechselvollen Geschichte beinahe trügerisch erscheint.



Armenien im politischen Nirgendwo

Und tatsächlich bleibt Armenien, trotz erlangen der ersehnten Unabhängigkeit im Jahr 1991 ein unfertiges Land, dessen Lage im Kaukasus kein Segen ist. Zumindest nicht politisch. Zum einen ist Armenien heute ein Binnenstaat ohne jede Anbindung zum Meer. Zum anderen liegt das heutige Armenien auf einer Fläche, die nur einen Bruchteil des ehemaligen Siedlungsgebietes der Armenier darstellt. Dieses verteilt sich mittlerweile auf die Staatsgebiete von Türkei, Irak, Iran, Aserbaidschan und Georgien. Damit befindet sich ein im Grunde lächerlich kleines Land mit geringer Bevölkerung inmitten der Regionalmächte Türkei, Iran und der wieder erstarkenden Großmacht Russland, mit der man von allen drei jedoch noch am besten in Armenien auskommt. Das durch Armenien hindurch auch noch Öl- und Gas Pipelines gehen, ist eher als zusätzliches Risiko zu bewerten. Sehr leicht könnte es damit erneut zum Ziel von Aggression seiner unmittelbaren Nachbarn werden. Ein potenzieller und reeller Gegner bleibt Aserbaidschan, dass sich kulturell und ethnisch mit der Türkei verbunden fühlt und außenpolitisch ein willfähriges Instrument Ankaras ist.

Das ganze Dilemma wird erst wirklich deutlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Türkei ein Nato-Staat und Verbündeter der USA ist, welche ebenfalls eine Expansion durch den ganzen zentralasiatischen Raum anstrebt und überall Militärbasen entlang des Kaukasus platziert. Hier scheint es irgendwie unlogisch, dass Armenien auch die guten Beziehungen und die Annäherung an die NATO sucht, welche von Russland zunehmend als Bedrohung wahrgenommen wird. Für die armenisch-russischen Beziehungen erweist sich dieser Spagat zwischen den beiden Mächten als sehr gefährlich. Die armenische Regierung sollte sich in Erinnerung rufen, dass bei aller militärischen Macht, Amerika auf der anderen Seite des Globus liegt. Russland hingegen lässt sich mit einem Katzensprung erreichen.

Der armenische Staat ist ein sehr fragiles Gebilde und sein Überleben erscheint eher ungewiss, wenn man sich die Geschichte und die derzeitige geopolitische Lage ansieht. Allerdings gibt es durch die bloße Existenz dieses Staates auch wieder Grund zur Hoffnung. Das dies keine Selbstverständlichkeit ist, wurde in der Historie hinreichend bewiesen. Was nun die Zukunft des Landes angeht, so kann man in Armenien vielleicht darauf hoffen, dass die kurdische Unabhängigkeit im Nordirak letztendlich größere Wellen schlagen wird. Vielleicht ließe sich die Umklammerung der Türkei durch ein solches geopolitisches Erdbeben, welches durch ein unabhängiges Kurdistan zustande kommen würde, endlich lösen. Denn für das Überleben der armenischen Identität ist der Berg Ararat von zentraler Bedeutung. Für die Türkei hingegen ist der Besitz des Berges lediglich Ausdruck ihrer nationalen Stärke und Machtansprüche über die gesamte Region. Falls es für Armenien in zukünftigen Krisen darum gehen sollte ihre Identität und Nation zu bewahren, sollte sie sich nicht auf die Großmächte der Welt verlassen müssen. Am Ende des Tages bleibt anzuzweifeln, ob amerikanische oder russische Soldaten für die armenische Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sterben würden. Vielleicht liegen die zukünftigen Verbündeten Armeniens im alten Europa. Obwohl Deutschland immer noch bei der Anerkennung des Völkermordes zögert, sollte der Bundesregierung langsam doch dämmern, dass die Türkei Angesichts ihrer Rolle als heimlicher Helfer des islamischen Staates, als sicherheitspolitischer Partner bestenfalls unnütz und schlimmstenfalls schädlich ist. Wenigstens hinsichtlich der kulturellen Nähe von Armenien und Europa, als christliche Völker, sollte den Machern der momentanen Leitlinien der Außenpolitik zu denken geben. Denn mit dem Berg Ararat und der großen indoeuropäischen Sprache Armeniens sollten wir uns im europäischen Abendland näher verbunden fühlen als mit Neu-osmanischen Herrschaftsgelüsten aus Ankara.

 

Bild: Berg Ararat – Bild Alexander Mkhitaryan – Flickr