Die NATO in Europa, ein Schmusekater mit Altersschwäche

 

Kürzlich titelte die Londoner Times mit der peinlichen Meldung, dass die Royal Navy derzeit kein einziges seetüchtiges Schiff mehr besitzt. Alle Zerstörer vom Typ 45 befinden sich entweder in der Wartung oder können aufgrund von Personalmangel derzeit nicht betrieben werden. Dies hat sowohl mit dem allgemeinen Mangel an Soldaten zu tun, als auch mit der Tatsache, dass vielen Matrosen Heimaturlaub gegeben wurde, da Weihnachten anstand. Eigentlich war Großbritannien mal der Beherrscher der Meere. Heute ist die Inselnation eine verkrüppelte und langsam dahinsiechende Kreatur, welche außenpolitisch am linken Bein der USA klebt.



Das ist nicht das erste Mal, dass die Briten und die NATO mit peinlichen Zustandsmeldungen bei ihren Streitkräften zu kämpfen haben. Zu fette und zu alte Soldaten, schlechte Logistik und zu viele Auslandseinsätze. Und sie sind damit in Europa nicht alleine. Besenstiele werden bei der Bundeswehr hin und wieder auf Übungen zweckentfremdet, um schwarz angestrichen Maschinengewehrläufe zu simulieren, da nicht genug Maschinengewehre verfügbar sind. Waffensysteme wie unsere U-Boote sind nicht fahrtüchtig und der Abbau der Panzerwaffe im Heer sorgt bei den Polen, die eigentlich immer ein starkes Deutschland fürchteten, für Besorgnis. Mittlerweile wünschen sich die Polen eine Aufrüstung der Bundeswehr, weil man das schwache Hinterland der NATO fürchtet. Belgien, Niederlande, Deutschland, Großbritannien, Dänemark: Viele NATO-Mitglieder hadern mit ihren Armeen, die seit Ende des Kalten Krieges massiv an Substanz abgebaut haben. Dies sorgt seit Jahren für Ärger mit den Amerikanern, welche sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Schließlich besteht seit etwa 2010 ein eher abgekühltes Verhältnis zu Russland, welches während des Konfliktes in der Ukraine sogar explosiv hätte werden können. Die USA vermuten wohl, dass sie bei einem Konflikt mit Russland in Europa den Europäern massiv zur Hilfe kommen müssten, um ein totales Desaster abzuwenden. Der Glaube an die Verteidigungsfähigkeit der baltischen Armeen gegen eine mögliche russische Invasion ist in der NATO quasi nicht vorhanden.

 

Weder Nato noch Europäische Union [können sich] eine schwache Bundeswehr leisten: „Das würde das Sicherheitsgefühl von Polen und allen Europäern schwächen“ Tomasz Siemoniak , 2014 in der Welt

Die NATO in Westeuropa fährt zwar gegenüber Russland rhetorisch die Krallen aus, könnte eine konventionelle militärische Antwort des Kreml wahrscheinlich jedoch nicht abwehren. Zumindest bräuchte man die massive Unterstützung der USA, falls dieser Konflikt nicht unmittelbar nuklear werden sollte. Dass die Lage in Europa zwischen Ost und West derzeit immer noch angespannt ist, wird von den Massenmedien hier im Lande gut maskiert, obwohl eigentlich viel Grund zur Besorgnis gegeben sein sollte. Denn die NATO, wenn sie denn zu unserer Verteidigung dienen sollte, könnte diesen Auftrag in ihrem derzeitigen Zustand wahrscheinlich nur unzureichend wahrnehmen. Zu dieser Einschätzung ist man in Übersee längst gekommen, was zusätzlich im Pentagon für Kopfschmerzen sorgt. Die europäischen Kernländer sind militärisch schwach und stehen demographisch nur noch auf tönernen Füßen. Keine guten Aussichten für die erfolgreiche Bewältigungen von militärischen Konflikten.

Deutschland gibt keine 2 % des eigenen Bruttoinlandproduktes für die Verteidigung aus, wie das von der NATO als Mindestausgabe gewünscht wird. Problematisch ist dies deshalb, weil die Gelder, die Deutschland ausgibt, dünn über viele Projekte verteilt werden müssen. Vor allem die Auslandsmissionen der Bundeswehr kosten und die Umwandlung der Streitkräfte in eine Art global operierendes Expeditionskorps hat sich nachteilig auf die Landesverteidigung ausgewirkt. Ein Trend, den übrigens alle NATO-Staaten durchleben.

Die europäischen Mitgliederstaaten der NATO sollten sich entscheiden. Entweder sie reparieren ihre Streitkräfte und richten sie mit einem angemessenen finanziellen und personellen Ansatz auf die konventionelle Landesverteidigung aus oder aber sie suchen diplomatische Lösungen mit dem großen Nachbarn Russland. Die derzeitige Spannung zwischen Moskau und Washington/Brüssel jedoch ist nicht sonderlich heilsam und klug. Entweder man vermeidet den Krieg oder aber man bereitet sich bestmöglich auf ihn vor.

 

Foto: http://www.177fw.ang.af.mil/News/Article-Display/Article/866273/training-with-nato-allies-promotes-standardization/


 

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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport, und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

4 thoughts on “Die NATO in Europa, ein Schmusekater mit Altersschwäche

  1. All die möglichen finanziellen Zuwendungen sind nutzlos, wenn das Personal, daß man bräuchte, einfach nicht da ist. Herbei zaubern oder wieder aus dem Boden kratzen, geht halt nicht. In einer Gallup-Umfrage anno 2015 erklärten nur 18 Prozent der befragten Deutschen, dass sie bereit wären, ihr Land zu verteidigen. Da bleibt dann noch die Frage, wie viele von den 18% auch dafür geeignet wären?
    Die jahrzehntelange pazifistische Erziehung hat jedenfalls Früchte getragen, genauso wie die Individualisierung und Atomisierung der Gesellschaft. Welcher Deutsche würde schon einem anderen zu Hilfe kommen, weil der auch ein Deutscher ist? Wenn man anruft, weil man Ärger mit Ausländer hat, geht es einem, wie an einem Samstag morgen, wenn man umziehen will… Aber der Preis für diese Entwicklungen wird gezahlt werden müssen. Das werden noch aufregende Zeiten für diese Methusalem Republik.

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